Breite Schlappen

Von Thorsten Böhm

In jüngerer Vergangenheit haben gar wunderliche Nachrichten die Gemeinde der Radfahrenden verunsichert. Es sei nämlich so, dass Velos mit breiten Reifen leichter rollten als solche mit schmalen Reifen. Kaum zu glauben – was ist dran?

Rollwiderstand wird nicht nur durch Unebenheiten im Untergrund verursacht, sondern auch dadurch, dass die Bestandteile des Reifens (Lauffläche, Karkasse und eine eventuell vorhandene Pannenschutzeinlage unter der Lauffläche) während des Abrollens fortwährend verformt werden. Je stärker das Material beim Abrollen verformt wird, desto größer ist der Rollwiderstand. Dieser wird also durch das Einfederungsverhalten des Reifens beeinflusst. Während sich ein breiter Reifen eher „in die Breite“ platt drückt, hat der schmalere Reifen eine schmalere aber auch längere Kontaktfläche am Untergrund. Er flacht somit stärker ab und wird unrunder als der breitere Reifen. Der schmalere Reifen hat einen längeren und aufgrund einer stärkeren Einfederung auch tiefer wirkenden Verformungsbereich. Dies bewirkt einen höheren Rollwiderstand.

Dumme Rennfahrer?

Warum aber fahren Rennfahrer dann immer noch mit besonders schmalen Reifen?

Das oben Dargestellte gilt nur für Reifen von gleichem Material und Aufbau, nur für die unbeschleunigte Rollphase und nur dann, wenn der breite Reifen den gleichen Luftdruck hat wie der schmale Reifen. Allerdings kann man schmale Reifen meistens deutlich stärker aufpumpen als breite Reifen und dadurch ihren Rollwiderstand reduzieren. Zudem sind sie aufgrund ihres geringeren Gewichtes leichter zu beschleunigen.

Für Fahrer, die mit einer eher geringeren und meistens konstanten Geschwindigkeit unterwegs sind, spielen Luftwiderstand und Beschleunigungsvermögens keine so wichtige Rolle wie bei sportlichen Fahrern. In der Praxis kommt als Vorteil noch hinzu, dass der verstärkte Federungseffekt der breiteren Reifen Erschütterungen vom Fahrer fernhält und ihm dadurch hilft, Kraft zu sparen. Daher gibt es sogar bei Rennfahrern einen Trend zu breiteren Reifen. Die Standardbreite beträgt inzwischen eher 23 mm als 20 mm und es gibt hochwertige Rennreifen jetzt auch in Varianten mit 25 mm und 28 mm Breite.

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