Einführung: Beginnend mit dem maritimen Flair einer Überseehafenstadt starten wir zu einer neuntägigen Radtour in die Hauptstadt Berlin. Die Hansestadt Rostock liegt an der Mündung der Warnow in die Ostsee und ist die größte Stadt Mecklenburg-Vorpommerns. Die Radreise führt durch die mecklenburgische Seenplatte, die durch die Vorgänge der letzten Eiszeit wie auch das Vordringen der Gletscher-Vertiefungen ausgehoben wurde. Diese füllten sich später mit Wasser. Die Naturlandschaft zeichnet sich durch die vielen, kleinen, oft sehr versteckt gelegenen und von Schilfgürteln umgebenen Seen aus. Die meisten Seen sind durch Kanäle oder natürliche Wasserwege miteinander verbunden. Den Abschluss erleben wir in der Hauptstadt Berlin. In Hennigsdorf verbringen wir zwei Nächte und erobern die Radwege in das Berliner Zentrum. Neben einer kleinen Radrundfahrt an vielen bedeutenden Stätten und Gebäuden vorbei, bringt die Reichstag-Gebäudeführung viele Informationen und Fakten zutage.

Bild ADFC: Neuer Markt Rostock

24. Juli 2015

Früh wach – was wird der Tag bringen?

Meine Oldenburger Mitreisende treffe ich am Bahnhof, gemeinsam „bummeln“ wir mit dem Zug nach Bremen. Unsere Wartezeit nutzen wir zum Kaffeetrinken und für den „Klönschnack“. Die Gruppe trifft sich um 07.45 Uhr am Dortmunder Hauptbahnhof, gegen 08.25 Uhr sind nicht alle Fahrgäste mit ihren Rädern verstaut. Vermisst wird die liebe Inge, die trotz rasanten Fahrstils uns erst wieder in Rostock einholte. 10.15 Uhr, der große Augenblick kommt, meine Dortmunder! Mit großem Hallo und hilfreichen Händen, werden unsere Räder samt Gepäck in den Zug gehoben. Von Bremen über Hamburg geht die Fahrt vorbei an einer ländlich reizvollen Landschaft, auffällig sind die vielen Kornfelder. Kurz nach 13 Uhr kommt die logistische Aufgabe, die vielen Drahtesel heile aus dem Zug zu wuchten, keine Gepäcktasche zu vergessen und alles aufzusatteln. Wenige Meter führen uns zum Neuen Markt mit dem Rathaus. Wir entscheiden eine verlängerte Mittagspause in der Stadt zu verbringen und dann Inge am Bahnhof abzuholen. Dafür entfällt die Rundfahrt zur Ostsee. Viele nutzen die Gelegenheit zu einem ersten Erkundungsgang in die belebte Rostocker Einkaufs- und Flaniermeile, zwischen einzelnen mittelalterlichen Gebäuden wie barocken Giebelhäusern. Mit zweistündiger Verspätung ist die Gruppe komplett. Es geht sofort zum Gästehaus in Rostock/Lütten-Klein. Hier erfrischen wir uns kurz in unseren Zimmer auf luftiger Höhe, wir sind im 10. Stock eines Plattenbaus gelandet mit einem herrlichen Überblick. Anschließend führt uns Reinhold auf vielen kleinen Wegen zur Ostseeküste, genauer Warnemünde. Wasser, Wind, Wellen und Nackedeis, ja, wir sind am Strand. Jürgen stürzt sich in die Fluten, einige andere Füße und stramme Waden werden umspült, Skeptiker bleiben weit von der Wasserkante entfernt. In der kleinen Lokalität „Twee Linden“ wartet der bestellte Abendtisch auf uns. Reinholds bekannte finanzielle „Schlemmervorgabe“ und Inges „Entschuldigungsumtrunk“ eröffnen einen gefräßigen und geselligen Abend. Nach ca. 25 km Tagesleistung, einem „Fahrrad-Abstell-Puzzle“ im Fahrradraum der Unterkunft geht es noch einmal los, um sich ein schlafförderndes Bierchen zu genehmigen, dem sich keine/keiner verschließen und entsagen mag.

Bild ADFC: Kreuzfahrschiff AIDAmar

25. Juli 2015

Wach werden und unangenehme Geräusche erreichen das verschlafene Ohr. Regentropfen prasseln an das Fenster, ob aus dem 10. Stock oder unten, das ist nicht das Wetter, welches ein Radfahrerherz erfreut. Ein wohlsortiertes, aber schwer erreichbares und unübersichtliches Frühstücksbuffet auf kleinstem Raum soll die vielen hungrigen Mäuler gleichzeitig stopfen. Gut, dass der Chanty-Chor so leise war. Der Wettergott hat ein Einsehen mit uns, die Regenfront ist durch und wir wandern zur S-Bahn-Station, die uns nach Warnemünde bringt. Hier gibt es die Möglichkeit ein weiteres Kreuzfahrtschiff zu bewundern, welches den Liegeplatz der beiden gestrigen Giganten füllte. Reinhold schickt uns mit der Fähre einmal hin und zurück über die Warnow. Zwecks geschickter Zeitüberbrückung, bis unser kleiner Ausflugsdampfer uns von Warnemünde/Hafen nach Rostock schippert. Die Warnow-Mündung hinter uns lassend, bekommen wir eine kleine Einführung über den Überseehafen, den Werften und zahlreichen Industrieansiedlungen an der Peripherie der dichtesten und bedeutendsten Wirtschaftsregion von Mecklenburg-Vorpommern. Der Ende der 1950er Jahren erbaute Überseehafen ist der größte an der deutschen Ostseeküste.

Bild ADFC: Rostock Marienkirche, astronomischen Uhr

Direkt am Anleger des Stadthafens erwartet uns schon Herr Salzmann, um uns Rostock durch eine kurzweilige Stadtführung näher zu bringen. Der Ursprung dieser Stadt ist zurückzuführen auf eine slawische Handelsniederlassung. Die 1419 ins Leben gerufen Universität (die älteste Nordeuropas) begründete Rostocks Entwicklung zum Forschungs- und Wissenschaftszentrum. Die Innenstadt von Rostock wurde im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt. Bei ansteigenden Temperaturen in den Gassen und Gängen genießen wir den mächtigen Backsteinbau der Marienkirche (ab 1290) mit dem drei Meter hohen Bronze-Taufkessel, der astronomischen Uhr mit Kalendarium und der gigantischen Barockorgel. Die Lange Straße zeigt den Wiederaufbau Rostocks - eine Mischung aus norddeutscher Backsteingotik und Repräsentationsarchitektur stalinistischer Prägung. Zwischen Giebelhäusern in Plattenbauweise blieb nur wenig historische Bausubstanz erhalten. In der Fußgängerzone zeigen sich die Giebelhäuser aus den verschiedenen Stilepochen. Der dreieckige Universitätsplatz mit dem „Brunnen der Lebensfreude“ soll unsere zweistündige kurzweilige und sehr informative Stadtführung beenden. Unter dem Einfluss einer stechenden Sonne und unglaublichen 29 Grad verteilt sich die Gruppe auf die Rostocker Innenstadt. In „vieler Munde“ war dann das DDR-Eis, gefunden in einer Nebengasse. 15.15 Uhr bringt uns der Dampfer wieder nach Warnemünde. Das ehemalige Fischerdorf kam schon 1323 zur Stadt Rostock. Das Seebad ist ein Naherholungsziel und besitzt neben einem breiten Sandstrand zahlreiche Unterkünfte. Vor allem am Alten Strom, dem einstigen Warnow-Zufluss, und in den benachbarten Straßenzügen zeigt Warnemünde noch den Charme des ehemaligen Fischerörtchens. Nach gemächlichen Spazieren versuchen wir es noch mal in den „Twee Linden“, eine Reservierung war nicht möglich gewesen. Das Glück ist uns hold, fast alle finden den Weg in die Gastronomie, Verlustgegangene finden sich später ein. Der böige Regen in Warnemünde war ein kurzes Gastspiel. Mit Hilfe der S-Bahn erreichen wir unser „nächtliches Domizil der tausend Betten“, der nächste Chanty-Chor blockiert den Aufzug. Einige von uns vermissen derart ihr Rad, dass sie noch eine Runde drehen, andere bevorzugen die Ruhe des Zimmers oder die Geselligkeit. Hier outet sich Reinhold als tibetischer Mönch in viele bunte Decken gehüllt.

Bild ADFC: Schloss Güstrow

26. Juli 2015

Sturm und Regen sind in der Nacht über das Land gezogen. Gegen 9 Uhr brechen wir auf, Haupt-Himmelsrichtung „böiger Seitenwind“, leicht von vorne. Rostock zieht sich noch weit in den Süden, aber dann verlassen wir den städtischen Bereich. Dabei geht es rauf und runter, mal Sand oder Kopfsteinpflaster. Störche und Gabelweihen bereichern das landschaftliche Bild, abgelöst von Kornfeldern, die sich im Wind wiegen. Bemerkenswert bei einer der „Sandkistenabschnitte“ ist Reinholds Aussage, „bei der Vortour sei der Weg noch geteert gewesen“. Einkehr zur Mittagspause in Lützow, ein selbstgemaltes Zettelchen besagt, dass wir uns jetzt noch schnell mit unseren Wünschen sputen müssen, da Punkt 14 Uhr die Betriebsferien anfangen werden. Für jeden von uns fand sich noch eine trink- und essbare Lösung in einer schließenden Küche. Kurz vor Güstrow an der Schleuse entsagt ein Teil der Gruppe Reinhold die Gefolgschaft, und fährt auf der Straße. Der andere Teil befährt einen herrlichen kleinen Weg am Wasser entlang. Für die Abtrünnigen auf der Straße werden wüste Sanktionen erdacht. Hans macht es insoweit wieder wett, in dem er jeden Einzelnen auf seinem Zweirad fotografierte. Gegen 15 Uhr hüpfen und hoppeln wir vor den gotischen Dom St. Maria in Güstrow. Eine Besichtigungsrunde schließt sich an, Ernst Barlachs Bronzefigur von 1928/29 „Der Schwebende“ hat nicht jeden aus der Gruppe erreicht. Das Original wurde eingeschmolzen und ein Neuguss von 1952 bereichert nun die Nordhalle des Doms. Der Dom wartet zudem mit vielen Apostelfiguren und einem monumentalen Marmorgrab auf. Durchgerüttelt und geschüttelt erreichen wir nach 64 Kilometern unser Hotel am Schlosspark. Geduscht und Umgezogen bummeln wir zum nahegelegenen Schloss und besichtigen den Innenhof. Das Abendessen wird in einem griechischen Lokal eingenommen. In trauter Runde wird eruiert, dass der Klaus „den Kopf nicht in den Sand stecken muss“ (Stürze) und Harro keinen Grund zu selbstverletzendem Verhalten hat. Die kleinen Grüppchen finden nach dem reichlichen Abendessen und Erkundungsgängen im Ort wieder in die Hotellobby zurück.

Bild Adfc

27. Juli 2015

Reinholds versprochenes „tolle Frühstück“ findet unsere Zustimmung. Dem Satteln der Räder, Navigationsgeräte einstellen und der Fahrradpflege begleitet das Motorengeräusch des Rasenmähers. Der gute Mann lässt sich leicht überreden von uns ein Gruppenfoto zu machen. Heute geht es häufig auf und ab, manchmal sind wir auf die zwei E-Bikes neidisch, die an uns so unaufgeregt vorbeiziehen. Sandpisten und Kopfsteinpflaster bremsen uns gelegentlich aus. Waltraud wird die Aufgabe der Mückenbändigung mit Anti-Brumm zugeteilt. Jürgen findet doch noch eine Badegelegenheit und wir lassen es uns in Krakow am See in einem herrlichen Cafe mit großer Freiterrasse gutgehen. Der Luftkurort liegt an einem idyllischen Plätzchen. In der Umgebung von Krakow gibt es zahlreiche sogenannte Hünen- und Hügelgräber und ringförmige Steinsetzungen. Kilometer später erobern wir bei einer weiteren Pause eine alte „Poststation“, die uns mit Getränken in großen Gläsern versorgt. Auf der nächsten kleinen Pause bemerkt Inge, dass ihr kleiner Beutel gar nicht auf dem Rücken mitfährt. Schnell legt sie einige zusätzliche Kilometer zurück, nur um dann in die Regenbekleidung zu schlüpfen. Das Nass von oben ist nicht von langer Dauer. Einige Kilometer vor Waren an der Müritz befindet sich das Haus der „Europäischen Akademie“, unsere nächste Beherbergungsstätte. Ein kräftiger Schauer ging über das Haus hinweg. Das Abendessen nehmen wir in einem italienischen Restaurant mit gutbürgerlicher deutscher Küche ein. In Anbetracht der langen Wartezeit und dem Knurren unserer Mägen hatte Anke die Eingebung, einige ADFC-Flyer zu verteilen. Diskutiert, bewertet, nachgefragt und ausgefragt, gelobt und sanfte Kritik verkürzen erfolgreich das lange Schmachten auf Essbares. Einige erkundeten noch diesen Bereich der Müritz-See, andere zeigten nachtaktive Tendenzen im großen Essraum der Akademie und kamen etwas später ins Bett. Die 75 Kilometer sind ja auch die Welt, oder?

Bild Adfc: Müritz National Park

28. Juli 2015

Nach der üblichen Abfahrtszeit steht der Pedalwechsel bei Anke an. In der Fahrradstation in Waren ging alles flott über die Bühne und Anke konnte deutlich geräuscharmer in die Gruppe zurückkehren. Nach dem täglichen Einkauf fahren wir zur Müritz runter an den Hafen. Die Müritz ist Deutschlands zweitgrößter See, der Name leitet sich aus dem Slawischen ab und bedeutet so viel wie „kleines Meer“. Die Müritz ist im Durchschnitt 6,50 m tief und durch den Müritz-Havel-Kanal ist der oberen Havel und zahlreichen Seen dieses Gebietes verbunden. Hans möchte hier ausdrücklich darauf verwiesen haben, dass bei „pfeifendem Wind und unterkühlten Temperaturen“ ein längeres Verweilen am Hafenbecken unmöglich mache und dies im Bericht kundzutun sei. So sind wir nach einem kurzen Halt aufgebrochen. Die 83 Kilometer gestalten sich landschaftlich abwechslungsreich (Kiefernwäldchen, Heiden, Wiesen, Landwirtschaft). Die Dörfer zeigen sich ganz unterschiedlich, Neues entsteht neben alten verfallenden Anlagen und Gebäuden. Gänse sind häufiger in den kleinen Gärten als „Haustiere“ zu beobachten. In und am Müritz-Nationalpark entlang, zumeist auf guten Wegen, erkunden wir ein schönes Fleckchen Erde von Mecklenburg-Vorpommern. Urwälder, schilfgesäumte Seen, Sümpfe und Weise prägen das Landschaftbild des großen Nationalparks. Das Gebiet bietet zahlreichen seltenen Tier- und Pflanzenarten (z.B. Kranichen, See- und Fischadlern) Lebensraum. In Ankershagen beim Heinrich-Schliemann-Museum ist Mittagspause. Hier verbrachte der berühmte Altertumsforscher Heinrich Schliemann seine Kinderjahre. Im ehemaligen Pfarrhaus ist ein Schliemann-Museum eingerichtet, davor steht ein begehbarer Nachbau des Trojanischen Pferdes. In kleinen Etappen werden wir mit Kuchen, Suppen, Kaffee, Bier und Boulette versorgt. Die Betreiberin mit der kleinen Küche ist restlos überfordert und verlängert unfreiwillig die Mittagspause. Dafür können wir das Museum und die gegenüberliegende Kirche besichtigen. Die gotische Dorfkirche präsentiert sich mit mittelalterlichen Fresken. Auffällig sind seit Tagen die kleinen Hinweisschilder mit „offener Kirche“, eine tolle Aktion, die einen mal nicht vor einem verschlossenen Gotteshaus stehen lässt. Seit vielen Kilometern sind wir dem Geschwindigkeitsrausch auf guten Wegen verfallen. So musste es kommen, dass wir die Havel-Quelle verpassen und Reinhold sehr enttäuscht ist. Damit wir wenigstens die weiteren Highlights dieser Tour sehen, werden wir vorsorglich an sein Hinterrad beordert. Bei Kilometer 52/53 ergibt sich eine weitere „Kuchenpause“, nicht, dass wir aus der Übung kommen. Zudem belagern wir auch gerne Bushaltehäuschen. Die dort sitzenden Passanten/Touristen werden gegrüßt und dann beflissentlich übersehen. Ziel ist heute der Ort Mirow mit etwa 4000 Einwohnern, ein beliebter Ferienort im Neustrelitzer Seengebiet. Auf unserer Fahrt sehen wir viele Seen, namentlich erfassen und überblicken können wir sie nicht. Während am Ortseingang der Einkauf getätigt wird, musste wieder ein Fahrradladen kurz vor dem Feierabend herhalten. Diesmal ist die Verfasserin selbst betroffen, deren Kette ohne logische nachvollziehbaren Gründen zwischen den Kettenblättern wechselt. Dem Schaltwerk und der Kette wird beste Verfassung attestiert, das leicht verschobene Kettenschloss ignoriert und eine neue Kette verkauft. War da schon jemand im Feierabend-Modus? In Mirower Strandhotel treffen wir unseren Jürgen wieder. Seine Badeübungen waren im Naturschutzgebiet nicht umzusetzen, aber bezeichnet seine Tour abseits der Gruppe als Super. Dies gibt uns zu denken ;) . Abschließend lässt sich festhalten, dass die 83 Kilometer sehr sehr schön waren, mit den kleineren kurzen Regenschauern konnten wir uns arrangieren. Das Abendessen wird auf der hoteleigenen Veranda eingenommen, zum Glück verhindert die seitlich abdeckende Plane ein größeres feuchtes Dilemma. Danach verabschiedet sich der Tag mit einem wolkendurchzogenen Sonnenuntergang.

Bild Adfc:

29. Juli 2015

Aufwachen in einem schönen Zimmer mit Blick auf den See. Der Gang auf den Balkon endet an der Insektenschutztür, frau muss schon kapieren, dass Türen auch geschoben werden können. Das Frühstück haben wir unter der Aufsicht eines Fensterputzers eingenommen, ein famoses Frühstück, ich sag nur: „Allergiker geeignet!“. So konnten wir unsere gut gefüllten Bäuche durch einen sonnigen Vormittag fahren, geprägt durch viele unnötige Pausen meinerseits. Die Probleme meines Rades verstärken sich. Mit „Strapsen“ von Harro soll mein Schaltwerk hinten dazu gebracht werden, vorne die Kette dramatisch von den Kettenblättern zu befördern, bevorzugt an Steigungen. Nächstes Dilemma ist die Blockade des Schaltwerks und der Kette – nichts geht mehr. Mit einer neuen Niete in der Kette soll es beschwerdefrei weitergehen, aber nein – die Kette reißt! Die x-te Pause für die Gruppe, nun zeigt sich der lohnende Kauf einer neuen Kette am gestrigen Tag. Erwähnenswert sei hier, dass die ungelesene „Zeit“ von Klaus-Peter für das Abmessen der Kettenlänge herhalten musste. Schnell um ein Glied gekürzt, wird die Kette angepasst. Aber wie funktioniert das fixe ver-flixte Schloss? Bewundernswert ist die Ruhe und Zusammenarbeit der „Gebrüder Medeke“ und die Unterstützung von Harro, während ich nur Tüchlein für verschmierte Hände verteilen kann. Nach der gelungenen Operation schnurrt das Rad wieder leise und zuverlässig, nun hat die Besitzerin ihren alten Drahtesel wieder lieb und kann die Landschaft, die Dörfer und den Weg genießen. Die Havel windet sich durch das Landschaftsbild, viele Reiseradler „fahren mit uns“, aber häufig wird auch aus der Gegenrichtung gegrüßt – schließlich sind wir auf dem Radweg „Berlin - Kopenhagen“. 

Bild Adfc: Fürstenberg, KZ Ravensbrück

In Fürstenberg, zu Beginn eines sehr kräftigen Regenschauers, üben wir den Einkehrschwung zur Mittagszeit. Fürstenberg liegt auf drei Inseln zwischen Röblin-, Baalen- und Schwedtsee an der Havel. Zu sehen sind klassizistische Bauten. Im Fürstenberger Ortsteil Ravensbrück befand sich 1939-45 ein Konzentrationslager, an dessen Opfer seit 1959 ein Gedenkmuseum erinnert. Auf dem weiteren Weg kommen wir direkt am Gelände des KZ Ravensbrück vorbei. Schnell beschließen wir einen Stopp zur Besichtigung dieser Anlage. Die Weiterfahrt wird von einem kleinen Gewitter, welches vorbeizieht und uns auf den nächsten Kilometern begleitet. Ein beklemmendes Gefühl fährt mit, die Töne innerhalb der Gruppe sind deutlich leiser – dies wird nicht nur an dem Wetter gelegen haben. Gegen 18.15 Uhr kommen wir in Burgwall – einem Ortsteil von Zehdenik – bei unserer rustikalen Unterkunft, an der Havel gelegen, an. Hans und Dieter haben das große Los gezogen und nächtigen in der „Datscha“. Für die 79 Kilometer benötigen wir nur 4 ¾ Stunden Fahrzeit, die Durchschnittsgeschwindigkeit muss über 16 km/h liegen.

Bild Adfc: Oranienburg, Schloss Oranienburg

30. Juli 2015

Heute geht es auf unsere letzte Etappe nach Hennigsdorf. Die eiszeitlich geprägte wellige Landschaft geht hinter Zehdenik über in flaches Gebiet, die Havel wird deutlich breiter und begradigt, der angekündigte Regen ergießt sich in anderen Regionen. Neben den immer wieder mal gesichteten Storchen hat es heute auch einige Kraniche auf den Weiden. Heute „sausen“ die Kilometer nur so auf unseren Radcomputern herunter, trotz regelmäßig verordneter Pausen von Reinhold. In Oranienburg stehen uns 1 ½ Stunden Pause zur Verfügung. Einige fahren zur Gedenkstätte des KZ Sachsenhausen (hier sollte doch mehr Zeit mitgebracht werden), andere pausierten genüsslich in einem Cafe, an derem buchhalterischen Fähigkeiten gezweifelt werden sollte. Gegen 17 Uhr treffen wir in Hennigsdorf ein, nach dem „Dorfkneipen-Charme“ der letzten Übernachtung setzen wir uns mit dem „Ibis-Business-Charming“ auseinander. Stark gewöhnungsbedürftig ist für den einen/die andere die Nasszelle im Raum. Findige Radler der Gruppe buchen gleich ein zweites Zimmer zur alleinigen Benutzung, so lässt sich das zu kleine Doppelbett nutzen und erspart das wagemutige Erklimmen der obigen Matratze. Die heutigen 75 Kilometer sind mehr als flott, der Wert von über 17 km/h geistert durch den Raum. Zum Abendessen müssen wir noch einige Meter mit dem Rad zurücklegen. Auch diese Lokalität überzeugt durch eine schmackhafte Küche. Nach der gemeinsamen Rückfahrt parken wir die Räder in einem extra angemieteten behindertengerechten Raum. Es klappt, drei Räder stehen alleine in der Nasszelle. Es erfolgt noch schnell eine Einkaufsaktion – Ibis und BVB sei Dank – und die Mitglieder dieser Tour sind schnell auf ihren Zimmern verschwunden. Sehr ungewöhnlich!

Bild Adfc: Berlin, Reichstagskuppel

31. Juli 2015

Zum Frühstück (erstaunlich abwechslungsreich) werden die verschiedentlichen nächten Strategien zu einem gesunden Schlaf erörtert. Der Start ist zu bekannter Zeit mit kleinem Gepäck, Ziel Berlin-Zentrum. Über viele kleine Wege, große Straßen querend, Brücken, und dem bekannten und unbeliebten Kopfsteinpflaster passierend erreichen wir nach 30 Kilometern das „Herz von Berlin“. Nicht nur, dass Klaus vor Ort die Stadtbesichtigung leitet, nein dankenswerterweise übernimmt er auch die Bewachung unserer Räder, während wir die Reichstag besuchen. Auf dem Rad ging es nach einer kleinen obligatorischen Pause am Kanzleramt vorbei zum Brandenburger Tor. Schiebend erreichen wir unter orchestraler Begleitung die Straße „Unter den Linden“, um die riesigen Baustellen und –areale zu bestaunen. Am Alex vorbei bestaunen wir das kleine Nicolaiviertel, besichtigen auf dem Rückweg den Berliner Dom und finden auf den Bierzeltbänken einer Berliner Imbissbude am Tiergarten einen Sitzplatz. Endlich mal eine Currywurst vertilgen! Mit diesem „gesunden“ Mittagessen im Bauch verlassen wir Klaus mit den Rädern, spazieren zum Besuchereingang des Reichstagsgebäudes und warten, dass wir abgeholt werden. Einige halten hier in der gemütlichen Sofalounge ihr Mittagsschläfchen, andere versuchen sogar als „Tarnung“ souverän das Infoheftchen in der Luft/der Hand zu halten. Eine kurzweilige Führung in dem Gebäude, mit politisch-aktuellen Einflechtungen, geschichtsträchtigem Amüsement und architektonischen Besonderheiten des Planers – findet sich alles zu einem „runden Ganzen“. Der abschließende Gang in die Kuppel mit akustischer Begleitung beendet einen beeindruckenden Nachmittag.

Bild Adfc

Klaus aus seiner „Zwangspause“ erlösend geht es weiter kreuz und quer durch Westberlin. Hier kurze Einkehr im Cafe „Einstein“ und unter dem Einfluss der abfliegenden Eisenvögel am Himmel radeln wir stadtauswärts auf dem Berliner Mauerweg nach Hennigsdorf. Im Hafengebiet mit vielen Segelbooten dürfen wir uns über die abendlich freigegebene Summe zum Verzehr freuen. Harro bedankt sich stellvertretend für die Teilnehmer dieser Gruppe für die organisatorische Vorarbeit und den Einsatz bei Reinhold und Klaus-Peter, welches ein breites Grinsen in deren Gesichter zauberte. Nach einem gelungenen und schmackhaften Abendessen geht es mit variablem Lichtschein der Räder auf die letzten Kilometer des heutigen Tages (62 Kilometer). Die Nachteulen finden sich draußen vor der Tür mit Proviant ein und vernichten genüsslich Tüten von Studentenfutter, Bier- und Weinflaschen.

Bild Adfc: Berlin, am Berliner Mauerweg

01. August 2015

Heute ist unser letzter Tag der Radstrecke Rostock – Berlin, wobei das Ziel nur noch der Bahnhof von Spandau ist. Auch heute befahren wir den Berliner Mauerweg und nehmen uns Zeit, die vielen „Haltepunkte“ zur Geschichte der Berliner Mauer zu erlesen. Durch Dörfer, über Wiesen und durch Wälder nähern wir uns dem Spandauer Kopfsteinpflaster. Nach 34 Kilometern ist unsere Radreise zu ende. Eine ausgiebige Pause in einem ehemaligen alten Wäschehaus und heutiger Bierbrauerei lässt uns auf die letzten ereignisreichen Tage zurückblicken. Klaus-Peter verteilt die Teilnehmer auf zwei Fahrradabteile (4 und 8) und gibt die Fahrradkarten aus. Schiebend bewegen wir unsere Räder zum Bahnhof, das Gebrüll einer NPD-Kundgebung als Begleitung, durch spalierstehende Polizisten, die die Gegendemonstration von der Wirkungsstätte abhält. Hans macht noch schnell ein Foto davon, ab da wird sein Handy als Verlust in unsere Touraufzeichnung eingehen. Schade auch um die vielen Bilder. Ein wenig verwirrend und hektisch ging es auf dem Bahnsteig zu, als plötzlich über das Infoband der Gleisanzeige die Nachricht lief, dass der Wagen 4 nicht dabei ist. Gute Seelen haben im Wagen 3 Fahrradsymbole auf die Türen und Fenster der Sechserabteile gemalt, sodass alle ein gutes Plätzchen fanden. Wehmut macht sich breit, dagegen hilft Hektik beim Aussteigen und Ausladen in Hannover, schnell noch die wachen Mitradler gedrückt, die anderen lassen wir weiter schlummern. Um 17.48 Uhr sollten die Dortmunder mit dem Zug ihre Heimatstadt erreicht haben. Wir Oldenburger werden mit Sonnenschein und warmen Temperaturen kurz nach 19 Uhr in Oldenburg empfangen. Unser Weg trennt sich am Ende eines Padds. Die eine muss nach links zur Hausnummer 181 abbiegen, die andere wendet sich nach rechts zur 131.

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