Das große Radreiseexperiment

Von Claudia Matz

Mein erster Diavortrag beim ADFCFahrradfrühling hatte den Titel „Die Flüsse entlang, um die Berge herum“. Und so halten es wohl die meisten Radtouristen. Weser– und Elberadweg landen alljährlich bei Umfragen nach den beliebtesten Urlaubsrouten auf den vorderen Plätzen. Gemütliches Radeln an Fluss dezent garniert mit gelegentlichen Blicken auf hübsche Berge liegt im Trend.

Ganz anders das jedes Jahr im Juli wiederkehrende Bild. Die große Schleife der Grande Nation lässt keinen Hügel aus, sucht geradezu nach besonders fiesen Bergen. Und alle, auch ganz normale Radtouristen, blicken fasziniert auf die Fernsehbilder. Und vielleicht wagen sie es dabei, ganz vorsichtig daran zu denken, ob sie selber vielleicht, zwar nicht ganz so schnell, aber überhaupt, so steil hoch und so lang unterwegs, ob sie das im Prinzip auch schaffen könnten.

Wenn es um die Beantwortung von solch schwierigen und zugleich lebensnahen Fragen geht, tritt häufig der Typ des „verrückten Engländers“ auf den Plan. Hat er doch schon in langen Testreihen geklärt, zu welchem Keks ich greifen muss,wenn ich ihn während der Verfolgung einer spannenden Bergetappe in meinen Earl Grey stippen will, und er weiß auch, wieviel mehr Drogen Männer als Frauen konsumieren dürfen beziehungsweise müssen, um dadurch ihren beruflichen Erfolg zu fördern. In der Tageszeitung wird dann meist – zum Schein? – eine namenlose englische Universität als Quelle der Erkenntnis genannt.

Mit dem Buch „Alpenpässe und Anchovis“ steht nun endlich einmal ein wirklich authentischer Bericht zur Verfügung, der nicht nur knapp ein sensationelles Ergebnis vermeldet sondern alle Einzelheiten des großen Radreiseexperimentes enthält, mit dem der "verrückte Engländer“ Tim Moore sich an die Beantwortung der zunächst nur vorsichtig gedachten, eigentlich völlig abwegigen Frage gemacht hat:„Schaffe ich kleiner Radfahrer die Tour de France-Strecke?“ Anknüpfend an frühere Untersuchungen (siehe oben) lässt er den gefesselten Leser natürlich auch über alle in diesem Zusammenhang wichtigen Fragen nach der richtigen Ernährung und dem angemessenen Umgang mit Drogen nicht im Unklaren. Wer also wissen will, wie sich 3630 Kilometer durch Frankreich für einen untrainierten Hintern anfühlen und welche Konsistenz Fig Newtons haben, dem sei Tim Moores Reisebericht/Radsportbuch/ Selbststudie/Heldenepos/ Gesundheitsfibel/Packliste/Kulturreport unbedingt empfohlen.

Tim Moore, Alpenpässe und Anchovis: 312 toll übersetzte, gut gedruckte und nett eingebundene Seiten, erschienen im Bielefelder Covadonga-Verlag, erhältlich im Buchhandel zum Preis von EUR 19,80.

Web-Tipp: Interview mit Tim Moore auf www.covadonga.de (unter dem Punkt Hintergrundinfos zum Buch)

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