Donnernde Motoren und wirbelnde Pedalen seit 1953

Von Michael Mertins 

Mit der Radrennbahn besitzt Bielefeld ein fast einzigartiges Bauwerk. In Deutschland gibt es nur eine vergleichbare Steher-Rennbahn aus Spannbeton und zwar in Chemnitz. Man sagt dem Bielefelder Velodrom sogar nach, es sei mit seinen Steilkurven von 46 Grad die schnellste Betonpiste Europas. Damit ist die Bahn sicher die steilste vor Ort, aber längst nicht die erste. 

Denn bereits 1885 eröffnete der Bielefelder Velociped-Club im Ortsteil Gadderbaum eine Radrennbahn von einem Drittel Kilometer Länge. Nach dem derzeitigen Wissensstand wurde diese Aschebahn bis etwa 1900 für Rennen benutzt, danach diente sie als Lernbahn für Radfahrer und Radfahrerinnen. Anschließend wurde die Anlage in einen kleinen Sportplatz umgewandelt, der bis heute als Fußballplatz genutzt wird. 

Eine weitere Rennbahnen war ab 1931 die so genannte Pottenau-Bahn, die auf dem einstigen Gelände des Franz Adolf Pott (Gut Pottenau) lag. Durch Eigenleistung vieler Bielefelder Radportler wurde hier ein vom DSC Arminia Bielefeld aufgegebener Fußballplatz zu einer Rennbahn umgebaut. Ein angrenzender Bahndamm diente als Zuschauertribüne. 

Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg rückte ein anderer Sportplatz in den Blickpunkt der radsportbegeisterten Bielefelder: die Königsbrügge. Als Mittelpunkt einer genossenschaftlichen Wohnsiedlung im Ortsteil Sieker für den Arbeitersport konzipiert, musste diese Kampfbahn mangels Alternative seit 1946 als Radrennbahn herhalten. Trotz der Unzulänglichkeit der Bahn, kamen die Zerstreuung suchenden Zuschauer in Massen. 

Die Einnahmen der Radsportvereine, welche der Finanzierung einer neuen Rennbahn hätten dienen können, wurden durch die Währungsreform im Juni 1948 mehr als dezimiert. Erst Anfang der Fünfziger Jahre konnte der Bau der aktuellen Bielefelder Radrennbahn in Angriff genommen werden. 

Zur Baugeschichte: Erst sollte die Bahn auf dem Gelände der Pottenau-Bahn neu entstehen, dann war ein Bauplatz an der Wilhelm-Bertelsmann-Straße im Gespräch. Als die ersten Radsportler mit den Erdarbeiten bereits begonnen hatten, wurden sie plötzlich wegen neuer Straßenplanungen in diesem Bereich gestoppt. Nach langen Diskussionen beschloss der Stadtrat Mitte August 1950 den Bau einer Radrennbahn in den Heeper Fichten, dem Naherholungs- und Freizeitgelände im Osten Bielefelds. 

Die Bielefelder Radrennbahn im Bau, 1952. Foto: Rieger

Die Bielefelder Radrennbahn im Bau, 1952. Foto: Rieger

 

Die "Westfälische Zeitung" berichtete bereits in der Ausgabe vom 12. Oktober 1950 über erste bauliche Maßnahmen vorort: „Um möglichst schnell voranzukommen und unnötige Kosten zu sparen, würden jetzt schon die in der Kreuzstraße anfallenden Schuttmassen (er werden 37 000 Kubikmeter gebraucht) zur Errichtung der Besucherwälle angefahren, und dafür die in den Heeper Fichten anfallende Muttererde nach der Kreuzstraße transportiert.“ Die Tageszeitung berichtete weiter, dass aus Etatmitteln 350 000 DM zur Verfügung stünden und 400 000 DM von Radsportvereinen und der Fahrradindustrie beigesteuert würden. Der spätere Innenraum der Bahn wurde um 1,70 m unter Niveau abgetragen, der Ringwall für die Besucher sollte sich später etwa 6 m darüber erheben. 

Die Unmengen an Beton lieferte übrigens die regionale Niederlassung der Dyckerhoff & Widmann KG, später bekannt geworden als Aktiengesellschaft DYWIDAG. Doch erst am 29. Mai 1953 konnte das Richtfest des schließlich 640 000 Mark teuren Ovals gefeiert werden - die Verfestigung des Außenwalls aus Abbruchschutt und ein feuchter Sommer 1952 hatten die Fertigstellung der fugenlos gegossenen Zementbahn verzögert. Zum Eröffnungsrennen am 14. Juni 1953 fanden sich 15 000 Zuschauer ein und feierten frenetisch die Rennfahrer, die hinter ihren Schrittmachern über 80 km/h erreichten. 

Die Eröffnung der Bielefelder Radrennbahn im Jahre 1953. Ein Blick auf die vollbesetzten Ränge beim Eröffnungsrennen: Vorn der zweite Zuschauer von rechts ist Clemens Schürmann, Architekt der Radrennbahn, der noch von seinem Schlaganfall gezeichnet wi

Die Eröffnung der Bielefelder Radrennbahn im Jahre 1953. Ein Blick auf die vollbesetzten Ränge beim Eröffnungsrennen: Vorn der zweite Zuschauer von rechts ist Clemens Schürmann, Architekt der Radrennbahn, der noch von seinem Schlaganfall gezeichnet wirkt. Foto aus dem Buch von Günter Gerke "Bielefeld - so wie es war Teil 3",  S. 27, Droste Verlag GmbH Düsseldorf 1977.

 

Entworfen wurde die 333,3 m lange Rennbahn von dem Münsteraner Architekt Clemens Schürmann, der von 1926 bis 1957 in Deutschland und Europa 47 Bahnen konzipierte. Als ehemaliger Rennfahrer, der 1927 seine Rennfahrerkarriere beendete, konnte er seine Erfahrungen einbringen. Sein Sohn Herbert stieg in das Architekturbüro ein und übernahm 1952 dessen Leitung, als Clemens während eines Sechs-Tage-Rennens einen Schlaganfall erlitt. 1957 verstarb der allseits geschätzte Architekt in Münster. 1985 trat Herberts Sohn Ralph in das Geschäft ein. Das heute noch bestehende Planungsbüro entwarf weitere 70 Velodrome, u. a. für die Olympischen Spiele in Mexico-City, München, Seoul und Beijing. 

Steherrennen auf der Bielefelder Radrennbahn um 1954: Vier Steher-Gespanne in der Steilkurve. Aus dem Buch "Bielefeld zwischen gestern und morgen", Hrsg. Dr. Gustav Engel, Verlag Dr. Buhrbanck & Co KG, Berlin und Holzminden 1954, S. 155.

Steherrennen auf der Bielefelder Radrennbahn um 1954: Vier Steher-Gespanne in der Steilkurve. Aus dem Buch "Bielefeld zwischen gestern und morgen", Hrsg. Dr. Gustav Engel, Verlag Dr. Buhrbanck & Co KG, Berlin und Holzminden 1954, S. 155. 

 

Zurück zum Bielefelder Oval. Im Eröffnungsjahr konnten 52 000 Zuschauer gezählt werden. Leider fiel der Betrieb der Bahn in die Phase des Niederganges der Bielefelder Fahrradindustrie. Das Interesse der Zuschauer an Steherrennen ließ nach, immer mehr Firmen wie Dürkopp, Rabeneick oder PWB-Durex zogen sich vom Profi-Radsport zurück. Anfang der 1960er Jahre kamen jährlich nur noch gut 10 000 Zuschauer zu den Rennen. Heute wird die Bahn, noch immer im Besitz der Stadt Bielefeld, vom RC Zugvogel betreut. Auf der inzwischen mehrmals notdürftig reparierten Betonbahn finden jährlich noch drei bis vier Schrittmacherrennen statt. Konstruktionsbedingt können auf dieser Bahn nur Steherrennen optimal gefahren werden, weil die Bahnneigung auf Geschwindigkeiten berechnet ist, die nur bei solchen Rennen erzielt werden. Da die Rennbahn unverständlicherweise nicht unter Denkmalschutz steht, sind ihre Jahre wohl gezählt. 

Dieser Beitrag wurde zusammen mit einem Bericht über den Bielefelder Fahrrad-Nostalgie-Tag (12. September 2010) im Magazin des Historische Fahrräder e.V. Knochenschüttler 2/2010 S. 24 bis 25 veröffentlicht. 

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