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Mängelkarte "Wittener Straße" Teil 1

21.04.12
Kategorie: Verkehr

Mit der Umgestaltung der Wittener Straße zwischen Loh- und Ostring wurde eine Lücke im Radwegenetz geschlossen. Dies ist zwar zu begrüßen, leider aber stören erhebliche Planungs- und Baumängel, die in einer zweiteiligen Serie aufgezeigt werden sollen.

Teil 1 beschäftigt sich mit der Radstrecke von Altenbochum in Richtung Innenstadt.

Wittener Str Teil1

Aus Altenbochum kann man auf zwei Wegen die neuen Teile der Wittener Straße erreichen. Dem Radverkehrsnetz NRW folgend kommt man über die Altenbochumer Straße an. Einziger Mangel in diesem ersten Abschnitt ist das fehlende Schild, das zum Linksabbiegen in den Lohring auffordert (1). Die meisten Radfahrer werden aber wohl direkt über die Wittener Straße kommen. Leider gibt es aber bis zur Nordstraße (2) keinerlei Maßnahmen für den Fahrradverkehr - ein erhebliches Defizit! Auch sichere Alternativstrecken gibt es für viele Radfahrer aus Altenbochum mit Ziel Innenstadt keine.

Ab der Nordstraße beginnt zuerst ein Radstreifen (3), dann ein Bordsteinradweg (4). Wittener Str Teil1

(4) Knallhart den Radweg zugeparkt - das Herz gilt wohl nicht dem Radverkehr ...

Diese wurden bereits 1998 angelegt und sind von schauriger Qualität. Der ADFC hat schon damals mit wenig Erfolg gegen diese Radwegführung protestiert (siehe frei atmen! 1/99).

Radstreifen und Radweg sind nicht nur viel zu schmal, der gepflasterte Radweg ist noch dazu wellig und holprig. Zudem gibt es auf dem Radweg in dichter Folge Hindernisse, die den wenig verbliebenen Raum weiter ein- schränken: Ampelmasten, Schilder, Treppen, Mülltonnenboxen, Müllsäcke. Wittener Str Teil1

(5) Mehr Hindernisse als Weg erkennbar!

Neu hinzugekommen ist eine Wartefläche für Fußgänger (5), die zum U-Bahn-Aufzug auf der Mittelinsel wollen. Und zu allem Überfluss werden sowohl Radstreifen als auch -weg regelmäßig zugeparkt, z.B. vom Anlieferverkehr der anliegenden Geschäfte, von Pflegediensten etc...

Nach den ADFC-Protesten hat der Fahrradverkehr an der Ampel (6) zumindest einen Vorstart vor dem Autoverkehr bekommen. Auch die Überführung vom Radweg auf den neuen Radstreifen (7) klappt jetzt, ohne dass man sich in den laufenden Autoverkehr einordnen muss - nach 12 Jahren.

Ein weiteres schon 1998 kritisierter Punkt wurde immer noch nicht bereinigt. Nach wie vor ist ein Linksabbiegen in den Lohring für Radfahrer nicht vorgesehen (8).

Von hier (9) bis zur Akademiestraße (10) beginnt ein Radstreifen, der für Bochumer Verhältnisse großzügig wirkt. Links neben den Parkstreifen kommt zuerst ein Sicherheitsstreifen von 50 cm, dann schließt sich der Radstreifen an. Misst man aber nach, ist dieser mit Markierung lediglich 1,40 m breit. Die ERA2010 (Forschungsgesellschaft für Straßenund Verkehrswesen: Empfehlungen für Radverkehrsanlagen, Ausgabe 2010), die seit letztem Jahr für die Planung von Radverkehrsanlagen an Bundesstraßen anzuhalten ist, schreibt aber eine Mindestbreite für Radstreifen von 1,50 m vor. Ob das Unterschreiten der MINDEST-Dimensionen bewusst so geplant war oder ein Baufehler darstellt, entzieht sich unseren Kenntnissen.

Wittener Str Teil1

(9) Wirkt erst mal großzügig, ist aber trotzdem zu schmal!

Richtig gefährlich wird es aber nach der Akademiestraße (11). Wittener Str Teil1

(11) Vorsicht! Beim dritten parkenden Auto geht gleich die Tür auf! Sehen Sie was?

Da der Straßenraum hier enger wird, wurde statt dem Radstreifen ein Angebotsstreifen (gestrichelte Linie) markiert. Dieser ist nicht nur weniger breit (1,20 m), es fehlt auch der dringend notwendige 50 cm Schutzstreifen zu den parkenden Autos. Erschwerend kommt hinzu, dass hier die Straße einen leichten Bogen nach rechts macht. Weder der Autofahrer, der aus einem parkenden Auto aussteigen will, kann im Rückspiegel den Radfahrer sehen, noch kann ein Radfahrer sehen, wenn hier jemand eine Autotür aufreißt. Da es sich um eine Gefällestrecke handelt, sind die Radfahrer zudem relativ schnell.

Als Radfahrer darf man den Angebotsstreifen nach links verlassen und viele Radfahrer, denen die Kollisionsgefahr mit der gefürchteten offenen Autotür bewusst ist, fahren hier entweder ganz weit links auf dem Streifen oder nehmen den Angebotsstreifen als Schutzstreifen und fahren auf der Fahrbahn. Und hier kann es dann wieder zu Konflikten mit dem rollenden Autoverkehr kommen, insbesondere weil wegen der schon genannten Rechtskurve der Straßenverlauf nicht ganz einsehbar ist.

Wittener Str Teil1

(12) Während im März fast jeden Tag hier jemand falsch parkte, blieb das im April weitgehend aus! Gab es vielleicht doch mal ein paar Strafzettel?

Kurz vor der Einfahrt auf das BP/Aral-Gelände geht der Angebotsstreifen in einen Radstreifen über (12). Der Planer war wohl der Meinung, hier ginge auch ein Radstreifen (auch wenn ein Radstreifen von 1,20 cm laut ERA überhaupt nicht zulässig ist...), da man hier ohnehin nicht parken kann, weil der Seitenstreifen zu Bäumen und Straßenbegleitgrün zu schmal ist für ein Auto. Findige Autofahrer stellen sich einfach ein wenig schief und versperren so 2/3 des Radstreifens. Dass sie hierbei Radfahrer an der am schwersten einsehbaren Stelle zwingen, auf die Auto-Fahrbahn auszuweichen, ist ihnen ziemlich egal...

Zusammengefasst kann als festgestellt werden, dass ausgerechne an der konfliktträchtigsten Stelle der Schutz durch die Radverkehrsanlage ausbleibt, genau hier hätte man den Radstreifen inkl. Schutzstreifen dringend gebraucht. Besser wäre es gewesen, den Platz für einen richtig dimensionierten Radstreifen auf der stadtauswärts führenden Fahrspur abzuzwacken. Hier ist eine Linkskurve mit bester Einsehbarkeit für Rad- und Autofahrer, zudem ist der Radverkehr wegen leichter Steigung langsam unterwegs. Am sinnvollsten (und auch jetzt noch sofort ausführbar) wäre aber, hier das Parken auf dem Seitenstreifen komplett zu verbieten, dann wären alle Probleme auf einen Schlag gelöst. Aber was zu Lasten der "heiligen Kuh" Autoverkehr zu unternehmen (und seien es nur 4 bis 5 aufgelöste Parkplätze), traut man sich in Bochum wohl nicht.

Nach der Ampel an der Kreuzung mit der Ferdinandstraße gibt es wieder zwei Möglichkeiten. Ängstliche können auf den Gehweg ausweichen (Beschilderung Fußgängerweg, Radfahrer frei), der Normalfall ist aber, dass der Radfahrer auf der Fahrbahn weiterfährt.

Wittener Str Teil1

(13) Der Normalfall ist, dass Radfahrer hier geradeaus auf die Straße fahren, die Markierung zeigt das Gegenteil!

Die Markierung auf der Straße (13), die im Bogen auf den Gehweg weist, scheint aber etwas anderes zu signalisieren. Autofahrer gehen fälschlicherweise davon aus, dass alle Radfahrer hier die Straße verlassen. Auch mancher Radfahrer fühlt sich wohl durch diese Markierung gezwungen, die Straße zu verlassen. Diese Markierung führt alle in die Verwirrung und muss dringend weg! Gehen wir zunächst vom Normalfall aus und bleiben auf der Fahrbahn. Bis etwa zur Bundesbahnbrücke (14) geht das relativ problemlos, dann aber müssen die meisten von der rechten Fahrspur (Richtung Ostring - hier soll ja nach ausdrücklichem Willen der Stadtverwaltung kein Radverkehr stattfinden) auf die linke Fahrspur wechseln (geradeaus in Richtung Boulevard und Innenstadt).

Das kann dann ordentlich gefährlich werden. Viele Autos sind unterwegs, von denen die meisten ebenfalls die Fahrspur wechseln, aber in die andere Richtung. Als Radfahrer ist man immer noch wegen Gefälle relativ flott unterwegs und muss sich mittels Schulterblicks nach hinten die Lücke im Autostrom suchen. Kein Wunder, wenn einem hier die Angst befällt.

Das hätte man durchaus besser lösen können mit nur einer Autospur und einer durchgehenden Radspur bis zum Ring. Erst kurz vor dem Abbiegen hätte man den rechts abbiegenden Autoverkehr mit dem Radstreifen kreuzen lassen können. An diesem definierten Schnittpunkt wäre der Radfahrer in direkter Blickrichtung des Autofahrers gewesen und eine Gefährdung nicht mehr vorhanden. Das ist keine Utopie, an der Universitätsstraße in Bochum gibt es vergleichbare Verkehrsführungen gleich mehrfach.

Wittener Str Teil1

(15) Liebevoll gestaltete Radverkehrsanlage á la Bochum...

Aber die Planer scheinen den Radler wohl eher auf den Gehweg zwingen zu wollen (15). Diese Alternative ist aber keineswegs besser. Auch dieser Gehweg ist holprig und durch diverse Masten, Bäume, eine Litfass-Säule und Poller in seiner Breite an vielen Stellen stark eingeschränkt.

Richtig schlimm wird es dann vor der Berufsschule (16). Mangels eines Pausenhofes ist dieser Abschnitt zumindest in den Vormittagsstunden von zahlreichen Schülern überfüllt. Und ein Haufen spätpubertierender Berufsschüler mag an alles Mögliche denken, aber bestimmt nicht daran, kreuzendem Fahrradverkehr Platz zu machen.

Und vor der Berufsschule endet dann jegliche Radverkehrsweisung. Die meisten werden wohl wieder geradeaus wollen und müssen die Rechtsabbiegerspur kreuzen (17). Wittener Str Teil1

(17) Ob ein Autofahrer damit rechnet, dass hier gleich ein Radfahrer rüberfahren will?

Auch hier herrscht hohes Konfliktpotential. Ein Autofahrer auf der Rechtsabbiegerspur achtet vor allem auf den Autoverkehr auf dem Ring, weil er hier Vorfahrt achten muss. Vielleicht fallen ihm noch Fußgänger auf, die seine Fahrspur langsam kreuzen. Aber rechnet er mit Radfahrern, die relativ schnell um die Ecke kommen?

Im nächsten Teil geht es dann um die Radverkehrsführung stadtauswärts, die leider auch nicht viel besser ist.
(GB)


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 Wittener Straße: zeigt frei atmen! - Artikel Wirkung? - 23.09.2012

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