Kritik an "Rangliste der besten Fahrradstädte Deutschlands"

19.09.20

ADFC Aachen kritisiert "Studie" zur Fahrradfreundlichkeit eines Baufinanzierers - Offener Brief an baufi24

Sehr geehrte Damen und Herren,

der ADFC Aachen ist von der Presse auf Ihre Rangliste der besten Fahrradstädte
in Deutschland hingewiesen worden und war sehr überrascht, dass Aachen die
höchstplatzierte Stadt in NRW ist. Aus unserer Sicht weist Ihre Untersuchung
allerdings einige Ungereimtheiten auf:

Unter "Radfahrer-Zufriedenheit" wird der Fahrradklima-Test 2018 als Grundlage
genommen, was grundsätzlich zu begrüßen ist. Allerdings wurde der Beschreibung
zufolge das Ergebnis so skaliert, dass die beste Großstadt 100 und die
schlechteste 0 Punkte bekam. Das ist dem niedrigen Gesamtniveau - die beste
Großstadt war Karlsruhe mit der Note 3,15 - nicht angemessen. Außerdem haben
Sie anscheinend die Skala verdreht: Karlsruhe ist mit 0 Punkten eingetragen,
das Schlusslicht Remscheid dafür mit 100. Unter diesen Umständen verwundert
uns nicht, dass für Aachen so viele Punkte eingetragen wurden. Ebenso erklärt
es, dass zum Beispiel Hamburg und Köln weit oben stehen, während man für
Münster, Göttingen und Erlangen weit unten in der Tabelle nachsehen muss.

[Symbolfoto Radverkehr in Aachen, ADFC Aachen]


Bei den Verkehrsunfällen haben Sie den Durchschnittswert für ganz NRW (105)
bei allen nordrhein-westfälischen Städten eingetragen. Der Wert für Aachen
wäre eigentlich ca. 139, wenn man die Zahl der Unfälle mit Fahrradbeteiligung
(347 laut Aachener Nachrichten durch die Einwohnerzahl 248960 laut Wikipedia (von 2019, aber so groß ist der Unterschied vermutlich nicht) teilt.

Man zählt dort 3684 Radsportstrecken, also etwa 23 pro km² des Stadtgebiets.
Diese Zahl erscheint uns sehr hoch. Außerdem erschließt sich uns nicht,
inwieweit die Zahl von Radsportstrecken, die vermutlich die Innenstadt eher
meiden, etwas über die Attraktivität des Radverkehrs in der Stadt aussagen.

Unter "Stau" werden Fahrzeitunterschiede für den PKW-Verkehr als Indikator für
die Luftqualität genommen. Es wäre sinnvoller, hier die Luftmesswerte der
Stadt oder des Landes zu verwenden. Die Studie bewertet in diesem Punkt eher,
wie autofreundlich eine Stadt ist.

Die Begrifflichkeit im Punkt "Radwege" ist nicht ganz klar. In der
Beschreibung ist von "Radfahrstreifen als Teil des Gehwegs oder der Fahrbahn"
die Rede; dies steht im Widerspruch zur üblichen Definition von
"Radfahrstreifen", die eigene Straßenteile sind. Möglicherweise sind hier
Radwege, Radfahrstreifen und Schutzstreifen zusammengezählt worden. In diesem
Falle wären auch schmale, gefährliche Schutzstreifen eingerechnet, wie
beispielsweise diejenigen am Templergraben, für die die Stadt Aachen neulich
mit dem Negativpreis "Pannenflicken" in Silber ausgezeichnet wurde. Trotzdem
sind 31 km bei einem Hauptverkehrsstraßennetz von 340 km
(https://ratsinfo.aachen.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=17262) nicht gerade
beeindruckend.

Wir möchten Sie bitten, in diesen Punkten nachzubessern, um die Aussagekraft
zu erhöhen. Für Rückfragen stehen wir gerne zur Verfügung. Unser Landes- und
Bundesverband (siehe CC) helfen Ihnen sicher auch gerne weiter.


Mit freundlichen Grüßen

Marvin Krings


© 2020 ADFC Kreisverband Aachen e. V.