Neues zum Toten Winkel

Von Thorsten Böhm

In den Radnachrichten 1/2004 und 2/2004 haben wir über die Gefahren für Radfahrer berichtet, die von rechts abbiegenden Lastwagenfahrern übersehen werden. Ursache dafür ist der „tote Winkel“, ein Bereich neben der rechten Seite des Lastwagens, den dessen Fahrer weder durch seine Seitenfenster noch durch die rechten Seitenspiegel einsehen kann. In den Niederlanden ist nach der Einführung des neuartigen „Dobli“-Seitenspiegels die Unfallquote seit 2001 um 42 Prozent gesunken. Seit dem 1. Januar 2003 ist die Ausrüstung von Lkw mit diesem vierten rechten Außenspiegel dort zur Pflicht geworden, und die Unfallquote hat sich seither weiter verringert.

Eine am 29. Januar 2004 beschlossene EU-Richtlinie (etwas präziser:„Richtlinie 2003/97/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 10. November 2003 zur Angleichung der Rechtsvorschriften der Mitgliedstaaten für die Typgenehmigung von Einrichtungen für indirekte Sicht und von mit solchen Einrichtungen ausgestatteten Fahrzeugen sowie zur Änderung der Richtlinie 70/156/EWG und zur Aufhebung der Richtlinie 71/127/EWG“) bleibt in ihren Anforderungen an das Sichtfeld deutlich hinter dem Standard des niederländischen „Dobli“-Spiegels zurück. Zudem sieht sie lediglich die Ausstattung neuer Lkw über 7,5 Tonnen vor. Die EU-Mitgliedsstaaten können sich überdies noch bis zum 29. Januar 2007 Zeit lassen, die Richtlinie in nationales Recht umzusetzen.

Der ADFC Berlin hat das Bundesverkehrsministerium wegen des seiner Ansicht nach ungenügenden Umgangs mit der Problematik des „toten Winkels“ kritisiert. Nach Schätzungen des ADFC sterben etwa die Hälfte der Radfahrer, die im Straßenverkehr tödlich verunglücken,weil sie von einem Lkw-Fahrer im toten Winkel übersehen worden sind. Inzwischen scheint der Protest Wirkung zu zeigen. 

Bundesregierung bessert nach

Die Bundesregierung will nun schon ab 2005 die Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) so ändern, dass der tote Winkel rechts vom Fahrzeug verringert wird.„Wir ändern die Verkehrszulassungsordnung“, sagte Felix Stenschke, Sprecher des Bundesverkehrsministeriums, anlässlich einer Pressekonferenz im Juni 2004.„Ab Anfang 2005 schreiben wir ein größeres Sichtfeld für alle Lastkraftwagen ab 3,5 Tonnen vor.“

Das heißt, dass Lkw mit besseren Spiegeln ausgerüstet werden müssen, die den Fahrern den größten Teil des toten Winkels sichtbar machen. Stenschke erklärte, dies solle nicht nur für Neufahrzeuge, sondern auch für ältere Laster Pflicht werden. Allerdings lehnte er die Einführung des in den Niederlanden bereits üblichen „Dobli“-Spiegels ab. Die Bundesregierung werde nicht ein bestimmtes Produkt zur Pflicht machen, sondern ein „Soll-Sichtfeld“ für den Lkw-Fahrer vorschreiben.

Spieglein, Spieglein ...

Alle Beteiligten sind sich darüber einig, dass diese Änderung der StVZO notwendig ist. Wie der neuen Vorschrift aber am besten entsprochen wird, darüber herrscht Streit. Dabei geht es um zwei verschiedene Typen von Lkw- Außenspiegeln.

  • Der bereits erwähnte „Dobli“ stammt aus den Niederlanden. Dort sind bereits seit Anfang 2003 per Gesetz größere Sichtfelder vorgeschrieben und der 1997 entwickelte Dobli-Spiegel hat sich durchgesetzt. Er wird unterhalb der Frontscheibe als zusätzlicher, vierter rechter Außenspiegel montiert und kostet etwa 150 Euro.
  • Der andere Typ ist der bereits übliche Weitwinkelspiegel auf der rechten Seite – nunmehr ausgestattet mit neu entwickelten, stärker gekrümmten Spiegelgläsern. Diese werden vom deutschen Spiegelhersteller Mekra auf den Markt gebracht. Nach dessen Angaben liegen die Kosten bei 60 Euro pro Spiegel, wobei allerdings auch die Spiegel auf der linken Seite ausgetauscht werden müssten.

Benno Koch, Fahrradbeauftragter des Berliner Senats und Landesvorsitzender des ADFC Berlin, hält den niederländischen Dobli-Spiegel für die beste Lösung:„Er hat sich seit Jahren in den Niederlanden bewährt und lässt so gut wie nichts vom toten Winkel übrig.“ Dieser Meinung ist auch Martin Keune, Initiator der Berliner Initiative „Weg mit dem toten Winkel“. Er kritisiert am Weitwinkelspiegel:„Durch die stärkere Krümmung der Gläser werden die Objekte im Spiegel immer kleiner und Entfernungen schlechter einzuschätzen.“

Mekra-Vertriebsleiter Bernd Engel verteidigt sein Produkt. Die Objekte würden im Spiegel zwar unrealistischer dargestellt, trotzdem aber werde der Fahrer auf Gefahren aufmerksam gemacht.

Das Verkehrsministerium hat auch etwas am „Dobli“-Spiegel auszusetzen. Staatssekretärin Iris Gleicke kritisiert, er könne nicht vibrationsfrei befestigt werden und behindere die Sicht nach vorne. Diese Kritik hält Benno Koch für verfehlt. Sie sei ein Zeichen für mangelnde Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Niederländer hätten das Vibrationsproblem schon vor Jahren gelöst.

Dass die Bundesregierung nicht ein bestimmtes Produkt zur Pflicht machen, sondern ein „Soll-Sichtfeld“ für den Lkw-Fahrer vorschreiben will, ist an sich noch nicht kritikwürdig. Allerdings fehlten der Radnachrichten-Redaktion bis zum Redaktionsschluss Informationen darüber, wie streng die zukünftigen deutschen Anforderungen an dieses Sichtfeld sein sollen.

Neue Spiegel an alten Gurken

In einem anderen Punkt hat das Ministerium inzwischen nachgegeben. Bis vor einigen Wochen hatte Gleicke noch erklärt, die Nachrüstung älterer Lkw solle „soweit technisch möglich“ auf „freiwilliger Basis“ geschehen. Nicht nur die CDU, sondern auch die Grünen im Bundestag hatten diese Idee zurück gewiesen.„Wie alle Selbstverpflichtungen kann das nicht richtig funktionieren“, so der Abgeordnete Winfried Hermann (Grüne). Nun wird auch die Nachrüstung der bereits über die Straßen rollenden Fahrzeuge vorgeschrieben werden, wie es in den Niederlanden auch schon der Fall ist.

Außerdem soll die StVZO-Änderung bereits für Lkw ab 3,5 Tonnen gelten. Deutschland und die Niederlande gehen also mit der Nachrüstungspflicht über die kürzlich verabschiedete EU-Richtlinie gegen den toten Winkel hinaus. Diese schreibt größere Sichtfelder für Lkw erst ab Januar 2007 und dann auch nur für Neufahrzeuge ab 7,5 Tonnen vor.

„Wir werden zusammen mit den Niederländern eine Initiative auf EU-Ebene einbringen, um die Nachrüstungspflicht in der Richtlinie zu ergänzen“, heißt es deswegen aus dem Verkehrsministerium. Für Deutschland sei die Änderung der StVZO bereits ausgearbeitet, nur der Bundesrat müsse noch zustimmen, bevor die neuen Paragraphen in Kraft treten.

Diese Entwicklung erkennt bei aller Kritik und Streit um den besten Spiegel auch Benno Koch (ADFC Berlin) an:„Wir sind jetzt schon einen Riesenschritt weiter gekommen in Richtung Sicherheit für Fahrradfahrer und Fußgänger.“

 

Bessere Sicht für Lkw-Fahrer an der Heeper Straße. Aus der Nähe können auch Radfahrer erkennen, ob von hinten Gefahr droht. Fotos (2): Thorsten Böhm

 

Stadt Bielefeld handelt selbst

Im vergangenen Jahr (2003) gab es Bielefeld leider zwei Unfälle zwischen Radfahrern und Lkw, bei denen die Radfahrer tödlich verletzt worden sind. Ursache war wohl auch hier, dass die Lkw-Fahrer die Radfahrer im „toten Winkel“ nicht gesehen hatten. Das Amt für Verkehr der Stadt Bielefeld hat an beiden Unfallorten (Kreuzungen Eckendorfer Straße/Stadtholz und Heeper Straße/Otto-Brenner- Straße) Spiegel installiert, die nun einen Blick in den „toten Winkel“ ermöglichen sollen. Die Spiegel sind beheizbar, um ein Beschlagen oder Vereisen zu verhindern.

 

Mehr zu diesem Thema in den Bielefelder Radnachrichten

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