Radfahrer im Toten Winkel - Staatssekretärin in Erklärungsnot

Von Thorsten Böhm

In den Bielefelder Radnachrichten 1/2004 haben wir über die Gefahren für Radfahrer durch den „Toten Winkel“ an Lastkraftwagen berichtet.

Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) in Berlin hat die Äußerungen der Parlamentarischen Staatssekretärin Iris Gleicke in einer Pressemitteilung des Bundesverkehrsministeriums vom 2. April 2004 zum Problem des „Toten Winkels“ an Lkw scharf kritisiert.

Vibrierende Spiegel?

Gleicke behauptet in ihrer Pressemitteilung, der so genannte DOBLI-Spiegel an niederländischen Lastwagen löse das Problem nicht ausreichend, da er die direkte Sicht durch die Windschutzscheibe auf die Straße beeinträchtige und sich an vielen Lkw nicht vibrationsfrei festmachen lasse.

Auf Nachfrage des ADFC Berlin im Niederländischen Verkehrsministerium (Verkeer en Waterstaat) erklärte der zuständige Projektleiter Kees Metselaar: „Die Äußerungen der Staatssekretärin überraschen mich sehr. Das Problem der Vibrationen haben wir bereits im Jahr 2000 gelöst, lange bevor der vierte rechte Außenspiegel in den Niederlanden zur Pflicht wurde. Auch wird die Sicht in den „Toten Winkel“ durch den zusätzlichen Spiegel nicht verkleinert  sondern viele Male größer.“ 

Metselaar zeigte sich auch verwundert, dass das Bundesverkehrsministerium zusammen mit dem Niederländischen Verkehrsministerium im Jahr 2001 eine Initiative zur Beseitigung des „Toten Winkels“ auf europäischer Ebene ergriffen haben wolle:„Das Bundesverkehrsministerium wollte lediglich eine Richtlinie für neue Lkw, doch dadurch wird das Problem des „Toten Winkels“ nicht gelöst.“

Unzureichende Richtlinie

Die von Gleicke genannte EU-Richtlinie wurde am 29. Januar 2004 im EU-Parlament beschlossen. Die europäischen Mitgliedsstaaten haben nun 36 Monate (bis zum 29. Januar 2007 und nicht wie von Gleicke behauptet, bis zum 1. Januar 2006) Zeit für die Umsetzung in nationales Recht.

Diese sieht vor, Lkw-Neufahrzeuge über 7,5 Tonnen mit einem vierten rechten Außenspiegel auszurüsten. Anders als nach dem niederländischen Modell, verkleinert dieser jedoch den „Toten Winkel“ nicht von 38 auf vier, sondern nur auf 19 Prozent. Keinerlei Veränderungen sind für Altfahrzeuge sowie für Lkw zwischen 3,5 und 7,5 Tonnen vorgesehen. Die Ausrüstung aller Lkw über 7,5 Tonnen würde demnach bei einer angenommenen Laufzeit der Lkw von 15 Jahren bis zum Jahre 2022 dauern.

Fortschrittliche Niederlande

In den Niederlanden sind seit dem 1. Januar 2003 alle Lkw über 3,5 Tonnen mit einem vierten rechten (DOBLI-)Außenspiegel ausgestattet. Im Jahre 2002 (damals fuhren bereits etwa die Hälfte der niederländischen Lkw mit dem neuen DOBLI-Spiegel) sank dort die Zahl der schweren und tödlichen Fahrradunfälle im „Toten Winkel“ um 42 Prozent. Die Zahlen für 2003 waren weiter rückläufig. 

Benno Koch, Landesvorsitzender des ADFC in Berlin, sieht in den Äußerungen der Staatssekretärin Gleicke eine ungeheure Arroganz und fachliche Inkompetenz:„ Frau Gleicke ist offenbar in größter Erklärungsnot.“ Nach Einschätzung des ADFC könnten nach dem niederländischen Vorbild in Deutschland jährlich bis zu 300 tödliche Unfälle von Radfahrern im „Toten Winkel“ bereits jetzt vermieden werden. Der Spiegel kostet 150 Euro und ist auch in Deutschland verfügbar.

Hundert Kinder tauchen auf

Der ADFC Berlin hat am 29. März 2004 zusammen mit dem niederländischen Initiator des „Toten-Winkel-Spiegels“, Wilbert van Waes, den Spiegel vor dem Roten Rathaus in Berlin vorgestellt und dabei demonstriert, wie mit diesem Spiegel 100 Kinder im bisherigen „Toten Winkel“ eines Lastkraftwagens für den Fahrer sichtbar gemacht werden.

„Anstatt nun die Akteure zusammenzuführen, versucht die zuständige Staatsekretärin mit widerlegten Behauptungen Stimmung gegen das erfolgreiche niederländische Modell zu machen“, so Koch. „Das Bundesverkehrsministerium hätte statt dessen die erfolgreich erprobte Möglichkeit, dem sinnlosen Tod im ‚Toten Winkel' sofort ein Ende zu bereiten.“

 

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