Der Letzte seiner Art

Von Thorsten Böhm

Foto: Stadt Bielefeld

Ungefähr ein Jahr ist es her, seit Hansjörg Gerber, ab 1997 der erste und bis auf weiteres wohl letzte Bielefelder Fahrradbeauftragte, aus dem aktiven Dienst bei der Bielefelder Stadtverwaltung ausgeschieden ist. Zeit genug für ihn, seine Erfahrungen zu verarbeiten und Grund genug für die Redaktion der Bielefelder Radnachrichten, ihn danach zu befragen.

 

 

 

Radnachrichten:

Die Stelle des Fahrradbeauftragten hat es vor Ihrer „Inthronisation“ in Bielefeld nicht gegeben. Gab es eine konkrete Aufgabenbeschreibung für Sie oder hat man Ihnen die Möglichkeit gegeben, diese Tätigkeit nach eigenen Vorstellungen zu gestalten?

Hansjörg Gerber:

Konkrete Aufgabenbeschreibung würde ich nicht sagen. Aber die Felder waren ungefähr abgesteckt – und auch, wie ich agieren sollte. Ein Teil war auch Vorgabe des Landes. Die Stelle des Fahrradbeauftragten wurde geschaffen, weil wir Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Städte in NRW werden wollten. Es wurde quasi erwartet, neben Geld auch Personal bereit zu stellen,wenn man denn wirklich fahrradfreundlich werden wollte.

Nachdem ich gefragt worden bin, ob ich die Stelle übernehmen wolle, habe ich meine Vorstellungen erläutert. Ich sah mich als Moderator, Initiator und Vermittler für Radverkehrsbelange. Auch erwartete ich eine entsprechende Handlungsvollmacht, um auch gehört zu werden.

Letzteres musste ich im Laufe der Zeit mehrfach einfordern und mir nachdrückliche Unterstützung holen. Denn: Meine Stelle war neu, ihr Name war neu und dieser Name ist ja auch ein bisschen stigmatisierend und daher nicht immer unbedingt hilfreich. 

Ich habe auch in meiner Abschiedsrede darauf hingewiesen, dass eine namentliche Funktionszuweisung hinderlich sein kann, denn man schafft damit sofort eine bestimmte Standortzuweisung und wenn ich eine solche Position schaffe, handele ich mir damit gleichzeitig auch Gegenpositionen ein. Insofern würde ich entweder mehrere Zuständigkeiten zusammen fassen,um einen größeren gemeinsamen Nenner zu haben, oder aber stillschweigend eine Person bestimmen, die die Belange des Radverkehrs koordiniert und moderiert.

Hat die Stelle des Fahrradbeauftragten Dinge erst ermöglicht, die ohne diese Stelle nicht möglich gewesen wären, oder war es wegen der Gegenpositionen eher anders herum?

Nein, ohne diese Stelle, die damals geschaffen wurde,wären die Dinge, die in dieser Zeit bewegt worden sind, nicht machbar gewesen.

Es ist ja immer auch so: Wenn Sie einen Menschen für eine Aufgabe bestimmen, wird er – wenn er denn natürlich strukturiert ist – zeigen wollen, dass es diese Aufgabe wirklich gibt und was man zur Bewältigung dieser Aufgabe alles tun kann. Der Bedarf war in Bielefeld ja nun wirklich da, und daraus ergaben sich Aufgaben, die wir im normalen Alltagsgeschäft der Verwaltung gar nicht in Angriff hätten nehmen können. Die ganzen Werbeaktionen: „Miteinander geht mehr“, das Miele- Projekt, das Kino-Projekt und so weiter, all dies wäre sicherlich nicht gekommen, wenn nicht die Position des Fahrradbeauftragten geschaffen worden wäre.

Gab es Treffen mit anderen Fahrradbeauftragten, und wie haben diese ihre eigene Position empfunden?

Es gab regelmäßige Treffen auf Landesebene mit anderen Fahrradbeauftragten, die in ihren Städten unterschiedlich eingebunden waren. In der Hierarchie ging das los bei einem Leitenden Baudirektor bis hin zu einem Sachbearbeiter in irgend einer Abteilung.

Je nach Stadt war die Stelle des Fahrradbeauftragten unterschiedlich bestimmt, und Bielefeld hat dem Fahrradbeauftragten nicht nur Geld, sondern auch eine gewisse Vollmacht gegeben, mit der man auch etwas bewegen konnte.

Was verspricht den größten Erfolg, wenn man das Ziel hat, möglichst viele Menschen für einen Umstieg aufs Rad zu begeistern: Radverkehrs-Infrastruktur zu schaffen (zum Beispiel Radwege, Abstellanlagen, Wegweisung) oder doch eher werbende Maßnahmen?

Ich denke, dass eine grundsätzliche Infrastruktur vorhanden sein sollte. Das ist wichtig, denn sonst werden alle Bekenntnisse der Stadt zur Fahrradfreundlichkeit von den Menschen nicht als ehrlich empfunden. Ich muss also eine Grundinfrastruktur als „Hardware“ bereit halten.

Aber ich glaube, dass die „Software“ im Grunde genommen wichtiger ist. Wichtig wäre ein Grundkonsens von Wirtschaft,Verwaltung und Politik, nach dem Motto „Fahrrad fahren ist gut“, das die Presse wohlwollend verbreiten müsste.

Und ganz wichtig ist dann, dass es Vorreiter gibt, die es auch wirklich tun: Wichtige Protagonisten werden gebraucht aus Einzelhandelsverband und bekannten Bielefelder Firmen, damit die Politik sich auch ein bisschen in die Pflicht genommen fühlt.

Eine nachhaltige Verkehrspolitik, mit der ich den Menschen ein Umstiegsangebot mache, ohne anderes zu verteufeln oder zu verbieten, könnte eigentlich von allen Parteien – so sie denn unbefangen sind – gestützt werden.Wenn von Wissenschaft und Wirtschaft ein entsprechender Druck käme, dann müsste Politik folgen und würde vielleicht manchmal weniger befangen entscheiden.

Zusammenfassend: Ich bin der Meinung, dass man mit der Geisteshaltung, wirklich fahrradfreundlich zu werden – wie es in Holland eine Selbstverständlichkeit ist – viel mehr erreichen kann, als mit allen anderen Mitteln.

Warum gibt es in Bielefeld keine exponierten Persönlichkeiten, die wie der Bremer Oberbürgermeister Scherf oder der langjährige Münsteraner Oberbürgermeister und jetzige Regierungspräsident Twenhöven (CDU) mit der Autorität ihres Amtes öffentlich für eine Fahrradnutzung im Alltag werben?

Es gibt prominente Fahrradnutzer, aber nicht als Alltagsradfahrer.Wichtiger als ihre Parteizugehörigkeit ist die persönliche Einstellung der in der Verkehrspolitik agierenden Personen.Wenn Sie dort überall den richtigen Mann haben, wird es im Grunde genommen sehr viel einfacher. In den Parteien ist es ja so, dass verschiedene Mitglieder die verschiedenen Themen verwalten. Und wenn dann für die Verkehrspolitik jemand ausgesucht wurde, der mehr dem Auto zugewandt ist, dann können Sie auch nicht erwarten, dass dabei etwas heraus kommt,was die Fahrradpolitik nach vorn bringt.

Und da muss ich auch sagen: Es ist mir nicht gelungen, die Stimmungslage da entscheidend zu verändern, in dem Sinne „Wir wollen den Menschen ein Angebot machen – wie sie sich dann entscheiden, ist ihr Ding.Wir sind keine Missionare, aber Verkehrsplaner, die gerne ein nachhaltiges Angebot machen möchten.“. Klar, man will dann unterstützen, dass die Leute es auch wahrnehmen. Aber nicht missionieren, weil man dadurch nur polarisierende Positionen erzeugt, sondern ein Angebot schaffen.

Ist Bielefeld fahrradfreundlich?

Jetzt sage ich zuerst was zur Struktur. Davon ausgehend,was Bielefeld in den letzten Jahren gemacht hat und was auch in diesem Jahr ohne den Fahrradbeauftragten dazu gekommen ist – Dinge, die wir in der Verwaltung noch gemeinsam vorbereitet haben – finde ich, dass Bielefeld fahrradfreundlich ist. 

Einen wirklichen Geist der Fahrradfreundlichkeit haben wir in dieser Stadt aber nicht hingekriegt. Zwar haben wir die Aktion „Miteinander geht mehr“ zusammen mit der Universität gemacht und die Aktion „Ich fahre auch Fahrrad/ Ich fahre auch Auto“ mit Aufklebern für Autos und Fahrräder.Wir haben auf das Miteinander der Verkehrsteilnehmer gedrängt, aber in den Köpfen ist es noch nicht.

Das liegt nicht nur an den Autofahrern, nicht nur an der Politik, das liegt auch an den Radfahrern.Verschiedene Radfahrer vertreten genauso polarisierende Ansichten. Sie gebärden sich im Straßenverkehr wie Egomanen und finden es zum Beispiel schick, bei „Rot“ über die Kreuzung zu fahren. Es sind einige wenige, so wie es in der Gesellschaft immer einige wenige sind, aber diese wenigen erzeugen ein Klima.

Die Unfälle sprechen eine beredte Sprache darüber, dass Radfahrer leider häufig selbst diejenigen sind, die einen Unfall verursachen, indem sie zum Beispiel auf der falschen Straßenseite an eine Einmündung heran fahren – ein ganz fataler Fehler nach dem Motto „Mir passiert schon nichts.“.

Nach meinem Eindruck missbrauchen einige Politiker individuelles Fehlverhalten von Radfahrern als Begründung dafür, keine Radverkehrsförderung zu betreiben, obwohl diese auch den Verkehrsteilnehmern und Anwohnern zu Gute käme, die selbst nicht Rad fahren. Verkehrspolitik darf aber nicht pauschale Belohnung für individuelles Wohlverhalten oder pauschale Bestrafung für individuelles Fehlverhalten zum Ziel haben.

Da gebe ich Ihnen recht.Wenn man jetzt mal nur auf die Radfahrer schielen würde, müsste man sich als Verkehrsplaner in dem Moment,wo ein Radfahrer auf der falschen Seite fährt, fragen: „Habe ich was falsch gemacht?“.

Leider ist der Verkehrsraum in der Innenstadt knapp und kann nur einmal verteilt werden.Wie, entscheidet die jeweilige politische Mehrheit.

Ich bin aber grundsätzlich der Meinung, dass verschiedene Bereiche der Verkehrsplanung und -lenkung, die auch mit Gefahrenabwehr, also Unfallvermeidung, zu tun haben, nicht mehr in der Politik zu entscheiden sind. In den Fachbehörden – Polizei, Straßenverkehrsbehörde oder einem Fachamt wie zum Beispiel das Amt für Verkehr – sind diese Entscheidungen besser aufgehoben und sollten der Politik allenfalls zur Kenntnis gegeben werden. 

Es kann nicht sein, dass die Verkehrswissenschaft Feststellungen zum Radverkehr trifft, und kommunale Bezirkspolitiker meinen, sie wüssten es besser. Ich denke jetzt insbesondere an den Radverkehr in Einbahnstraßen in Gegenrichtung, der seit zwanzig Jahren immer wieder untersucht worden ist. Das Veto dieser Politiker führt dazu, wovor die Verwaltung immer warnt, nämlich dass Radfahrer ihr Recht selbst in die Hand nehmen. Beispiele kennen wir in der Bielefelder Innenstadt zur Genüge,wo dem Radfahrer die Durchfahrt verboten ist, er aber doch durchfährt.

Die geänderte Straßenverkehrsordnung jedoch propagiert für den Aufbau eines Radverkehrsnetzes ganz bewusst Fahrradstraßen und die Öffnung von Einbahnstraßen. Und bevor in Deutschland ein Gesetz gemacht wird, das so etwas erlaubt, ist das auch hinreichend geprüft worden! Das sollte die Politik auch akzeptieren und nicht meinen, sie wüsste es besser. Ich habe manchmal gedacht:„Würdet ihr doch bloß ’mal auf dem Fahrrad sitzen!“.

Seit fast einem Jahr sind Sie nun nicht mehr Fahrradbeauftragter. Haben Sie etwas mitgenommen aus dieser Zeit?

Ich habe mitbekommen, dass es offensichtlich sehr, sehr schwer ist, Leute ernsthaft und nachhaltig zu bewegen und zu motivieren. Man kann noch so gute Gründe haben, aber menschliches Verhalten ist offensichtlich so tief verwurzelt, dass man eigentlich therapeutische Begleitung haben müsste,um den Einzelnen zu einem anderen Handeln zu bewegen. Oder eben einen langen Atem. Ein langer Atem heißt aber auch viel Geld, um etwas verändern zu können.

Grundsätzlich war es eine schöne Zeit, die auch einige Erfolge gebracht hat, aber ich hätte mir noch mehr gewünscht.

Und wenn eine gute Fee Ihnen nun drei Wünsche erfüllen wollte?

(Überlegt) Ich schaue jetzt mal nur auf das Feld, das ich beruflich beackert habe: Ich würde gern bestimmen können, welche Personen wo sitzen. Dann hätte ich gerne viel Geld, um dem Radverkehr eine wirklich gute Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Der dritte Wunsch ... wäre eigentlich ein friedliches Miteinander im öffentlichen Raum. 

 

 

 

Epilog

Mitte September (2004) fand sich in den Briefkästen vieler Bielefelder Haushalte ein persönlich gehaltener Brief des Oberbürgermeisters, worin er die Erfolge seiner Arbeit preist und die Lektüre einer dem Brief beigelegten „Erfolgsbilanz“ empfiehlt. Dort wiederum rühmt sich David,„Pöstchen abgebaut“ zu haben. 

Und dann wird er konkret:„Beauftragtenunwesen, wie Fahrradbeauftragter usw., wurden ebenso abgeschafft wie politische Pöstchen ...“.

Ich erlaube mir festzustellen: Nach allgemeinem Verständnis steht der finanziellen Zuwendung an den Inhaber eines Pöstchens keine angemessene oder gar sinnhafte Leistung gegenüber. Es ist schon bemerkenswert, dass der Chef der Bielefelder Stadtverwaltung auf diese Weise nicht nur die Arbeit seines langjährigen engagierten Mitarbeiters nach dessen altersbedingtem Dienstende öffentlich herabwürdigt, sondern auch die Inhalte der Arbeit eines Fahrradbeauftragten, nämlich Radverkehrsförderung, pauschal in Frage stellt.

Thorsten Böhm

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