Alle Jahre wieder ...

Von Harald Scholz

Alle Jahre wieder treffen sich ADFC-Aktivisten aus ganz NRW nebst einigen niedersächsischen Einsprengseln im Senner Haus Neuland, um über Fahrradthemen zu reden. So auch an einem Wochenende Anfang April, diesmal zum Thema „Nationaler Radverkehrsplan“.

Die 35 Teilnehmer erhielten am Freitag eine Einführung durch Dr. Annette Rauterberg-Wulff, die für das Umweltbundesamt arbeitet und den Bund-Länder-Arbeitskreis Radverkehr betreut.

Wer soll’s richten?

Klar erkennbar wird in ihrem Vortrag ein scheinbarer Widerspruch: Was soll ein Nationaler Radverkehrsplan, wenn die konkreten Projekte kommunal, allenfalls auf Landesebene, stattfinden sollen?

Kurz gesagt: Er verleiht erstens politische Akzeptanz, wo Radfahrer zuvor belächelt wurden. Zweitens sind Fördermittel auf 100 Millionen Euro verdoppelt worden, die zwar im Vergleich mit dem Auto zu einem Nichts verblassen, die allerdings in der konkreten Finanzmisere von den Ländern und Kommunen nicht einmal vollständig abgerufen werden – der Eigenanteil ist oftmals nicht vorhanden.

Kontrastprogramm am Samstag

Zwei Veteranen berichten über alles das, was auch bisher schon auf Stadt- und Kreisebene getan werden konnte, wenn man denn wollte – auch ohne Nationalen Radverkehrsplan. Unser ADFC-Eigengewächs Ulrich Syberg berichtete aus dem Kreis Recklinghausen, besonders eindrucksvoll aber Dr. Jürgen Göttsche, Chefverkehrsplaner der Stadt Marl. Was mit viel Engagement möglich ist, wenn man einen Schwerpunkt beim Radverkehr setzt, begeistert. Angefangen bei guten Erfahrungen mit Zweirichtungsradwegen in Marl über die Gründung der Marler Fahrradtage – übrigens (hört, hört) stark mitgefördert vom lokalen Chemieriesen Hüls AG – bis hin zu flächendeckendem „Tempo 30“ in Wohngebieten. Weil kein Geld da war, hat man im letzteren Fall einfach den betroffenen Bürgern Farbe und Schablone für die Straßenmarkierungen in die Hand gedrückt – und das Geld für die Schilder im jeweiligen Wohngebiet gesammelt. Folge war, dass sich die Bewohner mit der Tempo 30-Zone bewusster auseinander gesetzt haben und diese als „ihre“ Initiative weitaus besser annehmen.

Radfahren fängt im Kopf an

Der Ausblick aus rund 10 Jahren Fahrradförderung: Mit mehr Radwegen kann man irgendwann den Radverkehrsanteil nicht mehr steigern, so Dr. Göttsche. Man könne vielerorts jetzt gut fahren, man müsse es aber auch wollen. Nach der Phase der Infrastruktur sei jetzt vielleicht die Phase der Emotionen gekommen, um noch mehr Leuten auf´s Rad zu verhelfen – Radfahren fängt im Kopf an.

Einzelhandel unter Schock

Der Nachmittag war mit einer Podiumsdiskussion besetzt. Landespolitiker und eine Nachwuchskraft des regionalen Einzelhandelsverbandes diskutierten das Thema Fahrrad. Viel Einigkeit machte sich breit, nur der Handel macht sich vor allem Sorgen um die Erreichbarkeit der Stadt per Auto.

Die anschließende Diskussion ist eines Berichts nicht wert. Ich frage mich nur, wieso ein gut Teil der Teilnehmer – so bereits in der Vorbereitung der Diskussion in Kleingruppen – so erpicht darauf ist, „die Politiker schlecht aussehen zu lassen“? Und höchst interessiert nahm ich wiederholtes Nachbohren von Mitgliedern des Landesvorstandes zur Kenntnis, ob der Einzelhandelsverband OWL ein Projekt „Lieferservice“ (kostenlose Lieferung von Ware nach Hause) nicht „in enger Zusammenarbeit mit dem ADFC Bielefeld (!)“ wiederholen wolle. Der Verbandsvertreter hatte zuvor geschildert, wie dieses Pilotprojekt nach einigen Monaten mangels jeglicher Resonanz seitens der Kundschaft eingestellt worden war. Hier hatte ich Entscheidungsschwierigkeiten, ob die Frage eine größere Zumutung für den Verband oder für den ADFC Bielefeld war. Der Verbandsmensch jedenfalls stand schwer unter Schock.

Wir auch immer: Für Kontroversen war gesorgt. Für zahlreiche informelle Gespräche auch – wie denn dieser Erfahrungsaustausch bei den Mahlzeiten und abends an der Bar mindestens so aufschlussreich ist  wie das eigentliche Seminar. Alle Jahre wieder ...

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