Bielefeld, die Fahrradstadt

Von Michael Mertins (Text)

Die freundliche Stadt am Teutoburger Wald - das Motto der ostwestfälischen Metropole an den Hängen des Teutoburger Waldes - diesem Anspruch wird Bielefeld auch in Sachen Fahrrad gerecht. Bielefeld blickt zurück auf eine über 120-jährige bewegte Geschichte in der Fahrradherstellung. Aus bescheidenen Anfängen im 19. Jahrhundert entwickelte sich aus der schon bestehenden Nähmaschinenindustrie ein heute kaum noch vorstellbares Imperium der Fahrradindustrie. Seit 1886 wurden in Bielefeld mehr als 15 Millionen Räder und Rahmen gebaut und nicht nur in Deutschland, sondern in die ganze Welt verkauft!

Den Anfang machte eine Handvoll radsportbegeisterter Bürger; diese gründeten 1882 den Bielefelder Velociped Club und ein Jahr später eine „Fabrik für Radfahrer-Bedarfsartikel“, die Sättel und andere Fahrradkomponenten produzierte. 1885 folgte die erste Radrennbahn und der Maschinenfabrikant Nikolaus DÜRKOPP (Bild rechts) begann mit der Fertigung von Fahrrädern. Im nächsten Jahr erschien als erstes Fachblatt für die Fahrradindustrie der "RADMARKT“ - älteste und heute noch bestehende Fachzeitschrift auf dem Kontinent! 

Von der Nähmaschine zum Fahrrad

Nach und nach entschieden sich weitere renommierte Nähmaschinenfabriken am Ort für eine Fahrradproduktion, Neugründungen als reine Fahrrad- oder Teilefabriken kamen hinzu. DÜRKOPP´s DIANA, ANKER, GÖRICKE´s WESTFALEN-RAD, PLANET und CONCORDIA - klangvolle Namen jener Fabrikate, die Sonntag für Sonntag die größten Rennsiege errangen. Egal ob auf der Bahn, Kurz- oder Langstrecke, sie trugen den guten Ruf der Qualitätsräder aus Bielefeld ins ganze Land. Lange Bestand hatte der Weltrekord von 1909 auf einem GÖRICKE-Rad: Paul Guignard legte in einer Stunde hinter einem Schrittmacher 101,6 km zurück!

   

Das Rad - endlich ein erschwingliches Massenverkehrsmittel

Durch Überproduktion und einen damit verbundenen Preiskampf verbilligte sich das Fahrrad vor dem 1. Weltkrieg derart, dass es für die Portemonnaies der kleinen Leute erschwinglich wurde. Das Rad wurde zum preiswertesten Verkehrsmittel, noch verstärkt in den 1920er und 1930er Jahren durch Inflation und Weltwirtschaftskrise. Deutschland fuhr mit dem Rad - fast 3 Millionen Räder wurden jährlich produziert, davon jedes fünfte in Bielefeld!

Miele-Rad, Baujahr 1934:
Gestern im Alltagseinsatz - heute im Deutschen Museum

Das Drumherum - Von der Kettenschaltung bis zum Sattel

1932 wurde hier die erste Kettenschaltung gebaut, und zwar von den PRÄZISION-WERKEN, deren DUREX-Nabe schon millionenfach eingebaut worden war. Der Welt leistungsfähigste Sattelfabrik, die LOHMANN-WERKE, fertigte in Spitzenzeiten über 3000 Sättel täglich! In der lederverarbeitenden Industrie nahmen Bielefelds Werke WITTKOP, LEPPER, LOHMANN, NAGEL und ISRINGHAUSEN die absolute Spitzenstellung ein: 80 bis 90% des Bedarfes an Sätteln, Gepäcktaschen und Werkzeugtaschen wurden durch sie gedeckt. 

Von links nach rechts: Schutzblechfiguren Miele und Göricke, Glockendeckel Meister-Werke, Steuerrohrschild Anker-Werke.

Der Rennsport als Imageträger!

Viele der großen Werke hatten sich eigene Rennställe zugelegt, wie zum Beispiel DÜRKOPP, ANKER, GÖRICKE, DUREX, BASTERT, MEISTER und RABENEICK. Unter den unzähligen Siegen sei nur einer erwähnt: Der Sieg des RABENEICK-Teams bei der Deutschland-Fahrt von 1949 über 3.000 Kilometer. 1953 bekam Bielefeld eine neue Radrennbahn, Europas schnellste Betonpiste, die von 15.000 Zuschauern besucht werden konnte - auch heute noch Austragungsort bedeutender Radrennen.

Der Abstieg - wer strampelt noch auf Drahteseln?

Mit den Fünfziger Jahren begann aber das große Sterben der Fahrradfabriken. Der wirtschaftliche Aufschwung ließ das Fahrrad zum ärmlichen Drahtesel verkommen. Wer wollte noch selbst strampeln, wo es doch Motorräder und Autos gab? DÜRKOPP, ANKER, MIELE, BASTERT und RABENEICK gaben nach und nach die Fahrradproduktion auf und verlegten sich auf andere Produkte. Andere gaben ganz auf, wie MEISTER, STRICKER und DREWER.

Das letzte Dutzend begann einen Überlebenskampf, der die Durststrecke der 1960er Jahre und zum Teil der 1970er überwinden half. RIXE hielt bis 1984 durch, während eine Handvoll Firmen sich bis in das neue Jahrtausend retten konnte: FALTER, GUDEREIT, JAEKEL, KWASNY & DIEKHÖNER und WESTERHEIDE. Sie stellten noch circa 200.000 Räder jährlich her.

Die letzten ihrer Art

Auch diese Reihe hat sich inzwischen weiter gelichtet. Rahmen und Gabeln werden in Bielefeld generell nicht mehr gebaut, sie werden aus Asien importiert und hier nur noch bei GUDEREIT, JAEKEL und KWASNY & DIEKHÖNER komplettiert. Bei den Fahrradteileproduzenten hält HEBIE eisern die Stellung und konnte mit hochwertigen Komponenten wieder Boden gut machen.

Immer noch aktiv: Radsport in Bielefeld

Drei renommierte Radsportvereine - RC Zugvogel, RV Teutoburg und RC Sprintax - sorgen mit ihren Radsportlern und der jährlichen Ausrichtung lokaler Rennen dafür, dass die Bielefelder Begeisterung für den Radsport auch nach über 120-jähriger bewegter Geschichte nicht nachlässt.

 

So hieß es einmal: "Ernst & Paul Stricker Fahrradfabrik Brackwede-Bielefeld"

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