Radverkehrsnetz NRW

Von Thorsten Böhm

Foto: Thorsten Böhm

Prolog

Selbst wenig Routinierte schaffen es, mit einem Auto von Bielefeld nach München zu fahren, sobald sie über eine nur ungefähre Ahnung der hiesigen Geographie verfügen und des Lesens in Grundzügen mächtig sind. Deutlich sichtbar aufgestellt, künden gut lesbare gelbe und blaue Schilder von Richtung, Entfernung und Ziel. Wieviel mehr Intelligenz und Intuition erfordert doch das Fahren mit dem Rad: Betonpilze im Unterholz, rustikal Geschnitztes oder lustige kleine Täfelchen verschiedenster Form und Farbe, beschriftet mit allerlei rätselhaften Symbolen, Buchstaben- und Zifferncodes und in allen Höhen zwischen einem halben und vier Metern rund um Bäume oder Zaunpfähle verteilt, bescheren heitere Such- und Ratestunden. Besonders anspruchsvoll ist die wundersame Vermehrung der gleichlautend benannten „R-Wege“ in verschiedenen und durchaus einander überlappenden Regionen. Aber Achtung: Sie können nicht das Publikum fragen und auch keinen Telefonjoker anrufen. Es bleibt nur der 50:50-Tipp ohne Antwort. Die Sinnhaftigkeit solcher Wegweisung erschließt sich dem geneigten Publikum in einigen Fällen durch vorab zu erwerbende Literatur, in anderen umweht sie gleich prähistorischen Steinsetzungen weiterhin der Nebel des Geheimnisvollen. Hier bleibt es einem Zirkel sektiererischer Eingeweihter vorbehalten, sich zurecht zu finden und nicht auf der Strecke zu bleiben.

Doch aufgemerkt, die frohe Botschaft lautet: Das Radverkehrsnetz NRW kommt und erlaubt Ratefaulen, nicht nur den Weg, sondern auch das Ziel als Ziel zu erleben. Lesen Sie im Inneren dieser Radnachrichten mehr zum Thema und freuen Sie sich auf Radtouren ohne Satelliten-Navigation. 

 

Am 12. Februar 2002 war es soweit: Unter tatkräftiger Mithilfe von Vertretern aus Politik und Verwaltung wurde der erste Wegweiser des Radverkehrsnetzes NRW in Oerlinghausen montiert. Eine Delegation des ADFC Bielefeld war dabei und erlebte, dass langjährige Arbeit Lobby- und Sacharbeit des ADFC nunmehr auch Früchte trägt. Nordrhein-Westfalen ist damit das erste Bundesland, das flächendeckend ein einheitlich beschildertes Radverkehrsnetz für Alltags-, Freizeit- und touristischen Radverkehr einrichtet.

Das bestehende „R-Wege“-Netz, dessen von vornherein befristete Finanzierung inzwischen ausgelaufen ist, und touristische Radfernwege erfüllen die Anforderungen an ein landesweites Radverkehrsnetz nicht. Die „R-Wege“ wurden zu Beginn der 80er Jahre vorwiegend als Freizeitwege konzipiert und führen häufig an zentralen Zielen des Radverkehrs (Ortszentren, Bahnhöfe und andere Einrichtungen öffentlichen Personenverkehrs) vorbei. Verbindungen zwischen einzelnen Ortschaften sind, wenn es sie überhaupt gibt, häufig mit großen Umwegen verbunden.

Fröhliches Herrenquartett vor dem Bürgerhaus Oerlinghausen: v. l. n. r. Detlev Helling (Bürgermeister Stadt Bielefeld), Ulrich Malburg (Verkehrsministerium NRW), Friedel Heuwinkel (Landrat Kreis Lippe) und Andreas Wiebe (Regierungspräsident Detmold) mit ZEM-Vierrad unterwegs  zum ersten Schild des Radverkehrsnetzes NRW.  Entgegen der Ankündigung fand NRW-Verkehrsminister Ernst Schwanhold am Tag nach Rosenmontag nicht den Weg nach Oerlinghausen. Foto: Thorsten Böhm

 

 

Rätselraten im Schilderwald

Die verschiedenen vorhandenen Radwander- und -fernwege sind uneinheitlich ausgeschildert und meist nicht an kommunale Radverkehrsnetze angebunden. Ähnliches gilt für die touristischen Themenrouten in NRW. Besonders auffällig ist die ausgeprägte Vielfalt der Wegweisung, die die Nutzer häufig eher verwirrt als die Orientierung zu erleichtern. Die Schilder sind meistens nicht selbsterklärend und gehorchen häufig unterschiedlichen Beschilderungsphilosophien. Besondere Blüten treibt die Tatsache, dass fast jede Institution, die sich berufen fühlt, Schilder aufzustellen, dies ohne Rücksicht auf vorhandenes Fachwissen und  bestehende Beschilderung tut. So etwa überraschen im Bereich von Bad Salzuflen „R 1“-Schilder, die außer der nahezu identischen Gestaltung nichts mit der Wegweisung für den Radfernweg „R 1“ (führt südlich an Bielefeld vorbei) zu tun haben.

Die Philosophie des Neuen

Das Radverkehrsnetz NRW soll nicht ausschließlich auf das Rad fahren „in der Natur“ ausgerichtet sein. Städte und Gemeinden mit ihren Sehenswürdigkeiten und Angeboten sind selbst Anziehungspunkte für Radtouren geworden. Überdies liegen Bahnhöfe, die Start- und Zielpunkt von  Fahrten im Umweltverbund sind, meistens in den Zentren von Ortschaften. Sichere und attraktive Anbindungen dieser Zentren sind daher Bestandteil des Radverkehrsnetzes NRW. Es soll zudem überregionale touristische Routen und kommunale Radverkehrsnetze verknüpfen. Die Routen sollen auf vorhandenen Wegen verlaufen und möglichst während des ganzen Jahres sicher, zügig und komfortabel befahrbar sein.

Eine einheitliche, zielorientierte Beschilderung wird die Wahl von Radverkehrsverbindungen erleichtern, eine schnelle und sichere Orientierung ohne Karten ermöglichen, ungewollte Umwege vermeiden und es gestatten, den jeweiligen Standort sowie die noch zurück zu legende Strecke zu bestimmen. Eine vergleichbare kommunale Beschilderung gibt es zum Beispiel in Bad Salzuflen und im Kreis Herford, in Bielefeld hingegen nicht.

Die Umsetzung

Vertreter verschiedener kommunaler ADFC-Gruppen haben bereits 1997 in einem ersten Schritt Streckenführungen für die verschiedenen Regionen des Landes erarbeitet. Auch der ADFC Bielefeld war hieran beteiligt. Städte, Gemeinden und außerhalb hiervon liegende Ziele (zum Beispiel Freizeitziele, Bahnhöfe) wurden nach Fern-, Haupt-, und Unterzielen gruppiert und anhand eines Wunschliniennetzes geeignete Verbindungen ermittelt. Soweit es zweckmäßig war, wurden auch bestehende „R-Wege“ zumindest teilweise berücksichtigt. Der ADFC NRW hat die Arbeitsergebnisse landesweit zusammengeführt und aufbereitet, mit der weiteren technischen Umsetzung ist eine Arbeitsgemeinschaft von Verkehrsplanungsbüros in Zusammenarbeit mit dem Landesbetrieb Straßenbau und den betroffenen Kommunen beschäftigt.

Nach dem derzeitigen Stand der Dinge wird das Radwegenetz im Regierungsbezirk Detmold 1.875 km umfassen. Allein in der Stadt Bielefeld und den Kreisen Lippe und Gütersloh werden 3 600 Schilder die Wege weisen und bis Mai 2002 installiert sein. Im gesamten Radverkehrsnetz NRW mit einer Streckenlänge von 13 700 km werden etwa 67 000 Schilder stehen.

Es ist vollbracht: Nach knapper Ansprache vor Ort gings zurück ins Bürgerhaus zu vollmundigen Politikerbekenntnissen zur Radverkehrsförderung und lecker lippischen Häppchen. Die Delegation des ADFC Bielefeld kam übrigens lediglich in den Genuss der Reden, nicht der Häppchen – die nächste Verpflichtung (ADFC-Fahrradfrühling in der Ravensberger Spinnerei) wartete. Foto: Thorsten Böhm

 

Neue Schilder

Mit roter Schrift auf weißem Grund zeigen Pfeilwegweiser Nah- und Fernziel sowie ihre Entfernung vom Standort, eine Nut am unteren Rand kann Täfelchen mit den Symbolen von Themenrouten und Radfernwegen aufnehmen. Kleinere Zwischenwegweiser mit rotem Pfeil machen in Zweifelssituationen auf die richtige Fahrtrichtung aufmerksam.

Das Land NRW wird die Kosten der Erstausstattung mit Schildern übernehmen, die Unterhaltung des Netzes ist Aufgabe der einzelnen Baulastträger, also derjenigen Gebietskörperschaften (Kommune, Land oder Bund), an deren Straße die betroffenen Schilder stehen.

Vom 1. April 2002 an können Fehler oder Schäden in der Beschilderung gebührenfrei telefonisch dem Landesbetrieb Straßenbau gemeldet werden. Von Montag bis Freitag stehen in der Zeit von 8.00 bis 16.00 Uhr zwei Mitarbeiter zur Verfügung, um die Meldungen entgegen zu nehmen. Die Nummer lautet 0800 / 7 23 93 43. Wer ein Telefon mit Buchstabentasten hat, gibt einfach 0800 / R A D W E G E ein.

An jedem Pfosten mit Wegweisern ist jeweils ein Aufkleber befestigt, der diese Telefonnummer sowie eine Pfostennummer nennt, mit deren Hilfe der Standort des jeweiligen Wegweisers ermittelt werden kann. Außerdem können Fehler, Schäden oder Anregungen per Internet gemeldet werden (www.radverkehrsnetz.nrw.de).

Die Beschilderung ist in einem digitalen Wegweisungskataster erfasst worden, das alle Elemente des Radverkehrsnetzes enthält und als Grundlage für die Erstbeschilderung, die Instandhaltung sowie die Weiterentwicklung des Netzes dient. Diese Datenbank bildet außerdem die Basis eines Routenplaners, der vom Sommer 2002 an in elektronischer Form zur Verfügung stehen soll (www.radroutenplaner.nrw.de).

„R-Wege“ adé

Die Beschilderung der „R-Wege“, soweit sie nicht bereits durch mehr oder minder natürlichen Abgang verschwunden ist, sollte von den Kommunen nach einer gewissen Übergangszeit demontiert werden. Auf jeden Fall wird sie nun überhaupt nicht mehr gepflegt und niemand sollte ihr ohne geeignete Radwanderkarte folgen.

Weiter zu diesem Thema in den Bielefelder Radnachrichten 1/2003

© 2020 ADFC Stadtverband Bielefeld e. V.