Aktuelles

Der Radschnellweg Ruhr als Rad-Schiebe-Weg

12.09.13
Kategorie: Bochum, Verkehrsplanung

Die drei Varianten des RS1 in Bochum


Diskussion des geplanten Trassenverlaufs zwischen Bochum und Dortmund anhand des RVR-Zwischenberichts vom September 2013.

Der Radschnellweg Ruhr (RS1) soll als „Premiumprodukt“ Maßstäbe setzen für alle noch folgenden Radschnellwege in Deutschland. (S.4) Deshalb ist auf dem RS1 die „weitestmögliche Einhaltung der Qualitätsstandards des Landes NRW“ (S.5) unabdingbar. „Um ein signifikantes Verlagerungspotenzial vom Pkw auf das Rad zu schaffen, muss die Radverkehrsinfrastruktur eine durchgängig hohe und komfortable Qualität aufweisen“ (S.5). „Daher ist es von besonderer Bedeutung, bei der Planung höchste Qualitätsanforderungen anzulegen.“ (S.7) „Der RS1 muss als Premiumprodukt einen durchgängig hohen Qualitätsstandard aufweisen“ (S.20).

Die Strecke muss „möglichst nah an die Innenstädte“ heranführen und eng mit der Hochschullandschaft im Ruhrgebiet verknüpft werden. Daher muss in Bochum ein „adäquater Anschluss“ an die RUB bzw. den Hochschulcampus bei der Planung mitgedacht werden. (S.5)

Von Essen bis Bochum soll der RS1 auf einem ungenutzten Gleis der Rheinischen Bahn verlaufen (Carolinenglückbahn).

[„Die erste mit Dampflokomotiven betriebene Eisenbahn war die „Carolinenglückbahn“, die von der gleichnamigen Zeche ab 1859 über Günnigfeld und Ueckendorf nach Gelsenkirchen führte. Diese Eisenbahn diente jedoch nur den an dieser Strecke liegenden Zechen als Transportweg zur schon seit 1847 bestehenden Köln-Mindener Eisenbahn im Emschertal.“ Der Wattenscheider Heft 2, 1999, Pdf,

„Ab 1858 baute Carolinenglück zusammen mit den Zechen Hannover, Holland und Rheinelbe eine Anschlußbahn (Carolinenglücker Bahn) nach Gelsenkirchen zur Köln-Mindener-Eisenbahn.“
http://www.route-industriekultur.de/index.php?id=11742 ]

Dieses Gleis zweigt an der Halterner Straße in Bochum-Leithe von der Kray-Wanner-Bahn ab und verläuft südlich der Halde Rheinelbe (Himmelstreppe) - praktisch auf der Stadtgrenze Gelsenkirchen-Bochum - Richtung Günnigfeld. An der Brücke der Centrumstraße über die Hansastraße ist das Gleis direkt einsehbar und verläuft nördlich der Darpestraße weiter zur A40.

Die Eisenbahnbrücke über die A40 wurde abgerissen. Hier ist ein Neubau erforderlich.

Das Gleis unterquert ca. 100 m hinter die A40 die Erzbahntrasse und verläuft weiter in östlicher Richtung unterhalb der nördlichen Flanke des Westparks zwischen Gewerbepark Präsident (Seilfahrt) und dem Gelände des Bochumer Vereins Richtung Dorstener Straße.

Qualitätsstandards

„Grundsätzlich ist bei Radschnellwegen u.a. aus Verkehrssicherheitsgründen eine Trennung zwischen Fuß- und Radverkehr vorgesehen. Die Linienführung sollte möglichst planfrei sein. Wenn das nicht möglich ist, ist der Radverkehr an Kreuzungen bzw. Querungen weitestgehend zu bevorrechtigen, beispielsweise durch grüne Wellen. Außerdem müssen Radschnellwege ausreichend breit sein, um den Begegnungsfall von je zwei nebeneinander fahrenden Rädern pro Richtung und sichere Überholvorgänge zu gewährleisten. Auch breitere Räder, wie z.B. Lastenfahrräder, müssen auf dem Radschnellweg ausreichend Platz finden. Als Mindestbreite bei Zweirichtungsradwegen sind daher 4 Meter, bei Einrichtungswegen 3 Meter einzuhalten. Daneben gibt es weitere Führungsformen wie beispielsweise Radfahrstreifen oder Fahrradstraßen. Beleuchtung (innerorts), Winterdienst und eine steigungsarme Streckenführung sind weitere Kriterien.“ (S. 20)

Für die Führung des RS1 durch Bochum werden zur Zeit zwei Varianten diskutiert (S.14ff):

Variante 1: Nördliche Führung

Die nördliche Variante nutzt so weit wie möglich das Bahngleis der Carolinenglückbahn (gebaut 1859). Vom Schnittpunkts mit der Erzbahntrasse nach Osten weiter unterhalb der nördlichen Flanke des Westparks zwischen Gewerbepark Präsident (Seilfahrt) und dem Gelände des Bochumer Vereins Richtung Dorstener Straße. Der RVR bezeichnet diese Variante als „technisch aufwändig und kostenintensiv“ (S. 9).

„An der Sophienstraße [ist] eine Querung der Gleise der Güterbahn nach Herne notwendig.“ Tatsächlich müssen zwei Gleise gequert werden. Neben der Güterzugstrecke auch das Gleis der Glückaufbahn (RB 46) nach Gelsenkirchen. Bislang befinden sich dort eine enge Unterführung und ein beschrankter Bahnübergang mit Schrankenöffnung nur auf Zuruf. Von der Sophienstraße an soll das nördliche Gleis der Bahntrasse genutzt werden.

„Das Gleis auf der Nordseite des Bahndamms, der nördlich um die Bochumer Innenstadt herumführt, wird zwar bis zur Kortumstraße nicht mehr genutzt, allerdings wird hier aktuell eine Schallschutzwand errichtet. Über die gesamte Länge, speziell an der Bergstraße (Augusta-Krankenhaus), ist eine Führung, wenn technisch überhaupt machbar, nur mit hohem baulichem und finanziellem Aufwand möglich. Die Führung entlang des Bahndamms ist zudem städtebaulich problematisch, da die Bahnbrücken, die derzeit als stadtbildprägende Innenstadt-Portale fungieren, von den neu zu errichtenden Brücken des RS1 verdeckt werden würden.“ (S.14)

Durch die Führung des RS1 in Hochlage auf dem Bahndamm wären auf der gesamten Passage entlang der Bochumer Innenstadt zwischen Sophienstraße und Blumenstraße keinerlei Verknüpfungspunkte mit dem übrigen Wegenetz (Straßen und Radwege) möglich!

„In der Blumenstraße müsste der RS1 als Fahrradstraße geführt werden, was den Verlust mehrerer Kfz-Stellplätze zur Folge hätte. Auf der Harpener Straße würde er dann nordseitig als Zweirichtungsradweg bis zur neuen Buselohbrücke geführt werden." (S.14)

An der Einmündung Blumenstraße gibt es einen unbeschrankten Bahnübergang. Die Passage zwischen der Einmündung Blumenstraße und der Brücke Lohring ist seit Jahren als ungelöste Problemstelle des Radverkehrs bekannt. Um die Nordseite der Harpener Straße zu erreichen, müsste der RS1 genau in diesem Bereich die Harpener Straße queren.

An der – noch in Planung befindlichen – neuen Bahnbrücke der Buselohstraße wäre eine erneute Querung der Harpener Straße erforderlich.

Der weitere Verlauf auf der südlichen Seite der Bahnstrecke wäre identisch mit der zweiten Variante.

Fazit:

Es erscheint unmöglich, die Vorgaben bezüglich der Qualitätsstandards und der Verknüpfung mit dem Wegenetz der Stadt Bochum mit dieser technisch hochproblematischen Führung zu erreichen – trotz außerordentlich hoher Kosten.

Variante 2: Zentrale Führung

Die Alternative klingt zunächst einfacher:

„Als Alternative verläuft die Trasse östlich der A40 auf der Erzbahntrasse, von dort auf dem östlich verlaufenden Radweg durch den Westpark und über die Alleestraße bis zum Innenstadtring. Innerhalb des Rings würde der Radverkehr entsprechend dem bestehenden Radwegenetz NRW über den Boulevard geführt.“ (S.14)

Klar ist, dass dabei alle gesetzten Qualitätsstandards ad absurdum geführt würden.
Die Erzbahntrasse ist ein stark genutzter, gemeinsamer Geh- und Radweg des Freizeitverkehrs:

·         Es gibt keine Trennung zwischen Fuß- und Radverkehr

·         Die Erzbahntrasse hat keine ausreichende Breite (Erzbahnschwinge!)

·         Es gibt weder Beleuchtung noch Winterdienst.

·         Zwischen Carolinenglückbahn und Alleestraße ist eine steigungsarme Streckenführung nicht möglich.

Die Alleestraße hat momentan nur in Teilbereichen rudimentäre Radverkehrswege. Die Kreuzung mit dem Westring ist radfahrtechnisch ein Trümmerhaufen. Auf dem Innenring hält die Stadt Bochum bis heute an ihrem erklärten Dogma fest: „Kein Radverkehr auf dem Ring!“ Der Höhepunkt: Innerhalb des Rings würde der RS1 über den Boulevard geführt! Der Boulevard als Radschnellweg?! Wird dann für die Fußgänger auf der Kortumstraße eine Unterführung gebaut? Werden die Busse statt über den Boulevard dann über den Südring geführt? Hindern Polizisten die Fußgänger am Betreten des Radschnellweges?

Der RVR sagt dazu:

„Da die komplexen innenstadttypischen Nutzungen und Verkehrsbeziehungen (Fußverkehr, ÖPNV) eine Führung als zügige Radschnellwegverbindung nicht zulassen, sind sorgfältige Detailuntersuchungen und -planungen zur städtebaulichen und funktionalen Integration einer derartigen ‚Boulevardlösung‘ mit geschwindigkeitsreduzierter Führung („Ortsdurchfahrt“) erforderlich.“ (S.14f)

Während der beliebten und umsatzträchtigen Veranstaltungen auf dem Boulevard (Weihnachtsmarkt, Stoffmarkt, Blumenmarkt, Maiabendfest, Autotage, Bücherbörse, Bochum kulinarisch, Musiksommer, Kuhhirtenfest) verkäme der Radschnellweg dann zum Radschiebeweg. Nicht zu vergessen die Wochenmärkte und Flohmärkte auf dem Willy-Brandt-Platz samt dem allgegenwärtigen chaotischen Parksuchverkehr rund um die Kreuzung Viktoriastraße /Boulevard / Hans-Böckler-Straße.

Mit anderen Worten: Den Rad-Schnell-Weg Ruhr könnte man bei dieser Verkehrsführung in Bochum vergessen. Werden in Dortmund etwa Westenhellweg und Ostenhellweg als Radschnellwege verplant?

Der RS1 würde den Boulevard dann über die Bleichstraße (Elisabeth-Krankenhaus!) verlassen und müsste über den Westring (!) zum Bahnhof Nord geführt werden. Dazu ist die Querung des Innenrings erforderlich!

Ab Bahnhof Nord könnte man zwischen den genutzten Gleisen den Endpunkt des Springorum-Gleises erreichen (Brücke ist vorhanden) und die Springorum-Trasse direkt anschließen. Aber auch die Springorum-Trasse ist ein Geh- und Radweg!

Der RS1 würde dann südlich parallel zur aktuellen Bahnstrecke Richtung Brelohstraße geführt. Die Kleingärtner "Auf den Alpen" werden begeistert sein. Eine steigungsarme Streckenführung zwischen Buselohstraße und Brelohstraße scheint kaum möglich.

Fazit:

Es erscheint unmöglich, die essentiellen Vorgaben bezüglich der Qualitätsstandards bei einer Führung des RS1 mitten durch die Einkaufszone der Innenstadt einzuhalten. Der RVR hält selbst fest, dass diese Bedingungen „eine Führung als zügige Radschnellwegverbindung nicht zulassen“. Damit scheidet diese Variante aus.

Variante 3: Südliche Führung

Ich habe der Planersozietät Dortmund, die die Machbarkeitsstudie zum RS1 erstellt, eine dritte Variante vorgeschlagen, die offiziell nicht diskutiert wird:

Ab der A40 verschwenkt der RS1 nach Süden und führt an der Ostflanke des Westparks (Gahlensche Straße) entlang.

Die Alleestraße wird in dem gerade im Ausbau befindlichen Tunnel unterquert. Anschließend über die Baarestraße (als Fahrradstraße ) zur Bessemer Straße. Die Bessemerstraße hat mehr als genug Platz für beidseitige, je 3 m breite Radfahrstreifen. Auf der Bessemer Straße nach Süden unter der S-Bahn-Linie hindurch. Links über Ehrenfeldstraße, Clemensstraße, Herrmannshöhe (alle als Fahrradstraßen). Zur Querung der Universitätsstraße wäre ggf. eine Brücke erforderlich. Über die Ferdinandstraße auf den ehemaligen Straßenbahngleisen zur Wittener Straße (Brücke erforderlich). Durch den Kortumpark Richtung Lohring. Der Lohring könnte in Hochlage gequert oder in Tieflage in Höhe der Bahngleise unterquert werden.

Hinter dem Lohring würde diese Variante wie gehabt auf die Springorum-Trasse stoßen und weiter zur Brelohstraße führen.

Fazit:

Der Charme dieser Variante sind die zahlreichen Verknüpfungen mit dem Straßennetz, die elegante Umfahrung der Innenstadt, die gute Erreichbarkeit der RUB und des Hochschulcampus und die Nutzung vorhandener Unterführungen. Verglichen mit den beiden anderen Varianten erscheint die Einhaltung der wesentlichen Qualitätsstandards mit überschaubarem Aufwand machbar.

In dem beigefügten Bild sind die drei Varianten in die Openfietsmap eingetragen.

Bochum-Ost (A43, Langendreer)

Auch östlich der A43 weiter nach Dortmund bevorzugt der RVR eine relativ komplizierte Führung des RS1 entlang der Bahngleise.

Ich würde eine Führung über Werner Hellweg und Lütgendortmunder Hellweg bevorzugen. Im Endeffekt muss der RS1 aber in jedem Fall auf der Schnettkerbrücke das Emschertal überqueren.

Seite des RVR mit Link zum Zwischenbericht:

http://www.metropoleruhr.de/regionalverband-ruhr/aktuelles-rvr/archive/2013/september/article/radschnellweg-ruhr-rvr-legt-den-staedten-und-seinen-gremien-zwischenbericht-zur-machbarkeitsstudie-1.html


Weitere Informationen

Weitere Seiten zum Thema:
 Vom Rad-Schiebe-Weg zum Rad-Schleich-Weg - 17.09.2014

© 2020 ADFC Kreisverband Bochum e. V.