Der Fall "Bambi"

Von Michael Mertins 

Wie heißen doch die drei wichtigsten Eigenschaften eines kriminaltechnischen Spurensicherers? Geduld, Geduld und noch mal Geduld! So las ich es jedenfalls kürzlich in meiner Tageszeitung und ich kann diese Aussage nur bestätigen. Heute will ich Euch von einem Fall berichten, der die erwähnte Eigenschaft besonders herausforderte, denn der Fall „BAMBI“, um den es hier geht, harrte mehr als 10 Jahre seiner vollständigen Aufklärung. Jahrelang bewegte sich fast nichts durch meine Nachforschungen, doch dann – durch besondere Umstände - sprudelten die Informationsquellen sogar in Form mehrerer Zeitzeugen, die sich heute, gut 50 Jahre nach ihrem Zusammentreffen mit den Bambis, schon im besten Rentenalter befanden. Ach so, Ihr wisst ja noch gar nicht, was sich hinter diesem sympathischen Namen verbirgt! Anfang der 1950er Jahre wurden in Deutschland Miniatur-Rennräder für Kinder produziert, die auf den Namen „BAMBI“ hörten. Dazu gab es diverse Bambi-Rennen auf extra dafür gebauten Rennbahnen. Mit dieser Materie beschäftigt sich also mein folgender Bericht.

Der „Aktenlage“ nach war nur klar, dass es sich um relativ hochwertige Kinder-Rennräder gehandelt haben muss. Der RADMARKT widmete sich in den Jahren 1953/54 mehr oder weniger ausführlich diesem Thema. Hier eine technische Beschreibung aus dem Nr. 13 des Jahrgangs 1953: „Bambi-Räder sind Rennräder für Kinder bis zu 14 Jahren. Diese Räder haben eine Bereifung 14 x 1 1/4 in Wulst, eine normale Vorderradnabe und eine Hinterradnabe mit einfachem Freilaufzahnkranz. Der Keilantrieb hat 48 Zähne bei 5-Zoll-Kurbeln, der Freilaufzahnkranz hat 16 Zähne. Als Bremsen werden – genau wie bei richtigen Bremsen – vorn und hinten Felgenbremsen verwendet, ebenso ist das Rad mit einem Rennlenker und einem Rennsportsattel ausgestattet. Als Pedal wird ein normales Gummiklotzpedal benutzt. Die Sattelstütze ist 350 mm lang. Die Räder werden in allen bunten Lasur- und Fischsilberfarben hergestellt und sind in verchromter Ausführung lieferbar.“ 

Schöpfer dieser kleinen Flitzer waren die ehemaligen Berliner Sechstagefahrer Max Hahn und Oscar Tietz, die noch - bis zu seinem Ableben - von Weltmeister Walter Sawall unterstützt wurden. Erklärtes Ziel der Konstrukteure war es, einen wirklich kindgerechten Renner zu bauen, der auch das Prädikat „Rennrad“ verdiente. Gedacht waren die Bambis für Jungen im Alter von 10 bis 14 Jahren, die ihre Kräfte in verschiedenen Altersklassen in Schnelligkeitswettbewerben messen konnten. Die Mädchen sollten sich in ihrer Geschicklichkeit beim Langsamfahren beweisen. Die zu gewinnenden Preise bestanden nicht aus wertvollen Sach- oder Geldpreisen, sondern aus Süßigkeiten, Obst und Erfrischungsgetränken oder aus Gutscheinen für Karussellfahren und Ponyreiten. 

Schwerpunkt der Aktionen war zunächst der Westteil von Berlin, wo die ersten Rennen schon 1952 stattfanden. Durch finanzielle Unterstützung des Hauptsponsors „Schuhhaus Schmolke“ wurde es sogar möglich, auf dem Gelände des Zoologischen Gartens eine kleine Rennbahn mit überhöhten Kurven zu bauen. Dort konnten dann Kinder ihre Bambis für Trainingsrunden ausleihen. Auch die Werbetrommel wurde kräftig gerührt. Fotos des Meisterfahrers Fausto Coppi, auf einem Bambi fahrend, warben in der einschlägigen Presse für die gute Sache. Propagiertes Ziel war die Talentsuche nach den „Kommenden Weltmeistern“. Fest steht durch die RADMARKT-Berichte auch, dass es innerhalb kürzester Zeit echte Lokalmatadore gab. Bekanntestes Beispiel war Ekkehard Heiser, der wegen seines Übergewichtes den Spitznamen „Pudding“ erhalten hatte. Besondere Belohnung für die Sieger war z. B. ein Besuch der Radweltmeisterschaften in Paris. Kein Wunder, dass die Nachfrage nach den schnellen Miniaturrennern groß war. 

Abb. : Straßen-Rad-Weltmeister Fausto Coppi 1953 in Berlin, Quelle: RADMARKT 15/1953 

 

Max Hahn und seine Mitarbeiter kamen mit dem Rahmenlöten kaum nach und vergaben den lizensierten Nachbau – da kommt nun mein Spezialgebiet ins Spiel – in das lippische Leopoldshöhe an der Grenze zu Bielefeld! Und neben Berlin fanden weitere Rennen statt in Hamburg und Neumünster statt, und – ich las und staunte – in Bielefeld-Brackwede! Diese Meldung steigerte natürlich ruckartig mein Interesse. Außerdem sollte hier im Sommer 1954 ein goldenes Bambirad als Hauptpreis ausgefahren worden sein. In der Zeitschrift „DAS RAD“ (6. Jg. 1954, Nr. 17, S. 13) fand ich sogar ein Foto mit einer Rennszene und einen Bericht: Das „Goldene Bambi-Rad“ hatte damals ein 13-jähriger Siegfried Bentlage aus Bielefeld-Senne I gewonnen.

Spannend waren diese Angaben allemal, doch sie genügten mir, der immer alles ganz genau wissen will, natürlich nicht. Ich begann unter Vereinskollegen im Verein Historische Fahrräder e.V. herumzufragen, aber die Antworten waren alles andere als befriedigend. Sie reichten von: „Noch nie von Bambis gehört!“ über „Der Günter in Berlin hat eines in seiner Sammlung“ bis zu „Beinahe hätte ich mal eines gekauft“. In Sammlerkreisen war offenbar hier erstmal Endstation der Nachforschungen. Mir gingen jedoch noch viele Fragen durch den Kopf: Welche Firma baute in der Umgebung von Bielefeld die Bambis? Welche technischen Details ließ sich der Konstrukteur des Bambis vom Patentamt schützen? Existiert das goldene Bambirad heute noch? Was wurde aus dem Gesamtsieger von 1954? Ihr werdet staunen, wenn ich Euch jetzt mitteile, dass ich seit einigen Wochen die originalen Schleifen des Siegers in meinen Akten aufbewahre. Und dass ich mit den Siegern von 1954 bei einer Tasse Kaffee über ihre persönlichen Bambi-Erlebnisse plaudern konnte. Bis es soweit kam, vergingen aber noch Jahre. 

Zwischendurch stieß ich in meiner großen Sammlung von Bielefelder Werbeanzeigen auf eine der Fahrradfabrik Sundermann aus Bielefeld bzw. Löhne-Gohfeld. Eine unscheinbare Schriftzeile behauptete schwarz auf weiß: „Alleiniger Hersteller der Original-Bambi Kinderrennräder. Marke gesetzlich geschützt.“ Diese Zeile passte überhaupt nicht zu den bisher ermittelten Fakten, denn Gohfeld liegt keineswegs im „Lippischen“. Leicht beunruhigt durchforstete ich beim Historischen Museum in Bielefeld die Warenzeichenblätter des Deutschen Patentamtes des Jahrganges 1953 und fand die für Max Hahn & Co eingetragene Wortmarke. Durch das Auffinden dieses Eintrags war meine Bambiwelt wieder etwas in Ordnung, aber wirklich weiter brachte mich das nicht. 

Was hatte Max Hahn eigentlich veranlasst, einen solchen Namen für ein Kinderrad auszuwählen? Sicher spielte der Ende 1951 deutschlandweit in die Kinos gekommene Disney-Trickfilm gleichen Namens eine Rolle. Bambi war einfach der Liebling vieler Kinder und der Name dieses Sympathieträgers sollte sicher auch für diese Räder werben. Monate, wenn nicht sogar Jahre ohne Wissensfortschritte gingen ins Land und erst das von mir so geschätzte Internet schubste mich in meinen Erkenntnissen ein kleines Stück voran. Das neuerdings erweiterte Auskunftssystem des Deutschen Patentamtes (Depatisnet) zeigte bei der Eingabe des Erfindernamens „Hahn“ eine üppige Liste. Durch die zeitliche Eingrenzung auf die Jahre 1952 – 1954 dezimierte sich die Zahl der relevanten Einträge allerdings auf ganz wenige und glücklich las ich dort unter dem Gebrauchsmuster 1665446U: Kleinfahrrad insbesondere für Kinderradrennen. Flugs öffnete ich das pdf-Dokument und in Wort und Bild stand ein Bambi vor mir – wenigstens virtuell! 

Text und Zeichnung brachten Erstaunliches zu Tage: Die Zeichnung enthielt keine Maßangaben zum Rahmen oder gar Winkel der Rahmenrohe zueinander wie in einem RADMARKT-Bericht erwähnt. Die Werbung Hahns „Gebaut nach internationaler Formel“ entpuppte sich also als ziemliche heiße Luft. Dafür hatte sich der Erfinder aber einfallen lassen, die Tretkurbellängen unterschiedlich zu bemessen. Weil bei den kleinen Rädern die Bodenfreiheit relativ gering ausfällt, bestand im Rennbetrieb die Gefahr in rasant gefahrener Schräglage mit der Pedale den Boden zu berühren. Da generell gegen den Uhrzeigersinn gefahren wird, war links eine 5 bis 20 mm kürzere Kurbel vorgesehen. Immerhin wusste ich jetzt mehr technische Details, aber die Lösung der wirklich wichtigen Fragen stand noch aus. 

 

Abb. : Die Bambi-Zeichnung aus dem Gebrauchsmuster vom September 1953, Quelle: Depatisnet 

 

Der Fall dümpelte so vor sich hin, bis ich eines Tages mit einem mir gut bekannten Lokalredakteur der größten Bielefelder Tageszeitung zusammentraf. Fast klagend teilte mir Herr Ley, so sein Name, mit, dass er in den folgenden Wochen Vertretung in der Lokalredaktion Brackwede machen müsste. Und er fragte mich, ob ich nicht etwas Interessantes für diesen Bielefelder Ortsteil hätte. Und ob ich etwas für ihn hatte! „Es gab 1954 in Brackwede ein Kinder-Radrennen…“, weihte ich Herrn Ley in die Thematik ein. „Hört sich gut an! Da machen wir was draus. Schicken Sie mir mal alles in Kopie, was Sie dazu haben. Und diesen Sieger Bentlage werde ich schon irgendwo auftreiben. Der müsste doch heute 65 Jahre alt, also Jahrgang 1941 sein!“ 

Eine Woche später bekam ich im Büro einen Anruf von Herrn Ley: „Was meinen Sie, mit wem ich eben telefoniert habe? Mit Siegfried Bentlage! Der war ganz schön baff, als ich ihn fragte, ob er vor 50 Jahren das „Goldene Bambi-Rad“  gewonnen hätte. Er schickt mir alles, was er noch von der Veranstaltung besitzt: Die Pressefotos, die Zeitungsartikel und seine Siegerschleifen. Gefunden habe ich Bentlage via Internet als Seniorenmitglied des badischen Tennisverbandes, Jg. 1941. Er wohnt heute in Radolfzell in der Nähe des Bodensees. Der goldene Renner, der übrigens gar nicht golden war, existiert leider nicht mehr.“ Bingo, auch Lokalredakteure haben Spürsinn! 

Abb. links: Der Gemeindedirektor übergibt Bentlage den Hauptgewinn. 
Abb. rechts: Der strahlende Sieger Bentlage bei der umjubelten Ehrenrunde. 

Dass Leys Artikel endlich erschien, konnte ich kaum abwarten. Eine ganze Seite widmete der Redakteur dem Bambi-Thema unter der Überschrift: „Großer Sport auf kleinen Rädern“, schön bebildert und treffend geschrieben. Der Text endete mit dem Hinweis, dass sowohl die Lokalredaktion als auch ich an weiteren Informationen interessiert sind.Bei der Redaktion ging daraufhin ein Anruf eines Mannes ein, der damals einer der Rennleiter in Brackwede war: Wolfgang Rieke. Mit seinen Erinnerungen vom Bambi-Rennen brachte die Tageszeitung drei Tage später einen weiteren großen Artikel. Herr Rieke konnte auch Angaben zum Hersteller der Räder machen: „Das war Walter Schürmann (Markenname WSC), der seine Fertigung um 1952/53 nach Leopoldshöhe vor die Tore Bielefelds verlegte.“ Heute residiert dort die bekannte Felgenfabrik Schürmann.

Rieke berichtete weiter, dass ein Herr Heinicke aus Berlin zugegen war, der nur Geld mit den Rädern machen wollte. So jedenfalls Riekes Einschätzung, der damals Jugend- und Pressewart des mitveranstaltenden RV Teutoburg war. Bei mir liefen vier Telefonate auf. Der erste Anrufer konnte als ehemaliger Radsportler die offiziellen Personen benennen, die auf den Pressefotos abgebildet waren. Die anderen drei Gespräche brachten interessante Details zur Bambi-Szene. Da war zum ersten Herr Genett, der mir Details aus Berlin berichten konnte. Der Bielefelder Ex-Berufsfeuerwehrmann lebte nämlich von 1947 bis 1961 in Berlin. Er erinnerte sich noch gut an seine Runden auf der Bambibahn im Zoologischen Garten, die gegen Zahlung von 10 Pfennig benutzt werden konnte. Bei den Rennen bestand einer der Preise – der Große-Schmolke-Preis – aus Gutscheinen für Schuhe des Hauses Schmolke, versteht sich.

Genett ist übrigens einer der Fälle, die über die Bambis wirklich zum Amateurradsport kamen, so wie es sich die Konstrukteure Hahn & Co vorgestellt hatten. Noch heute legt der Wahl-Leopoldshöher um die 8000 km pro Jahr auf dem Rennrad zurück. Der zweite Anruf brachte die Bestätigung, dass tatsächlich zwei Fahrradfabriken im Bielefelder Bezirk Bambis hergestellt haben. Der Anrufer war das Patenkind von Gustav Sundermann, dem Fahrradfabrikanten in Löhne-Gohfeld. Friedrich Sundermann berichtete mir am Telefon, dass er seinerzeit keine Rennen gefahren habe, weil er zu jung gewesen sei. Sein Onkel lieh ihm aber einmal für zwei Wochen ein solches Rad, und damit stratzte der kaum 10-Jährige durch den Ortsteil Heepen. Heute ist er der Inhaber einer Metallbaufirma an der Salzufler Straße. Die beiden anderen Anrufer waren schlichtweg die Glanzlichter der ganzen „Rückrufaktion“: Karl-Heinz Hartke aus Brackwede und Erhardt Müther aus Harsewinkel, die Sieger der Klasse für 12- bzw. 11-jährige! 

Abb.: In der Mitte der Sieger Karl-Heinz Hartke. 

 

Hartke stammt aus einer richtigen „Fahrradfamilie“: Sein Vater August arbeitete sein ganzes Berufsleben vom 14. bis zum 66. Lebensjahr bei der Firma HEBIE (Griffe, Ständer, Kettenschützer etc.) als Werkzeugmacher, sein Cousin Egon und Onkel Willy waren bei Firma Rabeneick tätig, erstgenannter langjährig im Betriebsrat, der andere als Schlosser. Wen wundert die Begeisterung für das Radfahren? Der damals 12-jährige Hartke entschied sich erst eine Stunde vor dem Rennen zur Teilnahme – ohne Wissen der Eltern natürlich. An seinen Gewinn – den Storck-Karamellen-Preis – erinnert er sich noch sehr gut: Das waren viele Päckchen „Mamba“, diese weichen Plättchen aus einer rosafarbenen Kaumasse, die er gleich nach dem Gewinn zusammen mit seiner Clique genüsslich verspeiste. Wie kam es zu seinem Sieg ohne Training?

Vater August war aktives Mitglied eines Taubenzüchtervereins. Sohnemann verdiente sich etwas Geld damit, die Brieftauben auf dem Gepäckträger seines Rades zu den Startorten zu fahren. Auf der Rückfahrt versuchte der junge Sprinter immer vor den Tauben daheim zu sein, was ihm natürlich in den seltensten Fällen gelang. Aber seine körperliche Kondition war deshalb gut. 1956 gewann sein Vater im so genannten Olympiaflug den 1. Preis: Ein Rabeneick-Rad! Das durfte Sohn Karl-Heinz dann für die Taubentransporte benutzen. 

Der vierte Anrufer, Erhardt Müther aus Harsewinkel, nahm mit Verspätung mit mir Kontakt auf, weil er nicht mehr im Einzugsbereich der berichtenden Bielefelder Tageszeitung wohnt. Erst seine Kollegen vom Radsportclub Gütersloh machten ihn auf den Zeitungsbericht aufmerksam, wo er als Sieger bei den 11-jährigen genannt war. Seinen Siegerpreis, einen ledernen Sturzhelm, besitzt der Radsportbegeisterte noch heute. Der ehemalige Justizvollzugsbeamte konnte mir einige interessante Fakten und persönliche Eindrücke vom Bambirennen schildern.

Müther führte sogar kurz vor dem Ziel den Endlauf an. Statt sich voll und ganz auf den Endspurt zu konzentrieren, drehte er sich nach den älteren Verfolgern um. So wurde der konditionsstarke Elfjährige doch noch von zwei Jahre älteren Fahrern, Bentlage und Sauerbier, abgefangen. Müther ist seinerzeit begeisterter Radfahrer und recht fit gewesen. Für das Bambirennen trainierte er ausgiebig auf einem grünmetallic lackierten Leih-Bambi. Das Geld – eine Mark für vier Stunden - lieh er sich von einem Freund. Gewitzt markierte er sich das Bambi, damit er das Trainingsrad für das Rennen auswählen konnte. Erinnern kann sich der Pensionär auch an den riesigen Siegerstrauß aus Gladiolen, der fast größer war als er. Dagegen sind die Erinnerungen an das ganze Drumherum und an Claire Schlichting vom Circus Busch verblasst. Als Teilnehmer hatte er nur Augen für die Konkurrenten. 

Abb. : Claire Schlichting auf Probefahrt, gestützt vom Bürgermeister Menke und dem Vorsitzenden des RV Teutoburg, Sichelschmidt 

 

Die Finalisten wurden auf die neue Bielefelder Radrennbahn eingeladen und durften auf der schnellen Betonpiste ein kleines Rennen über drei Runden bestreiten. Der RC Zugvogel hätte es gern gesehen, wenn er in den Radsportclub eingetreten wäre, aber der Vater war dagegen, weil die Radrennbahn soweit entfernt vom Wohnort lag. Auch fehlte die richtige Lust, zu trainieren und Rennen zu fahren. Erst 1984, also 30 Jahre später, hat Müther wieder begonnen Rad zu fahren und ist bei Radtouristikfahrten häufig zu finden. Durch das inzwischen bekannte genaue Datum des Rennens (16. August 1954) bot sich die Gelegenheit, im Stadtarchiv die historischen Presseberichte auszugraben. Allein die Schlagzeilen der Bielefelder Gazetten waren das Studium der Mikrofilme wert.

Das Westfalen-Blatt schrieb: „Jung Siegfried erstrampelte sich das Goldene Bambi-Rad“, die Freie Presse formulierte: „Claire Schlichting küsste blonden Siegfried – Erstes Bambirennen in Brackwede“ und die Westfälische Zeitung druckte neutraler: „200 Jungen kämpften um das Goldene Bambi-Rad“. Als in einem Bericht die Schlichting noch als „Atombombe des Humors“ bezeichnet wurde, kamen mir doch arge Zweifel an der Qualität dieses Wirtschaftswunder-Journalismus. Welche bisher unbekannten Fakten brachten diese Artikel zu tage? Die Freie Presse informierte als einzige darüber, dass das goldene Rad gar nicht golden, sondern grün und eine Stiftung der Gemeinde Brackwede war. Ein auf dem Absperrgeländer sitzender Zuschauer wurde von einem stürzenden Bambifahrer am Bein verletzt. Interessantes Detail auch, dass im Endlauf die jüngeren Fahrer Vorgaben von 9 Meter zum nächst älteren Jahrgang bekamen. 

Eine kritische, sicher berechtigte Anmerkung gab es zur Tochter des Veranstalters Heinicke, die bei dem Mädchenwettbewerb im Langsamfahren den Leffers-Preis – ein Kleid – gewann. An ihrem Fahrstil war wohl zu erkennen, dass dieser nicht ihr erster Start bei einem solchen Wettbewerb gewesen ist. Das den Siegern der verschiedenen Altersklassen versprochene Rennen auf der echten Radrennbahn fand übrigens drei Wochen später statt. Die Gazetten erwähnen es ganz kurz am Ende der Berichterstattung über einen so genannten Volksrenntag. Sieger des Rennens über einen Kilometer wurde der erst 10-jährige Joachim Lange, der diesen Tag bestimmt nicht vergessen hat: Der Unglücksrabe stürzte auf der Betonpiste bei der Ehrenrunde! 

Abbildungen: Nur 30 Meter mussten beim Langsamfahren zurückgelegt werden. Aber auch die Mädchen gaben alles!

 

Inzwischen hatte auch das Vereinsmitglied des Historische Fahrräder e.V. Heinz Fingerhut von der ganzen Bambi-Berichterstattung in der aktuellen Tageszeitung „Wind bekommen“. Beim Durchsuchen seiner Prospektsammlung fand er tatsächlich ein Rennprogramm von der 1954, das seinerzeit für 20 Pfennig als Eintrittskarte unter die Zuschauer gebracht wurde. Heinz schickte mir umgehend eine Kopie, die ich gleich unter die Lupe nahm! Das Heftchen im A5-Format brachte weitere interessante Tatsachen ans Tageslicht. Neben allen rechtzeitig gemeldeten Teilnehmern sind die Teilnahmebedingungen aufgelistet: „Schriftliche Erlaubnis der Eltern, Sportkleidung, kniefreie Hose, Sportschuhe. Startberechtigt sind alle Jungen nach Wahl. Stargeld wird nicht erhoben, jedoch Nachweis darüber verlangt, dass Teilnehmer das Bambi-Rad beherrscht.“ Der letzte Satz ist insofern interessant, weil darauf die Kritik des Rennleiters Rieke (s. oben!) am Veranstalter Willy Heinicke begründet ist. Der geforderte Nachweis war nur zu erlangen über Trainingsfahrten mit gegen Bezahlung ausgeliehenen Bambis, wie der Teilnehmer Müther ja auch berichtet hat. Dass die Teilnahmebedingungen nicht strikt beachtet wurden, davon zeugt der Bericht der spontanen Teilnahme Hartkes.

Als Sponsoren der Veranstaltung engagierten sich: Walter Schürmann & Co, Süßwarenhersteller Storck, Circus Busch, Metallwarenfabrik Bentrup und die Präzision-Werke (PWB). Sie unterstützen die Veranstalter durch Stiftung von Sachpreisen oder mit Anzeigenwerbung. Bentrups Rahmenmuffen und die Durex-Sicherheitsnabe Modell Junior waren Bestandteile der Bambi-Renner.

Noch ein paar Worte möchte ich über den Hintergrund der Veranstaltungen verlieren. Sie standen unter dem großen Motto der Jugendbewegung „Kommende Weltmeister“. Das war von den Initiatoren sehr dick aufgetragen, denn so ein Ziel lässt sich nur begrenzt durchsetzen. Das Programmheft erläutert noch weitere Ziele der Bewegung: Erziehung zum Radfahrer und darüber hinaus zum Rennfahrer. „Auf den eigens für den jungen Radfahrer konstruierten „Bambi-Rädern“ werden die Knaben und Mädchen zuerst für den Verkehr geschult. Sie lernen auf den ihren Körpermaßen und ihren Kräften angepaßten kleinen Rädern die Beherrschung des Fahrrades in allen Lagen. Sie erhalten eine Unterweisung in den Verkehrsregeln, da das „Bambi-Rad“ nicht nur für den Radsport, sondern auch für den Verkehr geeignet ist, eine Eigenschaft die der Roller nicht besitzt, …“.  

Inwieweit die Bambi-Bewegung das Engagement der Shell AG zur Gründung des Jugendwerks  (vgl. Mitgliedszeitschrift Historische Fahrräder e.V. Knochenschüttler Nr. 31, S.8) oder die Gründung der Berliner Radfahrschule von Radsportmanager Martin „Matze“ Schmidt und Exrennfahrer Walter Rütt beeinflusste, ist ein anderes, bisher ungeklärtes Thema.

Sind in anderen Städten weitere Bambirennen veranstaltet worden? Mir ist nur noch das Rennen im Dortmunder Hoesch-Stadion von 1957 bekannt geworden, das der Fahrradhändler Witthoff vor 12000 Zuschauern veranstaltet hat (vgl. DAS RAD Nr. 17, Jg. 1957). Sachdienliche Hinweis zu weiteren Rennen nehme ich gern entgegen. 

Abb. : Heinz Fingerhut präsentiert sein wiederentdecktes Bambi. Foto: O. Krato

Die Aufklärung des „Falles Bambi“ wäre aber nicht abgeschlossen, ohne mal ein originales Rennrad dieser Bauart in den Händen gehalten zu haben. Auf den Aufruf in der Tageszeitung meldete sich leider niemand, der noch ein Bambi in Keller oder Garage hortete. Doch von den umfangreichen Zeitungsberichten animiert, schichtete Heinz Fingerhut noch mal seine Fahrradsammlung um und fand unter der Abteilung „Reste und Alteisen“ einen kleinen hellblauen Rahmen mit Gabel, der in den Proportionen ein Bambi hätte sein können. Bei näherem Hinsehen erhärtete sich der Anfangsverdacht: Der rennradmäßige Hinterbau und die Abmessungen des Rahmens ließen eindeutig darauf schließen, dass es sich um ein Bambi handelte. Der plötzlich lieb gewonnene Fund wurde zeitgerecht aufgepäppelt und gründlich gereinigt, das hässliche Entlein mutierte zum noch recht ansehnlichen Miniaturschwan! 

Überglücklich sah ich mich am Ziel meiner Recherche und griff zum Telefon, um den Lokalredakteur über diesen Fund zu informieren. Dieser schlug hocherfreut ein Treffen mit den Siegern von 1954 vor, soweit sie noch greifbar waren. Die dazu Eingeladenen sagten sofort zu und brachten für ein Foto ihre Trophäen mit. Wir trafen uns alle im Foyer der Firma HEBIE und Herr Ley hatte wieder viel zu notieren für seinen dritten ausführlichen Bambi-Bericht. Mit den beiden Siegern ging ich dann im Anschluss an den offiziellen Teil noch in ein nahe gelegenes Café und wir schwelgten in den alten Fahrradzeiten. Happy End! 

Abb. : Karl-Heinz Hartke und Erhardt Müther beim Wiedersehen mit dem Bambi, Foto: O. Krato

 

An dieser Stelle danke ich allen, die an der Aufklärung dieses Falles mitgewirkt haben, und dem Fotografen Oliver Krato für die aktuellen Bilder.  

Dieser Beitrag wurde erstmals veröffentlicht in "Der Knochenschüttler", Mitgliedermagazin Historische Fahrräder e.V., Heft Nr. 37, S. 18 - 22.

 

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