Klimawandel?

Ergebnisse des ADFC-Fahrradklimatests 2005

Von Thorsten Böhm

In diesem Jahr haben Umweltbundesamt und ADFC zum wiederholten Male eine bundesweite öffentliche Umfrage durchgeführt, um das "Fahrradklima" in Deutschland zu erforschen.

22 Fragen zu den Themen "Fahrrad- und Verkehrsklima", "Sicherheit", "Komfort des Radfahrens", "Stellenwert des Radverkehrs" und "Infrastruktur/Radverkehrsnetze" waren zu beantworten und dabei "Schulnoten" von eins bis sechs für die Städte zu vergeben (siehe auch Radnachrichten 2/2005). Die Ergebnisse liegen seit einigen Wochen vor.

Gewertet wurden die Städte in drei Größenklassen, was auch sinnvoll ist, will man nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Auf den jeweils ersten Plätzen finden sich die üblichen Verdächtigen Münster (Note 2,05) bei den Städten über 200 000 Einwohner, Erlangen (2,72) bei den Städten mit 100 000 bis 200 000 Einwohnern und Bocholt (2,10) bei den Städten unter 100 000 Einwohnern. Wie aber hat Bielefeld abgeschnitten und was hat sich gegenüber der letzten Umfrage im Jahre 2003 getan?

 

Die Noten für Bielefeld

Mit der Note 3,49 (2003: 3,70) tummelt sich die Stadt auf Platz 9 von 28 gewerteten Städten mit über 200 000 Einwohnern. Der Mittelwert in dieser Gruppe liegt in diesem Jahr bei 3,71. Da Bielefeld im Jahre 2003 den 12. Platz von 35 damals gewerteten Städten dieser Kategorie belegte, liegt es hier wei-terhin am Ende des oberen Drittels. In der Fußball-Bundesliga könnte in einer solchen Situation die Teilnahme am UI-Cup winken - ein Sprungbrett für größere Erfolge, wenn man die Chance nutzt und das Erreichte konsequent ausbaut und vertieft.

Die Gesamtnote dieses Jahres muss unter Berücksichtigung statistischer Unschärfen im Grunde als unverändert gegenüber 2003 bewertet werden. Aufschlussreicher ist daher der Blick auf die Einzelnoten.

Radfahren in Bielefeld bereitet den meisten Befragten offenbar leidlich Spaß (Note 2,64). Es wurde übrigens nicht erhoben, wie häufig und zu welchen Zwecken sie das Rad benutzen. Die in der hiesigen Lokalpresse veröffentlichte Vermutung, es seien wohl "Schönwetter- und Freizeitradler", denen das Radfahren in Bielefeld Spaß mache, wird daher von dieser Umfrage nicht gestützt. Da die Fragebögen in Publikationen von ADFC und Umweltbundesamt zur Verfügung gestellt worden sind, darf vermutet werden, dass überwiegend Menschen mit einem ernsthaften Interesse am Radfahren an der Umfrage teilgenommen haben. Ferner wurden nur solche Städte in der Rangliste gewertet, für die aufgrund der Menge beantworteter Fragebögen ein repräsentatives Gesamtergebnis gewährleistet werden kann. Die Anteile verschiedener Radlergruppen dürften daher bei den gewerteten Städten statistisch gesehen jeweils gleich sein. 

Abbildungen rechts: 

Oben - Kommt gut an: Wegweiser mit Ziel- und Entfernungsangabe - speziell für Radfahrer. Foto: Heinz-Gustav Dingerdissen

Mitte - Wichtig und richtig: Einbahnstraßen für Radverkehr in beiden Richtungen öffnen. Foto: Thorsten Böhm

Unten - Pluspunkt fürs Fahrradklima: Die Innenstadt ist gut erreichbar. Foto: Thorsten Böhm

 

 

Gut ... 

Besonders gelobt wird die Erreichbarkeit des Bielefelder Stadtzentrums (2,38). Auch die Wegweisung (2,81) für Radfahrer, in Bielefeld hauptsächlich mit Wegweisern des Radverkehrsnetzes NRW nach ADFC-Kriterien und der Umstand, dass viele Bevölkerungsgruppen das Rad nutzen (2,94) finden positiven Widerhall. Die Note 2,99 für Einbahnstraßen, die für den Radverkehr in Gegenrichtung geöffnet sind, zeigt die hohe Bedeutung solcher Maßnahmen. Hier sollte die Stadt in Zukunft noch besser punkten können, da nach der Umfrage weitere Einbahnstraßen in Bielefeld frei gegeben worden sind - die ersten seit langer Zeit.

... und schlecht 

Es gibt aber auch Bereiche, in denen größeres Besserungspotenzial schlummert. So etwa ist die Führung des Radverkehrs an Baustellen nach wie vor ein Schwachpunkt, den die Bielefelder Befragten mit einem "mangelhaft" (4,67) gerügt und damit der Stadt ein insgesamt besseres Abschneiden versaut haben. Dass es anders geht, zeigt Münster mit einer 2,49 in dieser Kategorie. Schlechte Noten gibt es in Bielefeld auch für die Überwachung des Falschparkens auf Radwegen (4,41), die Häufigkeit von Konflikten mit Kraftfahrzeugen (4,08) und das subjektive Sicherheitsgefühl (4,00).

Wenn es gelänge, besonders in diesen schlecht benoteten Bereichen noch aufzuholen, könnten die UEFA-Cup-Ränge ins Visier genommen werden. Im übrigen: Hat Arminia dem SC Preußen Münster nicht auch längst das Rücklicht gezeigt?

Schlusslicht Baustellen 

Wegen der Radverkehrsführung an Baustellen hat der ADFC im November 2005 erneut ein intensives Gespräch mit Vertretern der Stadtverwaltung geführt, das die Hoffnung auf eine positive Veränderung in diesem Punkte nährt. Wir hoffen, das rechtswidrige, überflüssige und auch für Autofahrer missverständliche "Radfahrer absteigen" in Zukunft nicht mehr sehen zu müssen.

Auch die Baustellengestaltung durch die ausführenden Firmen lässt nicht selten zu wünschen übrig und verdirbt der Stadt eine bessere Note. 

Abbildungen links:

Oben - Mit "Mangelhaft" bewertet: Die Führung des Radverkehrs an Baustellen. Foto: Thorsten Böhm

Mitte - Vorsicht, sonst Brillenhämatom: Mit dem Baustellenschild auf Augenhöhe. Foto: Thorsten Böhm

Unten - In Bielefeld ein zu selten geahndetes "Kavaliersdelikt": Parken auf Radwegen. Foto: Thorsten Böhm 

 

Stiefkind der Politik 

In einem gewichtigen Bereich zum Vorteil des Fahrradklimas hat Münster die Nase derzeit noch vorn: Dem konsequenten, parteienübergreifenden und öffentlich geäußerten Bekenntnis der lokalen Politik zum Rad als selbstverständlichem Massenverkehrsmittel.

Die vollständigen Ergebnisse des Fahrradklimatests 2005 finden sich im Internet unter www.adfc.de

 

Was hat Münster, was Bielefeld nicht hat?

In Münster ärgern sich Radfahrer laut ADFC-Fahrradklimatest häufiger über gestohlene Fahrräder als in Bielefeld. In allen anderen Kategorien wird Münster besser benotet als Bielefeld. Die größten Unterschiede gibt es in Bereichen, die wenig mit dem Bau von Radwegen und anderer Infrastruktur zu tun haben, nämlich ...

"Bei uns wird viel für das Radfahren geworben"

  • Münster:   Note 1,77
  • Bielefeld: Note 3,78

"An Baustellen werden Radfahrer bequem und sicher vorbeigeführt"

  • Münster:   Note 2,49
  • Bielefeld: Note 4,67

"Die Stadt überwacht streng, dass Autos nicht auf Radwegen parken"

  • Münster:   Note 2,40
  • Bielefeld: Note 4,41

Quelle: ADFC-Fahrradklimatest 2005

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