Bericht aus San Francisco

Von Michael Mertins, Arbeitsgruppe Fahrradhistorie des ADFC Bielefeld

»Georg Rothgiesser (1858 – 1943)

Der Fahrradpionier lebte von 1881 – 1888 in Bielefeld, wo sein beruflicher Weg bei Dürkopp & Co. begann. Schon 1883 eröffnete er eine Fabrik für Fahrradteile. Der Unternehmer gründete einen Radfahrverein, beteiligte sich am Aufbau einer Radrennbahn und siegte selbst bei Hochradrennen. 1886 wurde Rothgiesser erster Redakteur der noch heute in Bielefeld erscheinenden Fachzeitschrift RadMarkt. Im gleichen Jahr erfand er ein sattelgesteuertes Fahrrad. Sein Wirken stand am Beginn von Bielefelds Weg zur Fahrradstadt. 1887 heiratete der jüdische Ingenieur Anna Stern. Georg Rothgiesser, seine Frau und zwei Kinder wurden Opfer der Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten.«

Text der Gedenktafel im neuen Georg-Rothgiesser-Park

 

Wie das eine oder andere Vereinsmitglied weiß, erforsche ich seit vielen Jahren das Leben des jüdischen Fahrradpioniers Georg Rothgiesser, der in Bielefeld seinen beruflichen Werdegang begann. Ich hatte nun im Juni das unglaubliche Glück, seinen Enkel Thomas hier in der alten Fahrradhochburg begrüßen zu können! Vor zwei Jahren konnte der Kontakt zwischen uns durch die Entschädigungsbehörde für die Opfer des Naziregimes in Berlin hergestellt werden. Das war nicht so ganz einfach, denn Herr Rothgiesser lebt seit 1964 in San Francisco. Als dieser mir von seiner geplanten Europareise schrieb, lud ich ihn spontan ein, in Bielefeld Station zu machen.

Das lange Warten auf eine Begegnung hatte am 30. Juni 2000 ein Ende: Pünktlich um 11.52 Uhr fuhr der ICE aus Berlin ein und Thomas Rothgiesser – einer der wenigen Rothgiessers, die den Holocaust überlebten – stand mir gegenüber. Für die nächsten sieben Stunden hatte ich ein informatives Programm für den Gast aus den USA vorbereitet, das möglichst viele Spuren seines Großvaters erhellte.

Angeschaut haben wir uns das Wohnhaus und die alten Gebäude  von Dürkopp & Co. (Tor 1), wo Georg Rothgiesser 1881/82 arbeitete. Im Stadtarchiv bestaunten wir u. a. ein Rennprogramm von 1886, das zeigt, an welchen Hochradrennen der Pionier teilgenommen und welche Preise er gewonnen hatte. Außerdem begutachteten wir Baupläne der Firma Nagel & Co., die zu ihrer Zeit älteste und größte Sattelfabrik des Kontinents, gegründet 1883 von Georg Rothgiesser. Besonders spannend war der Empfang bei der Bielefelder Verlagsanstalt (Gundlach-Gruppe), die seit 1886 den Rad-Markt verlegt. Rothgiesser war in der Aufbauphase für drei Jahre verantwortlicher Redakteur.

Nach einem sehr kurzweiligen Essen mit dem Verlagsleiter Herrn Kaiser kamen wir zum Höhepunkt unseres Rundganges, dem Georg-Rothgiesser-Park! Auf meinen Vorschlag hat die Bezirksvertretung-Mitte eine neue Grünanlage so benannt. Sie entsteht derzeit um das neue Jugendgästehaus herum auf ehemaligem Dürkopp-Gelände, dem sogenannten Tor 6. Durch finanzielle Unterstützung der Bielefelder Verlagsanstalt war es mir möglich, einen Gedenkstein zu realisieren, der auf das Wirken und das Schicksal Georg Rothgiessers hinweist. Der Enkel Thomas war begeistert von der späten Ehrung seines Großvaters. Spontan beschloss er, für die nächsten Deutschen Meisterschaften auf historischen Fahrrädern einen großen Wanderpokal für den besten Hochradfahrer zu stiften! Der Pokal soll erstmals 2001 in Bielefeld ausgefahren werden.

Den Abschluss des Rundganges bildete eine Führung im Historischen Museum, die Einblicke in die bewegte Industriegeschichte Bielefelds brachte.

Erschöpft, aber zufrieden trafen wir wieder am Bahnhof ein und nutzten die verbleibende Zeit für persönliche Gespräche. Wahrscheinlich waren wir die einzigen Personen auf dem Bahnsteig, die sich über eine 20-minütige Verspätung des Zuges freuten, denn wir wissen nicht, ob wir uns jemals wiedersehen werden. Als Thomas Rothgiesser nach einem herzlichen Abschied langsam mit dem ICE meinen Blicken entschwand, kam ich mir vor wie in einem Film. Aber er ist wirklich in Bielefeld gewesen und es war für beide Seiten ein wunderbarer Tag.

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