Radfahrer im toten Winkel

Von Ingrid Dingerdissen

Die Unfallstatistik des Jahres 2003 weist für Ostwestfalen-Lippe 78 Unfälle zwischen Radfahrern und Lastkraftwagen aus. Die erschreckende Bilanz: drei Tote (zwei allein in Bielefeld) und 58 Verletzte, davon 21 schwer Verletzte. Das Thema „Toter Winkel“ spielt bei der Unfallanalyse eine wichtige Rolle: Radfahrer werden von abbiegenden Lkw-Fahrern einfach übersehen.

Am 16. Januar 2004 sendete der Westdeutsche Rundfunk (WDR) in seiner Fernsehsendung „Lokalzeit“ einen Bericht zu diesem Thema. Mitglieder des ADFC Bielefeld wirkten als Statisten im dazu gehörenden Filmbericht mit,Thorsten Böhm vom ADFC Bielefeld stand als Studiogast während der Sendung Rede und Antwort.

Die Arbeit als Statist

Die Fernsehaufnahmen mit den ADFClern als Statisten fanden bereits am 23. Dezember 2003 auf dem DEKRA-Gelände statt. Hierzu hatten sich trotz letzter Weihnachtsvorbereitungen und eisiger Kälte sieben frierende ADFCler mit ihren Fahrrädern in den toten Winkel eines Lkw gestellt. Sie bekamen einen Einblick in die Arbeit von Statisten: Die Haupttätigkeit ist Warten. Aber dabei erfuhren sie auch hautnah und trotzdem völlig ungefährdet, wo der tote Winkel wirklich ist.

Er ist nämlich nicht, wie vielfach angenommen, seitlich direkt neben dem Lkw, sondern beginnt erst in einem Abstand von etwa einem Meter neben dem Lkw. Ein weiterer toter Winkel befindet sich ganz vorn im Bereich von Beifahrertür und Stoßstange. Das war nicht allen so bewusst. Mit je einer Fahr-Szene auf einem Friedhof und an der Ecke Heeper Straße/Otto-Brenner-Straße (hier wurde im Dezember 2003 ein Radfahrer von einem rechts abbiegenden Lkw überfahren und tödlich verletzt) war die Aufgabe der ADFC-Statisten beendet. 

 

Der LKW und Heinz-Gustav Dingerdissen (ADFC) stehen den WDR-Mitarbeitern Modell.
Foto: Ingrid Dingerdissen

 

Der Film

Im Fernsehbeitrag stellten diese kurzen Sequenzen den toten Winkel optisch dar. Darüber hinaus beleuchteten Stellungnahmen von Experten das Thema von unterschiedlichen Seiten.

So forderte Horst Siemer von der DEKRA, dass der Spiegelbereich auf der Beifahrerseite der Lkw weiter nach vorn müsse, damit der Fahrer aus seiner normalen Sitzposition heraus alle Spiegel einsehen könne.

Peter Eichenseher, Landtagsabgeordneter Bündnis 90/Grüne, erläuterte einen Entschließungsantrag im nordrhein-westfälischen Landtag, der darauf hin zielt, dass die Umsetzung der EU-Richtlinien in Deutschland möglichst kurzfristig erfolgt. Das heißt, dass nur noch Lkw mit viertem Außenspiegel zugelassen werden sollen und dass möglichst eine Nachrüstpflicht besteht.

In Belgien und den Niederlanden ist der vierte Außenspiegel bereits Pflicht. Hier ist man seit Januar 2003 sogar noch viel weiter: Jan Visser, Lkw-Fahrer aus Hengelo, fährt zusätzlich zum vierten Außenspiegel mit einem Kamerasystem. Im Interview erklärt er, dass die meisten seiner Kollegen dieses System bevorzugen, da die Spiegel je nach Wetterlage nicht immer gut einzusehen sind.

Gezeigt wurden außerdem Archivbilder von Unfällen, bei denen Fahrradfahrer und Fahrradfahrerinnen von rechts abbiegenden Lkw überfahren worden waren. Allein die verbogenen Räder, zum Teil noch unter dem Lkw liegend, ließen die Gewalt eines Mehrtonners gegen ein Fahrrad erkennen. Da braucht es nicht viel Fantasie,um sich vorzustellen,was im Falle eines solchen Unfalles mit einem Menschen passiert.

Wer als Radfahrer das Thema „Toter Winkel“ unterschätze, habe gute Chancen, Teil einer traurigen Unfallstatistik zu werden, so WDR-Mitarbeiter Lutz Kosleck zum Abschluss seines Berichtes. 

 

WDR-Moderatorin Tine Charton und Thorsten Böhm (ADFC) auf Sendung.
Bildnachweis: Westdeutscher Rundfunk

Die Stellungnahme des ADFC

Im Live-Interview nahm Thorsten Böhm Stellung zum Thema. Radfahrern empfahl er, sich nicht an wartenden Lkw vorbeizudrängeln und Abstand zu halten. Außerdem sollten sich Radler bei schlechten Lichtverhältnissen auffällig kleiden und das Licht einschalten. Hilfreich sei auch, sich vor dem Passieren einer Kreuzung vorsichtshalber umzudrehen, um nahende Lkw rechtzeitig zu erkennen.

Lkw-Fahrer ihrerseits sollten bereits vor dem Abbiegen die Straße oder den begleitenden Radweg beobachten, um festzustellen, ob ein Radler in gleicher Richtung unterwegs ist, mit dem es beim Abbiegen eventuell zu einer Kollision kommen könne. Gegebenenfalls müsse der Lkw-Fahrer vor dem Abbiegen anhalten und sich nochmals vergewissern, ob ein Radler naht. Selbstverständlich sollten die Spiegel richtig eingestellt und immer sauber sein.

Zum Schluss appellierte Thorsten Böhm an die Lkw-Halter, ihre Fahrzeuge über die gesetzlichen Vorschriften hinaus mit weiterer technisch bereits möglicher Sicherheitsausstattung zu versehen.  

 

 

 

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