Der Fall "TOLO"

Von Michael Mertins 

Bevor ich zur Sache komme, möchte ich Euch fragen: Wisst Ihr, welchen Beruf ich eigentlich ergreifen wollte? Nicht Kartograf zu werden war als Schulabgänger mein Herzenswunsch, sondern die Laufbahn bei der Kriminalpolizei hatte ich angepeilt, genauer gesagt bei der Spurensicherung! Der dafür notwendige Spürsinn war vorhanden, aber aus gesundheitlichen Gründen (Brillenträger!) wurde damals nichts daraus. Spürsinn und Kombinationsgabe sind aber nicht zu verlernen und beides lässt sich auf Dauer auch nur schwerlich unterdrücken. Gegen Abend beim Surfen im Internet werden diese Eigenschaften aktiviert und es gibt für mich am PC-Bildschirm so manchen Fall zu lösen! Von einem besonders spannenden Fall, dessen Spuren sogar bis zum Nürnberger Tribunal gegen die Nazi-Kriegsverbrecher führten, möchte ich Euch heute berichten. 

Schon vor einigen Jahren stieß ich in Fahrradprospekten der späten 1930er Jahre auf so genannte „Tolo-Tretstrahler“. Diese ungewöhnliche Bezeichnung konnte ich mir überhaupt nicht erklären. Auch Nachfragen bei versierten Fahrradsammlern des Vereins Historische Fahrräder e.V.  brachten mir keine „sachdienlichen Hinweise“. Bei meinen Gesprächen mit Martin Rabeneick stellte ich gezielt die Frage, ob er eine Erklärung für diese Bezeichnung wüsste. Der Seniorchef glaubte sich zu erinnern, dass die Abkürzung „TOLO“ für eine SS-Persönlichkeit gestanden hätte. Diese Antwort war vage, aber dennoch spannend! Die einzige Nazi-Persönlichkeit, die meines bescheidenen Wissens nach „buchstäblich“ in Frage kam, war der Reichssportführer von Tschammer-Osten. Immerhin das „TO“ würden sich so erklären lassen! Aber hatte dieser Mensch durch seine Funktion überhaupt etwas mit Rückstrahlern an Fahrradpedalen zu tun gehabt? In einem Radmarkt-Heft von 1933 wird der markante Name im Zusammenhang mit der NS-Patrouillen-Radfernfahrt erwähnt, denn diese Zuverlässigkeitsfahrt stand unter dem Protektorat des Reichssportführers. Aber ein Zusammenhang mit reflektierenden Pedalen ließ sich dadurch beim besten Willen nicht herstellen. So legte ich diesen ungelösten Fall erst einmal zu den Akten.

Als ich vor ein paar Wochen im hiesigen Stadtarchiv Firmenkataloge der Bielefelder Präzision-Werke (PWB) aus der NS-Zeit durchsah, fiel mein Blick wieder auf ebensolche „TOLO-Tretstrahler“, die seinerzeit als technische Neuerung angepriesen wurden. Sie trugen verschiedene Prüfnummern der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt (PTR 310 bzw. 322) und wichen in der Bauart etwas von einander ab. Auch das Pedal, das ich im Stricker-Prospekt aus dem gleichen Zeitrum fand, war im Detail wieder anders ausgeführt und trug die Kennzeichnung PTR 300 (Hersteller Firma Union). 

 

Abb. links: Blockpedal Nr. 114 (PTR 322) der Firma Präzision-Werke Bielefeld (PWB), 1938

Abb. Mitte: PeWeBe-ToLo-Tretstrahler Nr. 115 (PTR 310), 1938 

Abb. rechts: Tretstrahler (PTR 300) der Firma Union Fröndenberg, 1938 

 

Daraus kombinierte ich, dass sich hinter „TOLO“ keine Herstellerfirma verbergen konnte, sondern eher ein Funktionsprinzip oder ein Patent. Die gesetzliche Vorschrift, Neufahrräder mit diesen Pedalen auszurüsten, erlangte Rechtskraft durch die Änderung der Reichsstraßenverkehrsordnung vom 13. November 1937. Meine Vorahnung sagte mir, dass in dieser Zeit ein Reichspatent oder Gebrauchsmuster erteilt worden sein könnte. Nachdem ich schleunigst meinen PC hochgefahren hatte, surfte ich zum Auskunftssystem des Deutschen Patentamtes Depatisnet. Durch eine tiefergehende Erfassung der Patent- und Gebrauchsmuster-Daten sind seit kurzem verbesserte Suchmöglichkeiten gegeben. Die Eingaben „Rückstrahler“ und „Pedalreflektoren“ brachten keinen verwertbaren Erfolg. Aber die Eingabe „Tretstrahler“ zeigte unter anderem für 1937 ein Deutsches Reichspatent (DRP), das ein Anton Loibl am 11. Juni 1937 eingereicht hatte. Der genaue Patenttitel lautete: „An der Innenseite der Längsseite eines Rahmenpedals eines Fahrrades angebrachter Rückstrahler“. Bei anderen Patenten nannte sich dieser Erfinder auch Toni Loibl. BINGO! Nun war mir sofort klar, woher die Bezeichnung „TOLO“ stammte: Es waren die Anfangsbuchstaben des Erfindernamens, welcher laut der Angaben im Patentdokument damals in München lebte! 

Abb. : Patentzeichnungen zum Patent von Anton Loibl, 1937 

Text Patentanspruch: „An der Innenseite der Längsseite eines Rahmenpedals eines Fahrrades angebrachter Rückstrahler, dadurch gekennzeichnet, daß die der Form der Pedallängsseiten angepassten Rückstrahlkörper seitlich und rückwärts in einem elastischen Bett gelagert sind, das zwischen der Rahmenlängsseite und einem nach der Rahmenmitte zu gelegenen Rahmenstück liegt, wobei die Rahmenteile jeweils eine oder mehrere fensterartige Durchbrechungen aufweisen.“

 

Schon recht zufrieden mit der Lösung dieses Falles, wollte ich doch mehr über diesen Toni Loibl wissen. Die Vermutung „SS-Größe“ stand ja noch ungeklärt im Raum. Und schon vorweg genommen, jetzt ging mein Fall „TOLO“ erst richtig los! Ab zur „Google-Suchmaschine“ und flugs den Namen „Anton Loibl“ eingegeben. Neben den üblichen Fehltreffern wie einem bayerischen Immobilienmakler und einem Münchener Hochzeitsjubilar gleichen Namens brachte das Internet auf der dritten Seite etwas hervor, das mir eine Gänsehaut versetzte: „So verwertete die SS beispielsweise das von Anton Loibl, dem ehemaligen Chauffeur Hitlers, entwickelte Patent für Fahrradtretstrahler.“ Auf der siebenten Seite fand ich im Axis History Forum den Satz: „SS-Hauptsturmführer Anton Loibl invented those illuminated discs you put on bicycles at night, which Himmler made mandatory in 1939 to reduce road accidents." (Übersetzung: SS-Hauptsturmführer Anton Loibl erfand diese leuchtenden Scheiben, die man nachts an Fahrrädern befestigt, welche Himmler zur Pflicht machte, um Verkehrsunfälle zu reduzieren.") Hatte sich der Senior-Rabeneick doch recht an eine SS-Größe erinnert! Kerzengerade saß ich nun vor dem Bildschirm. 

Ich klickte zurück auf die erste Fundstelle und gelangte darüber auf die von Andreas Mix verfasste Rezension des Buches „Die Wirtschaft der SS“ von Hermann Kaienburg. Hier der Kernsatz aus dieser Buchbesprechung: „Die bescheidenen Anfänge der SS-Wirtschaft machten 1933 die Handwerksbetriebe im Konzentrationslager Dachau, in denen die Häftlinge für den Eigenbedarf des Lagers und die örtlichen Totenkopfeinheiten der SS arbeiten mussten. Weitere wirtschaftliche Aktivitäten, wie die Porzellanmanufaktur in Allach, in der kunsthandwerklicher Nippes produziert wurde, und der Erwerb der Deutschen Briefkastenreklame GmbH, entsprangen Zufällen oder Himmlers Begeisterung für die Erfindungen von Außenseitern. So verwertete die SS beispielsweise das von Anton Loibl, dem ehemaligen Chauffeur Hitlers, entwickelte Patent für Fahrradtretstrahler.“ 

Das war ja schon allerhand, was mir das Internet anbot, aber es sollten noch mehr harte Fakten zu Tage treten. Ich klickte mich auf die Google-Ausgangsseite zurück und wählte einen anderen obskuren Link in Verbindung mit der Anton Loibl GmbH: „The Mazal Library“. Sekunden später befand ich mich auf den digitalen Seiten der Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse (Nuernberg Military Tribunal Volume V, Page 535). Hier waren die Firmen im Besitz der SS genannt, was sie herstellten und welche Umsätze in den 1940er Jahren erzielt wurden. Die Anton Loibl GmbH gehörte danach zu 100 Prozent der SS und setzte 1942 immerhin 550 000 RM um. In welchen schlechten Film war ich hier eigentlich geraten?

Um der Sache weiter auf den Grund zu gehen, bestellte ich mir über die Bibliothek das mehr als 1100-seitige Werk „Die Wirtschaft der SS“, in der Hoffnung mehr Details über TOLO und die Machenschaften der SS zu erfahren. Und ich wurde nicht enttäuscht! Der Autor Hermann Kaienburg schildert dort neben anderen in ausführlicher Weise den Fall „TOLO“. Gerade das Tretstrahler-Projekt sieht er als einen der wenigen wirklich erfolgreichen Schachzüge der SS, an Geld zu kommen. Mit den TOLO-Tretstrahlern finanzierte die Schutz-Staffel ihr Eigenleben und nahestehende Vereine wie den „Lebensborn e.V.“ und das „Ahnenerbe e. V.“ Dazu später mehr! Hier eine Zusammenfassung der wichtigsten Fakten, die Kaienburg in aufwendiger Kleinarbeit über viele Jahre hinweg recherchiert hat.

Das Wirtschaftsimperium der SS bestand aus ca. 30 Unternehmen mit über 100 Betrieben, in denen neben „normalen“ Arbeitskräften auch 40 000 KZ-Gefangene beschäftigt waren. Die Betriebe waren oft mit den verschiedenen Tätigkeits- und Einflussbereichen Heinrich Himmlers, seit Januar 1929 Reichsführer der Schutzstaffel (SS), verbunden. Neben diesen produzierenden Betrieben existierten auch Gesellschaften, die auf die Vereinnahmung von Lizenzgebühren ausgerichtet waren. Zu denen gehörte auch die Anton Loibl GmbH, die versuchte Erfindungen Loibls zur Patentreife zu bringen und anschließend zu vermarkten. So kam es neben den schon erwähnten Tretstrahlern zu Patenten für Vergaser, Sperrtrichter und anderen Produkten, die industriell ausgeschlachtet werden sollten.

Kaienburg begründet Himmlers Engagement in Sachen Loibl wie folgt: „Die SS sollte auch in technischer Hinsicht an vorderster Front mit marschieren. Einen Weg dahin sah er (Himmler) im Aufgreifen und Fördern von Erfindungen. Es entsprach seiner (Himmlers) Denkweise, dabei nicht nur mit den auf diesem Gebiet führenden Wirtschaftsunternehmen zusammenzuarbeiten, sondern auch und gerade kleine, wenig beachtete Erfinder zu fördern.“ (S.198) 

Abb. : Portrait von Anton Loibl 


Wie kam nun ausgerechnet Anton Loibl in den Genuss dieser Förderung? Von Beruf Maschinenschlosser und Fahrlehrer, war er schon früh in der NSDAP aktiv gewesen. Während seines Wehrdienstes setzte ihn Generalstabsoffizier Ernst Röhm als Fahrer von Adolf Hitler ein. Loibl nahm im November 1923 am Hitler-Putsch in München teil und war darauf nach seiner Verurteilung durch den Gefängnisaufenthalt einigen SS-Größen bekannt geworden. Von 1932 an chauffierte er den Reichsjugendführer Baldur von Schirach. 

Den Beginn der Kooperation von SS und dem Erfinder beschreibt Kaienburg so: 

„Die Zusammenarbeit zwischen Loibl und SS wurde 1936 in Gestalt einer gemeinsamen GmbH-Gründung institutionalisiert. Die am 17. September 1936 aus der Taufe gehobene „Tolo GmbH“ mit Sitz in Berlin sollte laut Gesellschaftsvertrag technische Artikel aller Art, insbesondere patentamtlich geschützte Gegenstände, herstellen und vertreiben. Das Stammkapital betrug 25 000,- RM; davon übernahmen Loibl 12 000,- und Galke als Vertreter der SS-Führung 13 000,- RM. Dass es zunächst nur zu 25 % eingezahlt wurde, weist auf die enge finanzielle Lage auf beiden Seiten hin. Loibl brachte als Sacheinlage vier Patente im Wert von 5 000,- RM ein. Außerdem verpflichtete er sich, der Gesellschaft etwaige weitere Erfindungen und Verbesserungen kostenlos zur Verfügung zu stellen. Galke und Loibl wurden auch Geschäftsführer der GmbH. Die Verwaltung lag praktisch aber in den Händen Galkes. Dieser sicherte sich außerdem rechtlich so ab, dass er im Konfliktfall letztlich allein entscheiden konnte. Die Gesellschafterversammlung fand stets unter seinem Vorsitz statt und fasste ihre Beschlüsse entsprechend den Kapitalanteilen. (... ) Aus den erwirtschafteten Gewinnen sollten zunächst 5 % in einen zu bildenden Reservefonds überwiesen werden, bis dieser eine Summe von 50 % des Gesellschaftskapitals erreichte. Der übrige Gewinn sollte, vorbehaltlich anders lautender Entscheidungen der Gesellschafterversammlung oder des Aufsichtsrats, je zur Hälfte an die Gesellschafter ausgezahlt werden. Eine Woche nach der Gründung wurde der Name des Unternehmens geändert in „Anton Loibl GmbH“. Die Gründe dafür sind unbekannt.“ (S.199/200).

Am 11. Juni 1937 reichte Anton Loibl sein Patent zu den Tretstrahlern ein, durch das Patentamt bekannt gemacht wurde es aber erst am 22. Dezember 1938! Mit der Anerkennung seines Patentes gab es wohl Schwierigkeiten, weil ein Dresdner Erfinder Loibls Erfindung zuvor gekommen war. Dessen Einspruch beim Reichspatentamt verzögerte also die Patenterteilung um etwa 1 ½ Jahre. Der Dresdner Erfinder wurde bewegt, auf seine Patenterteilung zu verzichten und sollte 15 000,- RM für den Verkauf der Rechte erhalten. Bedingung waren jedoch verschiedene Nachweise, die der Erfinder schließlich gar nicht beibringen konnte. Ein ähnliches englisches Patent, das Prioritätsrechte besaß, wurde durch eine Patentnichtigkeitsklage unwirksam gemacht.Weiterer Hinderungsgrund für eine Patentverwertung der Tretstrahler waren die fehlenden  Rechte an der Verwendung von reflektierenden Glassteinen. Loibls Patent bezog sich nur auf die Anordnung solcher Steinchen im Metallrahmen der Pedalen, also mussten Lizenzverträge über die Verwendung der gläsernen Reflektoren abgeschlossen werden. Sie betrafen die Patente 692 562 und 697 207 der Erfinder Dr. phil. R. Sewig und F. Krautschneider aus Dresden aus dem Jahr 1935. Die Anton Loibl GmbH erhielt vertraglich das alleinige Recht, Patentauswertung für Rückstrahler an Fahrrädern und Leichtkrafträdern zu betreiben. An die Dresdner Patentinhaber musste Loibls Gesellschaft pro Fahrrad 1,5 Pfennig und für jedes Ersatzglassteinchen 1/6 Pfennig bis zu einer Gesamtsumme von 100.000,- RM zahlen.

Nun fehlte zur erfolgreichen Patentverwertung nur noch eines: Die Änderung der Reichsstraßenverkehrsordnung, dass reflektierende Tretstrahler zur Pflichtausstattung von Neufahrrädern gehörten! Diese erfolgte am 11. November 1937 auf Anordnung Heinrich Himmlers. Galke, der zweite Geschäftsführer der Loibl-GmbH, soll Himmler den Vorschlag dazu unterbreitet haben. So jedenfalls recherchierte es Kaienburg und ergänzt: „Der Reichsführer der SS nutzte seine Stellung als Chef der Deutschen Polizei, um der SS eine sichere, risikolose Einnahmequelle zu verschaffen, in dem er durchsetzte, dass die Anbringung von Tretstrahlern an neuen Fahrrädern Ende 1937 in einer Ergänzung zur Straßenverkehrsordnung polizeilich vorgeschrieben wurde. Damit bestand die Aussicht auf beträchtliche Lizenzeinnahmen.“

Abb. : Tagesbefehl Nr. 5 der Bielefelder Polizei, 4. Februar 1939 

 

Denn die Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg gehörten quantitativ zu den stärksten der deutschen Fahrradindustrie. Die jährlichen Produktionszahlen von Rädern und Rahmen dürften geschätzt bei 2 Millionen Stück gelegen haben. In der Monatsschrift der Reichsführung SS für fördernde Mitglieder, kurz FM genannt, wird Loibl im Heft 1 des 5. Jahrgangs 1938 lobend erwähnt: „SS-Obersturmführer Anton Loibl, der Erfinder des Tretstrahlers. Die neue Reichsstraßenverkehrsordnung, die am 1. Januar 1938 in Kraft tritt, bringt zur Sicherheit des Millionenheeres der Radfahrer eine Neuerung, die darin besteht, daß an Stelle des Katzenauges sogenannte Tretstrahler (Pedal-Rückstrahler) eingeführt werden. Diese neue im Gesetz verankerte Erfindung ist unserem SS-Kameraden Anton Loibl zu verdanken, der einer der ersten Fahrer des Führers war, 1922 am „Marsch nach Koburg“ teilnahm und 1923 an der Feldherrenhalle stand.“

Die Teilnahme an den beiden letztgenannten politischen Ereignissen galt in NS-Kreisen als besonderes Zeichen der Regimetreue. Um die Verwertung des Loibl-Patents auch in den europäischen Nachbarländern zu sichern, wurden im Mai bzw. Juni 1938 auch in Österreich, Frankreich, Dänemark und der Schweiz Patentrechte erwirkt, wie eigene Internet-Recherchen ergaben. Wie entwickelte sich die Angelegenheit nun im Laufe des Jahres 1938 weiter? Kaienburg schildert die Vorgänge in seinem Buch so:

„Nachdem diese Voraussetzungen (Anmerkung: Klärung der Patentrechte, Lizenzgebühren und Ergänzung der Straßenverkehrsordnung) geschaffen waren, machte die Loibl GmbH mit Hilfe der Fachgruppen die Hersteller von Fahrradpedalen sowie ihre Zulieferfirmen ausfindig, um von ihnen Lizenzgebühren zu verlangen. Im Mai 1938 hatten zehn Unternehmen Lizenzen erworben, ein Jahr später waren es 48, darunter 16 Glasstein-, 19 Fassungs- und 13 Pedalfabriken. Die Pedalhersteller hatten 15 Pfennig pro Paar ausgelieferte Tretstrahler zu zahlen. Von den Glassteinfabrikanten bekam die Loibl GmbH außerdem 0,39 Pfennig pro Stein. Fassungsfabriken, die Ersatzsteine an Großhändler lieferten, hatten 0,61 Pfennig pro Stück zu entrichten. Die Hersteller der Glassteine hatten auch die Kosten für die laufende Prüfung der Produkte durch die Mitarbeiter der Loibl GmbH zu tragen und die erforderlichen Prüfgeräte zu erwerben. Dass alle diese vertraglichen Abmachungen innerhalb weniger Monate durchgesetzt wurden, lässt vermuten, dass mitunter auch Druck auf die Vertragspartner ausgeübt wurde. Aus anderen SS-Unternehmen ist bekannt, dass manchmal schon ein Briefkopf mit  der Angabe „Reichsführer-SS“ ausreichte, um die Geschäftspartner in Schrecken zu versetzen. Bereits 1938 erbrachte die Lizenzvergabe für ca. 1,5 Millionen Paar Tretstrahler mit knapp 20 Millionen Glassteinen Einnahmen von ca. 310 000,- RM. Die Aufwendungen für die erworbenen Generallizenzen betrugen demgegenüber nur ca. 37 900,- RM.“ (S. 203)

Was fing man in der SS nun mit diesen unvorgesehenen hohen Einnahmen an? In den Lizenzverträgen stand, dass Überschüsse für „gemeinnützige Zwecke nach Bestimmung des Reichsführers-SS“ verwendet werden mussten. Die Verträge mit den Lizenzgebern, den Glassteinherstellern und Pedalfabriken unterschieden sich aber deutlich in den Vereinbarungen, wie die Verwertungsgesellschaft mit den Gewinnen verfahren sollte. Kaienburg gibt dazu folgenden Sachverhalt wieder: „Alle drei Formulierungen widersprachen der Satzung der Loibl GmbH, derzufolge der Jahresgewinn nach Abführung von fünf Prozent in einen Reservefonds je zur Hälfte an die Gesellschafter verteilt werden sollte. Eine vorherige Abzweigung großer Beträge für SS-Einrichtungen war darin nicht vorgesehen. Ob Anton Loibl an der Entstehung der Verträge überhaupt beteiligt war, scheint fraglich.“

Dennoch flossen 1938 und in den Folgejahren bis 1943 beträchtliche Summen an der SS nahe stehende Einrichtungen wie die eingetragenen Vereine „Ahnenerbe“ und  „Lebensborn“. Erstgenannter erhielt um die 450 000,- RM und verwendete sie bei der Forschung zur germanischen Vorgeschichte und der deutschen Volkskunde zum Nachweis der geistigen Weltherrschaft des arischen Gedankentums. Der andere Verein unterstützte den Kinderreichtum von SS-Angehörigen und die Betreuung hilfsbedürftiger Mütter und Kinder „guten Blutes“ in vereinseigenen Heimen. Dafür erhielt er in der genannten Zeitspanne 460 000,- RM. Wer hätte geahnt, das selbst harmlose Fahrradteile so in die „braunen“ Machenschaften verstrickt gewesen sind? 

Parallel zu den Anfangserfolgen der GmbH gab es in der Führungsriege der SS eine Tendenz sich von Loibl zu trennen. Die Weiterentwicklung seiner anderen Patente vor allem des Vergasers kam nicht recht voran, verschlang aber Kapital. „Galke und der Mitte 1937 als dritter Geschäftsführer bestellte SS-Obersturmführer Sollmann hielten es 1938 für angebracht, zu dem eigenwilligen, wenig erfolgreichen Erfinder auf Distanz zu gehen und durch gezielte Nadelstiche die Konflikte mit ihm zu steigern, um ihn auszubooten.“ So berichtet es jedenfalls der versierte Autor Kaienburg. Auch schienen Loibl ordnungsgemäße Abrechnungen fremd zu sein, was ihn weiter in Ungnade fallen ließ. Seine beiden Mitgeschäftsführer erstellten den Jahresabschluss 1938 so, dass trotz der hohen Einnahmen ein kleines Minus blieb, damit der Erfinder keinen hälftigen Gewinnanteil fordern konnte. Er legte zwar Einspruch ein, aber ohne Erfolg. Sein Stern war zwischenzeitlich auch in den höchsten Kreisen der SS tief gesunken. 1939 verließ der Erfinder die GmbH auf Anordnung Himmlers und seine Versuchswerkstatt in Dachau wurde geschlossen. Reichskassenverwalter Oswald Pohl zahlte an Loibl noch eine großzügige Abfindung in unbekannter Höhe. Was aus dem Erfinder wurde, konnte bisher nicht ermittelt werden. Die fortbestehende GmbH konnte noch weitere Lizenzverträge abschließen und nahm noch den Handel mit Glühlampen und anderem Zubehör hinzu bis die bedingungslose Kapitulation Deutschlands allem ein Ende setzte.Was für ein hinterlistiges Vorgehen des Anton Loibl und der SS.

Getoppt wird die Geschichte noch dadurch, dass das Patent wahrscheinlich noch nicht einmal auf Loibls Idee fusst. Klaus Budzinski, Sohn des bekannten Radsportjournalisten Fredy Budzinski, äußerte vor Jahren, dass sein Vater der eigentliche Erfinder der reflektierenden Tretstrahler gewesen sein soll (J. Franke, Illustrierte Fahrradgeschichte 1987, S. 32 f). Der „alte Kämpfer“, der seinem Vater die Idee gestohlen haben soll, wird dann wohl Anton Loibl gewesen sein. Leider konnte Renate Franz bei ihren Recherchen im Budzinski-Archiv keine weiteren Fakten dazu ermitteln. So muss die Aussage des Sohnes erst einmal genügen. Vielleicht können Leser weitere Fakten zur Klärung des Falles „Tolo“ beitragen. Für weitere sachdienliche Hinweise bin ich jederzeit dankbar. Ansonsten betrachte ich diesen Fall als abgeschlossen.  

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht in "Der Knochenschüttler", Mitgliedermagazin Historische Fahrräder e.V., Heft Nr. 36, S. 16 - 19.

Mehr zu diesem Thema im Beitrag "Die Einführung der "TOLO"-Tretstrahler 1938/39

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