Reise in die Vergangenheit

Von Claudia Matz

Angefangen mit Radreisen habe ich ganz ohne ADFC und ohne spezielle Radführer oder Radkarten. Das geht auch und Spaß gemacht hat es immer. Ich habe in jedem Urlaub Neues entdeckt, was eine Radreise angenehm oder unangenehm macht. Davon möchte ich nun chronologisch aber ansonsten ganz unsystematisch berichten.

Kühe sind nicht lila

Der erste Radurlaub. Spätsommer 1987. Semesterferien. Fünf Wochen Zeit. Ziel Nordportugal. Anreise per Bus. Was kommt alles in die Packtaschen und wie kommen die Taschen ans Rad?

Zunächst zum zweiten Teil der Frage: Für die Befestigung der beiden Agu-Sport-Hinterradtaschen hatte ich bereits einen ganz soliden Gepäckträger. Drei Streben auf jeder Seite mussten es sein, so hatte ich gehört. Aber reichte ein Gepäckträger aus? An Lowrider traute ich mich noch nicht ran. Sahen mir zu exotisch aus. Also habe ich mich für einen Vorderradgepäckträger entschieden. Eine schlechte Wahl! Der Schlafsack, den ich darauf transportieren wollte, wackelte so hin und her, das ich mich nach wenigen Metern mit dem ganzen Rad hingelegt habe. Also kam der Schlafsack doch nach hinten und auf den Vorderradgepäckträger habe ich unterwegs die 1,5 Liter PET-Wasserflasche geklemmt. Hielt meistens.

Nun zum Inhalt der Taschen: Nach der ersten Etappe habe ich auf dem Campingplatz die Gepäckmenge noch einmal kritisch unter die Lupe genommen und aussortiert: Regenhose (braucht man in Portugal im Spätsommer wahrscheinlich nie), Gabel (man kann alles mit dem Löffel essen) und einige andere Kleinigkeiten addierten sich zu fast zwei Kilo Gewicht. Das habe ich dann per Post nach Hause geschickt. Mit weniger Gepäck radelte es sich dann wirklich leichter und ich habe auch kein Teil vermisst. Dieser Vorgang hat sich auf den Touren der folgenden Jahre noch ein paar mal wiederholt. Ich bekam Routine im Päckchenpacken, aber schließlich hat sich das mit der Gepäckmenge eingespielt.

Gut bewährt hat sich auf der Tour der Brooks-Ledersattel. Weniger gut die selbstgenähten Radlerhosen aus Sweat-Shirt-Stoff! Sahen Scheiße aus  und waren auch nicht sehr bequem.

Was war toll an der Tour? Langsam (an Kondition mangelte es erheblich) am Rio Lima hinauf in den Nationalpark Peneda-Gerês fahren, dort morgens aus dem Zelt gucken und eine Kuh mit blauen Hörnern sehen, kurz ins baumlose Spanien und dann endlos bergab durch wunderschönen Wald zum traumhaften Campingplatz bei Caldas do Gerês. Was das Rad fahren in Portugal auch sehr angenehm macht, sind die vielen schön gefassten Quellen am Wegrand. So muss man nicht so viel Wasser mitschleppen.

Staunende Radleraugen in Portugal: Eine Kuh mit blauen Hörnern! Foto: Claudia Matz

 

Hier spielt die Musi’

Im Jahr darauf traute ich mich in ein mir bis dahin völlig unbekanntes Reiseland: Bayern. Vom Altmühltal über Augsburg bis zu den Alpen und dann weiter nach Osten sollte es gehen.

Radfernwege waren mir damals noch kein Begriff. (Gab es damals noch gar keine?) Als Orientierung unterwegs dienten Haupka-Radkarten. Damit kam man ganz zügig voran. Leider auch oft mit ziemlich viel Verkehr. Besonders die zahlreichen Motorräder auf den Straßen in den Voralpen nervten. Sie tun einem zwar nichts, aber ihr schnell ansteigender Lärmpegel wirkt bedrohlich und das Rad fahren wird dadurch sehr anstrengend.

Was war toll? Nun, zunächst erschienen sie mir eher befremdlich, all diese aufgeräumten Städte dort ohne Schmuddelecken. Aber dann habe ich mich doch bewundernd umgeschaut, zum Beispiel auf dem Rathaus-Platz in Augsburg. Oder belustigt, wie in Reit im Winkl, die Heimat der Hellwigs. Als ob man durch die Kulissen einer Volksmusik-Sendung fährt! Vom Rad aus lässt sich das wunderbar genießen.

Staunende Radleraugen in Augsburg: So können Stadtplätze also auch aussehen! Foto: Claudia Matz

 

 

In die Pilze

Nach zwei Jahren ohne große Tour ging es im Sommer 1990 nach Osten, in die Noch-DDR. In dem Jahr konnte man auf den Campingplätzen dort erstmals ohne Vorausbuchung übernachten. Dadurch musste die Route nicht komplett geplant werden, sondern man konnte sich jeden Tag neu überlegen, wo es hingehen sollte. Voll waren die Plätze auch nie, da die DDR-Bürger ihre Reisefreiheit anderweitig nutzten.

Zunächst führte die Tour rechts und links der Elbe, selten nah am Fluss, Richtung Dresden. In Reiseführern kam diese Gegend damals nicht sehr gut weg: langweilig, viel Industrie, Bitterfeld. Aber es war ganz anders: viel Natur, ruhige Straßen und viele kleine Campingplätze. Die waren zumeist sehr naturbelassen und schön gelegen, oft an einem kleinen Badesee. Überhaupt die Seen: Fast immer waren die Seeufer frei zugänglich. Das hatte ich von Bayern ganz anders in Erinnerung!

Reiseführern traute ich nun nicht mehr, Landkarten vorerst noch. Bis in die Lausitz. Auf der bis dahin sehr zuverlässigen Straßenkarte war auch eine Straße eingezeichnet, die in den Ort Uhyst führte. Am Beginn dieser Straße stand zwar ein Befahren-verboten-Schild, da solche Schilder aber nach der Erfahrung auf dieser Tour bedeutungslos waren („da war mal ’ne Baustelle, hat wohl keiner abmontiert“) und auch keine Umleitung beschildert war, habe ich das Schild ignoriert. Die Straße war wunderbar! Etliche Kilometer ging es auf direktem Weg Richtung Uhyst. Zwischendurch kam auch ein Radfahrer aus der Gegenrichtung – wohl aus Uhyst! Auch Häuser sah man von der Straße aus, allerdings meist in einiger Entfernung. Erst als mal ein Haus nah an der Straße stand, sah man, dass es verlassen war. War das hier etwa ein Truppenübungsplatz? Genau ließ sich das aber nicht erkennen und Landflucht war auch eine einleuchtende Erklärung für die zunehmende Einsamkeit auf der Strecke. Bis man schließlich gar nichts mehr sah. Jedenfalls nicht auf Straßenniveau. Bis zum Horizont erstreckte sich eine riesige Grube. So sah also ein Tagebaugebiet aus.

Zurückfahren ist immer langweilig. Also querfeldein durch Wiesen und Wälder. Pilzsammler, die ich unterwegs nach der Straße nach Uhyst fragte, sahen mich etwas merkwürdig an. Die Straße gab es seit etwa 20 Jahren nicht mehr! Im darauf folgenden Jahr schaute ich interessehalber einmal in die Neuauflage der damals benutzten Straßenkarte: die Straße nach Uhyst gab es da noch immer.

Fliegen und flattern

Vor der nächsten Radreise, es sollte mal wieder nach Portugal gehen, las ich im Reiseführer eine interessante Empfehlung: das „ziemlich eintönige“ Alentejo lohne sich nicht. Das musste ich testen. Und richtig: Reiseführer werden wirklich von Autofahrern geschrieben. Das Alentejo entpuppte sich als ein traumhaftes Radfahrland mit reizvoller Landschaft, guten Straßen und wenig Verkehr.

Leider liegt Portugal ziemlich weit weg. Für die Anreise wählte ich also diesmal das Flugzeug. Entgegen allen Befürchtungen und den Erfahrungen anderer Radler kam das Rad unbeschädigt in Faro an. Nebensaison und die Wahl eines Direktfluges könnten Erklärungen für dieses Glück sein. Trotzdem konnte ich am Flughafen nicht sofort losfahren, denn ich hatte das wichtigste Utensil für eine Flugreise vergessen: die Luftpumpe. Das mit dem Lenker-gerade-stellen und Pedale-abmontieren wird vom Flughafenpersonal nicht immer so eng gesehen. Was jedoch ganz streng gehandhabt wird, ist die Sache mit dem Luft-aus-den-Reifen-lassen. Wie gesagt, Nebensaison, keine anderen Radler im Flugzeug und Flughafenangestellte fahren auch alle Auto. Die Rettung war ein freundlicher Rollstuhlfahrer, der eine kleine Luftpumpe dabei hatte. Dabei fiel mir auf, dass er nicht die Luft aus seinen Reifen hatte lassen müssen!?

Vor dem Urlaub hatte ich die Schaltung meines Rades von 2 x 5 auf 2 x 6 Gänge aufrüsten lassen, um leichter die Berge hinauf zu kommen. Ein viel wesentlicherer Nachteil des Rades ließ sich jedoch nicht so einfach beheben. Der Rahmen war einfach nicht für das Fahren mit viel Gepäck geeignet. Bergab flatterte er ziemlich. Nach der Tour stand fest: ein richtiges Reiserad mit einem stabilen Rahmen musste her! Damit und mit neuem Zelt und – ganz neu – mit Helm startete ich meine nächste Radreise.

Rein zufällig bin ich in dem Jahr auch in den ADFC eingetreten und habe im Jahr darauf beim ADFC-Fahrradfrühling meinen ersten Diavortrag über die Radreise gehalten. Aber davon in den nächsten Radnachrichten mehr.

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