Konfliktfeld Sudbrackstraße

Radfahrstreifen zum Teil entfernt - wie geht es weiter?

Von Thorsten Böhm

In den Bielefelder Radnachrichten 1/2007 haben wir darüber berichtet: Die Stadtverwaltung hatte im Dezember 2006 damit begonnen, einen Radfahrstreifen an der Nordseite der Sudbrackstraße - zwischen den Einmündungen der Apfelstraße und des Graswegs - anzulegen. Dies erboste einige Anwohner und rüttelte auch Bezirksvertreter wach, die noch im März 2006 die entsprechende Planung akzeptiert hatten. Die Anwohner der dortigen Häuser, die allesamt über Stellplätze auf ihren Grundstücken verfügen, fürchteten um "ihre" zusätzlichen Parkplätze am Straßenrand. Außerdem sei die wirtschaftliche Existenz der Bäckerei Lamm gefährdet, deren Filiale im Eckhaus Sudbrackstraße/Grasweg beheimatet ist. "Umbau der Sudbrackstraße vernichtet Parkplätze und bedroht Gewerbe", hieß es denn auch dramatisch in der Lokalpresse. Leserbriefe in der selben Zeitung machten allerdings deutlich, dass Rad fahrende und auch Backwaren kaufende Menschen sich den Radfahrstreifen durchaus herbei wünschen. 

Im März 2007 entschied die Bezirksvertretung, dass der Radfahrstreifen gegen den Parkplatzhunger der Anwohner bis zum Haus Sudbrackstraße Nr. 88 fertig gestellt werden solle (gut!) und im weiteren Verlauf bis zur Einmündung "Grasweg" wieder entfernt werden müsse (schlecht!). Grund für den schlechten Teil des Beschlusses: Vor dem Ladengeschäft der Bäckerei Lamm (Sudbrackstr. Nr. 92, Eckhaus an der Einmündung des Graswegs in die Sudbrackstraße) sollen Autos parken können.

Manche Anwohner hätten lieber den Radfahrstreifen zum Parken benutzt als die Parkflächen auf ihren Grundstücken. Sie fanden kein Gehör: Der Radfahrstreifen bleibt hier erhalten. Foto: Thorsten Böhm

 

Gute Gründe für einen Radfahrstreifen

  • Zuvor bereits hatte der ADFC darauf hingewiesen, dass ein Parken im Bereich zwischen Haus Nr. 88 und der Einmündung des Graswegs aus Gründen der Verkehrssicherheit als ohnehin unzulässig einzustufen sei: Parkende Autos stören hier die Sichtbeziehung zwischen Autofahrern, die aus dem Grasweg kommen, und den auf der Sudbrackstraße nahenden Radfahrern.
  • Zudem verengt sich die Sudbrackstraße im Bereich der Einmündung des Graswegs und beschreibt eine leichte Rechtskurve. Ausgerechnet in diesem Nadelöhr sollte nach dem Willen der Bezirksvertretung geparkt werden dürfen.
  • Autos, die in Richtung Horstheider Weg fahren, nähern sich dem rechten Fahrbahnrand an. Angesichts der Verkehrsbelastung der Sudbrackstraße  ist ein Radfahrstreifen gerade an dieser Stelle als Schutzraum für den Radverkehr wichtig.
  • Der Streckenabschnitt gehört zu einer wichtigen Radverkehrsverbindung zwischen Innenstadt und den nördlichen Stadtteilen und Nachbargemeinden. Er ist daher auch Bestandteil des mit einer Radverkehrswegweisung versehenen Radverkehrsnetzes NRW. Des weiteren dient er auch dem Radverkehr im Stadtteil, der hier keine Alternativroute vorfindet.

Wo ist das Problem? - Bäckerei bleibt erreichbar

Auch wenn ein Radfahrstreifen das Parken direkt vor der Bäckerei verhindert hätte, wäre sie ohne Schwierigkeiten erreichbar geblieben. Für die Auto fahrende Kundschaft gibt es in unmittelbarer Nähe ausreichende Parkmöglichkeiten, z.B. in den Straßen Am Meierteich und Grasweg. Die fußläufige Entfernung zwischen Auto und Ladenlokal bewegt sich im Bereich dessen, was auch bei Geschäften mit eigenem Kundenparkplatz üblich ist. Sie ist für die stadtauswärts fahrenden Kunden, die für ein Parken vor dem Ladenlokal in Frage kämen, ähnlich der Entfernung, die stadteinwärts fahrende Kunden absolvieren, wenn sie von dem Parkstreifen im Bereich der ehemaligen Gärtnerei Voss zur Bäckerei gehen.Diese kurze Entfernung zu Fuß zurück zu legen, ist schon zumutbar. 

Außerdem hat die Stadtverwaltung auf Beschluss der Bezirksvertretung nicht nur einem Parkstreifen schräg gegenüber der Bäckerei zu Gunsten der Bäckerei zur Kurzzeit-Parkfläche umgewidmet. Auf auf Kosten der Allgemeinheit wurden direkt gegenüber der Bäckerei zwei weitere Parkplätze hergestellt - Sponsoring durch die öffentliche Hand!

Alle Argumente halfen nicht, die Bezirksvertretung entschied sich gegen den Radfahrstreifen an dieser Stelle. Auch das Parken direkt vor der Bäckerei sollte nach ihrer Ansicht weiterhin ermöglicht werden.

Widersprüche

Darauf hin legten im Mai 2007 mehrere Mitglieder des ADFC Widersprüche bei der Stadtverwaltung ein (der ADFC selbst kann aus formellen Gründen keine rechtlich zulässigen Widersprüche einlegen) und beantragten, den Radfahrstreifen wie ursprünglich geplant bis zur Einmündung des Graswegs fortzuführen. Die Stadtverwaltung durfte sich nicht gegen den Beschluss der Bezirksvertretung stellen und legte die Widersprüche im August 2007 der Bezirksregierung Detmold zur Entscheidung vor. Im Januar 2008 schließlich lehnte diese die Widersprüche ab. Kurz gesagt: Die Stadt habe einen Ermessensspielraum und sei aus Gründen der Verkehrssicherheit nicht gezwungen, hier einen Radfahrstreifen anzulegen.

Abgelehnt, aber ...

Der Clou kommt aber noch: Für eine gute Sicht zwischen Grasweg und Sudbrackstraße sei ein Radfahrstreifen nicht nötig. Denn - wie vom ADFC vorher schon angedeutet - das Parken ist dort wegen der Regeln zum Parken vor und hinter Bushaltestellen und Einmündungen (§ 12 Abs. 3 Nr. 1 und 4 StVO) ohnehin nicht erlaubt. Der Sachbearbeiter der Bezirksregierung habe festgestellt, dass dort ständig unter Missachtung dieser Regeln, zum Teil auch auf dem Gehweg geparkt werde. (Anmerkung: Das Parken dort beschränkt sich keineswegs auf die Öffnungszeiten der Bäckerei). Daher habe er die Stadtverwaltung angewiesen dies durch "geeignete Maßnahmen verlässlich zu unterbinden".

Auf Umwegen zum Ziel

Dies ist nun im Juli 2008 passiert: Halteverbotsschilder verbieten das Parken direkt vor der Bäckerei. Das hilft, das Nadelöhr vor dem Grasweg von parkenden Autos frei zu halten. Im Grunde könnte man jetzt auch wieder einen Radfahrstreifen bis zum Grasweg anlegen, natürlich nach Abwarten einer kleinen Erholungsfrist für die Bezirksvertreter. Der ADFC hat es bereits beim Amt für Verkehr angeregt.

Im Übrigen scheint in der Bezirksvertretung die Stimmung ein klein wenig gekippt zu sein. Dem Bäcker sind aus öffentlichen Mitteln genügend Parkmöglichkeiten finanziert worden, zumal jenseits der Einmündung des Graswegs noch zwei weitere Parkplätze entstehen sollen. Er aber hat sich bislang wohl wenig kooperativ gezeigt und damit offenbar einige Sympathien in der Politik verspielt.

Lang ersehnter Lückenschluss

Mit dem Segen der Bezirksvertretung scheint jetzt die Bahn frei gemacht zu werden für den Radverkehr:  Ein Radfahrer-Schutzstreifen ist in Planung, der die Lücke zwischen der Einmündung des Graswegs und dem Radweg am Horstheider Weg in stadtauswärtiger Richtung schließt. Damit gäbe es in dieser Richtung endlich eine durchgehende Radverkehrsanlage zwischen der Kreuzung Sudbrackstraße/Apfelstraße und der Kreuzung Horstheider Weg/Westerfeldstraße.

Mehr zu diesem Thema in den Bielefelder Radnachrichten:

1/2007

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