Auf Knochenschüttlern, Tricycles und Roverkönigen durch den Kreis Unna

Karl Drais, der im Jahr 1817 seine Laufmaschine in Mannheim erstmalig der Menschheit demonstrierte, soll auf seinen Reisen mit seiner „Draisine“ auch Westfalen gestreift haben.1 Viele Laufmaschinen werden durch unseren Kreis vermutlich nicht gerollt sein, da es nach Schätzungen weltweit lediglich 1.000 Exemplare gab. Sie waren ein Spielzeug der Adeligen und gerieten aufgrund von Fahrverboten und widrigen Wegeoberflächen schnell in Vergessenheit.

Mehr als 40 Jahre später wurde mit der Erfindung der Tretkurbel am Vorderrad das Zweiradprinzip wesentlich verbessert. Das Velociped, wie das Zweirad nun auf Französisch hieß, war in aller Munde. Man schätzt, dass etwa 10.000 dieser Vehikel produziert worden sind. Das Fahren dieser eisenbereiften, ansonsten hölzernen Maschinen auf unbefestigten oder kopfsteingepflasterten Straßen muss holprig und peinvoll gewesen sein, denn man bezeichnete sie mit dem Begriff „Knochenschüttler“.

Die deutsche Hochrad-Produktion begann in Dortmund
Während des Deutsch-Französischen Krieges (1870-1871) verlagerte sich die Fahrradindustrie nach England. Hier wurden nun stählerne Zweiräder mit riesigen Vorderrädern hergestellt, die mit Drahtspeichen und Vollgummireifen ausgerüstet waren. Da es noch keine Schaltungen gab, konnte man lediglich über die Größe des Antriebsrades die Reichweite und Geschwindigkeit erhöhen. Wegen der Marktbeherrschung durch die englischen Produzenten setzte sich auch bei uns der Name „Bicycle“ für diese Hochräder durch. Die erste Fabrik, die in Deutschland ab dem Jahr 1879 Hochräder produzierte, war die in Dortmund an der Schützenstraße 12 gelegene Firma Dissel & Proll. Wie jede Fahrradfabrik besaß auch Dissel & Proll eine eigene Fahrschule, da das Fahren eines Hochrades wegen der halsbrecherischen Gefahr viel Übung erforderte. Neben Bicycles wurden in Dortmund auch Tricycles (Dreiräder) produziert, die zwar schwerer fahrbar, aber „gesünder“ waren.

Erste Radvereine im Kreis Unna
Erst die Erfindung des Rovers im Jahr 1884, ein Niederrad wie es heute üblich ist, machte das Fahrrad für die weniger sportlichen Menschen und vor allem auch für das weibliche Geschlecht nutzbar. Im Jahr der Niederrad-Erfindung schlossen sich viele der bereits bestehenden regionalen Fahrradclubs in Leipzig zum Deutschen Radfahrer-Bund zusammen. Auch im Kreis Unna entstanden Vereine. Der erste nachweisbare hiesige Verein nannte sich „Radverein Freiweg“ und wurde im Jahr 1893 gegründet.2 Er war dem Deutschen Radfahrer Bund angegliedert. Der Vorsitzende war ein Herr Russ, der in der Morgenstraße wohnte. Die Vereinstreffen fanden im Hotel Deutscher Kaiser am Alten Markt in Unna statt. Radfahrer aus Werne hoben im Jahr 1896 den Radverein „Ueber Berg und Thal“ aus der Taufe. Die Vorsitzenden und Aktiven waren Kaufleute und Handwerker. Sie besaßen bereits ein Vereinsorgan, das sie „Rad-Welt“ nannten. Die Radfreunde trafen sich im Clublokal des Gastwirtes Louis Merten.

Mit Sicherheit sprach man an den Clubabenden über den minderjährigen Heinrich Horstmann aus Hamm-Heessen, der in den Jahren 1895 bis 1897 von Dortmund aus mit einem Niederrad um die Erde fuhr.3 Inspiriert wurde seine Reise nach eigenen Aussagen durch Frank G. Lenz, der bei seinem Versuch, mit dem Zweirad die Welt zu umrunden, im Jahr 1894 in Kurdistan ermordet worden war. Horstmanns Start- und Zielort Dortmund erklärt sich dadurch, dass er vermutlich in der Zweiradfabrik W. Stutznäcker in Dortmund gearbeitet hatte und von dieser ein Regent-Rad für die Radreise gestellt bekam.

Fahrradboom um die Jahrhundertwende
Nach der Aufhebung der Sozialistengesetze im Jahr 1890 wurde es den Arbeitern gestattet, sich in Vereinen zu organisieren. Es dauerte allerdings noch sechs Jahre, bis sich im Jahr 1896 in Offenbach der Arbeiter-Radfahrerbund Solidarität gründete. Hierdurch und durch einen starken Verfall der Fahrradpreise kam es ab dem Jahr 1900 auch in Unna und Umgebung zu weiteren Vereinsgründungen. Im Mai 1900 wurde über den Hellweger Anzeiger (HA) in Obermassen zur Gründung eines Vereins eingeladen. Im Juni ist in Niedermassen die Gründung des Radfahrer-Vereins „All Heil“ dokumentiert. In Unna bildete sich der „Radfahrer-Verein Unna 1900“ und in Lünern entstand in diesem Jahr der „Arbeiter-Radfahrer-Verein Lünern“, dessen Mitglieder sich auf einer Postkarte ablichten ließen. In Ermangelung von Messenger-Diensten waren Postkarten das damals sehr beliebte Kurznachrichtenmedium, um Freunden einen stolzen Gruß von seiner Radreise zu übersenden. Zu sehen sind 13 männliche Personen mit Niederrädern, die vor der Wirtschaft Döring an der damaligen Reichsstraße 1 (heutige B1) posieren. Die Reichsstraße führte von Aachen ins ostpreußische Königsberg und wurde ab 1817 gebaut. Die Reichsstraße war im Gegensatz zu den unbefestigten und oft schlammigen Feldwegen ordentlich ausgebaut. Die Asphaltierung der heute parallel verlaufenden Wirtschaftswege geschah erst in den Wirtschaftswunder-Zeiten nach dem Zweiten Weltkrieg. Die parallele Bahnstrecke und damit der Bahnhof Lünern entstand im Jahr 1898. Zu der Zeit lagen an der B1 zwischen Unna und Hemmerde sechs Gaststätten. Diese hohe Anzahl erklärt sich durch die damals geringen Geschwindigkeiten und den daraus resultierenden kurzen Reisedistanzen. Die Radfahrer teilten sich die Reichsstraße hauptsächlich mit Pferdefuhrwerken, Kutschen und Fußgängern. Ein Motorwagen auf der Basis eines Tricycles wird ihnen selten begegnet sein, da dieser erst 1896 durch Carl Benz erfunden worden war.

Fahrradfeste und Vereinsleben
Eine Annonce des HA vom 27. Juli 1901 ermöglicht uns einen kleinen Einblick ins damalige Vereinsleben. Der Rad-fahrer-Verein Unna 1900 feierte sein 1. Stiftungsfest mit einem Konzert im Vereinslokal des Herrn Wilhelm Schmitz auf der Massener Straße. Nach einem Früh-Konzert fuhren die stolzen RadlerInnen auf ihren bunt geschmückten Statussymbolen durch die Stadt. Die Anlieger am Fahrweg waren in der Zeitung aufgefordert worden, ihre Häuser zu beflaggen. Ziel war die Restauration Dreischer im Höingerthal. Dort gab es zur Unterhaltung wieder Musik und einen Wettbewerb im Langsamfahren. Nach der Rückfahrt zum Vereinslokal wurden Preise an den Besitzer des am schönsten geschmückten Fahrrades und für die Sieger im Langsamfahren und Reigenfahren verliehen. Der Festtag endete mit einem Tanzvergnügen.

Der Roverkönig aus Unna
Wahrscheinlich fuhren viele Radfahrer in dieser Zeit in unserer Region die Marke „Roverkönig“. Walter Staby aus Unna besaß die Markenrechte4 und betrieb in diesen Jahren in Unna einen Fahrradhandel. Dieser lag an der Bahnhofstraße gegenüber der heutigen Radstation. Staby vertrieb seine Marke deutschlandweit5. Auch suchte er landesweit Vertreter für sein Produkt, wie die Annonce in der Festschrift zum 13. Kongress der Allgemeinen Radfahrer-Union beweist. Der Verkaufspreis für ein Roverkönig-Rad ist leicht abzuschätzen. In einer Annonce des HA vom 17. Mai 1900 wurde ein Roverkönig-Rad, das 8 Tage alt war, für 145 Mark angeboten. Der durchschnittliche Jahresverdienst eines Facharbeiters betrug zu dieser Zeit etwa 750 Mark. Aus einer weiteren Annonce erfahren wir, dass neue Fahrräder damals schon für 110 Mark angeboten wurden. Den Käufern bot Staby zusätzlich einen kostenlosen Fahrunterricht auf einer eigenen Lehrbahn an. Herr Staby wird aber auch Räder anderer Hersteller verkauft haben. Das Plakat am Geschäftseingang zeigt ein Fahrrad der Marke Puch. In Annoncen bot er auch Bennabor-Fahrräder an. Allerdings verkaufte Staby nicht nur Fahrräder; auch Waschmaschinen, Kochherde, Öfen und Nähmaschinen waren in seinem Sortiment.

1 Jahrbuch Westfalen 2001, Westfälischer Heimatbund, Verlag Aschendorf Münster, Seite 158

2 Jahrbuch der Radfahrervereine 1897/98, Zeidler Verlag, Seite 274

3 Hans-Erhard Lessing, Meine Radreise um die Erde, Maxime Verlag, 2007, Reprint von Heinrich Horstmann, Auf dem Zweirad um die Erde

4 Patent-, Muster- und Marken-Schutz in der Motoren- und Fahrzeug-Industrie, Richard Carl Schmidt & Co, Berlin 1908, Seite 299 5 "Die Woche" : moderne illustrierte Zeitschrift August Scherl Verlag, Berlin Ausgabe Nr: 19, aus dem Jahr 1900

Bild 1: Dissel & Proll-Werbung aus Handbuch des Bicycle-Sport, Silberer und Ernst, 1885, Reprint 2004

Bild 2: Fahrradpostkarte des Arbeiter-Radfahrer-Bund Lünern 1900

Bild 3: Roverkönig-Werbung aus „Der deutsche Radfahrer“, 1898

Bild 4: Roverkönig-Werbung aus "Die Woche" August Scherl Verlag, Berlin Ausgabe Nr: 19, aus dem Jahr 1900, Werbeanhang S. XIII.

Bild 5: Anzeiger für Werne und Umgebung, 27.2.1898

Bild 6: Bahnhofstraße im Jahr 1900. Im Eckhaus vorne rechts befand sich die Fahrradhandlung Walter Staby.

Bild 7: Historisches Fahrrad-Plakat um 1900. Bei der Frauengestalt dürfte es sich wohl um eine Darstellung der Aphrodite handeln.

Dissel & Proll-Werbung aus Handbuch des Bicycle-Sport, Silberer und Ernst, 1885
Fahrradpostkarte des Arbeiter-Radfahrer-Bund Lünern 1900
Roverkönig-Werbung aus „Der deutsche Radfahrer“, 1898
Roverkönig-Werbung aus "Die Woche" August Scherl Verlag, Berlin Ausgabe Nr: 19, aus dem Jahr 1900, Werbeanhang S. XIII
Anzeiger für Werne und Umgebung, 27.2.1898
Bahnhofstraße im Jahr 1900. Im Eckhaus vorne rechts befand sich die Fahrradhandlung Walter Staby.
Historisches Fahrrad-Plakat um 1900. Bei der Frauengestalt dürfte es sich wohl um eine Darstellung der Aphrodite handeln.
 

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