Westfälisches Venedig

Auch mit Radwegen möglich: die freigelegte Lutter an der Straße Am Bach. (Illustration: Franz-Josef Wiewel)

 

Von Thorsten Böhm

Westfälisches Venedig – mit dieser Assoziation an die Lagunenstadt bewirbt eine Broschüre des Vereins Pro Lutter e. V. ein Projekt, das im Juli 2003 auch in der Lokalpresse einigen Wirbel entfacht hat, weil der Verein hierfür eine Umgestaltung der Straße Am Bach vorgeschlagen hat. Latte macchiato vor der Kaffeebar am Canale Grande in der Altstadt? Mit Blick auf den Palazzo Moelli und die ins Parkhaus einfahrenden vaporetti? Und was hat das mit Radverkehr zu tun? Tretboot fahren auf der Lutter statt Rad fahren in der Lutterstraße?

Der Bach namens Lutter wird derzeit zwischen Café Rodin (am Nebelswall) und dem Stauteich I (im Grünzug zwischen Innenstadt und Heepen) unterirdisch geführt. Der Verein Pro Lutter möchte in diesem Bereich zusätzlich zu dem weiterhin bestehenden unterirdischen Kanal einen oberidischen Wasserlauf anlegen. Er soll unter anderem durch die Straße Am Bach und die Ravensberger Straße verlaufen. Die vorgesehene Breite dieses oberirdischen Kanals im Straßenraum soll im Mittel 1,80 Meter betragen, seine Tiefe etwa 80 Zentimeter bei einer Wassertiefe von 20 Zentimetern bei normalem Wasserstand. Die Realisierung dieses Projektes ist nicht nur von einer lokalpolitischen Zustimmung, sondern auch von einer derzeit noch nicht absehbaren finanziellen Unterstützung durch das Land Nordrhein-Westfalen abhängig.

Überraschender Vorschlag

Der Bauherr Möllmann des „Welle-Hauses“ muss im Herbst 2003 die bei den Bauarbeiten beschädigte Straße Am Bach vor seinem Neubau wieder herrichten. Der Verein Pro Lutter hat darauf hin vorgeschlagen, den Straßenquerschnitt bei dieser Gelegenheit so zu verändern, dass Platz für die mögliche spätere Anlage eines oberirdischen Lutterverlaufs mit den geplanten Maßen verbleibt. Die vorhandenen Radwege in der Straße Am Bach seien bei der Herrichtung der Straße vor dem „Welle-Haus“ ersatzlos zu entfernen.

Der ADFC meldet sich zu Wort

Ein Artikel in der „Neuen Westfälischen“ vom 21. Juni 2003 erweckte den Eindruck, der ADFC sei mit einer solchen Maßnahme einverstanden. Das war insoweit irreführend, als es bis dahin zwischen Radfahrerverbänden und dem Verein Pro Lutter keinerlei Besprechungen, geschweige denn einen Konsens über die ersatzlose Entfernung der Radwege gegeben hatte. Der zuständige NW-Redakteur hat auf Nachfrage dem ADFC Bielefeld gegenüber eingeräumt, die entsprechende Passage seines Artikels beruhe auf einer unrecherchierten Vermutung seinerseits.

Da für die mögliche Neugestaltung der Straße ein politischer Beschluss auf lokaler Ebene notwendig war, hat der ADFC seine Position in dieser Frage in Gesprächen und mit Briefen gegenüber den Mitgliedern des Umwelt- und Stadtentwicklungsausschusses, der Bezirksvertretung Mitte, dem Oberbürgermeister, dem Baudezernenten und Vertretern des Amtes für Verkehr verdeutlicht.

Gute Gründe

Er hat dringend daran appelliert, darauf hinzuwirken, dass die Straße Am Bach auch zukünftig über Radverkehrsanlagen verfügt, die dem durch die Praxis dokumentierten Schutzbedürfnis gerecht werden. Der ADFC hat die Angelegenheit auch mehrfach mit Vertretern von Pro Lutter diskutiert und dabei Wert auf einen Konsens gelegt. Pro Lutter war jedoch nicht bereit, seine Planungen (zum Beispiel hinsichtlich der Breite des Kanals) zu modifizieren. Auch in Pressemitteilungen hat der ADFC klar gemacht, dass er zum einen eine ersatzlose Entfernung der Radwege nicht befürwortet und zum anderen eine Lutterfreilegung und Radverkehrsanlagen ohnehin keinen Widerspruch darstellen.

Theorie und Praxis

Die Hochbordradwege in der Straße Am Bach leiden insbesondere im Bereich von Einmündungen und Ausfahrten unter schlechten Sichtbeziehungen zwischen Rad- und Kraftfahrern. Der ADFC Bielefeld hatte sich daher bereits vor einigen Jahren (1998) dafür eingesetzt, die Radwegbenutzungspflicht hier aufzuheben. Wenn Pro Lutter nun vorträgt, die ersatzlose Wegnahme der vorhandenen Radwege sei für Radfahrer vorteilhaft, da sie dann die Straße benutzen dürften, trifft dies schon deshalb nicht zu, weil diese Radwege bereits seit geraumer Zeit (Februar 2001) nicht mehr benutzungspflichtig sind. Nachweislich aber nimmt ein erheblicher Teil der hier verkehrenden Radfahrer trotz fehlender Verpflichtung das seit Jahren bestehende Radweg-Angebot weiterhin wahr. Hieran ändert auch nichts, dass die Straße in einer Tempo-30-Zone liegt.

Zunehmender Autoverkehr

Das „Welle-Haus“ und seine Tiefgarage werden eine Zunahme des Kraftverkehrs in dieser Straße hervorrufen. Insbesondere diejenigen Radfahrer, die nicht in der Lage sind, im hier üblicherweise mindestens 30 km/h schnellen Kfz-Verkehr „mitzuschwimmen“, werden deshalb nach wie vor nicht die Straße benutzen. Abgesehen davon werden allein die Dichte des Kfz-Verkehrs und der hohe Anteil an Lkw-Verkehr den bereits heute bestehenden Trend verstärken, dass Radfahrer hier mehrheitlich nicht die Straße nutzen, sondern sich einen Bereich zum Fahren suchen, den sie als geschützt ansehen.

Wichtige Rad-Route

Es ist davon auszugehen, dass diese Radfahrer bei einem fehlenden Angebot an Radwegen in großer Zahl die Gehwege befahren werden. Das ist umso problematischer, als die hier betroffene Strecke Teil einer sehr stark genutzten Radverkehrsverbindung zwischen westlichen Stadtteilen und, durch die Ravensberger Straße verlaufend, den östlichen Stadtteilen ist. Der vermeintliche Vorteil für Fußgänger, nach einer Entfernung der Radwege den gesamten Hochbordbereich allein nutzen zu können, verkehrt sich in der Praxis ins Gegenteil.

Gewachsene Funktion

Hinweise von Pro Lutter auf einschlägige Empfehlungen für den Bau von Straßen und Radverkehrsanlagen, die einen Verzicht auf Radwege begründen könnten, sind in diesem Falle nicht stichhaltig, weil sie nicht die tatsächlichen Verhältnisse vor Ort berücksichtigen. Es geht zudem nicht um den Neubau einer Straße mit allen planerischen Freiheiten, sondern um die Umgestaltung einer bestehenden Straße mit einer über Jahre gewachsenen Funktion.

Die Mängel der bestehenden Hochbord-Radwege rechtfertigen jedenfalls nicht, auf jegliche Radverkehrsanlagen zu verzichten. Vielmehr sollten die Mängel auf geeignete Weise entschärft werden, was beispielsweise durch die Anlage von Radfahrstreifen möglich wäre, die dem Radverkehr als Schutzraum zur Verfügung stehen. Selbst bei den heute vorhandenen Hochbord-Radwegen gibt es eine Reihe von bisher nicht genutzten Möglichkeiten zur Verbesserung der Verkehrssicherheit (Markierungen, Freihalten des Sichtbereiches an der Einmündung Breite Straße), die der ADFC dem Amt für Verkehr vorgeschlagen hat.

Zukunftsmusik

Es wäre eine Umwidmung der Straße Am Bach zur Fahrradstraße denkbar, die aber zweckmäßigerweise mit Maßnahmen zur Reduzierung des Kraftverkehrs verbunden sein müßte. Auch eine Umwidmung der Straße zur Einbahnstraße mit zugelassenem Beidrichtungs-Radverkehr würde eine Freilegung der Lutter mit den von Pro Lutter vorgesehenen Maßen ermöglichen, ohne dass diese im Widerspruch zu Maßnahmen der Radverkehrsförderung stehen müsste. Angesichts der sehr kurzfristig anberaumten politischen Entscheidung über die Herrichtung der Straße Am Bach und des politisch gewollten Baus einer Tiefgarage war hierfür allerdings keine Mehrheit zu gewinnen.

Die Entscheidung

Sowohl der Umwelt- und Stadtentwicklungsausschuss als auch der Rat der Stadt Bielefeld haben eine Lutterfreilegung zwischen Haus des Handwerks und der Straße Am Bach mehrheitlich befürwortet, die Freilegung in der Straße selbst aber abgelehnt. Dabei konnte man den Eindruck haben, als hätten sich die Parteien ihre endgültige Meinung bereits vor der Diskussion um die Belange des Radverkehrs gebildet. Der Verein Pro Lutter will im Herbst Pläne über eine Lutterfreilegung in der Ravensberger Straße vorlegen.

 

 

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