Unterwegs mit Fahrrad und Bahn

Ein Erlebnisbericht von Ingrid Dingerdissen

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Wer mit der Bahn reist, kann meist viel erzählen. Wer dazu noch sein Fahrrad mitnimmt, der kann manchmal besonders viel erzählen.

Die Idee

Im September 2002 wollten mein Mann Heinz-Gustav und ich noch mal eine kleine Radtour machen. Wir planten, von Verwandten in Altmannshausen, Markt Bibart (südlich von Würzburg) nach Hause zu radeln. Nach Markt Bibart sollte uns die Bahn bringen. Um diese Bahnreise möglichst stressfrei zu gestalten, sollten (zu) kurze Umsteigezeiten und das Tragen der Räder über Treppen möglichst vermieden werden.

Die Planung

Die Auskunft per Internet und auch beim Kauf der Fahrkarten ergab Erfreuliches. Um 6.34 Uhr ab Bielefeld-Ost mit der Eurobahn direkt bis Bünde. Ankunft in Bünde auf Gleis zwei, Abfahrt des Interregio nach Hannover 17 Minuten später auch auf Gleis zwei. In Hannover runde 40 Minuten Aufenthalt. Dieser Verbindung ab Bielefeld-Ost gaben wir den Vorzug vor der späteren Direktverbindung nach Hannover mit dem Regionalzug um 7.23 Uhr ab Bielefeld Hauptbahnhof mit Tragen der Räder zum Bahnsteig hoch und nur zwölf Minuten Umsteigezeit in Hannover. Da bleibt keine Zeit für eine Kaffeepause und bei auch nur geringen Verspätungen wird es schnell stressig. Weiter mit dem schnellen IC Königssee über die ICE-Trasse bis Würzburg (Ankunft bereits 11.22 Uhr). Hier 22 Minuten Zeit zum Umsteigen in einen Regionalexpress bis Markt Bibart.

Die Ausführung

Der Start in Bielefeld-Ost hat den Vorteil, dass keine Treppen zu überwinden sind. Außerdem können wir den „Bahnhof“ gut erreichen. Es klappte auch sehr gut. Wir hatten in der Eurobahn gerade die Räder gut hingestellt und befestigt, als die Durchsage kam: „Nächster Halt Bielefeld Hauptbahnhof. Dieser Zug endet hier.“ – Panik!!! – Zum Glück war ein freundlicher Mitfahrer da, der sich auskannte. Er klärte uns auf: Unser Zug war der erste am Tag, und der endet entgegen allen Bahnauskünften in Bielefeld Hauptbahnhof. Die späteren entsprechenden Züge fahren durch bis Rahden über Bünde. Wir mussten also in den auf dem gleichen Bahnsteig gegenüber einfahrenden Zug nach Rahden umsteigen. Da keine Treppen zu überwinden waren, hielt sich der Umstand in Grenzen.

In Bünde kamen wir nicht wie angekündigt auf Gleis 2 sondern auf Gleis 4 an. Ja prima. Nun hieß es doch Treppen steigen und Fahrrad schleppen. Dass der Bahnsteig 2 in Bünde so niedrig ist, dass es schon einer akrobatischen Übung bedarf, ohne Fahrrad einzusteigen, sei hier nur am Rande erwähnt. Zu zweit schafften wir es, uns und die bepackten Räder in den Interregio zu befördern.

Was für eine Wohltat in Hannover. Der Bahnsteig in ordentlicher Höhe. Aufzüge, in die zwei bepackte Räder und zwei Menschen passen. Urlaubsstimmung machte sich breit. Frühzeitig standen wir an der durch den Wagenstandsanzeiger bezeichneten Stelle für unsere reservierten Fahrradplätze im letzten Waggon Nummer 19. Für uns hatten wir leider nur Sitzplätze im Nebenwaggon Nummer 18 bekommen. Wieder eine Lautsprecherdurchsage: „Beim IC Königssee fehlt heute der letzte Waggon. Fahrräder können nur im ersten Waggon mitgenommen werden.“ Na, das war wieder eine schöne Überraschung knapp fünf Minuten vor Einfahrt des Zuges. Aber etwas Bewegung ist ja gesund. Wir liefen also den ganzen Bahnsteig lang vom Bereich F bis zum Bereich A. Da kamen wir gut in den Waggon Nummer sieben und fanden auch für die Räder und uns noch Platz. Unsere reservierten Sitzplätze am anderen Ende des Zuges nahmen wir aus verständlichen Gründen nicht in Anspruch.

In Würzburg verlief alles „normal“. Es gibt weder Aufzüge noch Gepäcktransportbänder, nur Treppen. Der Regionalexpress nach Markt Bibart war sehr modern mit Mehrzweckabteil für Kinderwagen, Rollstuhlfahrer und Fahrräder. Es gab sogar eine Behindertentoilette. Wie ein Rollstuhlfahrer allerdings die steilen Treppen im Einstieg bewältigen soll, blieb uns schleierhaft. Für uns war es lediglich eine weitere Kraftanstrengung.

In Markt Bibart hieß es dann nur noch aussteigen. Auch hier gibt es keine Aufzüge. Stattdessen wurde eine aufwendige und radlergerechte Rampe zur Unterquerung der Gleise gebaut. Manchmal sind kleine Bahnhöfe eben doch komfortabler als große.

Fazit

Eine Reise mit der Bahn ist immer für Überraschungen gut.

Auch gleichlautende Auskünfte aus unterschiedlichen Quellen müssen nicht stimmen.

Vor Antritt einer Bahnreise mit dem Fahrrad empfiehlt sich der regelmäßige Besuch eines Fitnessstudios zwecks Aufbaus der Muskeln, um ein vollbepacktes Reiserad in Bahnhöfen treppauf, treppab tragen zu können. Vielleicht sollte die Bahn Radfahrern ein Krafttraining im Vorfeld der Reise anbieten.

Wir waren jedenfalls froh, dass wir für den Rückweg nur unser Fahrrad als Beförderungsmittel eingeplant hatten.

Die Radtour war übrigens sehr schön und frei von unliebsamen Überraschungen.

 

 

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