20 Jahre ADFC in Bielefeld, Teil 2

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Von Michael Mertins

Eine Serviererin für den ADAC?

Im Februar 1983 war es dann endlich soweit – die offizielle Gründung stand an. Geladen wurde dazu in die "Schlosshof-Schänke" (heute "Anavarza"). Das alte Wirte-Ehepaar war hoch erfreut, seinen großen Anbau voll zu kriegen; es wurde sogar eine Serviererin mit weißem Schürzchen engagiert. Wie lang die Gesichter wohl wurden, als ganze 20 Radler zusammenkamen, die sich den ganzen Abend mehr oder weniger an einem Getränk festhielten? Am Ende teilte mir die Wirtin mit, dass sie gedacht hätte, der A-D-A-C würde in ihrer Gaststätte tagen! Als ob ein ADAC-Funktionär je einen Fuß in so eine Kaschemme gesetzt hätte. Da sie schon die Serviererin zugesetzt hatte, mussten wir einen Heizkostenzuschuss für den Saal von 50 DM zahlen. Strom für elektrische Heizung war eben schon damals teuer.

Doch nun zur Sitzung selbst. Sie brachte den ersten Vorstand des Bezirksvereins mit folgender Besetzung:

1. Vorsitzender F.-J. Dammann, 2. Vorsitzender H.-J. Langer und Kassierer T. Welter. Technikreferent wurde U. Laux, Tourenreferent H.-J. Langer und Referent für Öffentlichkeitsarbeit M. Mertins. Wenn ich mich recht erinnere, trafen wir uns später bei Rechtsanwalt und Notar Wilking in Werther, um die sieben erforderlichen Unterschriften für eine Vereinseintragung beim Amtsgericht zu leisten.

Schade, dass ich die Namen der Leute nicht mehr zusammenbekomme. Es ist doch schon zu lange her! Die Satzung des Vereins wurde der Bundessatzung entlehnt und den lokalen Verhältnissen angepasst. Wichtigste Aufgabe schien uns die Schaffung einer Geschäftsstelle, um die Vereinsziele umzusetzen. Doch wie sollten wir daran kommen?

Die erste Radwanderkarte

Zu dieser Zeit war die Herstellung einer Radwanderkarte von Bielefeld und Umgebung schon sehr weit. Da ich vom Fach war, gestaltete sich die Sache recht einfach und erfolgreich. Die Radtourenvorschläge nördlich des „Teutos“ stellte ich mit Hajo zusammen, südlich des „Teutos“ engagierte ich Heinrich Hamels aus Quelle, zu dem ich aufgrund einiger Pressemeldungen über seine Radwanderungen im Bielefelder Süden Kontakt aufgenommen hatte. Redaktionell führte ich beide Teile zusammen und es entstanden die Vorschläge BI 1 – BI 10, wie sie heute noch bestehen. Die kartentechnischen Arbeiten erledigte ich nach Feierabend und die reprotechnischen Arbeitsgänge in der Kartenabteilung des Vermessungs- und Katasteramtes. Diese Möglichkeit hatte ich dem damaligen Stadtdirektor Möllenbrock abgerungen.

Meine beruflichen Kontakte konnte ich für die Herstellung der Radwanderkarte ausnutzen und günstige Preise für den Verein herausholen. Fotosatz der Kartenrückseite bei SKS-Layoutsatz, Spezialpapier der Faserprodukte GmbH aus Lahnstein und den Druck bei ORO-Druck in Häger. Den Kartengrundriss konnten wir beim Landesvermessungsamt in Bad Godesberg einkaufen, so dass insgesamt nur Kosten von 15 000 DM für 10 000 Exemplare entstanden.

Den Absatz hatte ich auch sehr gut geregelt. Der Touring-Landkartendienst wollte die ganze Auflage exklusiv vertreiben und zahlte dafür dem ADFC 40 000 DM in Teilbeträgen. So blieben nach Adam Riese 25 000 DM für den Verein über!

Die erste Geschäftsstelle

Nach diesem Deal gingen Franz-Josef und ich auf die Suche nach einer Räumlichkeit für die geplante Geschäftsstelle. Aufmerksam lasen wir die Immobilienteile der Tageszeitungen und kamen dadurch auf den kleinen Anbau in der Bielsteinstraße 34, den die meisten der Mitglieder noch kennen dürften. Wir sprachen beim Vermieter Mohrmann vor und als begeisterten Klappradfahrer konnten wir ihn nach Vorlage unserer Radwanderkarte und Auszügen des Vereinskontos für eine Geschäftsstelle des ADFC begeistern. Er selbst hatte im Anbau lange einen kleinen Lebensmittelladen betrieben. Als wir einzogen, zog ein Installateurmeister aus.

Das alte "Radhaus" in der Bielsteinstraße. Foto: Michael Mertins

 

Der Laden hatte einen abgeschlossenen Schaufensterraum, den wir entfernten, um den Infoladen, der DAS RADHAUS heißen sollte, offen und einladend zu gestalten. Der knapp zwei Meter hohe Hinterraum sollte als Werkstatt und Lager dienen. Im Haupthaus von 1908 war die Toilette, ein ehemals zu einer Wohnung gehörendes Außenklo. Der ganze Anbau musste von uns renoviert und eingerichtet werden.

Während dieser Bauphase erhielt der junge Verein einen herben Rückschlag. Hajo Langer, unser 2. Vorsitzender, verunglückte in einer Renovierungspause mit seinem Rennrad im Lippischen Bergland auf tragische Weise. Als lizensierter Rennfahrer durfte er laut Regierungspräsident die Straße benutzen, auch bei vorhandenem Radweg. Eine Motorradstreife schickte ihn von der Straße auf den Radweg, weil Hajo bei seiner spontanen Spritztour die Lizenz nicht eingesteckt hatte. Kurze Zeit später strauchelte er an einer Vertiefung zur Fahrbahn und stürzte schwer! Zehn Tage Koma und ein langer Aufenthalt in Gilead waren die Folge. Und das Schlimmste: Hajo war nicht mehr der Alte. Nicht nur seine Stimme hatte sich verändert, sondern der ganze Mensch. Als ich ihn im Krankenhaus besuchte, hatte ich Schwierigkeiten, den hilfsbereiten und freundlichen ADFC-Mitstreiter wiederzuerkennen. Er wurde Frührentner und wollte sich weiter für den ADFC engagieren, aber es gelang ihm konditionell nicht. Seine Spur verlor sich, als er mit seiner Familie nach Detmold zog. Unser Kassierer Thomas kümmerte sich um den traurigen Fall. Ich glaube, er war Jura-Student und versuchte noch rechtliche Schritte einzuleiten. Aber die Motorradstreife der Polizei war nicht zu ermitteln.

Nachdem wir diesen Rückschlag verdaut hatten, wurde das RADHAUS weiter eingerichtet, das war im Sommer 1983. Im September war dann endlich Einweihung, wie ein altes Plakat dokumentiert. Es hatte mein Kollege aus dem Vermessungsamt gemalt, witzigerweise der gleiche, der das Plakat für die Velocipediade 2001 gestaltet hat. 

Der aufmerksame Leser bzw. die achtsame Leserin wird bemerken, dass ich für mein Umfeld schon immer kleine Aufgaben bereit gehalten habe. Andere hielten dafür kleine Geschenke für den ADFC bereit, wie z. B. die Redaktion von „Radfahren“, die uns mit dem Standardwerk „Fahrradtechnik“ zur Eröffnung beglückte oder später Fichtel & Sachs, die uns die schönen Schnittmodelle der Hinterradnaben für unsere Beratungstätigkeit überreichte (in der Lehrlingswerkstatt gefertigt!).

Schwerpunkte unserer Vereinsarbeit sollten Technik-, Urlaubs- und Kaufberatung sein. Doch wer sollte die Geschäfte im RADHAUS führen? Uns schwebten schon Öffnungszeiten von Di – Sa vor. Franz-Josef hatte irgendwie Kontakte zu einer Tagesklinik, die Arbeitsstellen für ihre Patienten zur Wiedereingliederung in den Beruf suchte. Ein Herr E. stellte sich vor, war aber nicht in der Lage eine Geschäftsführung des RADHAUSES zu organisieren. Beide Seiten fühlten sich überfordert, vor allem Herr E. , der eigentlich keine Ahnung vom Thema „Radfahren“ im weitesten Sinne hatte. Wir trennten uns einvernehmlich und inserierten selbst, um einen „rüstigen Rentner mit Herz fürs Fahrrad für leichte Bürotätigkeit“ zu bekommen.

Unsere Wahl fiel uns nicht schwer, denn es stellte sich u. a. ein Herr Westerhoff vor, der sogar aus der Fahrradbranche stammte. Sein Vater oder Onkel war der Mitinhaber der Fahrradteilegroßhandlung Westerhoff & Weller, die in der Bahnhofstraße/Ecke Stresemannstraße (heute ungefähr Schuhhaus Görtz) in den 20er und 30er Jahren residierte. Es soll die größte norddeutsche Teilehandlung gewesen sein. Old Westerhoffs Lieblingslektüre war wohl das Parteibuch der NSDAP, was ihm damals einen Funktionärsposten einbrachte: Führer der deutschen Fahrrad- und Fahrradteile-Grossisten. Wer kann schon etwas für die Großtaten seiner Verwandten? Diese geschichtlichen Details waren uns nicht bekannt, ich traf auf sie erst vor einigen Jahren durch meine fahrradhistorischen Forschungen.

Doch zurück zu unserer Geschäftsstelle. Innerhalb kurzer Zeit füllten sich die Regale mit Sachbüchern und Landkarten und wir konnten uns rühmen, das größte Fahrradbuch- und Kartensortiment in der Region zu haben. Herr Westerhoff schmiss den Laden und mit dem Motto „Kiek mol rin mit dien Karr’n“ lockte er viele Besucher an.

Nur mit dem Kassenbuch hatte er es nicht so, es stimmte eigentlich keine Wochenabrechung. Die Haushaltsführung lief gelinde gesagt aus dem Ruder und ich erinnere mich ungern an einen Urlaub, in dem ich zwei Jahre „Kasse“ nachhalten musste, um eine Entlastung des Vorstandes vorzubereiten. Leider stand mir nur ein Taschenrechner in Scheckkartengröße zur Verfügung … . Weitere Details verschweigt des Chronisten Höflichkeit.

Die Schaufensterpuppe – ein Aktiver der ersten Stunde

Das RADHAUS wurde schnell zum Dreh- und Angelpunkt unserer Vereinsarbeit, wie wir es uns vorgestellt hatten. Eine Schaufensterpuppe wurde vom Textilkaufhaus Opitz organisiert, der Knabe steht ja heute noch in der Geschäftsstelle am Bahnhof. Die Schaufensterdekoration wurde, wenn möglich, den Jahreszeiten angepasst. Unsere Dekoartikel reichten vom Reiserad bis zur Hängematte. Besonderer Blickfang in der dunklen Jahreszeit war eine unter Strom gesetzte Stahlmatte vom Bau, besetzt mit Fahrradlampen und Rückleuchten, die den Besuchern entgegenstrahlten. Die Werkstatt wurde flugs für die ersten Wartungskurse eingerichtet, sogar Wandtafeln fertigte ich aus Vergrößerungen von fahrradtechnischen Büchern.

Manchmal kam es mir vor, für fast alles zuständig zu sein, denn die Lücke durch das Fehlen von Hajo versuchte ich zu schließen. Meine inzwischen Angetraute bekam des öfteren die Krise. Sogar Wartungskurse hielt ich ab. Am liebsten erinnere ich mich an den Kurs speziell für die Damen des Fernmeldeamtes, die auf ihren Radtouren kleine Pannen selbst beheben wollten. Na ja, viel gelernt hat die Gruppe nicht, aber wir haben sehr viel Spaß gehabt, wie sich die meisten denken können.

Künstlicher Regen für Bielefeld

In diesen Jahren konnten wir Aktive größere Erfolge verzeichnen: z. B. die Blinden-Tandemgruppe unseres Kassierers Thomas, die vom Marktkauf ein knallrotes Prophete-Tandem geschenkt bekam.

Oder die Bremsentests von Johannes Löwenstein auf der Bielsteinstraße mit künstlichem Sprühregen! Sie brachten für Sturmey-Archer ein ganz schlechtes Ergebnis, das umgehend in der Fachpresse veröffentlicht wurde. Sofort kam ein Anruf des Herstellers, der eine Änderung der viel zu weichen Bremsbeläge versprach. Johannes war ein absoluter Kenner der Fahrradtechnik, obwohl er von Hause aus Kardiologe am Städtischen Krankenhaus war. Genial auch seine Lichtbroschüre und die Sammlung technischer Prospekte, die er dem Verein stiftete. Die grünen Technik-Ordner stehen, glaube ich, immer noch in der Geschäftsstelle, ebenso wie die von mir angefangenen Reiseordner in Gelb.

Auch unsere Seminare zum Thema „Reiserad“ kamen sehr gut an. Die Gütersloher Ortsgruppe um Michael Drape, die damals einen echten Trend lostrat, veranstaltete diese mehrmals in der Alten Weberei. Die Infomappe zum Seminar verkauften wir bestens im ganzen Land.

Das Alltagsradseminar im FZZ Baumheide war nicht ganz so der Renner, lief aber auch gut. Bestens war die Verpflegung, die meine damalige Auszubildende mit ihrer Familie (wie schon gesagt, für mein Umfeld hielt ich immer etwas bereit) zubereitet hatte. Auch die Vegetarier kamen auf ihre Kosten. Schon damals war Baumheide sozialer Brennpunkt, wie wir leider erfahren mussten. Einige Jungs hatten sich ins FZZ gemogelt und Polsterstühle eines Seminarraumes mit Nivea-Creme eingeschmiert. Da kam Freude auf! Mit dem Hausmeister habe ich dann nach der Veranstaltung die Schweinerei beseitigten müssen.

Inzwischen waren unsere Mitgliederzahlen schnell angestiegen. Im ersten Jahr nach der offiziellen Gründung waren wir schon 60. Der Verein war als Interessenvertretung der Radfahrer auch für die Medien interessanter geworden. Ich erinnere mich an Interviews mit dem Krankenhausfunk und dem WDR. Auch das Lokalfernsehen des WDR kam mal zu einem Radmarkt und filmte vor allem die Blindentandemgruppe. An ein geplantes Interview mit „Teuto-Tele“ habe ich wieder traurige Erinnerungen, denn ich musste kurzfristig absagen, weil meine Mutter verstarb.

Heute kann ich rückschauend feststellen, dass mir die Vereinsarbeit sehr viel gegeben hat, in einer für mich sehr schweren Zeit, denn ich verlor meine Eltern viel zu früh innerhalb von elf Monaten. Die Ablenkung durch die vielen ADFC-Tätigkeiten tat mir gut.

Als ich aus familiären Gründen so 1987 (das zweite Kind war unterwegs!) aus der aktiven Vereinsarbeit ausschied, war es für den ADFC Bielefeld ein harter Schlag, von dem er sich nur allmählich erholte. Aber aus den seinerzeit mehr als 300 Mitgliedern fanden sich neue Aktive, die bereit waren sich für die Ziele des Vereins zu engagieren. Und ich finde es beachtlich, was heute nach den vielen Jahren aus dem kleinen ADFC geworden ist.

Anlässlich der Eröffnung der Fahrradstation am Bahnhof im Juli 1992 kam ich wieder mit den Aktiven, vor allem mit Thomas Froitzheim und Volker Briese, zusammen. Ich fand, dass meine Familienpause eigentlich lange genug gedauert hatte und entschied mich für die Gründung einer fahrradhistorischen Arbeitsgruppe. Aber das ist eine andere Geschichte!

Alles konnte ich hier natürlich nicht wiedergeben, aber ich denke, diese Zeilen geben einen guten Überblick über die Kinderzeit des ADFC in Bielefeld.

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