Forschungsprojekt Miele: Mit dem Rad zur Arbeit (2. Teil)

Von Thorsten Böhm

In den Radnachrichten 2/2003 haben wir über die Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit“ bei der Firma Miele in Bielefeld berichtet. Vom 1. April bis zum 30. September 2003 haben achtzehn Damen und Herren aus der Miele-Belegschaft, die zuvor nicht aus eigenem Antrieb, besser gesagt weder per Rad noch per Pedes, zu Schreibtisch und Werkbank kamen, sich einem Test unterworfen. Sie fuhren nicht nur regelmäßig per Rad zur Arbeit, sondern unterwarfen sich auch medizinischen und psychologischen Untersuchungen. Am 10. Oktober 2003 wurde auf der Abschlussveranstaltung des Projektes im Blauen Salon des Bielefelder Miele-Werks ein Resümee gezogen.

Nach einer Begrüßung durch Oberbürgermeister David wies Miele-Geschäftsführer Bergmann auf die erfreulichen Ergebnisse des Versuchs hin: Eine verbesserte körperliche Konstitution bewirke nicht nur einen geringeren Krankenstand, sondern auch eine größere Ausgeglichenheit am Arbeitsplatz und bessere geistige Leistungsfähigkeit. Sehr zur Freude auch des Arbeitgebers.

Mens sana in corpore sano

Dr. Wienecke und Dr. Schürmann vom Institut Saluto referierten zunächst überraschende Zusammenhänge zwischen körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit und stellten dann die im Miele-Projekt ermittelten medizinischen Untersuchungsergebnisse vor. Insbesondere in den Bereichen Fett-/Kohlehydratverbrennung und Blutfettwerte gab es zum Teil spürbare Verbesserungen bei den Probanden.

Nicht gleich übertreiben 

Sie wiesen aber auch darauf hin, dass täglich fünf Kilometer auf dem Rad aus einem völlig Untrainierten oder gar Herz-/Kreislaufkranken nicht in Windeseile einen Radler mit der Leistungsfähigkeit eines langjährig Trainierten machen. Insbesondere warnten sie vor falschem Ehrgeiz und Selbstüberschätzung: Plötzliche Überforderung kann sich negativ auf die Mineralstoffversorgung und das Immunsystem auswirken.

Allerdings war dies kein Plädoyer für generelle Passivität.Wer nach einer langen Periode des Extrem-Couching die körperliche Betätigung wagen will sollte zuvor den Gesundheitszustand und seinen individuell günstigsten Belastungsbereich ermitteln lassen.

Professor Dr. Schulz (Universität Bielefeld) erläutert psychologische Gründe von Verkehrsmittelwahl und Verhalten im Straßenverkehr. Foto: Thorsten Böhm

 

Was sagt die Psyche dazu?

Professor Dr. Schulz von der Universität Bielefeld veranschaulichte die Ergebnisse seiner begleitenden verkehrspsychologischen Studien: Rad fahren macht gelassener und freundlicher! Das freut nicht nur die Probanden sondern auch das soziale Umfeld.

Der Fahradbeauftragte der Stadt, Hansjörg Gerber, gab den Gästen der Veranstaltung in seiner Rede humorvoll Nachdenkliches mit auf den Weg. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern dankte er nicht nur für ihre Bereitschaft, etwas Neues auszuprobieren und ihre Freizeit für die zum Teil umfangreichen Begleituntersuchungen zu opfern.

Neue Perspektive

Nachdem sie den Straßenverkehr aus anderer Perspektive kennen gelernt hatten,war ihnen erstmals aufgefallen, welche Fehler Autofahrer gegenüber Radfahrern häufig begehen. Auch solche Fehler, die ihnen in Ihrer Prä-Velo-Phase selbst unterlaufen waren. 

Gerber appellierte an sie, diese Erkenntnis nicht durch eine allzu freizügige Interpretation der Verkehrsregeln auszugleichen, nicht die Scheuklappenmentalität eines Autofahrers gegen die eines Radfahrers zu tauschen. Nur ein gelassenes und kooperatives Verhalten könne Fronten aufweichen und Aggressivität im Straßenverkehr reduzieren. 

Der Firma Miele dankte er für ihre bei anderen Firmen keineswegs anzutreffende Bereitschaft, ein solches Projekt und auch weiterhin die tägliche Radfahrt zur Arbeit zu unterstützen.

Wunschzettel

An die Stadtverwaltung richtete er den Wunsch,Verkehrswege so zu planen, dass sie radfahrgeeignet sind und nicht zwangsläufig Radfahrer in ein konfliktträchtiges oder illegales Verhalten treiben. 

Von der Politik wünschte er sich einen unvoreingenommenen Umgang mit den Thema Radverkehr und die Bereitschaft, längst bewährte Instrumente der Radverkehrsinfrastruktur (Fahrradstraßen, Beidrichtungs-Radverkehr in Straßen mit Einrichtungs-Kraftverkehr) auch in Bielefeld zu etablieren.

Die Räder rollen weiter

Schließlich dankte er der Firma „Raddesign“ (Fördermitglied des ADFC Bielefeld), die nach einer Ausschreibung den Auftrag bekommen hatte, Räder für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer individuell zu bauen und während des Projektzeitraums zu betreuen.

Auf Initiative des „Raddesign“-Teams hin unterstützten verschiedene Firmen, mehrheitlich Mitglieder des Förderkreises beim ADFC e.V. (Bundesverband), die Aktion durch sinnvolle Materialspenden, wodurch die Räder hochwertiger und alltagstauglicher gestaltet werden konnten, als es bei dem vorgegebenen finanziellen Rahmen sonst der Fall gewesen wäre: Abus (Bügelschloss), Hillrainer (Federsattelstütze „Airwings“), Bohle (Schwalbe-Reifen „Marathon Plus“), Busch & Müller (Scheinwerfer und Rücklicht mit Standlichtfunktion), Hebie (Hinterbau-Seitenständer), Paul Lange & Co (Shimano-Antriebskomponenten, -Naben und -Bremsen).

Übrigens: Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben gelobt, nun auch weiterhin mit dem Rad zur Arbeit zu kommen und sämtlich die Gelegenheit genutzt, nach Abschluss der Aktion „ihre“ Räder zu kaufen. 

 

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