Reise in die Vergangenheit (2. Teil): Bequem Rad fahren mit Diercke

Von Claudia Matz

Berge sind schön. Aber reicht es nicht, wenn man sie sich von unten anschaut? Die Flüsse entlang, um die Berge herum. Das war das Motto meiner Radtour im Sommer 1994.

Mein Plan bestand darin, zunächst den Rhein entlang zu rollen, aufwärts, zur Eingewöhnung. Und mich dann den Vogesen zu nähern, sowohl größere Steigungen als auch größere Städte mit größeren Industrieansiedlungen zu meiden und mich an Flüssen und Kanälen entlang zu hangeln bis in Sichtweite des Jura. Sollte ich bis dahin genügend Kondition haben, könnte ich vom Doubs zum Loue wechseln und käme so relativ bequem ziemlich weit nach oben in die schönen Berge.

Solche Reiseplanungen fangen bei mir immer mit einem Blick in den Diercke an. Das übersichtliche Kartenbild meines alten Schulatlasses vernachlässigt Nebensächliches wie Autobahnen und Schnellstraßen, dafür zeigt es mit fein abgestuften Grün- und Brauntönen an, welche Gegend mal so grundsätzlich zum Radfahren in Frage käme und warnt mit roter Farbe vor zu dichter Besiedlung. Aus welchem Jahr der Diercke stammt, ist für die Tourenplanung eher unwichtig, denn der Verlauf von Flüssen und die Lage von Bergen ändern sich nur langsam.

Berge aus der Ferne betrachtet: die Vogesen. Foto: Claudia Matz

 

Sicher fahren

Bequem sollte die Tour sein. Deshalb fuhr ich auch erstmals mit Pedalhaken, damit es sich leichter treten ließ. Das funktionierte auch wirklich gut.

Nach einigen Etappen mal rechts, mal links des Rheins rollte ich schließlich locker und entspannt mit rundem Tritt auf einem perfekten Radweg durch eine etwas langweilige Ortschaft in der Nähe von Rastatt dahin. Kein störender Verkehr, gutes Wetter und die Route hatte ich auch immer Blick, denn direkt vor mir am Lenker befand sich, auch ganz neu, ein Kartenhalter. Nun, ich schaue immer gern in Landkarten, ob zu Hause oder unterwegs, und stelle mir dabei vor, wie Weg und Landschaft wohl in Realität aussehen … Die dritte Neuheit auf dieser Tour, der Helm, führte dann dazu, dass ich das Krankenhaus in Rastatt schon nach drei Tagen wieder verlassen und die Radtour mit einem noch neueren Helm fortsetzen konnte. Dank der zuverlässigen Haltekraft der Pedalhaken und dem seitlichen Aufprallschutz durch die – ebenfalls neuen – Low-Rider-Packtaschen hatte ich auch weder Schürfwunden noch blaue Flecken, zumindest nicht an den Beinen.

Also, was genau passiert ist, weiß ich bis heute nicht. Jedenfalls habe ich das mit dem Raus und Rein bei den Pedalhaken nie richtig beherrscht. Ich vermute, das klappt nur mit ganz glatten Schuhsohlen und abgedeckten Schnürsenkeln wirklich sicher. Ein paar Touren lang habe ich es noch geübt und bin aber schließlich auf Klickpedale umgestiegen.

Weinberg mit Château aus der Nähe betrachtet. Foto: Claudia Matz

 

Gut schlafen

Auf einen Kartenhalter verzichte ich seit dieser Tour ganz. Auf gute Karten natürlich nicht, obwohl seit der DDR-Tour 1990 mein Urvertrauen in Kartenwerke etwas erschüttert ist. Dazu tragen auch immer wieder die locker über das Kartenbild gestreuten Campingplatz-Zeichen bei. Die wecken mein Misstrauen: Gibt es den Platz wirklich? Und: Liegt er da, wo er auf der Karte eingezeichnet ist?

Eins ist jedoch sicher: Die Frage, ob der Platz benutzbar ist, lässt das Zeichen auf der Karte immer unbeantwortet. Deshalb hat sich gegenüber unbekannten Plätzen die Vorgehensweise bewährt, mit der ich mich auch zweifelhaften Restaurants nähere: Erst auf die Toilette gehen, dann Essen bestellen – oder auch nicht. Übersetzt auf Campingplätze heißt das: zuerst einen Blick unter die Dusche werfen, dann Zelt aufbauen – oder auch nicht und weiterfahren zum nächsten Platz, der hoffentlich nicht all zu weit entfernt ist. Denn der Anblick aufgeschreckter Kakerlaken (Sondernheim, 25. August 1994) wird einem normalerweise ausgerechnet an dem Tag zuteil, an dem man nur eine kurze Etappe geplant, ausgiebig gefrühstückt, viel besichtigt und unterwegs getrödelt hat und so erst am frühen Abend den vorgesehenen Übernachtungsplatz erreicht.

Immer am Fluss entlang: der Doubs. Foto: Claudia Matz

 

Trocken ankommen

Zurück zur Tour.

Vorzugsweise auf den weißen Sträßchen der französischen Michelin-Karten arbeitete ich mich um die Vogesen herum, aß leckeren Elsässer Flammkuchen und Weintrauben und machte viele Fotos von Bergen und Flüssen, verdienten Pausen, gemütlichen Campingplätzen und hübschen Dörfern. Auf fast jedem Ortsschild kündigten bis zu vier schwarz-weiße Pril-Blumen den mehr oder weniger üppigen Blumenschmuck des „ville de fleur“ an. Später zu Hause sah ich auf dem Foto eines besonders schön geschmückten Hauses etwas, worauf ich schon damals hätte achten sollen: den strahlend blauen Himmel mit dem völlig gleichmäßigen Schäfchenwolkenmuster. Es war keine gute Idee, an dem schönen Abend jenes wunderschönen Tages auf dem Campingplatz in Besançon nahezu sämtliche Kleidung zu waschen, in der Hoffnung, sie würde bis zum nächsten Tag trocknen. Es kam richtig dicke. Und da es auch so bleiben sollte, endete die Tour am Bahnhof von Besançon und ich fuhr mit Regenhose und einem leicht müffeligen, aber trockenen T-Shirt bekleidet im Zug nach Hause. Der Jura steht also noch aus.

Blumenschmuck vor Schäfchenwolken. Foto: Claudia Matz

 

Viel erzählen

Apropos Dias: Wieviele braucht man eigentlich für einen ADFC-Diavortrag? Mindestens 80, dann muss man aber viel zu jedem Bild erzählen, und höchstens 150, aber nur, wenn die Bilder sehr interessant sind. Das hatten die erfahrenen Diavortragsautoren mir vor der Reise gesagt. So viele Fotos hatte ich bis dahin noch nie in einem Urlaub gemacht! Ich wollte es aber mal probieren. Also habe ich ein paar mehr von den Fotos gemacht, die ich auch für mich selber gemacht hätte, und dazu noch welche mit dem Rad darauf. So bekam ich genügend Bilder zusammen, um anschaulich von der Reise berichten zu können. Naja, vielleicht hätte ich doch den Umweg zu der sehens- und fotografierenswerten Le-Corbusier-Kirche in Ronchamp machen sollen. Beim nächsten Mal denn …

Zum Diavortrag durfte auch mein neues Rad mit auf die Bühne, denn es hatte einen entscheidenden Anteil daran, dass die Tour so bequem war wie geplant. Es sitzt wie angegossen, lässt sich mit Gepäck sowohl flatterfrei fahren als auch gerade noch so von einem Nahverkehrszug in den nächsten tragen, denn ohne Gepäck ist es federleicht. Mit der rasterlosen Schaltung komme ich auch gut zurecht. Da ich höchstens theoretisch weiß, wie man eine Schaltung einstellt, finde ich es sehr vorteilhaft, dass ein Herumschrauben an dieser Schaltung nur sehr selten nötig ist. Kurzum: Ich liebe dieses Rad und horte bereits rar gewordene Ersatzteile, damit es noch lange so bleibt wie es ist.

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