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ADFC-Fahrradklima-Test 2018

19.04.19
Kategorie: Aktuelles, Bochum, Verkehr, Verkehrspolitik

Bochum hält die Stellung, doch das ist kein Grund nachzulassen

Beim letzte Woche in Berlin vorgestellten Fahrradklima-Test des ADFC landete Bochum erneut nur im Mittelfeld auf Platz 14 der fahrradfreundlichsten Städte seiner Größe. 748 Bochumer hatten an der bundesweiten Befragung teilgenommen. Unzufrieden sind Bochums Radfahrerinnen und Radfahrer vor allem mit dem Winterdienst auf Radwegen 4,7, der Führung an Baustellen 4,9 und der Kontrolle von Falschparkern auf Radwegen 5,0 (Noten). Lichtblicke gab es dagegen bei der Verfügbarkeit öffentlicher Fahrräder 2,5, geöffnete Einbahnstraßen in Gegenrichtung 3,2 sowie der Wegweisung für Radfahrer 3,5.

170.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer bundesweit

Der ADFC-Fahrradklima-Test ist die größte Befragung zum Radfahrklima weltweit und wurde im Herbst 2018 zum achten Mal durchgeführt. Er wird durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) aus Mitteln zur Umsetzung des Nationalen Radverkehrsplans 2020 mit rund 195.000 Euro gefördert. Rund 170.000 Menschen stimmten bundesweit ab – eine Steigerung von 40 Prozent gegenüber dem letzten Test. Die Zunahme führt der ADFC auf das wachsende Interesse am Thema Fahrrad und Radverkehr zurück.

Bochum liegt bundesweit auf Platz 14 in der Kategorie der Städte von 200.000 – 500.000 Einwohner, im Landesvergleich auf Platz 4 von 11 Städten dieser Größenklasse. Gegenüber dem letzten Test im Jahr 2016 hat Bochum seinen Platz halten können. Im Durchschnitt geben die Bochumer die Note 4,1 für die Fahrradfreundlichkeit. Die Mehrzahl der Teilnehmer sagt, Radfahren bedeute in der Stadt Stress, wobei das Radfahren insgesamt schlechter als ausreichend hinsichtlich einer Reihe von Sicherheitsaspekten bewertet wird: Akzeptanz als Verkehrsteilnehmer 4,3, Reinigung der Radwege 4,4, Oberfläche der Radwege 4,4, Fahren auf Radwegen & Radfahrstreifen 4,5, Sicherheitsgefühl 4,5, Konflikte mit Kfz 4,5, Fahren im Mischverkehr mit Kfz 4,6, Breite der (Rad)wege 4,6 und Hindernisse auf Radwegen 4,6 sowie Ampelschaltungen für Radfahrer 4,7. In diesem Jahr wurde zusätzlich die Familienfreundlichkeit des Radverkehrs ermittelt. Hier schneidet Bochum insgesamt schlecht ab; die Einschätzung der Befragten ist im Schnitt mangelhaft mit Noten zwischen 4,5 bis 4,7, so dass sich folgende Einschätzungen ergeben: In Bochum kann man selbst größere Kinder nicht mit gutem Gewissen allein Rad fahren lassen, können kleine Kinder nicht sicher auf den Gehwegen fahren (Gehwege sind schmal und unübersichtlich), kann man auf den Radwegen nicht gut mit dem Kinderanhänger oder Lastenrad fahren, wird abgeraten, mit dem Rad zur Schule zu fahren und ist es unüblich, dass Kinder mit dem Rad zur Schule fahren.

Bundesweiter Trend: Sicherheitsgefühl beim Radfahren immer schlechter

Das bundesweite Gesamtergebnis des ADFC-Fahrradklima-Tests 2018 ist leider weniger erfreulich. Das Fahrradklima, also die Zufriedenheit der Radfahrenden, hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter verschlechtert, ebenso das Sicherheitsgefühl. Die Radfahrerinnen und Radfahrer bewerten die Fahrradfreundlichkeit ihrer Städte im Durchschnitt mit der Note 3,9. Falschparker auf Radwegen, die schlechte Führung des Radverkehrs an Baustellen und die fehlende Breite von Radwegen sind die am meisten kritisierten Probleme. Drei Viertel der Befragten gaben an, dass man Kinder nur mit schlechtem Gefühl allein mit dem Rad fahren lassen kann.

Fahrradfreundlichkeit ist ein wichtiger Standortfaktor für attraktive Städte – deshalb macht es uns Sorgen, dass sich die Bochumer auf dem Rad nicht wohler fühlen. Der Fahrradklima-Test zeigt bei anderen Städten, dass kontinuierliche Radverkehrsförderung auch honoriert wird und sich in einem guten Verkehrsklima niederschlägt. Im Vergleich zu den anderen Städten punktet Bochum vor allem mit den Leihrädern, dem geringeren Risiko des Fahrraddiebstahls und auch die Fahrradförderung in letzter Zeit wird mit der Note 3,6 honoriert und ist um 0,4 Punkte besser als in den vergleichbaren Städten.

Schon mit kleineren Maßnahmen ließe sich die Situation deutlich verbessern, beispielsweise durch Kontrollen auf zugeparkten Radwegen, mehr Tempo-30-Zonen, radfahrerfreundliche Lösungen an Baustellen. Wenn Bochum will, dass mehr Menschen aufs Rad steigen und so die Stadt von unnötigen Autofahrten entlasten, dann muss mehr getan werden. Wir brauchen Platz für gute Radwege, vor allem auf den Radialstraßen und auf dem Ring, ein zusammenhängendes Radwegenetz mit Verknüpfung von Schulen und öffentlichen Einrichtungen und weitere Fahrrad-Abstellanlagen an Haltestellen, Einkaufszentren und öffentlichen Gebäuden!

In Anbetracht der Tatsache, dass zur Zeit die Autos immer größer werden und so den Konkurrenzkampf auf den Straßen weiter verschärfen, braucht es endlich Mut bei den Entscheidern in den Städten, für eine wirkliche Verkehrswende den Straßenraum neu aufzuteilen und gerecht zu verteilen, so dass Fußgängern und Radfahrer/innen allen Alters eine sichere Teilnahme am Verkehr möglich ist.

Ein Artikel über die Kontrolleure des Ordnungsamtes in der Dortmunder WAZ vom 12. April zeigt, wie die Lage sich z. Z. entwickelt: „Die Beschwerdesituation hat sich in den letzten drei Jahren verändert. Die Autos werden größer - und damit auch der Egoismus ihrer Fahrer. Die Menschen wollen am liebsten immer bis direkt vor die Tür fahren. Und andere Menschen akzeptieren das immer weniger. – Andererseits bedeutet es, dass der Parkraum immer knapper wird. Denn zwei SUVs brauchen so viel Platz wie drei oder vier Golfs.“ Dieses Beispiel ist ein Mosaiksteinchen, welches zu einer Erklärung beiträgt, weshalb Radfahrer immer unzufriedener sind mit der aktuellen Situation. Fortschritte in der Fahrradtechnik mit den E-Bikes, bei den Gangschaltungen und der zunehmende Gebrauch von Lastenrädern und Kinderanhängern wecken das Bedürfnis nach zügiger Fahrt auf ausreichend breiten Radverkehrsanlagen, vor allem im Alltagsverkehr.

Was also tun? Amsterdam macht es uns vor. Die Stadt wird ab dem Sommer jährlich 1.500 Autoparkplätze entwidmen bis zum Jahr 2025, das sind insgesamt 11.000 Abstellplätze. Dieser Raum wird dann dem Radverkehr und den Fußgängern zur Verfügung stehen, für neue Baumanpflanzungen genutzt werden und für eine bessere Aufenthaltsqualität in der Stadt sorgen. Die Parkgebühren für Besucher werden erhöht und das Parken vor allem unterirdisch möglich sein. Diesen Mut und eine solche Konsequenz wünschen wir uns auch hier in Bochum, zum Beispiel auf dem Ring! (Quelle: MobiliteitsAanpakAmsterdam2030)

ADFC startet bundesweite Kampagne und fordert #MehrPlatzFürsRad

Das Unsicherheitsgefühl der Radfahrerinnen und Radfahrer und die wachsende Unzufriedenheit mit der Rad-Infrastruktur nimmt der ADFC im 40. Jahr seines Bestehens zum Anlass, eine bundesweite Kampagne für #MehrPlatzFürsRad zu starten. Mehr Informationen auf www.mehrplatzfuersrad.de.

Gerlinde Ginzel

© 2019 ADFC Kreisverband Bochum e. V.