Bahn-Radroute?

Von Thorsten Böhm

Ein kontrovers diskutierter Vorschlag war der, im Falle einer Einziehung der Lutterstraße den Radverkehr zwischen Bahnlinie und Oetker-Gebäuden entlang zu führen.

Die Meinungsäußerungen, die den ADFC erreicht haben, ließen zwei grundsätzliche Positionen erkennen:

  • Ein Teil der Betroffenen lehnt einen Radweg zwischen den Oetker-Gebäuden und der Bahnlinie ab, weil er Angst hat, diese Strecke abseits sozialer Kontrolle insbesondere im Dunklen zu benutzen.
  • Andere wiederum teilen diese Bedenken nicht und favorisieren eine möglichst direkte Verbindung zwischen Adenauerplatz und Bolbrinkersweg. Sie sind der Ansicht, dass diejenigen, die einen solchen Weg nicht nutzen wollen, an der Artur-Ladebeck-Straße entlang fahren können.
  • Aus dem politischen Raum kamen Äußerungen, wonach eine Radverkehrsverbindung zwischen Quelle und Adenauerplatz bereits durch den Weg über den Johannisfriedhof gewährleistet sei. Ausgleichsmaßnahmen für eine eingezogene Lutterstraße erübrigten sich deshalb.

Die beteiligten Aktiven des ADFC haben die unterschiedlichen Ansprüche und das Entscheidungsklima beurteilt und sich dafür ausgesprochen, die Brücke über die Zufahrt zum Johannistal mit dem Radweg an der Westseite der Artur-Ladebeck-Straße zu verbinden und einen Weg entlang der Bahnlinie zusätzlich, aber nicht als alleinige Lösung vorgeschlagen. Folgende Überlegungen liegen dieser Auffassung zu Grunde.

  • Die Bedenken wegen fehlender sozialer Sicherheit werden ernst genommen. Niemand, der einen solchen Weg nicht benutzen möchte, soll dann gezwungen sein, gegen seinen Willen den sonst unumgänglichen Radstreifen auf dem Adenauerplatz zu benutzen.
  • Die Strecke über den Johannisfriedhof ist mit einem erheblichen Umweg verbunden, wegen einer Treppe nicht uneingeschränkt nutzbar (z. B. mit Anhänger) und verspricht keineswegs ein höheres Maß an sozialer Sicherheit. Zudem wäre es sehr zu begrüßen, wenn mit der Frage, welchen Zwecken ein Friedhof dienen soll, etwas behutsamer umgegangen werden würde.
  • Ein Weg entlang der Bahnlinie wäre wegen der räumlichen Bedin-gungen nur als Gehweg mit dem Zusatz „Radfahrer frei“ auszuweisen, also mit dem Rad nur im Schritt-Tempo zu befahren, und daher für den zu erwartenden Radverkehr in beiden Richtungen keine vollwertige Verkehrsanlage.

Blick von der Fußgängerbrücke über die Zufahrt zun Johannistal auf die Lutterstraße (links). Der Weg rechts zwischen dem Gebäude und den Bahngleisen wurde als Alternativstrecke diskutiert. Foto: Thorsten Böhm

 

Grundsätzliche Überlegungen

Radverkehrsförderung hat das Ziel, zum allgemeinen Wohle die Verkehrsmittel-wahl insbesondere von Kraftfahrern zu Gunsten des Radverkehrs zu beeinflussen. Hierbei gilt es, nicht nur diejenigen zu versorgen, die ohnehin schon vom Rad überzeugt sind, sondern besonders diejenigen zu gewinnen, die es noch nicht sind. Eine wichtige Rolle, besonders für den Alltagsverkehr im städtischen Bereich, spielt dabei eine flächendeckende Radverkehrsinfrastruktur (Radwege, Abstellanlagen, Wegweisung) auf hohem Niveau. Eine solche signalisiert auch Noch-Nicht-Radfahrern deutlich , dass das Rad nicht nur ein gleichberechtigtes Verkehrsmittel ist, sondern setzt auch Anreize für einen Umstieg.

Hingegen fördert man den Radverkehr nicht, indem man ihn aus dem Straßenbild entfernt, die Benutzung vorhandener Anlagen durch fehlende Lückenschlüsse unattraktiv macht und Radfahrer statt dessen in Hinterhöfe (oder auf Friedhöfe) verweist.

Überdies ist die Unfallgefahr an den Stellen, wo der Radverkehr unvermeidlicher Weise wieder in den Straßenraum eintritt, dann umso größer.

Umstiegspotenzial wird verschenkt, wenn man zu Ungunsten einer planmäßigen Rad-Infrastruktur darauf setzt, dass „die Radfahrer“ ihre persönlichen Schleichwege und Laternenpfähle schon kennen werden. Dies sind natürlich nur diejenigen, die bereits routinierte Radfahrer sind.

Insgesamt  wäre es ein fatales Signal für zukünftige planerische und politische Entscheidungen, wenn der ADFC den irrigen Eindruck erwecken würde, dass für die Bewältigung des Radverkehrs einige zweitklassige Schleichwege ausreichten.

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