NID-Neuigkeiten

Von Thorsten Böhm

Was CAD (Computer Aided Design, dt. Rechnergestütztes Entwerfen) ist, wissen Menschen des ausgehenden 20. Jahrhunderts natürlich längst. Was aber ist NID (Nichtintentionales Design)? NID is’, wennze Sachen für was gebrauchen kannz, wo se gar nich für gemacht sind. Also zum Beispiel der Zahnputzbecher als Bleistiftbehälter, der Pisspott als Pflanzschale oder Papis Hifi-Boxen als Hamsterkäfige.

Auch am Fahrrad lassen sich feine Beispiele für NID nachweisen. Wer kennt nicht aus glücklichen Low-Tech-Kindertagen die aus Bierdeckeln verfertigte Speichenzier oder den Motorenlärmimitator aus dem gleichen Grundmaterial. Aufmerksame Radnachrichten-Leser werden sich jetzt hoffentlich sofort an den Fischer-Türstopper erinnern, der als Parkstützenfuß einer  würdigeren Verwendung zugeführt werden konnte (Radnachrichten Nr. 64, Ausgabe 4/1998). Nach ausgiebiger Erprobungsphase möchte ich ein weiteres Glanzlicht aus der Abteilung NID vorstellen.

Problem: Zerkratzte Gepäckträger

In Reiseradlerkreisen genießen Tubus-Gepäckträger aus CrMo-Stahl einen legendären Ruf: Leichter und stabiler als ihre Alu-Pendants, praxisgerecht konstruiert und im Notfall in jeder kaukasischen oder unterfränkischen Dorfschmiede wieder zusammenzuschweissen. Die schwarze Pulverbeschichtung schmeichelt dem Auge, hält jedoch der erodierenden Wirkung kantiger Packtaschenhaken auf Dauer nicht stand (Tesaband übrigens auch nicht). Unschöne Kratzer und Roststellen geben sich alsbald ein Stelldichein.

Drogenhandel?

Freundlich wie der Hersteller ist, bietet er Abhilfe in Form von schwarzen, etwa 5 cm langen Kunststoffröhrchen, die an den Berührungspunkten von Träger und Packtasche das Rohr ummanteln sollen. Für einen kleinen Briefumschlag, gefüllt mit einigen dieser Röhrchen, müssen 10,- DM berappt werden, was argwöhnische Naturen wohl nicht zu Unrecht zu der Vermutung veranlasst, dass hier Gewinnspannen wie sonst nur im Drogenhandel realisiert werden. Auch die Art der Verpackung ist nicht geeignet, diesen Verdacht zu zerstreuen. Für eine Komplettausstattung von Hinterradgepäckträger und Lowrider ist ein einziger Umschlag kaum ausreichend, also noch mal 10,- DM und schon fühlt sich der aufgeklärte moderne Mensch irgendwie ein Stück weit total übers Ohr gehauen.

Zoohandel!

Doch soweit muss es nicht kommen. Hier helfen die Besinnung auf NID und ein Gang zur zoologischen Handlung. Aquarienschlauch der Dimension 10 mm/12 mm (Innen-/Außendurchmesser) kostet grob 2,- DM je laufendem Meter. Mit einem scharfen Messer passend portioniert und an der Seite aufgeschlitzt, wird er an den gewünschten Stellen über das Rohr des Trägers gezogen. Flexibel, wie der Schlauch ist, lässt er sich auch über gebogene Rohrstücke ziehen und beschert als willkommene Zugabe einfachen Taschenhaken einen festeren Sitz.

Das leuchtende Grün, das die Aquarienfreunde zur Standardfarbe ihrer Schläuche erkoren haben, stört spätestens nach dem Anhängen der Taschen auch das Erscheinungbild selbst edler Reiserad-Orchideen nicht mehr wesentlich. Bei manchem gar weckt sie Assoziationen an Weinflaschen und die schöne Radreise an der Mosel oder durch das Bordelais.

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