Sicher radfahren auf Radfahrstreifen, Schutzstreifen und auf der Fahrbahn

In der Radwelt 5/2017 wurde berichtet, welchen Sicherheitsabstand Radfahrer zum rechten Fahrbahnrand und zu parkendes Autos halten dürfen.

Da viele Radfahrer selbstgefährdend nah an parkenden Kfz vorbeifahren,
habe ich dies zum Anlass genommen, anhand von konkreten Situationen aus
dem Aachener Straßennetz zu zeigen, wie weit links eigentlich ein
ausreichender Abstand zum Fahrbahnrand ist.
Viele Radfahrer nehmen die Breite von Radfahrstreifen und Schutzstreifen
als vorgegebenen Raum für den Fahrradfahrer hin und versuchen, innerhalb
der Markierung zu fahren. Dies ist zum eigenen Schutz aber oft nicht
ausreichend, z.B. wenn rechts davon parkende Autos stehen. Hier muss man
immer mit unachtsam geöffneten Autotüren rechnen.
Hier möchte ich daher eindeutig darauf hinweisen, dass der
Schutzstreifen keine Verpflichtung für den Radverkehr darstellt, sondern
eine Minimalmaßnahme ist, um den Autofahrern klar zu machen, dass dem
Radfahrer Platz eingeräumt werden muss. Dies wurde durch einen Beschluss
des OVG Lüneburg [3] bestätigt.
Fahren Sie deswegen soweit links, wie es die Situation erfordert,
manchmal durchaus links von diesen Streifen.Dies insbesondere bei den
heute mit Pedelecs üblichen Geschwindigkeiten von 20-25 km/h. Eine
aufgehende Autotür nimmt oftmals schon die volle Streifenbreite ein.

    „Dabei wird allerdings auch deutlich, dass zahlreiche Aachener
    Radfahr- und Schutzstreifen mit ihren Minimalmaßen eher
    Sicherheitstrennstreifen zu den parkenden Kfz sind und man tunlichst
    mit dem Reifen am linken Rand oder stellenweise sogar links davon
    fahren sollte, um nicht mit einer unachtsam geöffneten Autotür zu
    kollidieren. Dabei ist es unvermeidlich, dass der Lenker bereits in
    die daneben laufende Kfz-Spur hineinragt. Auch wenn mancher
    Radfahrer sich unwohl dabei fühlen sollte, so weit links zu fahren,
    sollte man sich nicht davon abhalten lassen, aus Sicherheitsgründen
    den einem zustehenden Platz auch zu nehmen.“


Zunächst zum Abstand zum Fahrbahnrand an Straßen ohne parkende Kfz. „Als
noch zulässig wird oft ein Abstand von 0,8 bis 1 m zum Fahrbahnrand
angesehen. Doch erweitert sich der zulässige Abstand ... bei hohen
Bordsteinen, tiefen Gullydeckeln, bei gefährlichem Kopfsteinpflaster,
und anderen Hindernissen, denen aufgrund der Instabilität des Rades und
den damit einhergehenden Schwankungen nicht anders ausgewichen werden
kann.“
[1]

Dieses Recht wird auch nicht durch auf die Fahrbahn aufgemalte
untermaßige Radfahrstreifen und Schutzstreifen eingeschränkt.
Sofern auf dem Gehweg keine fahrbahnnahen Einbauten oder Fußgänger sind,
ist hier der Abstand des Reifens zur Bordsteinkante anzusetzen.

Anhand dieser beiden Beispiele sieht man, dass bei den typischen Aachener Schutzstreifen der Lenker bereits in die danebenliegende
Kfz-Spur hineinragt, wenn der Radfahrer den zulässigen Abstand zum
Bordstein einhält. Dies signalisiert aber gleichzeitig dem Autofahrer
„Hier passt Du auch mit 0 cm Abstand nicht mehr vorbei!“, was wiederum
die Sicherheit für den Radfahrer weiter erhöht, da es in vielen Fällen
zu knappes Überholen durch Kfz verhindert. Außerdem schafft man sich als
Radfahrer so Bewegungsspielraum, wenn man doch mal zu eng überholt wird.
Zu beachten ist, dass Radfahrer auch mindestens 1 m Abstand zu
Fußgängern auf dem Gehweg zu halten haben, „bei lebhaftem
Fußgängerverkehr ist ein noch größerer Abstand zum Gehweg geboten (OLG
München, VRS 65, 331; OLG Düsseldorf, NVZ 1992, 232)“
.

Der Radfahrstreifen auf der Monheimsallee ist sogar so schmal, dass man
bereits auf der Linie fahren muss, um ausreichend Abstand zum Bordstein
und insbesondere zu den hier sehr fahrbahnnah stehenden Pollern zu halten.

Da diese die schwankende Fahrlinie einschränken, beziehen sich die
angegebenen Abstände auf die Außenkante des Radfahrers. Bis zur
Reifenmitte auf der Fahrbahn sind also noch mal 30 bis 40 cm
hinzuzurechnen. Die zulässige Entfernung des Reifens zu den Pollern am
Fahrbahnrand liegt damit bei 1,10 m bis 1,40 m!

„Wie weit rechts 'rechts' ist, bestimmt sich auch nach der Abgrenzung
der Fahrbahn nach rechts. Fährt der Radfahrer neben einem Parkstreifen,
... muss er nach der Lebenserfahrung nach jederzeit mit sich öffnenden
Türen rechnen und darf daher weiter links fahren. Das Bundesministerium
für Verkehr empfiehlt für solche Situationen ausdrücklich, mindestens
einem Meter Sicherheitsabstand von den parkenden Fahrzeugen einzuhalten.“
[1]
In der Radwelt 5/2017 wird ein Urteil aus Österreich zitiert. Hier hatte
ein Radfahrer einen Abstand von 1,2 bis 1,8 m eingehalten. „Hierbei
handele es sich, so das Gericht, bei einem Tempo von 30 km/h um eine
vertretbare Entfernung, wenn sich der Beschwerdeführer nicht der Gefahr
aussetzen wolle, durch eine geöffnete Fahrzeugtür verletzt zu werden.“
[2]

Der Schutzstreifen auf dem Templergraben ist nur als
Sicherheitstrennstreifen zu den parkenden Kfz zu betrachten. Aufgrund
der zu geringen Breite und des fehlenden Sicherheitstrennstreifens ist
von einer Benutzung mit dem Rad dringend abzuraten.

Auf dem Boxgraben erreichen auch ungeübte Radfahrer bergab ohne weiteres
Geschwindigkeiten von 30 bis 40 km/h. Hier sollte der Radfahrstreifen
nur als Sicherheitstrennstreifen zum Parkstreifen benutzt werden.
Bleibt wegen Stau nur der Radfahrstreifen als freie Fahrgasse, empfiehlt
es sich, diesen nur mit stark verminderter Geschwindigkeit und
besonderer Bremsbereitschaft zu befahren. Meine persönliche Empfehlung
ist dabei, lieber näher an fahrenden Kfz als an stehenden Kfz zu fahren,
da in fahrenden Kfz normalerweise keine Türen geöffnet werden. Sobald
die Kfz auf der Fahrspur links allerdings stehen, muss man auch hier mit
plötzlich aussteigenden Beifahrern rechnen und dies bei der Wahl des
Abstandes und der Geschwindigkeit berücksichtigen.

Auch auf Fahrbahnen ohne Radverkehrsanlagen sollte man immer ausreichen
Abstand zum Fahrbahnrand lassen.

Auf der Roermonder Straße ist gut zu erkennen, dass ausreichend Abstand
zu parkenden Kfz bereits in der Mitte der Fahrspur ist. Damit ist auch
kein Vorbeiquetschen innerhalb der Fahrspur mehr möglich.

Fazit ist, dass die üblichen Aachener Radfahrstreifen und Schutzstreifen
in ihrer Ausführung mit Minimalmaßen nicht geeignet sind, einen sicheren
Radverkehr zu gewährleisten. Für ein sicheres Vorankommen sollte man
entsprechend obiger Rechtsprechung möglichst weit links fahren und ggf.
besonders schmale Streifen nur als Sicherheitstrennstreifen betrachten.

Zum sicheren Fahren auf den üblichen Bordsteinradwegen kann ich
keinerlei Empfehlung abgeben, da bei Einhaltung der Mindestabstände zu
parkenden Kfz auf der einen Seite und zu Fußgängern auf der anderen
Seite in der Regel kein nutzbarer Platz mehr verbleibt.

 

[1] Dietmar Kettler: Recht für Radfahrer, 3. Auflage 2013
[2] Roland Huhn: Aussteiger, ADFC Radwelt 5/2017
[3] OVG Lüneburg, Beschluss vom 25.07.2018 (12 LC 150/16):
Schutzstreifen für Radfahrer

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