Die Einführung der TOLO-Tretstrahler 1938/39

Von Michael Mertins

Zugegeben! Ein bisschen lief es mir schon kalt den Rücken herunter, als ich das erste Mal die leuchtend gelben Glassteinchen der TOLO-Pedalen in den Händen hielt. Eigentlich seelenlose, technische Dinge wie jedes andere Fahrradteil auch. Wenn da nicht diese Geschichte mit Himmlers SS gewesen wäre! 

Wie ein Film im Zeitraffer lief die Entstehungsgeschichte der Tretstrahler vor meinem inneren Auge ab: Ihre Erfindung durch den SS-Hauptsturmführer Anton (Toni) Loibl, die Anordnung des Chefs der deutschen Polizei, welche Tretstrahler zur Pflichtausstattung von Neufahrrädern machte und ihre Massenproduktion zu finanziellen Gunsten der SS nahe stehender Vereine (siehe "Der Fall TOLO"). 

Insgesamt eine haarsträubende Geschichte, die aber in der Darstellung der allgemeinen Einführung der TOLO-Tretstrahler noch Fragen offen ließ: Wie genau gingen die Nationalsozialisten zu Werke, wer waren die Hersteller der Leuchtsteine und Tretstrahler und welche Rolle spielten dabei der „Radmarkt“ und der Handel?

Werbeanzeigen aus dem Radmarkt 1938 und 1939 (Bestand des Stadtarchivs Bielefeld)

Führen wir uns noch mal kurz vor Augen, wie die Lage auf Deutschlands Straßen 1937 aussah: 20 Millionen Fahrräder sollen seinerzeit im Umlauf gewesen sein. Im Straßenverkehr kamen 2000 Radfahrer ums Leben, das sind 27 % der Verkehrstoten insgesamt. Diese Gruppe der Verkehrsteilnehmer stellte aber nur 11 % der Unfallverursacher. Die Autofahrer stellten 28 % der Verkehrsopfer, verursachten aber 63 % der Unfälle (siehe Radmarkt und Reichsmechaniker Nr. 2519 vom 2.9.1939). Radfahrer lebten wohl schon immer gefährlich! Die Entflechtung des Verkehrs durch den Radwegebau kam nur langsam voran.

Zum Schutz der schwächeren Verkehrsteilnehmer waren also dringend Maßnahmen erforderlich. Unterstellen möchte ich den Nationalsozialisten mit ihren Änderungen der Reichsstraßenverordnung eine durchaus gute Absicht. Technisch gesehen ist die Idee der reflektierenden Pedalstrahler auch gelungen: Gelbe Glassteinchen leuchten im Dunkeln heller als rote, sie werden wegen der tieferen Anordnung früher vom Scheinwerderlicht der Kraftfahrzeuge erfasst und ihre Auf- und Ab-Bewegung macht sie auffälliger als statische Reflektoren wie z. B. eine Domlinse oder ein Katzenauge. 

Werbeanzeigen aus dem Radmarkt 1938 und 1939 (Bestand des Stadtarchivs Bielefeld)

Dadurch, dass der Reichsführer-SS gleichzeitig Chef der deutschen Polizei war, konnten gesetzliche Änderungen schnell herbeigeführt und ihre Einhaltung auch kontrolliert werden. Die Anlaufschwierigkeiten lagen eher bei den Produzenten von Leuchtsteinen und Tretstrahlern. Zu lange hatten sich die Streitigkeiten um die Patente und ihrer Verwertung hingezogen (vgl. "Der Fall TOLO"), dann hatte auch Unklarheit über die Preisfindung geherrscht. Als die anfangs produzierten Mengen nicht ausreichten, wurde die Einführung der Tretstrahler auf den 1. Oktober 1938 verschoben. Für die etwa 1 Million produzierten Neufahrräder im Deutschen Reich pro Jahr, wurde die stattliche Zahl von 8 Millionen Leuchtsteinchen gebraucht.

Im Radmarkt Nr. 2514 vom 29.7.1939 sind die Hersteller von Tretstrahlern (15 Firmen) und ihren Leuchtgläsern (19 Firmen) vollständig aufgeführt, durch die Bank Lizenznehmer bei der Anton Loibl GmbH. Die Leistungsfähigkeit der Pedalindustrie wird an anderer Stelle mit 5 bis 5 ½ Millionen Tretstrahlern pro Jahr angegeben. Andere Firmen als die genannten waren nicht berechtigt, diese Fahrradteile herzustellen. Jeder Produzent hatte seine Produkte bei der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt in Berlin prüfen zu lassen, deshalb haben die Tretstrahler bzw. die gefassten Glassteinchen eine individuelle PTR-Nummer.

Foto: P. Zielasko

Verpackung der Luck-Tretstrahler  -- Foto: P. Zielasko

 

Alles im Zusammenhang mit der Einführung der Tretstrahler wurde von der nationalsozialistischen Regierung geregelt. Wer sich beim Fahrradhändler seiner Wahl ein Paar Leuchttreter zur Umrüstung seines Altrades kaufen wollte, hatte exakt 3,50 RM für die vernickelte bzw. 4,20 RM für die verchromte Variante auf die Ladentheke zu legen. So hatte es im September 1938 der „Reichskommissar für die Preisbildung“ unter Mitwirkung der „Reichsfachgruppe Fahrräder und Motorfahrräder“ festgelegt.

Ebenso regelte diese Institution im Oktober 1938, dass Großhändler auf Lager befindliche Räder an Händler durch die Umrüstung 2,05 RM bzw. 2,55 RM teurer verkaufen durften, für Endverbraucher erhöhte sich der Preis um 2,75 RM bzw. 3,40 RM. 1939 durfte der Grossist für die Tretstrahler paarweise 2,85 RM bzw. 3,42 RM mehr in Rechnung stellen. Hier ist offensichtlich auf Druck der Händler gegenüber der ersten Regelung nach oben korrigiert worden. Diese Preise durften weder über- noch unterstritten werden. „Gegen alle Zuwiderhandlungen werden die nötigen Schritte sofort unternommen“, veröffentlichte der RDM in seinem Mitteilungsteil im Radmarkt. Wer ab dem Stichtag Fahrräder ohne Tretstrahler verkaufte, machte sich ebenfalls strafbar, schrieb der Radmarkt in seinen Kurzmitteilungen im November 1939 in seiner 2476. Ausgabe.

Foto: P. Zielasko

Umrüstung eines alten Pedals (Radmarkt StABi); Teile eines Tolo-Bausatzes  -- Foto: P. Zielasko

Auch Bausätze für das Umrüsten von Altpedalen wurden in der Fachpresse vorgestellt. Im Februar 1939 veröffentlichte die Anton Loibl GmbH im Radmarkt (Nr. 2490) die ihr vom Preiskommissar diktierten Abgabepreise für die Leuchtsteinchen. Die für alle bindenden Preise gestalteten sich wie folgt: Vom Hersteller zum Grossist durften 13,5 Pf, vom Grossisten zum Händler 16 Pf und vom Händler zum Endverbraucher 20 Pf im Ersatzteilgeschäft berechnet werden. Verstöße gegen die Preisbindung wurden mit Entzug der Lizenz geahndet.

Mit drei Werbeaktionen (Oktober und Weihnachten 1938 und April 1939) versuchten die an der Einführung der Tretstrahler irgendwie Beteiligten die Nachrüstung zu forcieren. Gingen die ersten beiden Aktionen mehr vom Handel aus, war die April-Aktion sicher die am breitesten angelegte. Ausgehend vom Amt für Schadensverhütung wurden einbezogen: Die Reichsgruppe Fahrräder-Motorfahrräder, der Reichsinnungsverband des Mechanikerhandwerks, die Verbandszeitschrift „Radmarkt und Reichsmechaniker“, die Tagespresse und der Rundfunk. Die Händler fanden in der Fachpresse z. B. Anregungen für die Schaufenster- und Plakatgestaltung, Seiten zum Ausschneiden für den Aushang im Laden usw.

Ein Beispiel für recht witzige Plakate sind die zwei hier abgedruckten Werbemittel. Trotz aller Aufklärung schien es bei der Polizei immer noch Missverständnisse über die richtige Ausstattung des Rades zu geben. Ein Runderlass des Chefs der deutschen Polizei vom März 1939 regelte noch einmal ganz eindeutig: Wer Tretstrahler am Rad hat, braucht weder rotes Rücklicht noch rotes Katzenauge! Diese Regelung galt bis zum 01.10.1940, als die Gesetze der novellierten Reichs-Straßenverkehrsordnung in Kraft traten.

Werbeplakate: „Eine Wildkatze?“ „Nee, Tretstrahler“ und  „Was – Sterne auf der Erde?“ „Nein -- Tretstrahler!“


Durch die Zunahme der Geschwindigkeit und Verdunkelung von Straßen und Verkehrsmitteln – das Deutsche Reich steuerte auf den zweiten Kriegswinter zu – nahm die Gefährdung der Radfahrer weiter zu. Die passive Sicherung nach hinten nur durch reflektiertes Licht war einfach zu wenig. So wurde das rote, elektrische Rücklicht mit integrierter Reflektorfläche im Herbst 1940 Pflicht.

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht in "Der Knochenschüttler", Mitgliedermagazin Historische Fahrräder e.V., Heft Nr. 39, S. 20 - 23.

© 2019 ADFC Stadtverband Bielefeld e. V.