Der Fall Kurt Nitzschke

Von Michael Mertins 

Kommissar Zufall hat mir bei der Lösung dieses Falles kräftigen Beistand geleistet. Wäre ich an einem bestimmten Wintertag im Februar 2005 wie immer mit dem Rad zur Arbeit gefahren, hätte ich meinen Informanten wahrscheinlich nie getroffen. Wegen des anhaltenden Schneefalls stieg ich also, ganz gegen meine Gewohnheit, in den Bus. Ohne eine Vorahnung zu haben, saß mir ein paar Haltestellen weiter der Schlüssel zu meinem Fall gegenüber – in persona eines pensionierten Kollegen. Als Meister des morgendlichen „small talks“ kamen wir vom schmuddeligen Winterwetter recht schnell auf die aufbauenden Themen: Unsere Hobbys!

Ich schilderte meinem Gegenüber meine fahrradhistorischen Aktivitäten. Ja früher, in den Fünfziger Jahren, da hätte er auch viel mit Fahrrädern zu tun gehabt – als Amateur-Rennfahrer, erwiderte mein Exkollege. „Ach, das ist ja interessant“, entgegnete ich, „da kennen Sie vielleicht den Kurt Nitzschke?“ - Ja, schon mal von gehört, aber Genaues weiß ich nicht, war seine Antwort. „Vielleicht erinnern Sie sich an mehr, wenn Sie ein Bild von Nitzschke vor sich haben?“, fragte ich, „ich stecke Ihnen in den nächsten Tagen ein Foto in den Briefkasten.“ Gesagt, getan!

Einige Tage später bekam ich von diesem Pensionär den entscheidenden Tipp. „Wenden Sie sich mal an Else Bökenkamp in der Voltmannstraße – sie ist eine ganz alte Freundschaft von Kurt Nitzschke. Die betagte Dame ist zwar schon über 80 Jahre, aber noch sehr helle! Und bestellen Sie einen schönen Gruß von mir.“

Durch die nachfolgenden Telefonate mit Frau Bökenkamp konnte ich wenigstens in groben Zügen den Lebensweg Kurt Nitzschkes rekonstruieren. Ach ja, ihr wisst ja noch gar nicht, um wen es eigentlich geht: Der Gesuchte war ein recht erfolgreicher Amateur- und Profirennfahrer der 1920er und 1930er Jahre und erfand in Bielefeld ein Zerlegerad, das später den Klappradboom der Sechziger und Siebziger Jahre auslöste! 

Am besten fange ich mal ganz von vorne an, damit ihr nachvollziehen könnt, um wie viele „Ecken“ sich eine langwierige Recherche winden kann. Begonnen hat dieser Fall eigentlich ganz harmlos mit der Lektüre des Buches von Kurt Neumann „Bielefelder Sport im Wandel der Zeit“, erschienen 1994. Der erst kürzlich verstorbene Autor war Zeit seines Berufes Sportjournalist einer großen Bielefelder Lokalzeitung. Sein Werk enthält unglaublich viele Fakten zur Radsportgeschichte. Schon auf der Seite 16 stieß ich auf die bedeutungsvollen Sätze: „So tingelte Exrennfahrer Kurt Nitzschke, der sich nach Beendigung seiner erfolgreichen Profilaufbahn in Bielefeld niedergelassen hatte, von Firma zu Firma, von 'Quetsche zu Quetsche', um einen Produzenten für das von ihm entwickelte Klapprad, für das er Gebrauchsmusterschutz erhalten hatte, zu finden. Bei der Fertigung des „revolutionierenden Rades“ hatte der Mechanikermeister und ehemalige Amateur-Spitzenfahrer Willy Postler mit dem Schweißgerät „Pate“ gestanden.“ 

Diese Worte Neumanns klangen zwar sehr spannend, konnten aber einen Spurensicherer nicht so richtig glücklich machen: Es fehlen Fakten, Daten und Hintergründe! Aber da ist ja dran zu kommen, dachte ich so bei mir, der Autor wohnt im Süden von Bielefeld und steht im Telefonbuch. Eilends griff ich zum Hörer und hoffte auf mehr Details vom Urheber der eben zitierten Zeilen. Doch der Befragte verwies mich an den Ex-Rennfahrer Willy Postler.

Dieser dürfte den Teilnehmern der Velocipediade in Bielefeld noch bekannt sein – unser Grandseigneur des Radsports nahm einige Siegerehrungen vor und bekam zu seiner großen Freude einen originalverpackten Postler-Rahmen geschenkt. Auf meine Befragung zu den schon sehr lange zurückliegenden Vorgängen um die Erfindung des Zerlegerades konnte sich der Mittachtziger an keine Details mehr erinnern. Hier war also vor Ort bei meinen Ermittlungen erstmal „Endstation“. 

So blieb mir nur noch übrig, die Spur von Nitzschkes Erfindung an Hand des Gebrauchsmusters zu verfolgen und zwar noch konventionell ohne Internet und PC. Während eines Besuches in Berlin hatte ich Gelegenheit das Deutsche Patentamt aufzusuchen. Voller Erwartung blätterte ich im Lesesaal des historischen Gebäudes am Gitschiner Ufer in alten Verzeichnissen nach dem Gebrauchsmuster. Meine Suche begann ich im Band von 1958, wohlwissend, dass die eigentliche Klappradwelle erst um 1960 begann. Dabei entdeckte ich eine Eintragung unter Nitzschkes Namen mit dem Titel „Zweiradfahrzeug“. Ich wähnte mich schon am Ziel meiner Suche und bestellte mir die amtlichen Unterlagen aus dem Magazin. Doch was für ein Pech! Hinter dem viel versprechenden Titel verbarg sich nur eine große Rundmutter mit integriertem Reflektor zur Verbesserung der seitlichen Sichtbarkeit des Radfahrers in der Dunkelheit. Wie ich Jahre später erfahren sollte, handelte es sich um eine „Kuniseisirumu“, doch darüber später mehr. Meine Suche dehnte ich bis zu den Jahrgängen 1965 aus, doch heraus kam nichts. Hätte ich doch nur geahnt, dass Nitzschke seine Zerlegerad-Erfindung schon 1956 gemacht hatte! So verließ ich enttäuscht das Patentamt und schob den Fall erstmal „auf die lange Bank“. 

Es mag das Jahr 2000 gewesen sein, als mich mein Sammlerfreund Wolfgang Gaesing mit ein paar alten Rennfahrerfotos überraschte. „Hier, kannst Du behalten die Bilder, habe ich doppelt! Vor kurzem habe ich auf dem Flohmarkt ein Album gekauft, mit ganz vielen Autogrammkarten von Rennfahrern. Das Sammelalbum hat wohl einem Kurt Nitzschke gehört.“ Wie angestochen sah ich meinen Gegenüber an: „Sagtest Du Nitzschke?“ Ich starrte auf die kleinformatigen schwarz-weißen Fotos in meiner Hand und dachte: „So sah er also aus, der potenzielle Erfinder des Zerlegerades - gut aussehend und gepflegt.“


Abb. : Portraitfoto aus den 1930er Jahren, Sammlungen Gaesing und Mertins


Neben Portraitaufnahmen enthielt das Album auch etliche Gruppenfotos von Rennfahrern, leider ohne Angaben von Namen. Der Löwenanteil der Bilder waren aber Autogrammkarten von Nitzschkes Rennfahrerkollegen, darunter ganz bekannte Größen wie Hermann Buse, Oskar Thierbach, Max Bulla, Jupp Arend usw. „Meinem Freund Kurt“ lautete die am häufigsten geschriebene Zeile. Im Album fanden sich auch ein gutes Dutzend Ansichtskarten, die Nitzschke u. a. seiner Mutter nach Schönebeck an der Elbe (bei Magdeburg) in den 1930er Jahren geschrieben hatte. Einige davon sind abgestempelt in Brügge/Belgien. Dort muss sich der Rennfahrer offenbar längere Zeit aufgehalten haben, wohl wegen einer Freundschaft mit einem belgischen Maler, wie ich viel später herausbekommen sollte. Schlauer machten mich diese Fotos und Karten allerdings nicht, aber sie zeigten mir, dass Kurt Nitzschke in Radsportkreisen schon eine gewisse Bedeutung gehabt haben musste. Aber immerhin hatte ich jetzt eine bildliche Vorstellung von dem gesuchten Rennfahrer und Erfinder. 

Viele Möglichkeiten zu Nachforschungen blieben mir in Bielefeld nicht mehr. Die Adressbücher im Stadtarchiv gaben nur preis, dass Nitzschke hier schon 1940, als kaufmännischer Angestellter tätig, im Siekerfelde 2 gewohnt hat. Auch taucht sein Name im Wettfahr-Ausschuss bei einem Lauf zur Deutschen Berufsfahrer-Straßenmeisterschaft (Bielefeld-Hannover-Bielefeld) 1948 auf. Aus einer alten Kartei der Gewerbetreibenden ermittelte das Stadtarchiv den 1. Februar 1949 als Gründungsdatum von Nitzschkes Handelsvertretung in der Weststraße 26. An Hand der Adressbücher lassen sich folgende Spuren nachverfolgen: 1955 Umzug der Handelsvertretung in den Siekerwall 1 und 1957 Verlegung des Büros in die Straße „Am Rehwinkel“, wo Nitzschke ein Wohnhaus gebaut hatte. Anfang der 1970er Jahre verschwindet sein Name aus den Adressbüchern – zwangsläufig, wie ich später erfahre, denn der wendige Vertreter starb bereits 1970 im Alter von 62 Jahren. (Abb. : Firmenkarte)

Auch eine sonst ergiebige Quelle profunden Wissens sprudelte bei diesem Fall nicht so wie erwartet. Martin Rabeneick konnte sich gut erinnern an den smarten Handelsvertreter Nitzschke, der häufig in einem kleinen Opel im Werk vorfuhr. „Nitzschke war ein Sunnyboy und blendender Unterhalter, der unter anderem Produkte der Firma Altenburger anbot. Immer wenn er auf der Bildfläche erschien, brach eine gewisse Unruhe unter meinen weiblichen Angestellten aus.“ Zu Nitzschkes Zerlegerad konnte der ehemalige Seniorchef keine sachdienlichen Angaben machen. 

Nun befand sich meine Spurensicherung in einer Sackgasse, ich musste einen neuen Anlauf nehmen! Mit den Jahren in der Internetrecherche recht fit, durchforstete ich das worldwideweb nach dem Ex-Rennfahrer Nitzschke und siehe da, es fanden sich wertvolle Hinweise. Bei www.cyclingranking.com taucht sein Name mehrmals auf. Unter den besten Radrennfahrern aller Zeiten von 1869 bis heute liegt Nitzschke bei circa 600 erfassten Fahrern ziemlich weit hinten mit 91 Punkten – im Vergleich zu Kurt Stöpel, für den über 2000 Punkte errechnet wurden, ein mageres Ergebnis. 

Informativer erwies sich der Beitrag von Wolfgang Rupprecht im www.radsport-forum.de: „1934 – Der große Neubeginn im Deutschen Straßenrennsport.“ In diesem ausführlichen Bericht kommt Nitzschke neunmal vor und glänzt dabei mit einem 1. Platz beim Rennen „Rund um München“. Die übrigen Platzierungen notieren ihn immer unter den ersten Zehn – 1934 war damit bestimmt seine erfolgreichste Saison. 

Was brachte die Internet-Recherche noch hervor? Beim weiteren Surfen stieß ich dann auf eine Kurzbiografie, die von der Universität Magdeburg ins weltweite Netz gestellt worden ist. Dieser kleine Abriss seiner Rennfahrerkarriere brachte trotz seiner Unvollständigkeit Erstaunliches ans Licht. Nitzschke war danach nicht nur Werksfahrer für DÜRKOPP, PHÄNOMEN und SEIDEL & NAUMANN, sondern er hat auch die großen belgischen Klassiker wie „Lüttich - Bastogne - Lüttich“ und die „Flandern-Rundfahrt“ 1932 bestritten. Weitere Herausforderung war für ihn der französische Klassiker „Paris - Roubaix“ (1932).

Dazu eine kurze Anmerkung. Auf einer mir vorliegenden Ostergrußkarte schreibt Nitzschke seiner Mutter Ottilie aus Brügge unter anderem: „Letzten Sonntag konnte ich nicht so recht mit und habe aufgegeben. 1. Ostertag fahre ich Paris - Roubaix. Hoffentlich geht’s da besser.“ Leider endete dieses Rennen nicht so erfolgreich wie gewünscht, nämlich mit Platz 60! Doch zurück zur Internetseite. Sie hebt die Teilnahmen an der „Tour de France“ in den Jahren 1931 und 1934 hervor. Erwähnt ist eine dazu Besonderheit, die ich den Lesern nicht vorenthalten möchte.

Zur Finanzierung seines Starts als Privatier bzw. Tourist bei der „Tour“ 1931 veranstaltete die Deutsche Rad-Union auf der Biederitzer Bahn in Magdeburg eine „Nitzschke-Gala“. Mit dem eingenommenen Geld konnte Nitzschke sein Frankreich-Abenteuer angehen, leider schied er in der 14. von 24 Etappen in Folge einer Serie von Reifenpannen wegen Zeitüberschreitung aus! Dazu gibt es einen von Nitzschke selbst verfassten, recht dramatischen Bericht, der im „Illustrierten Radrenn-Sport“ abgedruckt ist.

Bei der „Tour“ 1934 fuhr der Unglücksrabe in der deutschen Mannschaft, die mit acht Fahrern besetzt war. Doch schon die erste Etappe bedeutete für Nitzschke das Aus, wegen einer Pannenserie wie ich später aus der Nr. 28 der illustrierten Sportzeitung „Fußball“ erfahren sollte. Aus dieser Zeitung entnahm ich auch die „technischen Daten“ des Rennfahrers: 26 Jahre, Körpergröße 1,84 bei 78 kg Gewicht – damit der jüngste, größte und schwerste Teilnehmer der „Equipe allemande“. An dieser Stelle geht mein Dank an Wolfgang Gaesing, der die Tour-Berichte in der eigentlich fußballorientierten Zeitung entdeckte! 

Besonders glücklich war für mich der Umstand, dass im Internet eine Person als Quelle dieser Website genannt war. Nach der Ermittlung der entsprechenden Telefonnummer trat ich mit dem Urheber des Textes in Verbindung. Es handelte sich um den Radsportarchivar Günter Grau (BDR Landesverband Sachsen-Anhalt), der bereits historisches Material zu Nitzschke gesammelt hatte. Unser Austausch von Fotos, Daten und Dokumenten erwies sich als besonders günstig, weil sich die Dinge wunderbar ergänzten. 

Abb. : Kurt Nitzschke (Mitte) nach dem Gewinn des Osterroth-Wanderpreises,  Sammlung Grau 

 

Angestachelt durch diesen Teilerfolg in meiner Spurensicherung, nahm ich mir noch einmal das eingangs erwähnte Buch von Kurt Neumann vor und suchte nach Nitzschkes Rennerfolgen in den Kapiteln der 1930er Jahre. Auf Seite 37 fand ich das Ergebnis eines Berufsfahrer-Kriteriums in Bielefeld 1936, welches Nitzschke gewonnen hatte. Dieses Rennen wollte ich mir doch genauer ansehen und reservierte mir nun in Kenntnis des genauen Veranstaltungstages, im Stadtarchiv einen Termin am Lesegerät für mikroverfilmte Tageszeitungen.

In den Ausgaben vom Montag, den 14. September 1936 wurde ich schnell im Sportteil fündig: „Nitschke siegt am Kamphof – 20000 umsäumten die Straßen – Die Entscheidung fiel recht früh“, so titelten die Westfälischen Neuesten Nachrichten. Die Westfälische Zeitung formulierte: „Kurt Nitschke gewinnt vor 15 000 Zuschauern den Preis der Stadt Bielefeld.“ In beiden Zeitungen ist das „z“ im Familiennamen von den Reportern - wie so oft - unterschlagen worden. Anlässlich des Bielefelder Rennens ist es wohl zu Kontakten zwischen Nitzschke und der Familie Gudereit gekommen, denn eine der aufgefundenen Postkarten ist am 22. September 1936 an Nitzschke „bei Gudereit“, Heeper Str. 167 nachgesandt worden. Kurt Gudereit arbeitete zu dieser Zeit schon als Linierer bei Hermann Drewer, seinem Schwiegervater. Nach dem Zweiten Weltkrieg machte er sich, nach einer Tätigkeit bei der Firma Rabeneick, mit einer Fahrradfabrik selbstständig, die heute noch existiert. Vielleicht war Nitzschkes Kontakt zu dieser Familie ein Grund, sich in Bielefeld niederzulassen. 

Abb. : Nitzschke (links) auf der Bahn gegen Thierbach und Umbenhauer (2. u. 3. von rechts) 

 

Doch nun zurück zu meinen Nachforschungen und Erkenntnissen zum Erfinder des Zerlegerades. Ich zog nun meinen letzten Joker, der hieß: Depatisnet. Das von mir so geschätzte Auskunftssystem des Deutschen Patentamtes (DPA) präsentierte nach einigen Eingaben und Abfragen alle Erfindungen Nitzschkes: Die schon bekannte Sterngriffmutter mit integriertem Reflektor, die nippellose Bauart eines Bowdenzugs für Bremsen, Schutzvorrichtungen für Autoinsassen und endlich das zerlegbare Fahrrad! Letzteres ist bereits am 11. April 1956 beim DPA angemeldet worden. 

Umgehend druckte ich mir Zeichnungen und Texte aus und studierte sie bis ins kleinste Detail. Schön ist, dass eine ganz ausführliche Darstellung der Beweggründe für die Erfindung des Rades vorliegt: „Beim heutigen Zustand des Verkehrs, beispielsweise in den großen Städten, wird es immer dringlicher neben dem Kraftwagen ein Fahrrad mitzuführen, um beim Abstellen des Wagens schnell alle Teile der für den Wagen gesperrten Strassen erreichen zu können. Auch für die Lastkraftwagen ist ein solches mitgeführtes Fahrrad von besonderer Bedeutung, da die Bedienungsmannschaft dann beispielsweise während der Be- und Entladung schnell ihre Besorgungen in der betreffenden Stadt erledigen kann. Im Falle einer Panne kann ein derartiges Rad, welches sich gut im Werkzeugkasten eines Lkw unterbringen lässt, ebenfalls gute Dienste leisten. Auch beim Camping oder Weekend kann ein derartiges Rad viel Freude und Entspannung bringen. Der Autofahrer lässt seinen Wagen in dieser Zeit gern unbenutzt. Auf der anderen Seite jedoch möchte er die nähere oder weitere Umgebung gern kennenlernen, was zu Fuss nicht immer möglich bzw. zu zeitraubend ist. Bei Inselbesuchen bzw. Ferien kann ein derartiges Rad auch sehr nützlich sein. … Auf diese Weise ist ein infolge der kleinen Räder auf kleinstem Raum zusammenlegbares Fahrrad entstanden, das im betriebsfertigen Zustande von Kindern bis zu den größten Erwachsenen verwendbar ist.“ (Zitat aus dem Text zum Gebrauchsmusters 1 724 708) 

 

Abb. : Die Zeichnung des zerlegbaren Rades aus dem Gebrauchsmuster von 1956, Quelle: Depatisnet  

 

„Ganz schön vorausschauend!“, konstatierte ich noch, als ich dann die Zeichnung unter die Lupe nahm. Gerade vor ein paar Wochen hatte mir Andreas Perk aus Münster Prospekte zu ANKER-Fahrrädern von 1957 geschenkt. Und wenn ich mich nicht arg täuschte, war das dort abgebildete Zerlegerad ANKER-PFIFF mit den Zeichnungen im Gebrauchsmuster identisch! Nur bei der Verlegung des Rücklichtkabels und bei der Arretierung der Rahmenteilung gab es Unterschiede in der Bauart. Baugleich zum ANKER-PFIFF gab es ein PANTHER-PFIFF, das bekannter geworden ist. Damit schienen die Kardinalfragen meines Falles geklärt. 

Um wie viele Ecken hatte sich meine Recherche bis zu diesem Punkt eigentlich schon gewunden? Und es waren immer noch so viele Fragen offen! Doch dann kam es zu dem eingangs erwähnten zufälligen Zusammentreffen im Bus. Die dadurch entstandenen Kontakte mit Zeitzeugen katapultierten mich bezüglich des Wissenstands regelrecht nach vorn. Else Bökenkamp, leider im Mai 2006 verstorben, war seinerzeit gut mit Kurt Nitzschke befreundet gewesen, weil ihr Mann Karl nach dem Zweiten Weltkrieg auch ein bekannter Rennfahrer war.

Man kannte sich halt in der Rennradszene und so war es auch nicht verwunderlich, dass Nitzschke eines Tages bei Bökenkamps mit seinem „revolutionierenden Rad“ vor der Tür stand. Kurt Nitzschke fragte, ob sich mal jemand sein vor der Tür stehendes neues Rad ansehen wollte. Keine Frage, natürlich! Doch draußen staunte Frau Bökenkamp: "Was haste da denn? Da siehste aus der Ferne ja gar nicht, dass das ein Fahrrad ist, so klein ist das!" Kurt antwortete: „Hab’ ich erfunden“, und fügte verschmitzt hinzu: „Für kleine Leute mit langen Beinen!“ Zwei Wochen später, berichtete mir die alte Dame weiter, sei er wieder da gewesen. Diesmal mit einem blauen Auge! Nitzschkes Kommentar: „Ist zwar ein kleines Rad, kannst Du aber auch zu schnell mit fahren.“ Da hatte sich also der Tour-de-France-Fahrer mit seinem Minirad hingelegt, aber er nahm’s mit Humor, wie so oft.

Zeitzeugin Else Bökenkamp verwies mich dann noch an den „Horst“, Nitzschkes ehemaligen Mitarbeiter und Lebenspartner Horst B., der heute im benachbarten Gütersloh lebt. Der mittlerweile 78-jährige gelernte Industriekaufmann konnte einige Fakten zur Spurensicherung beisteuern. Nicht nur die Firma Altenburger wurde von Nitzschke vertreten, sondern auch die Firma WEGU (Schmutzfänger, Warndreiecke etc.), die Firma Kettler (Kinderfahrzeuge, im speziellen Kettcars) und die Firma Horn (Kettenschützer). Letztere produzierte die „Kuniseisirumu“, die KurtNitzschke-Seitensicherungsrundmutter – eine Erfindung aus dem Jahre 1962 (DGM 1869276, Figur 3 und 4). Im Grunde stellen diese Reflektoren, auf die Achsenenden geschraubt, bereits die Seitenstrahler der 1980er Jahre dar, nur dass diese in die Speichen gesteckt wurden. Interessant ist, dass sich Nitzschkes Erfindungen - wie der nippellose Bowdenzug oder das Aufprallkissen – meistens der Sicherheit von Fahrzeugführern widmen. Das genannte Kissen, tatsächlich mit grünem Kunststoffüberzug zum Anheften an das Armaturenbrett hergestellt, wurde intern gern als „Bumskissen“ bezeichnet – was der Erfindung ebenso wenig Abbruch tat wie die Tatsache, dass so manche Garagenwand damit abgepolstert wurde. 

Abb. : Zeichnungen und Originalteile der „Kuniseisirumu“  

 

Leider wollten die Bielefelder Fahrradfabrikanten Nitzschkes Idee zu einem zerlegbaren 20 Zoll-Rad nicht aufgreifen. Der Erfinder war hier seiner Zeit gedanklich voraus (siehe DGM-Zitat). Sein Lebensgefährte Horst B. erinnert sich: „Nicht nur bei RABENEICK wurde seine Erfindung belächelt!“ Es fand sich trotz vieler Präsentationen und guter Industriekontakte kein Produzent in Bielefeld. Die Fahrradindustrie steckte zu dieser Zeit wieder mal in einer Krise und klammerte sich an das Bewährte, Innovationen wurden gescheut.

Inwieweit sich Nitzschkes Lebenswandel auf die ablehnende Haltung der potenziellen Fabrikanten auswirkte, ist ungeklärt. Im fernen Braunschweig bei den Panther-Werken fand Nitzschke dann offene Ohren für sein Minirad. „Ein Renner war es als Modell 'Pfiff' nie, es wurden vielleicht 200 bis 300 Stück pro Monat verkauft, für den Erfinder sprangen magere 2 DM Lizenz pro Stück dabei heraus“, gibt mir der ehemalige Mitarbeiter zu Protokoll. Alles Gesagte hier wiederzugeben, würde den Rahmen sprengen.

Für mich steht jedenfalls fest, das Nitzschke als Vorreiter dieser 20-zölligen Klappräder angesehen werden muss. Erst ab 1960 traten die kleinen zerleg- oder klappbaren Räder stärker in das Interesse der Käufer. Fast jede Fahrradfabrik produzierte mehr oder weniger praktikable Modelle, 1969 waren laut der Zeitschrift „test“ 45 Prozent der in der BRD produzierten Räder bereits Klappräder. Ein unglaublicher Interessenwandel und Verkaufserfolg, den Nitzschke noch erlebt hat. Leider, ohne daraus einen finanziellen Vorteil ziehen zu können. Aber es blieb ihm wenigstens die Genugtuung, mit seiner Erfindung richtig gelegen zu haben. 

Im Sommer 2006 - die Erfindung des Zerlegerades jährte sich zum fünfzigsten Mal - fand ich es an der Zeit, mit meinen Erkenntnissen an die Tagespresse zu gehen, um das Lebenswerk Nitzschkes vor dem Vergessen zu bewahren. Ich stieß dabei auf den engagierten Redakteur Kurt Ehmke, der sich der Sache „mit Herzblut“ annahm. Durch einen ausführlichen Bericht in der Neuen Westfälischen vom 15. Juli 2006 ergaben sich schließlich durch Rückmeldungen aus der Leserschaft weitere Erkenntnisse zur Person von Kurt Nitzschke.

Es meldeten sich bei der Lokalredaktion Helga Postler und Erika Schaefers, die Töchter des im März 2006 mit 91 Jahren verstorbenen Radrennfahrers Willy Postler! Dieser in den 1930er und späten 1940er Jahren in ganz Deutschland bekannte Amateurfahrer sollte ja laut Buchautor Kurt Neumann (siehe Beginn der Story!) als selbstständiger Zweiradmechanikermeister am Prototyp des Zerlegerades „PFIFF“ mitgewirkt haben. Die beiden Töchter konnten das bestätigen! Kurt Nitzschke war nicht nur geschäftlich ein häufig gesehener Gast in Postlers Fahrradgeschäft, sondern auch in der dahinter gelegenen Werkstatt. Die damals 6 bzw. 10 Jahre alten Mädchen können sich genau daran erinnern, wie Nitzschke mit seinem ungewöhnlich kleinen Rad vorfuhr - ob seiner großen Statur mit weit ausgezogenem Lenkerschaft und herausragender Sattelstütze. Manchmal fuhr der Industrievertreter auch mit dem Auto vor und baute flugs vor den staunenden Mädchen sein im Kofferraum mitgeführtes Rad zusammen. 

Über die geschäftlichen Verbindungen hinaus pflegte Nitzschke auch den privaten Kontakt zur Familie Postler. Die beiden Töchter Helga und Erika hatte der Ex-Profirennfahrer besonders in sein Herz geschlossen. „Wo sind die Blagen?“, war immer seine erste Frage beim Betreten des Radladens. Für die nicht westfälischen Leser sei hier erläutert, dass der Westfale seine Kinder gerne als „Plagen“ oder „Blagen“ bezeichnet, was keineswegs abwertend gemeint ist, aber doch schon die Sorgen und den Ärger widerspiegelt, die Kinder in diesem Alter nun mal meistens machen. Auch die beiden Mädels hatten den immer zu Späßen aufgelegten „Onkel Kurt“ gern. Heute sind die beiden gestandenen Geschäftsfrauen, die mit dem Fahrradladen ihres Vaters groß geworden sind und selbigen auch viele Jahre selbstständig führten, froh, dass ihnen wenigstens ein paar witzige Postkarten des 1970 verstorbenen Nitzschkes geblieben sind. An die „Töchter eines Schlauchflickers“ oder an „Erich“ und Helga vom Fahrradspezialhaus am Kesselbrink sind die Karten adressiert, unterschrieben manchmal mit „Es grüßt das Kuniseisirumu“. Damit nahm er Bezug auf seine Erfindung des Seitenreflektors. 

Besonders ins Auge fallend ist eine Gratulationskarte, die Nitzschke zum Anlass von Helga Postlers Volljährigkeit 1967 ausgewählt hat: Sie zeigt eine Radlerin auf einem aus verschiedensten Materialien zusammengesetzten Rad, z. B. bestehen die Reifen aus roten Gummibändern oder die Pedalen aus Büroklammern. Weitere witzige Werbeartikel wie ein Wandteller mit Gesundheitswerbung für das Radfahren oder eine Vertreterkarte mit Nitzschkes Profil, bei dem die Nasenpartie durch ein bewegliches Kettchen ersetzt ist, sind leider nur noch in der Erinnerung der beiden „Postler-Töchter“ vorhanden. Mit strahlenden Augen weiß die jüngere Erika noch heute zu berichten, dass „Onkel Kurt“ ihr einen Herzenswunsch erfüllte: Ein Paar weiße Lackschuhe! So tolle persönliche Erinnerungen an einen freundlichen und humorvollen Menschen gibt es also heute noch in Bielefeld, wo Nitzschke von etwa 1940 bis 1970 lebte. 

Mit ganz anderen Erinnerungen meldete sich bei der Lokalredaktion eine Familie Fleer, die seit 1957 ein ANKER-PFIFF in Benutzung hat. Das grau lackierte und weiß linierte Modell mit der Rahmennummer 1 111 801 (eingestempelt unter dem Tretlager) begleitet diese Familie als treuer Helfer beim Radfahrenlernen der Tochter, beim Campingurlaub und bis heute beim wöchentlichen Einkauf. Auch einen Unfall überlebte es fast schadlos, nur der edle Ledersattel ging dabei zu Bruch. Am Rad ist der drahtige Gepäckträger auffallend, der aber schon beim Kauf montiert war. 

Abb. : Das ANKER-PFIFF aus dem Prospekt von 1957, Sammlung Mertins 

 

Erstanden wurde das Rad beim Fahrradhändler Max Schäftlein am Kesselbrink, nachdem die Familie Fleer genau so ein Miniaturrad im Urlaub auf Norderney gesehen hatte. Sie sichtete es auf der Segelyacht „Nigritta“, die dort im Hafen lag und einer ebenfalls aus Bielefeld stammenden Unternehmerfamilie gehörte. Auf Befragen des Besitzers sagte dieser, es handele sich um ein ANKER-Stativrad und es sei schon vor dem Zweiten Weltkrieg gebaut worden. Diese erstaunliche Aussage wird noch übertroffen dadurch, dass auch beim Fahrradhändler Max Schäftlein das Zerlegerad unter diesem Namen lief – wohl wegen der stativähnlichen Steckverbindung des Einrohr-Rahmens. Diese Aussagen der Fleers versetzten mich als ANKER-Spezialisten in arges Staunen, denn Informationen zu einem solchen Rad der ANKER-WERKE waren mir bisher nicht zu Ohren gekommen.

Nach dem Gespräch der Fleers mit den Yachtbesitzern war klar, dass so ein Rad mit seinen universellen Einsatzmöglichkeiten unbedingt angeschafft werden musste. So war man sehr glücklich, dann in Bielefeld im Schaufenster des erwähnten Fachhändlers das gewünschte Miniaturrad zu entdecken und erwerben zu können. Die Anschaffung als Familienrad erfolgte also ganz im Sinne der Idee des Erfinders. Auch wenn in den späten 1950er Jahren Kinder auf der Straße Vater bzw. Mutter Fleer lachend hinterher riefen „Du fährst ein Kinderrad!“, möchte keiner aus der Familie das pfiffige Rad missen. 

Das Rad ist heute bis auf den ausgetauschten Sattel, die Lenkergriffe und die vorgeschriebenen Sicherheitseinrichtungen wie Speichenstrahler, Abstandskelle etc. in einem schönen Originalzustand – trotz fast 50-jähriger Benutzung. Der dicke, vordere Drahtreifen 20 x 2 Zoll sitzt immer noch in seiner Aluminiumfelge von „Altenburger“, der hintere musste leider in Ermangelung der richtigen Größe durch einen 20 x 1,75 Zoll Reifen ersetzt werden. Weitere „Altenburger“-Teile sind die Vorderbremse und die Flügelschrauben sowohl an den Achsenenden als auch an der Rahmenarretierung. Das ist nicht verwunderlich, denn Nitzschke war ja Vertreter dieser Fahrradteilefirma. Steuerkopfschild, Markenschild hinten auf dem Schutzblech und der Klingeldeckel tragen das Markenzeichen „ANKER“ in der Form, wie es von der ANKER Zweirad-Vertriebsgesellschaft mit Sitz in Braunschweig üblicherweise verwendet wurde. Die hohe Rahmennummer über 1 Million spricht eindeutig dafür, dass das Rad in Braunschweig 1957 bei den Panther-Werken gefertigt wurde, denn bei ANKER-Rädern aus Bielefelder bzw. Paderborner Produktion ist definitiv bei Nummer 437 815 Schluss gewesen. 

Eigentlich wäre der Fall hier zu Ende, aber durch eine Auktion in Friedrichshafen kam ein weiteres PANTHER-PFIFF auf die Bildfläche. Das Historische Museum Bielefeld konnte das Modell ersteigern, den Transport übernahm ich natürlich gern. Die Neue Westfälische brachte folglich noch eine Fortsetzung der Nitzschke-Story und daraufhin bekam der Fall noch einmal so richtig Schwung. Neue Erkenntnisse, weitere Fotos und ein echter Knüller: Zurzeit habe ich tatsächlich das PANTHER-PFIFF in der Garage stehen, das Kurt Nitzschke selbst jahrelang gefahren hat! Also: Fortsetzung des Falles folgt! 

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht in "Der Knochenschüttler", Mitgliedermagazin Historische Fahrräder e.V., Heft Nr. 38, S. 17 - 21.

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