WDR-Rad-Kultour

Von Ingrid Dingerdissen

Frühsommer 2004: Vom 14. bis 19. Juni sind wieder einmal 20 ausgewählte Fernsehzuschauer der WDR-„Lokalzeit“ mit dem Fahrrad unterwegs in Ostwestfalen-Lippe. Thema der Tour ist in diesem Jahr die Kultur in der Region. Die Routen haben wie in den letzten Jahren Günter Brinkmann vom ADFC Lippe sowie Heinz-Gustav Dingerdissen und ich vom ADFC Bielefeld ausgearbeitet. Das „Pausenprogramm“ lag in der Verantwortung des WDR. 

Vielfältig waren die Angebote, die unterwegs wahrgenommen wurden. Die Teilnehmer durften nicht nur zuhören oder zusehen, vor allem Mitmachen war angesagt.

Froh zu sein bedarf es wenig

Die ersten drei Tage radeln wir durch die Kreise Herford und Minden-Lübbecke. Die Ausstellung „1 m2=max.“ im noch nicht ganz fertigen Museum MARTa in Herford und die Skulptur „Meet the angel“ sowie Texte von Herta König auf dem Gut Böckel in Rödinghausen bieten erste Kunsteindruücke durch Ansehen und Zuhören. Im Kunstnest Arthorst in Schnathorst können die Teilnehmer dann selbst Hand anlegen. Beim Arbeiten mit Stein entdeckt manch einer ein bisher verborgenes Talent in sich. An der Windmühle Südhemmern wird gesungen. Auch wenn es vielleicht zu Beginn noch Hemmungen gibt, bald ertönt der vielstimmige Kanon „Froh zu sein bedarf es wenig ...“.

Die Skulptur "Meet the Angel" von Emilia und Ilya Kabakov im Gutspark Böckel war ein Ziel der WDR-Rad-Kultour 2004. Foto: Heinz-Gustav Dingerdissen

 

Radler als Künstler

Für uns reichen weiterhin trockenes Wetter und eine pannenfreie Tour, um froh zu sein. Die Route führt uns nach Großenheerse zur Künstlergruppe Gro(w)Art. Hier wird gemalt. Beim Landart-Festival im Herbst wird eines der Bilder sogar ausgestellt werden. In Windheim bringt uns der Künstler Klaus Meier-Warneboldt die geheimnisvolle Geschichte eines alten Bootes näher.

 

Landart- und Storchenroute

Die Strecke links und rechts der Weser ist wunderbar zu fahren, so gut wie keine Steigungen, und sogar der Gegenwind hält sich in Grenzen.Wir radeln durch das Scheunenviertel in Schlüsselburg und queren die Weser bei den Aalfängern am Weserwehr. Ab Petershagen geht es dann direkt am Fluss entlang auf dem Weser-Radweg bis Minden. Hier an der Schiffsmühle findet am Mittwochabend die Livesendung statt.

 

Erfrischungen lauern auf dem Weser-Radweg. Foto: Heinz-Gustav Dingerdissen

Sturz mit Folgen

Zur nächsten Station, der Burg Sternberg, wo am Donnerstagmorgen ein Trommelkurs auf dem Programm steht, fahren wir aus Zeitgründen mit dem Bus, die Räder im Spezialanhänger sicher untergebracht. Mittelalterliche Musikanten empfangen uns. Mit Musik soll es dann in den Burghof gehen.

Leider stürzt der Teilnehmer Werner bei der Auffahrt so unglücklich, dass er ins Krankenhaus transportiert werden muss. Noch am selben Tag wird seine gebrochene Hüfte operiert. Seinen Optimismus hat er nicht verloren, und er wünscht uns eine gute Weiterfahrt. Die haben wir, aber unsere Gedanken sind noch oft bei ihm.

Kunst und Natur

Am Gut Wendlinghausen, unserer nächsten Station, wird gerade die Skulptur „Le maman“ aufgestellt, eine zehn Meter hohe Spinne. So etwas sieht man nicht alle Tage. Der Park des Gutes Wendlinghausen ist aber auch sonst sehr schön. Kunstwerke im alten Baumbestand laden zum Spaziergang ein, der Gutsherr hat auch nichts gegen ein Picknick einzuwenden.

Abwechslungsreiches Lippe

Im Blaudruck-Café in Schieder dürfen die Teilnehmer sich selbst an dieser Kunst der Stoffveredelung versuchen. Diese Möglichkeit hat der Einzelbesucher nicht, aber ein Besuch lohnt sich schon wegen der wunderbaren Atmosphäre und des köstlichen Kuchens, der dort angeboten wird. Hier in Lippe treffen wir auch auf die Feinde des Radfahrers, die Berge. Es sind zwar keine allzu langen Anstiege, aber einige knackige Passagen haben es durchaus in sich. Einige Teilnehmer praktizieren nun ab und zu das „Radwandern“ (Schieben).

Warten aufs WDR-Kamerateam. Foto: Heinz-Gustav Dingerdissen

 

Nur Fliegen ist schöner

Im Gut Holzhausen können wir nach dem biologischen Imbiss Windräder bauen. Das art kite museum für Kunst und Flugobjekte ist zu Besuch und hat passend zur aktuellen Ausstellung „abheben! 1000 träume vom fliegen“ Material für Windräder mitgebracht. Bei der Weiterfahrt drehen sich einige Rädchen an den Fahrradlenkern. Leider folgen ein paar leichte Schauer, die dem Papier nicht so gut bekommen. Die Windrädchen verschwinden im Gepäck und wir müssen weiter strampeln, um unser nächstes Ziel zu erreichen.

Ein zwielichtiges Volk

Am letzten Tag ist das schauspielerische Talent der Teilnehmer gefordert. Auf der Freilichtbühne Bökendorf landen die Damen der Gruppe bei einer Probe für die Bettleroper im Bordell, daraufhin schließen sich die Herren den Räubern an. Es macht allen viel Spaß, auch uns ADFClern.Wir haben die schwierige Rolle des Publikums übernommen.

Abschied

Am Ende unserer Radtour quer durch Ostwestfalen-Lippe dürfen wir uns in Brakel an einem Monumentalgemälde über die Stadtgeschichte beteiligen. Heimlich wird Günter als ADFCler in das Gemälde hineingeschmuggelt.Wir nehmen allerdings an, dass er inzwischen wieder übermalt ist und vielleicht in ein paar hundert Jahren durch Restaurateure wieder freigelegt wird. Zuletzt gilt es den Mega-Kulturbeutel zu leeren. Der war während der gesamten Reise dabei. In ihm wurden wichtige Erinnerungsstücke gesammelt. Da kommen interessante Dinge zutage: ein Stein vom Bildhauer Peter Paul Medzich, ein Fahrradständer von Hubertus, der beim Start häufig vergaß, seinen Fahrradständer einzuklappen, ein Stöckchen als Synonym für die Pinkelpause (wir gingen ins Gehölz) und eine Mullbinde für den Unfall von Werner, der die Operation gut überstanden hat und unsere Fahrt nun vom Krankenbett aus verfolgt.

Zum guten Schluss

Außer dem unglücklichen Unfall gab es etliche Pannen, so dass Günter in den Pausen und an manchen Abenden voll in seinem Element als Schrauber war. Das Wetter meinte es überwiegend gut mit uns: Meist fiel der in diesem Frühsommer unvermeidliche Regen,wenn wir uns sowieso zur Pause in einem geschlossenen Raum aufhielten. Die Radtour zeigte uns wieder einmal, wie schön es doch in unserer näheren Umgebung ist. Und wer an Kunst und Kultur interessiert ist, der findet hier viele unterschiedliche Angebote.

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