Eine Reise in den Winter

Eindrücke vom ADFC-Forum 2009

Von Sabine Quermann, Axel Sorge und Thorsten Böhm

Mit einer Rekordteilnahme von knapp über 200 ADFClern fand das diesjährige ADFC-Forum vom 27. Februar  bis zum 1. März  in Oberhof am Rennsteig im Thüringer Wald statt. Vier ADFCler aus Bielefeld waren diesmal dabei  – und für zwei von ihnen, Sabine und Axel, war es die Forums-Premiere!

Die Anreise am Freitag verlangte von den Bielefeldern erst einmal eine Umstellung. Während es in Ostwestfalen zwar nicht gerade frühlingshaft, aber immerhin trocken und nicht mehr frostig war, stellte sich die Landschaft des Thüringer Waldes mit zunehmendem Höhengewinn (Oberhof liegt immerhin rund 815 m über Meereshöhe) als tief verschneit dar. Bei steigenden Temperaturen hüllte dann dichter Nebel den Ort ein.

Tief verschneit: Das Tagungshaus, im Thüringer Wald direkt am Rennsteig gelegen.
Fotos (2): Thorsten Böhm

Trotzdem gelang es den vieren, das Tagungshaus zu finden: Das „AWO-Sano-Ferienzentrum“ bietet mit ansprechenden und sauberen Räumlichkeiten sowie guter, auf Wunsch auch vegetarischer, Verpflegung ein sehr angenehmes Ambiente. Sabine und Axel: "Wir waren beeindruckt sowohl von der großen Teilnehmerzahl als auch von der professionellen Organisation durch die ADFC-Bundesgeschäftstelle."

Das Team der ADFC-Bundesgeschäftsstelle stellt sich vor. Foto: Claudia Matz 

Am Freitagabend ging es dann feierlich-heiter los: Gabi Bangel vom ADFC-Fachausschuss Tourismus stieß mit den Forumsteilnehmern auf das 10jährige Bestehen des Projektes "Deutschland per Rad entdecken" an. Bei der Tombola aus diesem Anlass hatte Claudia Glück und gewann eine "Deutschland per Rad"-Umhängetasche, die inzwischen das Schaufenster des Bielefelder ADFC-Infoladens ziert.

Samstag gings dann an die Arbeit: Aus dem vielfältigen Angebot der 24 Workshops und Vorträge wählten die vier Bielefelder diese Themen aus:

  • Zertifizierung von Radfernwegen
  • Vorstellung eines besonderen Aktivenfortbildungs-Programms
  • "Mehr Abstand bringt mehr Sicherheit" - Seitenabstand im Straßenverkehr
  • Fit für den Tag – Thema „Fahrrad und Gesundheit“
  • "Umgezogen - jetzt umsatteln!" - Neubürger-Radtouren
  • Änderung der Straßenverkehrsordnung 2009
  • ADFC-Medien 2010
  • Verkehrspädagogik


Axel berichtet: "Der ADFC setzt mit seinem Gütesiegel „ADFC-Qualitätsradroute“ erstmals deutschlandweit Standards für Radfernwege. Auf „normierten“ Tagesetappen von jeweils 50 km Länge fließen zehn Kriterien (z.B. Befahrbarkeit, Routenführung, Übernachtungsmöglichkeiten) in die Bewertung ein, wobei diese allein aus Sicht der Radtouristen erfolgt. Bewerben können sich die Betreiber von Routen, die gut ausgeschildert sind, die professionell vermarktet werden und mindestens 100 km lang sind."

Sabine Quermann, Axel Sorge, Claudia Matz und Thorsten Böhm (v.l.n.r.)
beim ADFC-Forum 2009 in Oberhof. Foto: Karsten Klama

Auf dem ADFC-Forum vorgestellt - Das "Kirchentags-Fahrrad", ein Gemeinschaftsprojekt des ADFC und des Herstellers Rabeneick für den 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Bremen (20.-24. Mai 2009), als erste Großveranstaltung explizit fahrradfreundlich geplant. Foto: Thorsten Böhm 

 

Unter dem Schlagwort Aktivenfortbildung ging es um die Gründe, wie und weshalb gute Vorstandarbeitsarbeit funktioniert. Axel fand es nicht so tiefgehend, wie er es sich gewünscht hatte. Den Test des vortragenden Psychologen zur Analyse der Arbeit eines ADFC-Vorstands-Teams empfand er wiederum als recht aussagekräftig. Claudia vom Vorstand des ADFC Bielefeld hat dieses Seminar ebenfalls besucht und sich schon vorgenommen, die dort gewonnenen Erkenntnissen in Bielefeld umzusetzen.  

Sabine erzählt, dass der Workshop "Fit für den Tag" zum einen unter der Fragestellung lief, wie das Thema „Gesundheit“ in ADFC-Aktionen eingebunden werden kann. Im ersten Teil des Workshops wurden in kleineren Arbeitsgruppen gesundheitliche Aspekte des Radfahrens gesammelt und Themen wie Ergonomie, Erste Hilfe und die Organisation geführter Touren im Hinblick auf gesundheitliche Einschränkungen der Tourenteilnehmer behandelt.
Im zweiten Teil erläuterte der Referent, wie wichtig gerade auf politischer Ebene die Verknüpfung von Verkehrs-, Umwelt- und Gesundheitspolitik ist. Dabei ging es um „gesunde“ Gründe, Rad zu fahren, also um Argumentationshilfen für Aktive. Vorgestellt wurde – neben Forschungsergebnissen und der bekannten alljährlichen ADFC-/AOK-Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit“ – unter anderem das Buch „Bewegung“ von Jörg Blech (gibt’s übrigens auch in der Stadtbibliothek Bielefeld!) und die ADFC-Broschüre „Fit für den Tag“ und der ADFC-Fitnessplaner.

Zwischen den Veranstaltungen boten Pausen die Gelegenheit, das Gehörte zu verarbeiten, Gespräche mit anderen ADFClern zu führen oder einen Spaziergang zu unternehmen.

Am Samstagabend gab es nach der vielen Kopfarbeit noch ein kulturelles „Bonbon“, nämlich den Auftritt des Improvisations-Theaters "Improvision" aus Erfurt, das alle vier begeistert hat. Die Akteure entwickelten und spielten praktisch auf Zuruf Szenen, und natürlich wurde das Stichwort Fahrrad – wie sollte es auch anders sein bei so vielen ADFC’lern -  von den Zuschauer sehr oft thematisiert.

Wie den Bielefelder ADFClern zu Ohren kam, soll die anschließende nächtliche Disco ebenfalls auf viel Zuspruch gestoßen sein – die viele Seminararbeit ließ uns allerdings schon früh in die Federn fallen.

Der Verkehrsplaner Jörg Thiemann-Linden referiert im großen Saal sehr anschaulich über "Shared Space". Fotos: Claudia Matz (links) und Thorsten Böhm

Am Sonntagvormittag hielt der Verkehrsplaner Jörg Thiemann-Linden einen sehr interessanten Vortrag zum Thema „Shared Space“, was übersetzt so viel bedeutet wie „gemeinsam genutzter Raum“. Das Ziel dieses möglicherweise zukunftsweisenden Verkehrsplanungsmodells ist ein Verkehrsraum, in dem die Geschwindigkeitsunterschiede zwischen den Verkehrsteilnehmern reduziert sind und der weitestgehend ohne Verkehrsschilder und Ampeln auskommt . Der Verkehr regelt sich durch Interaktion, d.h. über soziales Verhalten und Kommunikation. Dass dieses Modell nicht nur Vision, sondern durchaus schon Realität ist, belegen zahlreiche ausländische Beispiele (vorrangig aus den Niederlanden und der Schweiz) mit sogenannten „Begegnungszonen“, in denen bereits das „Mischprinzip“ gilt, also keine Separation mehr von Straße, Radweg und Fußweg. Interessanterweise sind diese Überlegungen nicht wirklich neu, eher „alter Wein in neuen Schläuchen“, denn wenn man die Veränderungen in der Verkehrsplanung betrachtet, hat die Trennung der verschiedenen Verkehrsteilnehmer erst vor rund 50 Jahren begonnen – davor war das, was jetzt so visionär klingt, normaler Verkehrsalltag.

Alles in allem war es ein abwechslungsreiches ADFC-Wochenende, abseits des Fahrradsattels, aber mit viel Informationen und Austauschmöglichkeiten.

Am Sonntagmittag ist alles vorbei: Abfahrt aus dem verschneiten Oberhof.
Foto: Thorsten Böhm

 

Nachgefragt: Was ist das ADFC-Forum?

Der ADFC ist ein Verein, in dem man nicht einfach nur (passives) Mitglied sein, sondern auch selbst aktiv mitwirken kann. Hierfür gibt es beim ADFC Bielefeld zweimal im Monat ein Aktiventreffen. Aber auch bundesweit gibt es ein Aktiventreffen - das ADFC-Forum, einmal im Jahr und ohne Formalien, wie sie bei den außerdem stattfindenden Jahreshauptversammlungen, Ausschuss-Sitzungen üblich sind. Und im Gegensatz zu den Fachausschuss-Treffen auf Bundesebene auch für Einsteiger gut geeignet: Mit Vorträgen, Workshops, aber auch vielen Gesprächen und nettem Zusammensein außerhalb des Alltags. Es gibt die Möglichkeit, mal über den lokalen Tellerrand hinauszublicken, sich fortzubilden oder auch beim Aufbau überregionaler Projekte dabei zu sein. Das ADFC-Forum findet im jährlichen Wechsel im thüringischen Oberhof und in Oberwesel am Rhein statt.

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