ADFC-Fahrradklimatest 2012

Von Thorsten Böhm

Im Oktober und November 2012 führte der ADFC zum fünften Mal den ADFC-Fahrradklima-Test durch - unterstützt vom Bundesverkehrsministerium und der Fahrrad-Fachhandelsgruppe ZEG. Er rief Radfahrerinnen und Radfahrer dazu auf, per Fragebogen ihre Städte zu bewerten. Mit ihren Antworten auf 27 Fragen in fünf Kategorien konnten die Teilnehmer beschreiben, wie willkommen sie sich auf den Straßen ihrer Städte fühlen. Rund 80.000 machten mit – beim zuletzt vorangegangenen ADFC-Fahrradklima-Test 2005 waren es 26.000. 

332 Städte erreichten die für eine Wertung notwendige repräsentative Mindestzahl an eingeschickten Fragebögen, darunter alle 80 deutschen Städte mit über 100.000 Einwohnern. „Das ist ein großer Erfolg, der uns sehr freut. Damit ist der ADFC-Fahrradklima-Test die größte Untersuchung ihrer Art weltweit“, so der ADFC-Bundesvorsitzende Ulrich Syberg.

Direkt zu den Bielefelder Ergebnissen des ADFC-Fahrradklimatests 2012

Radverkehr ist keine Ausnahmeerscheinung

Die rege Beteiligung am Fahrradklimatest 2012 bestätigt die Erkenntnisse der letzten Jahre, die sich aus mehreren repräsentativen Untersuchungen ergeben haben: Radverkehr ist keine Ausnahmeerscheinung und es gilt: Über 30 Mio. Menschen nutzen das Rad mehrfach pro Woche, über 50 Mio. mehrfach pro Monat. Die große Teilnehmerzahl und ihre hohe Steigerung gegenüber den voran gegangenen Fahrradklimatests zeigen: Radverkehr interessiert eine große Gruppe von Menschen. Darauf weist auch hin, dass weniger als 20% der aktuell 80.000 Teilnehmer gleichzeitig auch ADFC-Mitglieder sind. 

Spitzenreiter und Aufsteiger

Auch beim fünften ADFC-Fahrradklima-Test steht Münster bei den Städten über 200.000 Einwohnern ganz oben auf dem Treppchen. Münster ist aber nicht mehr ein derart klarer Sieger wie noch 2005. Andere Städte drängen nach vorn: Freiburg, im letzten Fahrradklima-Test nicht in der Wertung, steigt bei den Städten über 200.000 Einwohner direkt auf Platz zwei ein. 
Bei den Städten in der Kategorie 100.000 bis 200.000 Einwohner konnte Erlangen seinen Titel verteidigen, gefolgt von Oldenburg und Hamm. 
Rees und Rhede auf den Plätzen zwei und drei gehören bei den Städten bis 100.000 Einwohnern zu den Newcomern. Sie bilden mit dem Sieger Bocholt ein nordrhein-westfälisches Triumvirat nahe der holländischen Grenze.

Besonders freuen können sich Städte, die einen großen Sprung nach vorn gemacht haben. Bei den Großstädten über 200.000 Einwohnern gehört Karlsruhe, das „Fahrradstadt Nummer eins in Süddeutschland“ werden will, zu den heimlichen Gewinnern – stärker hat sich keine andere Stadt dieser Größe verbessern können. Das gilt auch für Potsdam bei den Städten mittlerer Einwohnerzahl und für Wernigerode in der Kategorie der Städte bis 100.000 Einwohnern.

Auffällig ist, dass die Städte weit vorne in der Rangliste landen oder sich stark verbessern, die sich die Förderung des Radverkehrs explizit auf die Fahnen geschrieben haben. So haben sich neben Karlsruhe auch München und Frankfurt am Main deutlich zum Positiven entwickelt. Beide Städte engagieren sich, um Menschen aufs Rad zu bringen: München mit seiner „Radlhauptstadt“-Kampagne, Frankfurt setzt mit seinem Radfahrbüro Standards der Radverkehrsförderung.

Fast durch die Bank: schlechtere Noten 

Die Durchschnittsbewertung verschlechterte sich allerdings im Vergleich zum letzten Fahrradklima-Test 2005 merklich. Die Erklärung liegt auf der Hand: Die Fahrradnutzung nimmt zu. Mehr Menschen nehmen das Rad als Verkehrsmittel ernst – und wollen als Verkehrsteilnehmer ernst genommmen werden. Und es kommt, wenn mehr Menschen Rad fahren, bei einer unzureichenden Radinfrastruktur zu Kapazitätsengpässen, auf die die Politik angemessen reagieren muss.

Schlechte Bedingungen für den Radverkehr werden nicht mehr als normal und unveränderlich hingenommen. Radfahrer entwickeln ein neues Selbstbewusstsein und fordern Bedingungen ein, die für andere Verkehrsmittel längst als selbstverständlich gelten.

Insgesamt sehen Alltags- und Gelegenheitsradfahrer in fast jeder Stadt noch einen erheblichen Handlungsbedarf. Selbst auf den vorderen Rängen regiert bei den Bewertungen das Mittelmaß. Unzweifelhaft gibt es hier für Bund, Land und Kommunen noch eine ganze Menge zu tun.

Vor diesem Hintergrund wirken die geplanten Etatkürzungen beim Radverkehr z.B. des Landes NRW besonders befremdlich, ignorieren sie doch das große und bislang weitgehend ungenutzte Potenzial des Fahrrades. „Wer Haushaltsprobleme hat, muss intelligent sparen. Und das bedeutet gezielte Investitionen in den Radverkehr mit seinem unschlagbar guten Kosten-Nutzen-Verhältnis“, sagt der ADFC-NRW-Vorsitzende Thomas Semmelmann.

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Und wie schneidet Bielefeld ab? 

500 der 80.000 ausgefüllten Fragebögen kamen aus Bielefeld. Mit der Gesamtnote von 3,73 auf einer Schulnoten-Skala von 1 bis 6 erreicht die ostwestfälische Metropole leider nur ein "voll ausreichend" und damit kein Niveau, das einer familienfreundlichen und fortschrittlichen Universitätsstadt gut zu Gesicht stehen würde. 

Beim Fahrradklimatest 2003 war die Note mit 3,70 noch ähnlich ernüchternd, aber das Ergebnis des folgenden Fahrradklimatests 2005 (3,49) machte Hoffnung: Immerhin schon ein schwaches "befriedigend" und damit ein Fortschritt. Leider hat sich dieser Trend nicht fortgesetzt und Bielefeld ist wieder abgerutscht.

Zudem haben sich im Vergleich mit anderen deutschen Großstädten die Radverkehrsbedingungen in Bielefeld unterdurchschnittlich entwickelt: Bielefeld liegt nur auf Platz 17 (von 27) in der Rangfolge zwischen der sich am besten entwickelnden Stadt und der sich am schlechtesten entwickelnden Stadt. 

Die Bielefelder Noten im einzelnen

Die besten Noten beim Fahrradklimatest 2012 (27 Fragen) erhielt Bielefeld 

  • für die gute Erreichbarkeit des Stadtzentrums (Note 2,35)
  • für die Zahl der Einbahnstraßen, die fürs Radfahren in beiden Richtungen frei gegeben sind (Note 2,60)
  • dafür, dass man per Rad Ziele zügig und direkt (statt umwegig) erreichen kann (Note 2,61)
  • für die Radverkehrswegweisung (2,81)
  • dafür, dass Radfahren Spaß macht (Note 2,97)
  • dafür, das in allen Alters- und Bevölkerungsgruppen Rad gefahren wird (Note 3,03). 

Die schlechtesten Noten beim Fahrradklimatest 2012 erhielt Bielefeld 

  • für die schlechte Führung des Radverkehrs an Baustellen (Note 4,74)
  • für die unzureichende Überwachung des Auto-Parkens auf Radwegen (Note 4,66)
  • dafür, dass Radwege bzw. Radfahrstreifen oft zu schmal sind (Note 4,45)
  • dafür, dass die örtliche Presse wenig positiv über Radverkehr berichtet, und wenn, dann meistens im Zusammenhang mit Unfällen und Radfahrer-Fehlverhalten (Note 4,33)
  • dafür, dass Ampelschaltungen oft schlecht auf den Radverkehr abgestimmt sind (Note 4,31)
  • dafür, dass in jüngster Zeit kaum etwas für den Radverkehr getan wurde (Note 4,25). 

Veränderungen gegenüber 2005

Die größten Verbesserungen gegenüber den Fahrradklimatest-Ergebnissen von 2005 erzielte Bielefeld

  • dafür, dass man per Rad Ziele zügig und direkt (statt umwegig) erreichen kann 
    (Note 2012: 2,61 -- Note 2005: 3,01 -- Verbesserung um 0,40)
  • für die Zahl der Einbahnstraßen, die fürs Radfahren in beiden Richtungen frei gegeben sind 
    (Note 2012: 2,60 -- Note 2005: 2,99 -- Verbesserung um 0,39).

Ansonsten "verbesserte" sich Bielefeld gegenüber 2005 in lediglich 4 weiteren von insgesamt 21 Bereichen, die sowohl 2005 als auch 2012 untersucht wurden. Diese Veränderungen sind allerdings nicht signifikant (Notendifferenzen von 0,01 bis 0,10), so dass hier von gleichbleibenden Ergebnissen gesprochen werden kann. 

Die deutlichsten Verschlechterungen gegenüber den Fahrradklimatest-Ergebnissen von 2005 ergaben sich in Bielefeld

  • dafür, dass Radwege bzw. Radfahrstreifen oft zu schmal sind 
    (Note 2012: 4,45 -- Note 2005: 3,72 -- Verschlechterung um 0,73)
  • dafür, dass Ampelschaltungen oft schlecht auf den Radverkehr abgestimmt sind 
    (Note 2012: 4,31 -- Note 2005: 3,82 -- Verschlechterung um 0,49)
  • bei der Frage, ob die Fahrradmitnahme in öffentlichen Verkehrsmitteln einfach und preiswert oder schwierig und teuer sei  
    (Note 2012: 3,86 -- Note 2005: 3,40 -- Verschlechterung um 0,46)
  • dafür, dass in jüngster Zeit kaum etwas für den Radverkehr getan wurde  
    (Note 2012: 4,25 -- Note 2005: 3,83 -- Verschlechterung um 0,42).

Ansonsten verschlechterte sich Bielefeld gegenüber 2005 signifikant in 7 weiteren von insgesamt 21 Bereichen, die sowohl 2005 als auch 2012 untersucht wurden (Notendifferenzen: 2 mal von 0,33 bis 0,34; 5 mal von 0,20 bis 0,26). 
In 3 weiteren Bereichen sind die negativen Veränderungen nicht signifikant (Notendifferenzen von 0,06 bis 0,09), so dass hier von gleichbleibenden Ergebnissen gesprochen werden kann. 

In einem weiteren Bereich blieb die Note gegenüber 2005 unverändert. 

© 2020 ADFC Stadtverband Bielefeld e. V.