Preiswertes Velo-Tuning

Von Thorsten Böhm

Fotos (3): Claudia Matz

Der Lenz bricht über uns herein und vielerorts dürfen Fahrräder darauf hoffen, dass ihr mehrmonatiges Kellerdasein ein zeitweiliges Ende findet. Ihre stolzen Besitzerinnen und Besitzer schwingen sich in die Sättel, um Sonnenschein und die erwachende Natur zu genießen. Nicht selten mischen sich jedoch Misstöne in die Frühlingssinfonie: Das Rad rollt nicht so flott wie gewünscht.

Das muss nicht immer am Winterspeck oder mangelhafter Qualität des Gefährts liegen. Deshalb geben die Radnachrichten hier ein paar Tipps, die fortgeschrittenen Velosophen altbekannt oder banal vorkommen mögen, in vielen Fällen aber dem Vorwärtsdrang von Mensch und Maschine spürbar aufzuhelfen vermögen.  

 

Reifen

In die Reifen gehört Luft, und zwar ruhig so viel, wie der Hersteller es erlaubt. Häufig werden Reifen mit zu wenig Druck gefahren, was nicht nur mit schnellerem Verschleiß und gesteigerter Pannenanfälligkeit, sondern eben auch mit erhöhtem Rollwiderstand einherschreitet. Der höchstzulässige Druck wird auf der Reifenflanke in den Einheiten Bar und/oder psi angegeben. Er hängt nicht nur von der Breite , sondern auch vom Aufbau des Reifens ab. Die traditionelle Prüfmethode „Daumen drückt auf Reifen“ ist gleich dem Blick in eine Kristallkugel mit hohen Unschärfefaktoren belastet und gibt allenfalls darüber zuverlässig Auskunft, ob der Reifen überhaupt Luft enthält. Empfehlenswert ist es hingegen, die Reifen bereits vor Antritt der Fahrt mittels einer Standpumpe mit Druckmesser aufzupumpen. Selbige ermöglicht es auch Naturen mit wenig Armkraft, selbst solche Reifen aufzupumpen, die einen hohen Luftdruck fordern.

Übrigens: Auch, während das Rad nicht benutzt wird, sollten die Reifen genug Luft erhalten, um zu verhindern, dass sie unrund werden und die Reifenflanken Risse bekommen. Bei längeren Standzeiten empfiehlt es sich, das Rad hängend oder kopfstehend aufzubewahren, um die Reifen zu schonen.

Sattel

Die Maschine Fahrrad wird nicht nur durch Gefälle und Rückenwind in Bewegung gesetzt, sondern meistens doch durch den Menschen. Damit dies möglichst kraft- und knieschonend geschieht, ist es von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit, dass der Mensch auf seiner Maschine nicht wie der sprichwörtliche Affe auf dem Schleifstein hockt. Der Sattel ist zu diesem Zwecke horizontal und vertikal zu verstellen.

(Empfehlung: Lesen Sie bitte auch unseren weitergehenden Beitrag aus dem Jahre 2009 zum Thema Ergonomie)

 

 

Vertikal

Die günstigste Höhe des Sattels über dem Tretlager wird im heroischen Selbstversuch wie folgt ermittelt (siehe Bild oben; nachtr. Anm. d. Autors: So wird die Mindesthöhe ermittelt):

  1. Schuhe ohne Absatz anziehen
  2. Rad auf ebenen, waagerechten und festen Untergrund stellen
  3. Eine Tretkurbel so drehen, dass sie senkecht nach unten zeigt
  4. Sich über das Rad stellen
  5. Sich mit der Ferse auf das zum Boden weisende Pedal stellen
  6. Knie des dazugehörigen Beines durchdrücken
  7. Die Sattelhöhe so einstellen, dass das Gesäß bei weiterhin durchgedrücktem Knie spielfrei auf dem Sattel sitzt, ohne dass das Becken seitlich ausweichen muss 

 

Horizontal

Die richtige horizontale Stellung des Sattels wird sodann folgendermaßen gefunden:

  1. Schuhe ohne Absatz anbehalten – oder zur Abwechslung solche mit Absatz anziehen (ohne Abbildung)
  2. Rad auf ebenem, waagerechtem und festem Untergrund stehen lassen
  3. Eine Tretkurbel waagerecht nach vorn drehen
  4. Auf dem Sattel Platz nehmen
  5. Den dazu gehörenden Fuß mit dem Ballen auf das nach vorn weisende Pedal stellen
  6. Den Sattel so einstellen, dass eine (gedachte) Senkrechte von der Kniescheibe zum Boden durch die Pedalachse verläuft

Eventuell muss jetzt noch einmal die Sattelhöhe etwas (nach oben) korrigiert werden.

 

Lenken und was noch?

Erst von der so gefundenen Sattelposition ausgehend wird der passende Lenker gewählt, um so bizarre Auswüchse wie senkrecht gestellte „Multifunktions“ („Brezelform“)-Lenker an steilstmöglich aufragenden verstellbaren Lenkervorbauten zu vermeiden. Dies hat einen ungünstigen Einfluss auf das Lenkverhalten und auf die Erreichbarkeit der Bremsgriffe. Trotzdem gehört diese Lenkerbügelform zu den empfehlenswerten, weil sie bei flacherer Einstellung mehrere verschiedene Griffhaltungen und ein Umgreifen während der Fahrt ermöglicht: Dies hilft, einer einseitigen Beanspruchung der Arme und Hände vorzubeugen.

Sitzhaltung

Wer eine aufrechte Sitzhaltung bevorzugt, sollte beachten, dass diese zwar entspannender für Halswirbelsäule und Arme sein kann, gleichzeitig aber ein großer Teil des Körpergewichtes auf Gesäß und Lendenwirbelsäule ruht. Fahrbahnstöße wirken unmittelbarer auf Wirbelsäule und weiter bis zum Kopf. Bei dieser Sitzhaltung ist deshalb eine Federung durch geeignete Reifen (siehe Artikel „Breite Schlappen“ in diesen Radnachrichten) und eine auf das Körpergewicht abstimmbare gute gefederte Sattelstütze besonders zu empfehlen. Letztere ist übrigens gegenüber einem gefederten Sattel deutlich wirksamer.

Möglich, aber deutlich teurer ist die Anschaffung eines Rades mit gefedertem Rahmen. Billiganbebote sind hier mit großer Skepsis zu betrachten, weil deren Fahrverhalten oftmals an ein Schaukelpferd erinnert und zu Gunsten eines vermeintlich attraktiven Preises mit der Qualität weiterer wichtiger Bestandteile (Laufräder, Licht und andere) gegeizt wird. Ein mit gefederter Sattelstütze versehenes solides Rad ohne Rahmenfederung ist einem solchen vermeintlich günstigen Angebot allemal vorzuziehen.

Bodenhaftung

Aus Sicherheitsgründen sollte es möglich sein, auf dem richtig eingestellten Sattel sitzend sich mit einem gestreckten Fuß am Boden abstützen zu können. Ob das klappt, hängt auch von Schuhgröße, Neigung des Sitzrohres und die Höhe des Tretlagers über dem Boden ab. Wer mit dem Kauf eines Rades mit gefedertem Rahmen liebäugelt, sollte beachten, dass solche Räder wegen der gewünschten Einfederungsreserve eine größere Sitzhöhe aufweisen und eventuell kein Abstützen am Boden gestatten. Eine Probefahrt mit korrekt eingestellter Federung schafft Aufklärung.

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