Die Reise nach Genf – mit dem Rad den Rhein und das Schweizer Jura entdecken

Von Moka Hoffmann

Sommer 2003: Eine Freundin in Genf hat mich eingeladen, sie zu besuchen. Die letzte mehrtägige Radtour, die ich so liebe, liegt schon ein Jahr zurück. Mein Freund ist auf zwei Rädern so fit wie ich und so nimmt die verrückte Idee bald konkrete Formen an:Wir fahren mit dem Fahrrad! Rund tausend Kilometer, am Rhein lang bis zur Schweizer Grenze, und dann, durch Infos aus dem ADFC -Laden bestärkt, durchs Schweizer Jura bis zum Genfer See ... 

Ende August geht’s los, von der Bahn lassen wir uns nach Bonn bringen. Väterchen Rhein im Sonnenschein soll für die nächsten acht Tage unser Begleiter sein – allerdings bedachte Petrus uns auch mit dem einen oder anderen Schauer ... . Wir radeln an Weinbergen vorbei, immer am Wasser lang, auf gut befestigtem und beschildertem Radweg, der allerdings im engen Rheintal die Straße nicht immer vermeiden kann.

Rhein-Perlen sammeln

Die Orte fädeln sich auf wie Perlen auf einer Kette: Koblenz, wo wir gegenüber dem Deutschen Eck zelten, die Burgen Katz und Maus und wie sie alle heißen, die sich hinter jeder Flussbiege hoch über uns erheben. Boppard, wo wir die temporären Wolkenbrüche zur Besichtigung der schönen Kirchen nutzen und so leidlich trocken bleiben. Fotopose an der Loreley. Bingen, wo wir vergeblich nach Hildegard fragen und – das erste und einzige Mal auf der Tour – wegen schlechten Wetters den Zug nach Mainz nehmen. Wir entdecken das Kellerlabyrinth von Oppenheim, die windschiefen Häuschen von Bacharach. Von Worms haben wir mehr erwartet, immerhin bietet der halbwilde Stadtpark einen Gratiszeltplatz, dafür begeistert Speyer mit Kaiserdom und der herrschaftlichen Flaniermeile. 

Jagdszenen

Das Rheintal weitet sich, die Ausflugsdampfer verschwinden, dafür taucht mehr Industrie auf. Zum Teil scheidet der Radweg, der jetzt weit weg von großen Straßen führt, die Containerhafen und Kiesgruben am Strom von wunderschön idyllischen Rheinauen zur Linken, an denen halb verfallene Angelstege von vergangenem Wochenend-Fischerglück zeugen. Und immer weiter rollen wir, auf verkehrsfreier Strecke am Rheindeich entlang, streifen unbekannte Ortschaften nur am Rande und zelten wildromantisch an einem Waldrand, von wo wir allerdings am nächsten Morgen, von Jagdlärm aufgeschreckt, eiligst flüchten. Kurz darauf sind wir in Frankreich, allein an den Radwegschildern erkennen wir es, denn Grenzposten gibt es hier nicht. Wenn uns der Hunger plagt, bedienen wir uns einfach an den Obstbäumen, die direkt am Wege wachsen. Das Wetter ist sonnig, einmal springen wir zur Abkühlung in einen stillen Rheinarm – Herz,was willst du mehr!

Jetzt heißt es aber Tempo, die hundert Kilometer machen wir heute zum ersten Mal voll, denn abends wollen wir in Straßburg sein! Dort verweilen wir einen ganzen Tag, schlendern, stöbern, staunen: Prachtvolle Stadt voller Kirchen, Kanäle, Cafes!

Straßburg: Münster und "gedeckte Brücke"

 

Gut ausgeruht geht es auf zur nächsten 100-Kilometer-Etappe, bei der wir den Rhein verlassen, und, den Schwarzwald und wieder Weinberge in Sichtweite, uns südöstlich halten. Mittagspause im historischen Kenzingen,wo der Friseurladen seit 1890 besteht,am Kaiserstuhl vorbei und dann sind wir schon an der Dreisam. Obwohl aufgrund des heißen Sommers fast ausgetrocknet, wird sie von einem Unermüdlichen beangelt. Kilometerlang geht es an dem gnadenlos begradigten Flüsschen her, bis wir endlich in Freiburg sind. Auch hier bleiben wir zwei Tage, und obwohl es hier doch so hübsch sein soll, können wir es kaum sehen – zu voll sind Kopf und Herz von Eindrücken schöner Städte der letzten Tage! 

Endspurt nach Freiburg

 

Zum Glück geht es danach weite durch überwiegend ländliches, flaches Gebiet, so dass wir überraschend schnell in Neuenburg sind,wo der Rhein uns wieder hat, besser gesagt, der „Altrhein“.Von Schiffen nicht befahren und von Wald gesäumt, fließt er uns ruhig und grün entgegen. Auf der gut befestigten Strecke kommen wir flott voran, die Orte liegen irgendwo links hinter den Bäumen. In einem Ausflugslokal,wo wir uns eine Apfelschorle gönnen, klingt es schon schwyzerdütsch, und Basel scheint nur noch einen Katzensprung entfernt ... .

Um ein paar Euro zu sparen, wollen wir noch einmal Vorräte auffüllen, verlassen den Radweg und finden ihn entnervt erst zwei Stunden später wieder, weil die Orte hier so ähnlich klingen und wir uns – glücklicherweise zum ersten und auch letzen Mal – verfahren. Dann endlich, nachdem wir die mächtige Schleuse, die den beschifften Rhein von seinem Nebenarm trennt, passiert haben, erreichen wir Basel. Herrliche Altstadt, die sich am Fluß entlangzieht, schrecklicher Feierabendverkehr, in dem wir uns so verletzlich fühlen und dem wir schnell entfliehen. Der Tag neigt sich dem Ende zu, ein Zeltplatz muß noch gefunden werden – aber wir haben die erste Hälfte der Tour geschafft! Die war zwar mit gut 600 Kilometern länger, aber dafür weitgehend flach – am nächsten Tag geht es dann in die Jura-Berge ... .

Ballast abwerfen!

Etwas mulmig ist mir schon, als wir Basel am zehnten Tag unserer Reise verlassen und schon bald die erste Steigung hinauf nach Mariastein, dem zweitwichtigsten Wallfahrtsort der Schweiz, auf uns wartet. Zwar haben wir in Freiburg nochmal unser Gepäck um einiges Unnötige erleichtert (worunter allerdings nicht die dicken Wälzer waren, die jeder von uns für die langen Abende im Zelt mitschleppt), zwar haben wir uns in der letzten Woche fit geradelt – aber ob das für die Berge reicht, die wir auf unserem Weg zum Genfer See zu überwinden haben? Insgesamt haben wir mehr als 4 400 Höhenmeter zu erklettern, in Form von hauptsächlich steilen Auf- und Abfahrten. Der erste Tag gestaltet sich human, auf der „Internatioanalen Straße“ passieren wir auf wenigen Kilometern an die sechs mal die schweizerisch-französische Grenze. Wir bedienen uns wieder am hier reichlich wachsenden Obst und bekommen von einem Bauern sogar noch zuckersüße Mirabellen geschenkt. Nahe unseres Zeltplatzes in Courgenay läßt sich ein Dolmengrab aus der Jungsteinzeitsteinzeit besichtigen und um uns dahin durchzufragen werden unsere Französischkenntnisse auf eine harte Probe gestellt – die Sprachgrenzen erscheinen uns hier genauso unvermittelt zu verlaufen wie die Staatsgrenzen.

Ketten abwerfen?

Der nächste Tag beginnt dann gleich mit einer harten Steigung, die wir aber doch ohne abzusteigen bewältigen. Als Belohnung wartet das Klosterstädtchen St. Ursanne auf uns, eine steinerne Brücke führt in mehreren Bögen zu dem urigen mittelalterlichen Ort,wo es wieder eine Kirche mit wunderschönem Portal zu besichtigen gibt. Die nächste Steigung hat es in sich: 550 Meter auf einer Strecke von zehn Kilometern, das heißt fast ununterbrochenenes Bergauf. Mein Ehrgeiz kommt an seine Grenzen und ich schiebe streckenweise. Meinem Begleiter – oder besser seiner Kette – wird indes sein Ehrgeiz zum Verhängnis, das gute Stück reißt ob der überhöhten Belastung – und natürlich haben wir allerlei Werkzeug dabei, doch nichts für diesen Fall. Doch wir haben Glück im Unglück, ein überaus hilfsbereiter Rennradler „schleppt“ Harry die zehn Kilometer bis zum nächsten Ort und dort finden wir sogar jemanden, der an diesem Sonntag die Kette repariert und dabei eine Bezahlung ablehnt. Wir schaffen es an diesem Abend noch bis zum Etang-dela- Gruere, ein Moor in dessen spiegelglatter, schwarzer Oberfläche sich die Föhren spiegeln und an dessen Ufer wir mit leichtem Schauern unser Zelt aufschlagen.

 

Kuhglocken und Käsereien 

Wir sind jetzt in den Franches-Montagnes, berühmt für seine halbwilden „Freiberger Pferde“, die zur Genüge rechts und links unseres Weges grasen. Und natürlich Kühe! Das Läuten ihrer Glocken begleitet uns auf Schritt und Tritt. Morgens,wenn der Nebel noch über den Wiesen und zwischen den Bäumen hängt, sind sie nur schemenhaft zu erkennen und zeigen sich unbeeindruckt, wenn unter der aufsteigenden Sonne der Dunst plötzlich wegschmilzt und wir, nachdem wir glücklich den „Mont Soleil“ erradelt haben, tatsächlich die ersten sind, die ihre steifen Glieder im Sonnenschein wärmen können. Die Jura-Strecke, von Anfang bis Ende vorbildlich ausgeschildert und im entsprechenden Spiralo detailreich beschrieben, vermeidet fast völlig verkehrsreiche Straßen, zeigt uns statt dessen die Märchenwälder, die grünen Almen, die Hochmoore und Hochebenen, die klaren, dahinplätschernden Bäche, die verstreuten Gehöfte und malerischen Dörfer des Jura, belohnt die steilen Aufstiege mit Aussichten in das wunderschöne Mittelgebirge, in dem jedes Tal seinen eigenen Charakter hat.

Die einzige größere Stadt auf unserem Weg ist La-Chaux-de-Fonds, das, obwohl auf einer Höhe von 1000 Metern gelegen, mit südländischer Architektur und Charme besticht.Wir zelten bei einem Bauern auf der Wiese, und noch vor dem Hellwerden laufen im ganzen Tal die Melkmaschinen – hinter dem vorzüglichen Gruyère, der hier überall in kleinen und großen Käsereien hergestellt wird, steckt eine Menge harter Handarbeit. 

Exkursion per Pedes

Obwohl wir uns mit dem Rad ja eigentlich eher langsam fortbewegen, fühle ich mich auf einmal erschöpft. Diese Art des Reisens eröffnet eine derartige Fülle von Eindrücken jeglicher Art und ich habe das Gefühl, dass wir doch nie irgendwo richtig sind. Also beschließen wir, uns an diesem Tag, nach nur zehn geradelten Kilometern, in dem kleinen Ort Motiers einzumieten und die Gegend etwas zu erkunden. 

Zu Fuß wandern wir eine wundersam wilde, grüne Schlucht hinauf, in der sich ein Bach in großen und kleinen Wasserfällen, vorbei an Höhlen und vermoosten Bäumen ergießt – und obwohl die Steigung nur leicht ist, benehmen sich unsere Beine so, als wären sie noch nie gewandert. Das exzessive Radeltraining der letzten Tage wirkt sich hier anscheinend kontraproduktiv aus. Am nächsten Tag fahren wir – ohne Gepäck – eine furchtbare, sich endlos hinziehende Steigung hinauf zum Creux-du-Vent, einem beeindruckenden, natürlichen Amphitheater, dessen Halbrund sich über einen guten Kilometer erstreckt. Das Echo wird von den mehrenen hundert Meter abfallenden Felswänden wieder und wieder zurückgeworfen – faszinierend!

Creux-du-Vent: ein beeindruckendes natürliches Amphitheater

 

Das „Dach“ der Tour 

Nach anderthalb weiteren Tagen Hinauf und Hinunter, das uns aber immer leichter fällt, durch Wald und Wiesen, vorbei an den kalkweißen, zackigen Höhenzüge von Baulmes passieren wir Vallorbe,wo die Orbe eiskalt und grünschäumend durch eine Tropfsteinhöhle tost – das Kalkgebirge bietet so manche bizarre Formation und geologische Überraschung. Wir gelangen zum Lac-de-Joux,wo es trotz Sonnenschein auf einer Höhe von tausend Metern empfindlich kalt ist, so dass wir unsere letzte Nacht im Jura im Hotel verbringen. Etwas wehmütig wandern wir am Ufer des Sees entlang mit Blick auf den prominenten „Dent de Vaulion“ – wir befinden uns nur noch siebzig Kilometer vor Genf! Der nächste Morgen bietet die Auffahrt zum höchsten Punkt unserer Reise, dem Marchairuz-Pass auf 1350 Metern. Dann geht es durch den „Parc jurassien vaudois“, eine Landschaft aus Karstfelsen, Wäldern und Sennhütten mit einer ganz besonderen Atmosphäre. 

Abwärts dem Ziel entgegen

Fast zu schnell zieht sie vorbei, denn nach der allerletzten Steigung auf unserer Tour geht es nun unerbittlich dem Tal entgegen, hinter einer Kurve taucht weit vor uns bereits der Genfer See und, weithin leuchtend, der Mont Blanc auf! Und immer weiter, immer schneller rollen wir, müssen diesmal unseren Händen eine Pause vom Bremsen gönnen. Spätestens jetzt wissen wir, dass wir die Tour in die richtige Richtung gemacht haben, über eine Strecke von rund dreißig Kilometern geht es ununterbrochen bergab und fast tausend Höhenmeter hinunter. Immer wärmer wird es, als wir uns von den windigen Höhen des Jura dem milden Klima des Sees nähern. Kurz vor Nyon gibt es auch wieder Obstbäume und -plantagen, von denen wir uns ungeniert bedienen.

Und endlich liegt er wirklich vor uns, der Genfer See, so weit und blau, mit weißen Segelschiffen, von den Alpen umgeben. Wir suchen uns einen Platz, wo wir uns einfach ausstrecken, uns die Sonne auf den Pelz scheinen und die seichten Wellen um uns plätschern lassen können ... .Nyon ist auch der Ort, wo wir die uns so lieb gewordenen „Jura-Route“ verlassen und uns nun nach den Schildern nach Genf richten. Die dreißig Kilometer, immer oberhalb des Sees lang, ziehen sich noch etwas, der Verkehr im hektischen Genf kommt uns nach einer Woche Abstinenz noch stressiger vor – aber pünklich um 18.00 Uhr, sechzehn Tage nach unserer Abfahrt in Bonn, stehen wir bei meiner Freundin vor der Tür – und der Kilometerzähler steht auf 1 007 ... .

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