Aktuelles

Weder fußgänger- noch fahrradfreundlich

25.05.16
Kategorie: Bochum, Aktuelles

Schutzstreifen ohne Schutz.



Gehweg als Parkplatz.



Autos auf der Gehbahn geparkt.


Die Schutzstreifen an der Bergstraße sollen erneuert werden.

Vor mehr als drei Jahren, im Februar 2013, hatte der ADFC Bochum beantragt, die sogenannten Schutzstreifen an der Bergstraße zwischen Kunstmuseum und Gudrunstraße verkehrssicher zu gestalten. Es gab sogar einen Ortstermin des Ausschusses für Anregungen und Beschwerden.

Für die Verwaltung hat Herr Matten das Anliegen damals wortreich abgelehnt, der Beschwerdeausschuss ist dem gefolgt.

Jetzt hat die Verwaltung eine neue Vorlage eingebracht. Darin steht:

"Die heutige, größtenteils abgefahrene und schlecht erkennbare Radwegmarkierung auf der Bergstraße ist im Jahr 2001 aufgebracht worden und entspricht nicht dem aktuellen Regelwerk für Radverkehrsanlagen (Empfehlungen für Radverkehrsanlagen ERA, Ausgabe 2010)."

Zum Verständnis: Herr Matten lehnt es bis heute kategorisch ab, die ERA 2010 als Bewertungsmaßstab für das Handeln der Verwaltung gelten zu lassen. Er ist ja fahrradfreundlich.

Jetzt soll also neu markiert werden:

"Stadteinwärts soll ein 1,50 m und stadtauswärts ein 1,25 m breiter Schutzstreifen für Radfahrer markiert werden. Zusätzlich soll stadtauswärts ein 30 cm breiter Sicherheitsstreifen, der zwischen dem vorhandenen Bordstein und dem Parkstreifen markiert wird, die Radfahrer vor den parkenden Fahrzeugen schützen. Neben dem Parkstreifen verbleibt auf der Seite des Stadtparks ein ca. 1,50 m breiter Gehweg. Die verbleibende Fahrbahnbreite zwischen den beiden Schutzstreifen beträgt 4,85 m. Bei dieser verbleibenden Fahrbahnbreite muss die Mittelmarkierung demarkiert werden."

2016 folgt die Verwaltung also - mit wesentlichen Einschränkungen - dem ADFC-Antrag von 2013.

Die Fahrbahn der Bergstraße ist - wie die Verwaltung vorrechnet - mindestens 7,50 m breit.  Das ist ausreichend für die Anlage von zwei je 1,50 m breiten Radfahrstreifen auf der Fahrbahn. Damit würden die Anforderungen der ERA 2010 erfüllt. Nicht ausreichend ist die Straßenbreite (Fahrbahn und Gehwege) für das Gehwegparken.

Soll und Ist:
Das Regelmaß für Schutzstreifen ist 1,50 m, das Mindestmaß 1,25. Der Sicherheitstrennstreifen zu parkenden Autos soll 0,25 - 0,50 m breit sein. Dieser Sicherheitstrennstreifen gehört nicht zum Fahrradbereich, sondern zum raumbedarf der parkenden Autos. Eine Kombination von Mindestmaßen ist nicht verträglich. Schutzstreifen und Sicherheitstrennstreifen müssen zusammen also mindestens 1,75 m breit sein. Diese Mindestvorgabe der ERA wird hier also nicht eingehalten.

Gehwege müssen mindestens 2,10 m breit sein, um Begegnungen von Fußgängern auch mit Rollstühlen oder Rollatoren zu ermöglichen. Vorgesehen sind weniger als 1,50 m. Die Verwaltung räumt dem Parken auf den Gehwegen auf Kosten der Fußgänger die höchste Priorität ein. Neben dem 2,00 m breiten Parkstreifen verbleibt auf beiden Seiten kein ausreichender Gehweg.

Schon jetzt ist der verbleibende Gehweg auf der Stadtparkseite maximal 1,50 m breit - von der Autotüre aus gemessen. Wenn die parkenden Autos nochmals 30 cm weiter auf den Gehweg verschoben werden, bleibt kein nennenswerter Gehweg mehr übrig. Nicht zu vergessen ist, dass Kinder bis zu acht Jahren mit dem Fahrrad auf dem Gehweg fahren müssen.

Die Parkstreifen sind mit 2,0 m Breite deutlich breiter als die geplanten Gehwege und deutlich breiter als die Schutzstreifen. Zusätzlich beanspruchen parkende Autos links und rechts noch je 50 cm Sicherheitsabstand. Ein parkendes Auto ist also 3 Meter breit. Das Gehwegparken auf der Bergstraße wurde erst 2001 mit der Einrichtung der Schutzstreifen eingeführt.
Die Schutzstreifen sind also genau genommen eine Maßnahme zur Schaffung von Parkraum im Seitenbereich auf Kosten der Fußgänger und Radfahrer. Darin besteht die wahre Fußgänger- und Fahrradfreundlichkeit der Stadt Bochum.

Der ADFC Bochum hatte 2013 gefordert, das Gehwegparken aufzuheben und die Gehwege wieder den Fußgängern zur Verfügung zu stellen. Auch jetzt noch ist deutlich erkennbar, dass die Gehwege an der Bergstraße ursprünglich für Fußgänger geplant und gebaut wurden. Vor 1960 wusste man auch in Bochum noch, wie Gehwege beschaffen sein müssen. Jetzt parken die Autos auf der Gehbahn, die von allen Hindernissen frei gehalten werden muss.

Immerhin soll jetzt die Mittellinie auf der Fahrbahn entfernt werden. Auch das hatte Herr Matten 2013 abgelehnt - wie die ganze ERA.

Die Erneuerung der Markierung soll im Herbst 2016 erfolgen. Die erforderlichen Finanzmittel sollen dem Budget „Unterhaltung von Radwegen“ entnommen werden. Aber: Schutzstreifen sind keine Radwege und die ganze Maßnahme dient der Erhaltung des Gehwegparkens, das es dort erst seit den Schutzstreifen gibt. Warum sollen Radfahrer für den Autoverkehr zahlen?
Für die Sanierung von Radwegen stehen 2016 gerade einmal 180.000 € zur Verfügung, das sind 50 Cent pro Einwohner und Jahr. Diese mageren Mittel sollen dann bitte auch für die Instandsetzung von Radwegen verwendet werden. Bedarf gibt es mehr als genug.

Wenn denn unbedingt auf der Bergstraße geparkt werden muss, gibt es eine bessere Lösung: Verkehrsberuhigung.
Tempo 30 ist für die Bergstraße das angemessene Tempo. Dann kann auf der Fahrbahn wechselseitig Parken auf der Fahrbahn zugelassen werden. Schutzstreifen oder Radfahrstreifen werden überflüssig, die Gehwege stehen wieder den Fußgängern zur Verfügung und Autofahrer sind effektiv nur unwesentlich langsamer unterwegs.

Das wäre dann wirklich fußgänger- und fahrradfreundlich. Aber:  "Bochum und fahrradfreundlich – das passt so gut zusammen wie Peking und Luftkurort." (WAZ) 

Der ADFC Bochum hat eine Eingabe an die zuständige Bezirksvertretung und den Ausschuss für Infrastruktur und Mobilität gerichtet, mit dem Ziel, das Gehwegparken aufzuheben. In einer Stadt, die AGFS-Mitglied wird, sollte das selbstverständlich sein.

Zum Nachlesen:
https://session.bochum.de/bi/vo0050.php?__kvonr=7063213

ADFC-Antrag von 2013:
https://session.bochum.de/bi/to0050.php?__ktonr=127526&search=1

Artikel zum Antrag von 2013:
http://www.adfc-nrw.de/kreisverbaende/kv-bochum/aktuelles/aktuelles/article/schutzstreifen-schuetzen-autos.html

Oberstreifen, Unterstreifen, Gehbahn - wie Gehwege aussehen müssen:
http://adfc-blog.de/2015/01/berliner-gehwege/

http://www.geh-recht.info/fussverkehrsanlagen/42-fussverkehrsanlagen/fussverkehrsanlagen/139-fa-gehwege-gehwegbreiten-grundstueckszufahrten-mischungsprinzip.html

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