Die Weltreise des Heinrich Horstmann

Von Michael Mertins

 

Einen Reisebericht der anderen Art gibt das Buch „Meine Radreise um die Erde“. Das beginnt schon damit, dass der Weltumradler Heinrich Horstmann aus Wuppertal-Barmen im Jahr 1895 startet. Was dieser junge Radtourist, so um die 20 Jahre alt, dabei alles erlebt, ist ein ganz starkes Stück Geschichte, egal aus welchem Blickwinkel man es betrachtet.

Auf jeder Seite seiner Reisetagebücher sind Dinge nachzulesen, die kaum für möglich zu halten sind. Zum Beispiel beschreibt Horstmann die Amerikaner schon damals mit Time-is-money- Mentalität, als konsum- und werbeabhängig – und ganz schön „crazy“. Elektrische Lichtreklamen, kuriose Vergnügungsstätten und Werbehumbug aller Art prägen die Städte, ein radelnder Schwarzer, als Santa Claus verkleidet, wirbt in der Adventszeit für ein Fahrradgeschäft! So etwas wäre heute noch  ein Blickfang,wie muss das vor 110 Jahren gewirkt haben?

Bahnradrouten mal ganz anders

Im ausführlichen Amerikateil des Buches erfährt die Leserin beziehungsweise der Leser viel über Land und Leute jenseits des großen Teichs, auch über das,was die Amerikaner „Schauderhaftes auf ihre Landstraßen schütten“. Sind keine Straßen vorhanden, ist der Weltenbummler gezwungen auf Bahndämme auszuweichen und fährt tagelang zwischen den Schienen, unglaublich!

Den echten Ostwestfalen unter uns wird besonders freuen, dass Horstmann in Friedrichsburg/Texas einen Festumzug erlebt, der auch ein aus Gips geformtes Hermannsdenkmal präsentiert. Überhaupt trifft er auf viel Deutsches und viele deutsche Auswanderer, deren Gastfreundschaft sein Heimweh ebenso lindert wie das überall vorrätige Bier, natürlich von deutscher Hand gebraut.

Es ist unmöglich, den 300-seitigen Bericht zusammenzufassen. Das muss man einfach selber lesen, wie Horstmann seine Abenteuer besteht: Er überlebt Waldbrände, entkommt dem Verdursten, erschießt einen Landstreicher, der es auf seine Uhr abgesehen hat, um nur einige zu nennen. 

Technik aus Wald und Flur

Auch über sein Fahrrad der Marke „Crescent“ erfährt man Einiges: Die magere Ausstattung, die Gabelbrüche, wildeste Felgenreparaturen, Spezialreifen und die Schleppbremse für steile Bergabfahrten. Letztere hat mich schwer beeindruckt: am Hinterbau befestigte Tannenzweige, die mit Felsbrocken belegt werden. So geht’s offensichtlich auch! Dass Horstmann ein hervorragender Renn- und Kunstradfahrer ist, beweist er unterwegs mehrmals. Biographische und zeitgenössische Anmerkungen von Hans-Erhard Lessing, der auch das Manuskript wieder entdeckte, runden die Lektüre ab.

Fazit

Der Text ist kein literarisches Meisterwerk, aber er ist ein aufschlussreicher Reisebericht, der es in sich hat. Ein empfehlenswertes Lesevergnügen für alle, die selber gern auf Tour sind und mal wissen wollen,was vor fast 110 Jahren auf den Straßen der Welt abging.

Heinrich Horstmann „Meine Radreise um die Erde“ Maxime-Verlag Leipzig,

4. Auflage, ISBN 3-931965-06-6

Preis: 19,95 EUR

Internet-Tipp

Wer gerne mal in Fahrradliteratur stöbert, findet eine reiche Auswahl beim Maxime-Verlag unter www.fahrradbuch.de

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