Forschungsprojekt Miele: Mit dem Rad zur Arbeit (1. Teil)

Von Hansjörg Gerber

Seit dem April dieses Jahres (2003, Anm. d. Web-Red.) nehmen 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Firma Miele in Bielefeld an einem Versuch teil, der sich mit den Auswirkungen eines Umstieges vom Auto auf das Rad und einer täglichen Radfahrt zur Arbeit beschäftigt. Das nunmehr erfolgreich gestartete Projekt hat eine lange Vorgeschichte. Es macht Sinn, diese hier kurz darzustellen, um den Stand der Bielefelder „Radkultur“ aus meiner Sicht zu skizzieren.

Im Jahre 1997 wurde bei der Bielefelder Stadtverwaltung die Stelle „Fahrradbeauftragter“ eingerichtet. Vorher verantwortlich für den Gesamtverkehr, war ich nun für das Rad zuständig. Kurz gesagt: Ich sollte die Bielefelder vom Autosessel in den Sattel hieven. Eigentlich doch auch nur eine Aufgabe unter vielen im jetzigen Amt für Verkehr, dachte ich. Doch so einfach war das nicht.

Reaktion auf den „Neuen“

Ich mußte feststellen, dass der Fahrradbeauftragte in der Außenansicht offensichtlich nicht als gewöhnlicher Job wahrgenommen wurde. Die unterschiedlichsten Mutmaßungen waren mit der „Stellenschöpfung“ verbunden. Eins einte alle: Nämlich die Aufgabe und das Klientel kommentieren zu müssen. Diese Erfahrung durfte ich sowohl im privaten als auch beruflichen Umfeld machen. Das reichte von der Annahme des Karriereknicks bis zur sozialen Ausgliederung.

Es gab allerdings auch die andere, nämlich regelmäßig radfahrende Seite, die diese Stelle als Gewinn empfand und entsprechende Erwartungen hatte. Aber auch hier war teilweise eine emotionale Befangenheit spürbar, die für eine auf Kooperation angelegte Verkehrspolitik nicht unbedingt verträglich war. Der Alltag und der Umgang auf der Straße ließen die Herkunft der Emotionen erahnen. Wir wollten Klarheit haben: Also war Ursachenforschung zu betreiben und hierfür war professioneller Sachverstand gefordert.

Die Betreuer und Unterstützer des Projektes "Mit dem Rad zur Arbeit". Das Oldtimerrad verweist auf die lange Fahrradtradition der Firma Miele. Foto: Stadt Bielefeld

 

Der psychologische Hintergrund

Der Fakultät Verkehrspsychologie der Uni Bielefeld wurde ein Forschungsauftrag erteilt, der die psychologischen Hintergrundvariablen für die emotionalen Vorbehalte gegen den jeweiligen anderen Verkehrspartner frei legen sollte. Letztlich kann die fehlende Fähigkeit zum Perspektivenwechsel und die daraus resultierende Ablehnung des jeweiligen anderen Verkehrsteilnehmers auch Ursache für die mangelnde Bereitschaft sein, das Fahrrad im Alltagsverkehr zu nutzen.

Um es kurz zu machen: Im Ergebnis der Studie gab es bei den Befragungen eine Menge an Schuldzuweisungen für die jeweilig temporär anderen Verkehrspartner. Eine Aussage war besonders erstaunlich: Die befragten Autofahrer, welche die freie Auslegung der Straßenverkehrsordnung (StVO) durch viele Radfahrer im Straßenverkehr bemängelten, attestierten sich gleiches Fehlverhalten, wenn sie selbst auf dem Fahrrad sitzen.

„Miteinander geht mehr“

Die gemeinsame Identität als Verkehrspartner zu betonen, war darum eine konsequente Handlungsempfehlung der Universität. Die Stadt folgte dieser mit einer breit angelegten „Miteinander geht mehr“-Kampagne. Elemente dieser Kampagne waren ein Film, Sticker und verschiedene Schilder. Alle Aktionen appellierten an an die gemeinsame „Verkehrsidentität“ und den fairen, partnerschaftlichen Umgang auf der Straße.

Es wurde darüber hinaus empfohlen, die Kooperation mit einem großen Betrieb zu suchen. Große Betriebe sind naturgemäß auch große Verkehrserzeuger, so dass hier mit Umsteigepraktiken im großen Maßstab experimentiert werden kann. Die Firma Miele als großer regionaler Arbeitgeber mit überregionaler Ausstrahlung bot sich als Kooperationspartner an. Der Projektansatz überzeugte die Firma Miele und es entwickelte sich eine gute, kooperative Zusammenarbeit.

Ziele des Projektes?

Wir wollen wissen,

  • welche messbaren, physischen/ gesundheitlichen Veränderungen der Verkehrsmittelwechsel vom Auto auf das Fahrrad für den Einzelnen erwirkt
  • welche sozialen Auswirkungen (Familie, Freizeit) diese Veränderung der Lebensgewohnheiten hat und welche Mitnahmeeffekte erzielt werden
  • welche Einflüsse dieser Wechsel und die körperliche Beanspruchung auf die individuelle Befindlichkeit haben.

Die Teilnehmer des Projektes „Mit dem Rad zur Arbeit“. Foto: Stadt Bielefeld

 

 

Auswahl der Teilnehmer

Voraussetzung für die Auswahl der Projektteilnehmer war eine Ermittlung des Ist-Zustandes der gegenwärtigen Verkehrsmittelwahl bei den Mitarbeitern der Firma Miele. Darüber hinaus mussten die Motive für diese Verkehrsmittelwahl erfragt werden, um daraus das mögliche Umsteigepotenzial zu ermitteln.

Im nächsten Schritt wurden Miele-Mitarbeiter, die bereits mit dem Fahrrad zur Arbeit kamen, ausgewählt. Diese wurden als Werber für die zukünftigen Verkehrsmittelwechsler vom Auto zum Fahrrad eingesetzt. Von einem Fotografen abgelichtet und mit einer authentischen Aussage begleitet („Warum ich das Fahrrad nutze?“) wurden sie in den Miele-Arbeitsstätten plakatiert.

Die so durchgeführte Bewerbung war sehr erfolgreich. 43 Mitarbeiter der Firma Miele waren bereit, während eines halbjährigen Zeitraums für ihren Weg zur Arbeit und zurück statt des Autos das Fahrrad zu nutzen. Von diesen 43 Freiwilligen fuhren aber bereits 25 mit dem Fahrrad oder gingen zu Fuß, so das schlussendlich 18 Teilnehmer verblieben, die den Kriterien für das Forschungsprojekt entsprachen.

Diesen 18 Teilnehmern steht für den Zeitraum vom 1. April bis zum 30. September 2003 ein qualitativ gutes Fahrrad zur Verfügung, das sie später zu günstigen Konditionen erwerben können.

Wissenschaftliche Begleitung

Dem Projektstart ging eine umfangreiche Untersuchung der „Saluto“ (Gesellschaft für Sport und Gesundheit mbH) voraus. Die erwarteten physischen Veränderungen durch den Verkehrsmittelwechsel sollen in der Zwischenuntersuchung und der späteren Abschlussuntersuchung dokumentiert werden.

Während des Projektes werden die Teilnehmer durch die Psychologen der Universität Bielefeld in regelmäßigen Abständen befragt, um soziale Veränderungen im Umfeld des Teilnehmers festzuhalten. Daneben haben die Teilnehmer aber auch die Möglichkeit, Probleme, die sich auf ihrem Arbeitsweg ergeben haben, zu erörtern. Auch hieraus könnten sich grundlegende Erkenntnisse ergeben, die Hemmnisse für die alltägliche Nutzung des Fahrrades offen legen.

Start mit Erbsensuppe

Offiziell gestartet wurde das Projekt am 22. März 2003 mit einer Eröffnungsveranstaltung bei der Firma Miele. Sowohl der Werkleiter der Firma Miele, Herr Bergmann, als auch der Bielefelder Oberbürgermeister, Herr David, begrüßten diese Kooperation zwischen Miele und der Stadt und wünschten dem Projekt viel Erfolg. Eine Rundfahrt der Teilnehmer und Gäste mit den für das Projekt werbenden T-Shirts schloss sich an. Die Erbsensuppe bei Miele war der schmackhafte Abschluss einer gelungenen Auftaktveranstaltung.

Ich, ganz persönlich, erhoffe mir bei den Teilnehmern signifikante positive Veränderungen sowohl im gesundheitlichen als auch im sozialen Bereich, um diese im Radverkehrsmarketing und damit der Radverkehrsförderung einsetzen zu können. Das Land Nordrhein-Westfalen und hier das Ministerium für Verkehr, Energie und Landesplanung, das dieses Projekt bezuschusst, schaut erwartungsvoll nach Bielefeld, um unsere Erkenntnisse auch auf Landesebene verwerten zu können.

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