Man nehme ... 250 Meter Straße

Von Thorsten Böhm

Ende Februar haben es die Aktiven des ADFC Bielefeld gemeinsam mit anderen Zeitungslesern aus der Lokalpresse erfahren: Die Firma Dr. Oetker möchte ihr Firmengelände an der Lutterstraße einzäunen und ist mit dem Wunsch an die Stadtverwaltung heran getreten, ihr unter anderen die Lutterstraße zwischen Bolbrinkersweg und der Brücke über die Johannistal-Zufahrt zu überlassen.

Die Verwaltung schlug darauf hin den Bezirksvertretungen Gadderbaum und Mitte, die hier eine empfehlende Funktion haben, sowie dem politisch entscheidenden Umwelt- und Stadtentwicklungsausschuss (UStA) vor, diesem Wunsch zu entsprechen und die Verwaltung mit der Einleitung eines so genannten Einziehungsverfahrens zu beauftragen. Nach dem aus der Sicht der Firma Dr. Oetker erfolgreichen Abschluss eines solchen Verfahrens stünde die Privatisierung der betroffenen, bisher öffentlich zugänglichen Flächen.

Warum die ganze Aufregung?

Die Bedeutung der Lutterstraße für den Radverkehr besteht nicht nur darin, dass sie von ihren Anliegern sowie den Anwohnern der Robert-Bunsen-Straße und des Bolbrinkerswegs als kürzeste und gleichzeitig relativ wenig mit Kraftverkehr belastete Strecke in Richtung Innenstadt und zurück benutzt wird. Zusätzlich dient sie vielen, die von der Alfred-Bozi- bzw. der Kreuzstraße her kommend nicht den Radstreifen über den zumeist stark mit Kraftverkehr belasteten Adenauerplatz benutzen wollen, als Durchgangsstrecke zwischen der Innenstadt und Brackwede bzw. Quelle. Außerdem führen zwei BahnRadRouten und eine Strecke des Radverkehrsnetzes NRW durch die Lutterstraße.

Möglichkeiten der ADFC-Arbeit

Da in einem Einziehungsverfahren nur eine betroffene Privatperson, nicht jedoch der ADFC als Radverkehrslobby den Rechtsweg beschreiten kann, haben Aktive des ADFC Bielefeld eine Vielzahl von Gesprächen mit Politikern, Verwaltung und betroffenen Bürgerinnen und Bürgern geführt. Sehr schnell war klar, dass sämtliche in den Bezirksvertretungen (BV) und im Umwelt- und Stadtentwicklungsausschuss (UStA) vertretenen Parteien in selten zu bestaunender Einmütigkeit das Begehren der Firma Dr. Oetker unterstützen. Nach stilvoller Gutsherrenart beschloss der UStA am 18. März 2003 daher, das Einziehungsverfahren einleiten zu lassen und eine Bürgerinformationsveranstaltung nicht etwa vor einem solchen Beschluss abhalten zu lassen. Über konkrete Ausgleichsmaßnahmen für den Radverkehr sollte erst zu einem späteren Zeitpunkt beschlossen werden.

Dem ADFC ging es in dieser Situation, in der nach wie vor nicht klar ist, ob und mit welchem Erfolg betroffene Bürger den Rechtsweg beschreiten werden, für den Fall eines erfolgreichen Einziehungsverfahrens um möglichst sinnvolle Ausgleichsmaßnahmen für den Radverkehr. Es bestand immer noch die Gefahr, dass eine politische Mehrheit im UStA keine oder nur völlig unzureichende Maßnahmen beschließen würde.

Blick von der Fußgängerbrücke über die Zufahrt zun Johannistal auf die Lutterstraße (links). Der Weg rechts zwischen dem Gebäude und den Bahngleisen wurde als Alternativstrecke diskutiert. Foto: Thorsten Böhm

 

Ein Blick in die Zukunft

Das Amt für Verkehr legte dem UStA schließlich einen Entwurf vor, in dem auch die in mehreren Gesprächen eingebrachten Vorschläge des ADFC berücksichtigt wurden. Der ADFC hat hierbei auch verschiedene Anregungen von Radfahrern aufgegriffen, die sich zahlreich bei ihm gemeldet haben (hierfür vielen Dank!). Der UStA hat diesem Entwurf Ende Mai zugestimmt.

Danach wird die für Radfahrer freigegebene Fußgängerbrücke über die Johannistal-Zufahrt mittels eines Rad- und Fußweges mit dem Radweg entlang des Oetker-Geländes an der Westseite der Artur-Ladebeck-Straße verbunden. Weil davon ausgegangen werden musste, dass ein solcher Weg auch in Gegenrichtung, also in Richtung Innenstadt, benutzt werden würde, wird er auf 2,0 m verbreitert und für Radverkehr in beiden Richtungen frei gegeben werden.

Dies bezieht sich ausschließlich auf den verbreiterten Hochbord-Radweg und den neuen Weg zur Brücke. Es war niemals vorgesehen, den Radstreifen, der vom Adenauerplatz kommend in den Radweg an der Artur-Ladebeck-Straße mündet, in Gegenrichtung befahren zu lassen. Weder wäre dies legal noch sind anderslautende Berichte der Lokalpresse zutreffend. Dieser Radstreifen wird nicht mehr geradlinig, sondern abgekröpft im Kurvenbereich des Radweges einmünden. Zusätzlich wird er mit einer besonderen farbigen Pflasterung und einem Hinweisschild versehen werden. So wird nach Ansicht des ADFC darauf hingewirkt, dass Radfahrer von hier aus nicht unabsichtlich in falscher Richtung auf den Adenauerplatz fahren. Wer es dennoch vorsätzlich tut, so wie es es heute bereits geschieht, kann daran auch durch drastischere bauliche Maßnahmen nicht gehindert werden. Darin unterscheidet sich dieser Radweg übrigens nicht von sämtlichen anderen Radwegen und Straßen dieser Stadt.

Durch die Befahrbarkeit in beiden Richtungen haben nun auch Radler aus Richtung Brackwede/Betheleck eine direkte Radweg-Verbindung in Richtung Johannistal und Hochstraße/Werther-straße/Universität. Wer aus der Innen-stadt kommt und in Richtung Bethel/Brackwede fährt, hat erstmals die Mög-lichkeit, je nach Verkehrsverhältnissen und persönlicher Einstellung den Rad-streifen oder einen durchgehenden Radweg abseits der Straße zu wählen.

Der Radweg entlang der Westseite der Artur-Ladebeck-Straße wird auf der straßenabgewandten Seite durchgehend von einem 1,5 m breiten Fußweg begleitet werden. Bei dem zu erwartenden relativ geringen Fußgängerverkehr steht daher auch genügend Ausweichfläche für Notfälle zur Verfügung. Von der Straße wird der Radweg durch einen 2,0 m breiten Grünstreifen getrennt sein, der mit Bäumen bzw. Sträuchern bepflanzt werden wird, so dass neben dem verbesserten subjektiven Sicherheitsgefühl auch ein Spritz- und für die bei Dunkelheit in Richtung Innenstadt fahrenden Radler ein Blendschutz herbei geführt wird. Der ADFC  hat auf die Auswahl geeigneter Pflanzen zur Vermeidung von Schäden am Radweg durch Wurzelwachstum und das Beachten von Sichtbeziehungen zwischen Kfz- und Radverkehr bei der Wahl der Pflanzorte insbesondere an der Einmündung des Haller Weges hingewiesen.

Ein Blick aufs Drumherum

Im Haller Weg werden zwischen Artur-Ladebeck- und Lutterstraße beidseitig Radstreifen von 1,75 m Breite angelegt werden, den aus dem Haller Weg kommenden Radlern wird eine Aufstellfläche vor der Kfz-Haltelinie das Überqueren der Artur-Ladebeck-Straße in Richtung Betheleck erleichtern. Von hier aus ist dann auch das Abbiegen auf den neu gestalteten Radweg an der Westseite Artur-Ladebeck-Straße möglich.

In weiteren Gesprächen mit Vertretern der Stadtverwaltung und der BV Gadderbaum hat der Vorstand des ADFC klar gestellt, dass er einen Weg entlang der Bahnlinie hinter den Oetker-Gebäuden zusätzlich zu einer Anbindung der Brücke über die Johannistal-Zu-/Ausfahrt an den Radweg an der Nordseite der Artur-Ladebeck-Straße nicht ablehnt. Als alleinige „Ausgleichsmaßnahme“ hält er einen Weg entlang der Bahngleise aus verschiedenen Gründen ebenso wenig für akzeptabel wie den Vorschlag eines Bürgers, den vorhandenen Rad- und Gehweg an der Westseite der Artur-Ladebeck-Straße zu Gunsten einer Fahrspur für Oetker-Werksverkehr aufzuheben. (Siehe auch Artikel „Bahn-Radroute?“ in diesen Radnachrichten.) Ein Weg entlang der Gleise ist nach Fahrversuchen mit den dort verkehrenden Lkw sowohl vom Amt für Verkehr als auch von der Firma Dr. Oetker abgelehnt worden und war nicht mehr Bestandteil der Beschlussvorlage an den UStA.

Brennpunkt Adenauerplatz

Erneut hat der ADFC beim Amt für Verkehr angeregt, die Ampelschaltung auf dem Adenauerplatz so zu verändern, dass Radfahrer auf dem Radstreifen über den Adenauerplatz nicht von Kraftfahrzeugen geschnitten werden. Hierzu wird es weitere Gespräche geben.

Besser als sein Ruf, aber nicht jedermanns Sache: der Radstreifen auf dem  Adenauerplatz. Er darf übrigens, wie alle anderen Radstreifen auch, nicht in Gegenrichtung befahren werden. Weder jetzt noch in Zukunft. Die Dame auf dem Foto macht es richtig. Foto: Thorsten Böhm

 

 

Weitere Problemzonen

Der Einschnitt in den Teutoburger Wald zwischen Sparrenburg und Johannisberg stellt eine Engstelle für Verkehrswege dar. Außerdem ist die Lutterstraße nicht nur Fahrtquelle und -ziel für Anlieger, sondern hat auch eine Durchleitungsfunktion für (insbesondere) Radfahrer mit anderen Startorten und Zielen. Der ADFC Bielefeld hält es deshalb es für wichtig, die in diesem Bereich bereits vorhandenen Radwege zu nutzen und zu verbessern und sie nicht wegen noch vorhandener Mängel aus allen Überlegungen auszuschließen.

Deshalb hat der ADFC dem Amt für Verkehr vorgeschlagen,

  • die Hecke entlang des Radweges an der Ostseite der Artur-Ladebeck-Straße zwischen Betheleck und Kreuzstraße so zu beschneiden, dass sie nicht ins Lichtraumprofil des Weges ragt, der mit 1,6 m Breite für Einrichtungs-Radverkehr in der vorgesehenen Richtung durchaus geeignet ist,
  • mittels Markierungen oder anderer geeigneter Maßnahmen das für Radfahrer auf diesem Radweg an der Ostseite der Artur-Ladebeck-Straße gefährliche zweispurige Abbiegen von Kraftfahrzeugen aus dem Mühlendamm zu unterbinden, und
  • durch (an anderen vergleichbaren Stellen bereits erfolgreich verwandte) Pfeile und Piktogramme im Bereich der Radfahrerfurt über die Kreuzstraße zu verhindern, dass Radfahrer diesen Radweg an der Ostseite der Artur-Ladebeck-Straße in falscher Richtung befahren.

Der Rad- und Gehweg an der Westseite der Artur-Ladebeck-Straße hat bei einigen Betrachtern, die seinen Abstand zur Straße aus Gründen der Verkehrssicherheit für zu gering halten, Unbehagen ausgelöst. Tatsächlich jedoch lassen sich solche Bedenken mit den langjährigen Erfahrungen, die es nicht nur in Bielefeld mit einer Vielzahl von straßenbegleitenden Radwegen gibt, nicht untermauern. Hierbei spielt es auch keine Rolle, in welcher Richtung der Weg befahren wird.

Gravierender ist, dass Fußgängern, die zwischen Lutterstraße und Johannistal verkehren, zukünftig ein deutlicher Umweg zugemutet wird.

Der Radweg an der Ostseite der Artur-Ladebeck-Straße.

Oben: Üppig wucherndes Grün.

Mitte: Einmündung Mühlendamm.

Unten: Geisterfahrer (links) vor dem Sanitätshaus Zündorf.

Fotos (3): Thorsten Böhm

 

Verlust an Heimat

Es ist den ADFC-Aktiven aber auch bewusst, dass weder der nunmehr geplante Rad- und Gehweg noch ein (hypothetischer) Weg entlang der Bahngleise die Aufenthaltsqualität der Lutterstraße bieten können. Neben den erwähnten Nachteilen für Fußgänger gleichen sie insbesondere nicht den Verlust an heimatlicher Umgebung aus, den die Anwohner erleiden. Dies allerdings scheint der Mehrzahl der an der Entscheidung beteiligten Politiker trotz wortreicher Aufrufe zu einer stärkeren Identifikation mit der Region nicht klar oder nicht wichtig genug zu sein. Vielleicht glauben sie auch, vermeintlichen Absichten vorbeugen zu müssen, auch ein heimatverbundenes Unternehmen könne es einmal mit einer neuen Heimat versuchen. Die Drohung mit dem Abbau von Arbeitsplätzen wird gern auch abseits der betriebswirtschaftlichen Realität instrumentalisiert.

Gewiss ist allerdings, dass der wahlweise ruppige bis ungeschickte Umgang der Vertreter von Politik, Verwaltung und der Firma Oetker mit den Anliegern der Lutterstraße und der benachbarten Straßen nicht als Musterbeispiel für vertrauensbildende Maßnahmen in die Geschichte eingeht. Auch ist die behauptete Notwendigkeit einer Straßeneinziehung nicht schlüssig und nachvollziehbar dargelegt worden ist. Über die verbreitete Politikverdrossenheit muss sich niemand wundern.

© 2020 ADFC Stadtverband Bielefeld e. V.