Die "Engel" des ADFC

Von Ilse Uffmann und Christa Cachay

Das Programmheft 2002 des ADFC wies auch in diesem Jahr, wie schon im letzten, am Muttertag eine Engel-Tour auf. Von einer regelrechten Tradition zu sprechen, ist zwar noch etwas verfrüht, aber einige alte Bekannte der Vorjahrs-Engel-Tour waren auch dieses Jahr wieder dabei, als wir uns am 12. Mai 2002 um 13 Uhr am Gasthof „Bültmannshof“ trafen, um zu unserer diesjährigen Tour im Raum Dornberg/Babenhausen/Häger/Werther zu starten. Unser Ziel waren wieder die in Holzreliefarbeit gestalteten stilisierten Engel, die es an den Torbögen vieler Bauernhöfe im Ravensberger Land zu bewundern gibt.

Die ersten Engel am Niederbrodhagen. Foto: Monika Detering

 

Engel liegen ja derzeit im Trend: sie boomen in der Versicherungswerbung, auf dem Buchmarkt und auch im Wohnaccessoirebereich. Warum also nicht bei einer Radtour des ADFC, noch dazu an einem so sinnigen Datum wie dem Muttertag!

Engel – das assoziiert man mit Weihnachten oder zumindest mit christlicher Symbolik, und zwar einer Symbolik, die um göttliche Vorsehung und Schutz von Leib und Leben, Hab und Gut kreist. Damit haben die Engel an den Fachwerkbauernhöfen hier zu Lande auch zu tun, aber viel wichtiger für uns Nachgeborene ist, dass sie ein bedeutender Teil der Kulturgeschichte des hiesigen Raumes sind. An circa 100 Bauernhöfen im Ravensberger Land befinden sich diese Engel als kunstgeschichtliche Besonderheit.

Diese Engel sind alle ähnlich ausgeführt: rechts und links an den beiden Torbogenpfosten, und zwar dort, wo der senkrechte Teil in den geschwungenen Bogen übergeht, „schweben“ diese Engel, ausgestattet mit unverkennbaren Flügeln und einem Blasinstrument an den Lippen. Trotz starker Stilisierung ist die Gestaltung an jedem Bauernhof individuell und unverwechselbar. Je nach Handschrift des Bildhauers sind die Engel eher naiv oder sehr kunstvoll ausgeführt, auf jeden Fall aber immer beeindruckend.

Nur in einem eng umgrenzten zeitlichen Rahmen wurden diese Engel an den Ravensberger Bauernhöfen angebracht, nämlich in der Zeit zwischen 1789 und circa 1900. Die ältesten, die wir am Muttertag anradelten, sind von 1789 , die jüngsten von 1852.

Neben den Engeln trägt der Bogen des Torbalkens aber auch die Hausinschrift, der wichtige Daten zu entnehmen sind, und zwar das Entstehungsjahr, die Namen des Erbauers und seiner Ehefrau und der Name des Baumeisters, der das Haus „mit der Hülfe Gottes gebaut und aufrichtet“ hat. Oft rundet ein christlicher Spruch, verbunden mit dem Namen des Bildhauers, der das Holzrelief gestaltet hat, die Informationen ab. Die Türpfosten sind meist mit Weinranken und -reben sowie Vögeln geschmückt. Im Original waren alle Reliefs mehrfarbig, heute allerdings sind manche Holztorbögen  braun oder schwarz übermalt.

Die tiefere Bedeutung dieses Brauchtums dürfte darin liegen, dass diese Schutzengel die Grenze zwischen Leben und Tod, eben die Vergänglichkeit des Lebens und des Irdischen schlechthin, symbolisieren und dass man sie deshalb bewusst im Grenzbereich des Hauses, eben im Torbogen, ansiedelte. Die Bildsymbolik der Engel wird an manchen Höfen noch durch religiöse Spruchweisheiten unterstützt, wie „Gott schütze meinen Ein- und Ausgang“ oder  „Unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht, bis dass das Unglück vorübergehe“.

Leider zeigte unsere Engel-Tour auch die Vergänglichkeit der Bauten: Zwar gibt es durchaus noch Höfe, an denen die Engel tadellos erhalten beziehungsweise restauriert sind, aber viele der Torbögen sind zunehmend dem Zerfall anheim gegeben, so dass damit zu rechnen ist, dass diese Kleinode heimischer Kultur mehr und mehr verschwinden werden.

Das ADFC-Angebot, eine Radtour von nur wenigen Kilometern durchzuführen und dabei erstaunlich viel unbekanntes Kulturgut zu zeigen (30 Engel auf 30 Kilometern!) wurde von 20 Radlerinnen und Radlern begeistert aufgenommen. Auch die NW berichtete in einem sehr ansprechendem Beitrag am Montag, 13. Mai 2002, über die gelungene Verbindung zwischen Radtourismus und lokaler Kulturarbeit.

Am Muttertag des nächsten Jahres werden wir bei der erneut geplanten Engel-Radtour etwas weiter radeln müssen, um neue Engel zu entdecken, denn den Bielefelder Nahbereich kennen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer jetzt schon zu gut!

Am 16. Juni dieses Jahres (2002) bieten wir eine weitere Radtour an, dieses Mal in die Senne und ohne Engel! Start ist um 9.30 Uhr an der Endstation der Stadtbahn in Senne.

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