In Trondheim sind die Radler aus Deutschland um 22 Uhr abends gestartet. Für die ersten Stunden haben Helmut Ludewig (vorne in gelb), Jürgen Gabelin aus Berlin, Wolfgang Kück aus Bremerhaven und Gerd-Ulrich Schlüter aus Enger (dahinter v.r.n.l.) genügend Proviant und Wasser dabei. | FOTO: PRIVAT

28 Stunden im Sattel

Zwei Engeraner radeln von Trondheim nach Oslo  (Quelle : NW vom 19.7.2011)

 

VON CARMEN PFÖRTNER

Beschreibung: http://www.nw-news.de/no.gifLänger als einen Tag radfahren. Nonstop. Ohne Schlaf. Was sich verrückt anhört, haben zwei Engeraner durchgezogen: Helmut Ludewig und Gerd-Ulrich Schlüter meisterten den norwegischen "Styrkeprøven", ein Radmarathon der Superlative.


Am 24. Juni ging es in der nördlichen Abenddämmerung los. Das Ziel: Das 540 Kilometer entfernte Oslo erreichen, insgesamt 4.648 Höhenmeter überwinden und das alles in einer Zeit unter 31 Stunden.

Zum 45. Mal startete das bekannteste Radrennen Norwegens. Wie immer zur Sommersonnenwende. "Wenn man früh morgens um vier Uhr durch die kleinen Dörfer fährt und die Leute, die am Lagerfeuer feiern, dir zujubeln - das ist ein atemberaubendes Gefühl", sagt Helmut Ludewig.

Für ihn war der Radmarathon ein besonderes sportliches Ziel: "Ich wusste, es gab da noch etwas zu erledigen." Vor 19 Jahren war der Engeraner nämlich schon einmal aufs Rad gestiegen, um die Etappe Trondheim - Oslo zu bewältigen. "Damals hat sich unsere Gruppe verloren - und allein schafft man das nicht."

Aus dieser Erfahrung heraus hatte der 67-Jährige dieses Mal schon lange vor dem Start andere deutsche Radler gesucht. "Und dann hatten wir uns gefunden: Jürgen Gabelin aus Berlin, Wolfgang Kück aus Bremerhaven, Ulli und ich."

Schon vor dem Start trainierten sie gemeinsam und tasteten vorsichtig das sportliche Niveau der anderen ab. "Als mir Wolfgang Kück sagte, er wolle die Strecke unter 31 Stunden packen, habe ich ernsthaft überlegt, ob ich das leisten kann", erinnert sich Ludewig.

Im November begann der Engeraner mit dem Training. Und irgendwann war klar: "Ich wusste, ich komme da durch."

Die vier Deutschen starteten in Top-Form und ausgeschlafen in Trondheim; die erste Nacht radelten sie locker durch.

Schnell fanden sich kleinere Gruppen zusammen, um den so genannten Belgischen Kreisel zu fahren, "den Windschatten des anderen nutzen", erklärt Ludewig. Ohne solche gegenseitige Unterstützung - das wussten die Teilnehmer - würden sie einen solchen Marathon kaum schaffen.

Ein Tiefpunkt während eines solchen Turniers komme immer, das wisse jeder Fahrer. Als es bei Ludewig soweit war, half ihm ein Power-Gel geholfen, das binnen weniger Minuten den Blutzucker-Spiegel in die Höhe schnellen lässt. "Man muss ständig Zucker zu sich nehmen. Wenn man erstmal Hunger oder Durst verspürt, ist es viel zu spät."

Umso besser, dass die Herren sogar ihr eigenes Begleit-Fahrzeug dabei hatten. "Kücks Frau hat uns begleitet und mit Bananen, Energie-Riegeln und Getränken versorgt", sagt Ludewig begeistert. Und auch die zusätzliche Ausrüstung wie Regenjacken und -hosen mussten sie nicht auf den Fahrrad mitnehmen.

Schon ziemlich am Anfang der Strecke hatte eine Fahrer der Gruppe dann den ersten Platten, kurz darauf der zweite. "Da verliert man dann locker 20 Minuten." Die erste längere Pause haben die Radrenner in Dombås eingelegt: 190 Kilometer hinter Trondheim und nach der Mammut-Etappe am Berg, die da mit 1.066 Metern schon hinter ihnen lag. "In den Nächten hatten wir um die drei Grad Celsius - da muss man sich zwischendurch richtig aufwärmen." Eine ganze Stunde Pause legten sie dort ein in der Gewissheit, mit geradelten neun Stunden gut in der Zeit zu liegen.

"Eigentlich wollte ich zwischendurch einige Stunden schlafen. Wolfgang Kück riet aber davon ab - und ehrlich: Wenn man gut vorbereitet ist, braucht man das nicht", sagt Ludewig. Er ist stolz, dass er diese Leistung nach der "Niederlage" vor 19 Jahren, wie er es selbst nennt, gepackt hat. "Damals hat man sich ja schon blamiert." Heute als Rentner sei es leichter, sich seinen Trainingsplan zusammenzustellen.

Seine Frau Elke habe ihn oft für verrückt erklärt und sich viele Sorgen um ihren Mann gemacht: "In den zwei Nächten habe ich kaum geschlafen." Sonntagsmorgens um 2.08 Uhr radelten die vier Männer dann in Oslo ins Ziel. "Die letzten 30 Kilometer gehen einem unfassbar viele großartige Gedanken durch den Kopf, das ist Wahnsinn", sagt Ludewig.

Für den 67-Jährigen soll es nicht die letzte große Tour gewesen sein - was genau auf dem Plan stehen wird, will der Engeraner noch nicht verraten. "Jetzt steht meiner Frau erstmal meine ganze Aufmerksamkeit zu."

Dokumenten Information
Copyright © Neue Westfälische 2011
Dokument erstellt am 18.07.2011 um 17:07:59 Uhr
Letzte Änderung am 18.07.2011 um 20:07:10 Uhr

 


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