Ein Kommentar von Thorsten Böhm

Wer in dieser Zeit im Straßenverkehr unterwegs ist, wird feststellen, dass viele Fahrräder nicht oder nur unvollkommen beleuchtet sind.

Wer genauer hinschaut, erkennt vier Hauptursachen:

  1. Beleuchtungsanlage nicht vorhanden
  2. Beleuchtungsanlage vorhanden, aber defekt
  3. Beleuchtungsanlage nicht defekt, aber trotzdem nicht funktionsfähig
  4. Beleuchtung funktionsfähig, aber nicht eingeschaltet.

Wer die betroffenen Radfahrer anspricht erlebt vier Hauptreaktionen:

  1. Gleichgültigkeit
  2. Betroffenheit, verbunden mit einer Fehleinschätzung der eigenen Unsichtbarkeit
  3. Resignation wegen erfolgloser Versuche, die Beleuchtungsanlage zu bestimmungsgemäßem Tun zu veranlassen
  4. Bekenntnis, dass das Erzeugen von Licht zu viel Trittenergie beansprucht.

Neben der Gefahr für sich und andere Verkehrsteilnehmer hat der hohe Anteil der „Dunkelmänner“ und  „-frauen“ eine weitere ganz unangenehme Folge: Sie gießen Wasser auf die Mühlen derjenigen, die einer Förderung des Radverkehrs skeptisch bis ablehnend gegenüber stehen. In Gesprächen mit Entscheidungsträgern in Politik und Verwaltung erleben Vertreter des ADFC immer wieder, dass deren Bereitschaft, sich mit Radverkehrsförderung zu befassen, stark vom Verhalten radfahrender Menschen abhängig ist. Unter Hinweis auf diverse Regelverstöße oder Rücksichtslosigkeiten lehnen sie es ab, sich ernsthaft mit der Schaffung von Radverkehrsinfrastruktur zu beschäftigen. Und zu diesen Missetaten gehört mit schöner Regelmäßigkeit das Fahren ohne (ausreichendes) Licht.

Menschen, die so argumentieren, wünscht man ebenfalls etwas mehr Licht, denn sie haben nicht begriffen, dass Radverkehrsförderung keine Belohnung einer Randgruppe für individuelles Wohlverhalten ist, sondern im Ergebnis der Allgemeinheit zugute kommt. Unabhängig davon, ob sie im Einzelfall selbst Rad fahren oder nicht, profitieren alle von weniger Lärm, Luftschadstoffen, gefährlichen Unfällen, Straßenschäden oder Verkehrsstaus.

Aber nicht nur Politiker, sondern auch Otto und Ottilie Normalverbraucher auf der Straße müssen davon überzeugt werden. Gelingt es nicht, in weiten Teilen der Bevölkerung zumindest eine positive Grundstimmung zugunsten des Radverkehrs zu erzeugen, rennen sich Verbände wie der ADFC die Köpfe ein. Politiker wissen nämlich sehr genau, dass sie von Wählerstimmen abhängig sind und sich davor hüten müssen, unpopuläres zu tun oder Erwartungen des Wahlvolkes allzusehr zu enttäuschen. Ein Wohlwollen gegenüber der Förderung des Radverkehrs lässt sich bei Menschen, die ihm bisher neutral oder uninteressiert gegenüber stehen, nicht erreichen, indem man sie auf der Straße durch Rücksichtlosigkeit, und dazu gehört auch das Fahren ohne Licht, in unangenehme oder gefährliche Situationen  bringt.

Es ist also an der Zeit, die eigene Großzügigkeit oder Gleichgültigkeit in Sachen Fahrradbeleuchtung einer selbstkritischen Prüfung zu unterwerfen - Rechtfertigungsversuche, die technische Gründe für den Blindflug anführen, haben nach Jahren des Notstandes auf dem  Zubehörmarkt inzwischen keine Chance mehr.

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