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Verkehrsversuch Jahnplatz: Was bringt er dem Radverkehr?

20.08.18
Kategorie: Aktuelles, Bielefeld, Verkehr, Mobilität, Sicherheit, Verkehrsplanung, Verkehrspolitik

Höchst schwierig: Per Rad vom Jahnplatz in die Herforder Straße. Foto: Thorsten Böhm



Einsame Linksabbiegefläche: Per Rad von der Herforder Straße in den Niederwall. Foto: Thorsten Böhm



Verwirrend und umständlich: Per Rad vom Niederwall nach links abbiegen. Foto: Thorsten Böhm



Fragwürdig: Schutzstreifen im Niederwall. Foto: Thorsten Böhm


 
Seit dem 3. August 2018 ist die Zahl der Fahrstreifen für den Kraftverkehr reduziert. Stattdessen sind weitere Sonderfahrstreifen für Busse hinzu gekommen. Die bisherigen bzw. neuen Bus-Fahrstreifen dürfen optional auch mit dem Rad benutzt werden und werden hier als „Umweltspuren“ bezeichnet. Die bisherigen rot gepflasterten Radwege abseits der Fahrbahn existieren weiterhin und dürfen auch weiterhin per Rad benutzt werden. Soweit diese Radwege parallel zu den neuen „Umweltspuren“ verlaufen, sind sie nicht mehr benutzungspflichtig, denn hier wurden die blauen Radweg-Verkehrszeichen entfernt.  


Der Niederwall ist für den Kraftverkehr vom und zum Jahnplatz gesperrt. Der an den Jahnplatz anschließende, ca. 100 m lange Abschnitt des Niederwalls wurde zur Fahrradstraße umgewidmet. Die daneben bestehenden Radwege sind nicht mehr benutzungspflichtig.

Um es gleich zu zu sagen: Der Verkehrsversuch soll Erkenntnisse darüber bringen, wie der motorisierte Individualverkehr sich nach der Wegnahme von Fahrstreifen verändert. Nach Ansicht des ADFC Bielefeld – aber auch des Amtes für Verkehr und der Politik – ist der Verkehrsversuch kein Modell für die künftige Umgestaltung des Jahnplatzes und vor allem für die künftige Radverkehrsführung.

Was funktioniert gut?

Die Abbindung des Niederwalls trägt zur Verkehrsberuhigung und zu einem entspannteren Radfahren und Gehen in diesem Teil bei. Ein erster Schritt zu einem geschlossenen Radring rund ums Altstadt-Hufeisen?

Was funktioniert nicht?

Auf den „Umweltspuren“ lässt es sich einigermaßen gut Rad fahren, solange einem keiner der täglich 900 Busse drängelnd im Nacken sitzt oder von der Stand-Busspur auf die Fahr-Busspur wechseln will und den Weg der Rad fahrenden kreuzt. Und solange man mit dem Rad den „Umweltspuren“ (Bus-Fahrstreifen) folgt und nicht etwa in eine andere Richtung fahren möchte. Es fehlen nämlich einige Anschlüsse der „Umweltspuren“ an Wege und in Richtungen, die mit den bisherigen Radwegen erreichbar sind.

Linksabbiegen von der Herforder Straße in den Niederwall:
Hierzu müsste man mehrere Fahrstreifen überqueren, um zur kleinen Rad-Aufstellfläche zu gelangen. Das ist nur etwas für sehr selbstbewusste und flotte Radfahrer*innen. Der ADFC Bielefeld hat beim Amt für Verkehr vorgeschlagen, mit den Schaltzeiten der Lichtsignalanlagen sicher zu stellen, dass die direkt links abbiegenden Radfahrer*innen möglichst wenig in Konflikt mit dem geradeaus fahrenden Kraftverkehr kommen.

Weiterfahren vom Jahnplatz halblinks nordwärts Richtung Herforder Straße/Willy-Brandt-Platz:
Hier müsste der Radverkehr im fließenden Verkehr von der „Umweltspur“ aus dicht befahrene Kfz-Fahrstreifen kreuzen, um auf den zur Herforder Straße führenden Fahrstreifen zu gelangen. Auch das ist nur etwas für sehr selbstbewusste, risikobereite und flotte Radfahrer*innen. Haben sie das erfolgreich geschafft, müssen sie bei der nächsten Bordsteinabsenkung die Fahrbahn verlassen und auf den (hier benutzungspflichtigen) Radweg wechseln. Das hätten sie einfacher auch gleich haben können ...

Verlauf der „Umweltspur“ vom Jahnplatz rechts haltend in Richtung Friedrich-Verleger-Straße/Kesselbrink:
Der Radverkehr fährt zunächst auf der Umweltspur. Dann aber enden die Fahrrad-Piktogramme, woraufhin sich die Rad fahrenden wegen des allgemeinen Rechtsfahrgebots nach rechts orientieren, um aber wenige Meter danach festzustellen, dass sie sich doch wieder nach links auf einen Schutzstreifen orientieren müssen, wenn sie geradeaus weiterfahren wollen Der ADFC Bielefeld hat beim Amt für Verkehr vorgeschlagen: Das nachträgliche Aufbringen weiterer Fahrrad-Piktogramme könnte dieses Problem beheben. Auch könnte man den Schutzstreifen in Richtung Jahnplatz rückwärts verlängern. Aktualisierung: Inzwischen folgt dieser „Umweltspur“ ein Rad-Schutzstreifen (links der Rechtsabbiegespur), der die Lücke zum vorher vorhandenen Schutzstreifen schließt und damit insgesamt bis zur Kreuzung Turnerstraße reicht.

Linksabbiegen von der „Umweltspur“ Friedrich-Verleger-Straße in die Wilhelmstraße:
Rad fahrende dürfen hier nicht links abbiegen, denn die (mit Verkehrszeichen) vorgeschriebene Fahrtrichtung auf der „Umweltspur“ ist geradeaus. Wenn man das merkt, ist es zu spät zum Linksabbiegen. Hätte man es vorher gewusst, hätte man den vorhandenen Radweg und die beampelte Querung vom „Haus der Technik“ zur Wilhelmstraße nutzen können.

Außerdem ...

Linksabbiegen vom Niederwall auf den Jahnplatz in Richtung Adenauerplatz/Brackwede:
Hierzu muss man im letzten Abschnitt des Niederwalls erst auf die linke Seite der neu eingerichteten Fahrradstraße wechseln, dann linksseitig auf einen schmalen Radweg (mit Rad-Gegenverkehr), um dann zusammen mit Fußgänger*innen den Jahnplatz zu queren. Das ist kompliziert, führt zu Irritationen und zu Konflikten mit dem Fußverkehr. Der natürliche Fahrtverlauf wäre aus dem Niederwall geradeaus, über die Mittelinsel und von dort aus links abbiegend über den Jahnplatz zur Alfred-Bozi-Straße. Der ADFC Bielefeld hat beim Amt für Verkehr angeregt, erstens die gesamte Querungsfläche für den Fußverkehr über den Jahnplatz in Richtung Haltestellen-Dächer zu verbreitern und zweitens den Radverkehr für das Linksabbiegen über die vorhandene provisorische Mitteinsel zu führen, wozu die heutige Absperrung auf der Insel verändert werden müsste. Dies bedeutet auch keine zusätzliche Einengung des Kraftverkehrs, da er in diesem Bereich ohnehin keine Warteflächen hat.

Fragwürdiger „Schutzstreifen“:

Außerdem wurde im vorletzten Abschnitt des nunmehr verkehrsberuhigten Niederwalls vor der Fahrradstraße (zwischen Körnerstraße und Jahnplatz) unnötigerweise ein sog. „Schutzstreifen“ markiert, und zwar ausschließlich neben den dort vorhandenen drei Kfz-Parkständen vor den Geschäften. Dieser „Schutzstreifen“ zeigt im Grunde den Bereich an, den man mit dem Rad vorausschauend meiden sollte, um nicht mit überraschend öffnenden Fahrertüren zu kollidieren.

Aktualisiert 21.08.2018


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