Stadtradeln – endlich auch in Münster auf der Agenda

24.06.20
Kategorie: Verkehrspolitik, Mobilität, Rad in den Medien, Münster

Stadtradeln: Kampagnenmotiv (Bild: Klima-Bündnis)



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Stadtradeln – Radeln für ein gutes Klima (Logo)



Stadtradeln Website: Suche nach teilnehmenden Kommunen (Screenshot 24.06.2020, 16 h)



Stadtradeln: Knackige Kampagnen-Postkarte



Medientermin: ADFC-Aktiver Martin Kitten (r.) mit Bürgermeister & Co. beim Start zum Stadtradeln 2018 in Ibbenbüren (Bild: André Hagel)



Die Stadtradeln-App sammelt Daten und unterstützt damit die kommunale Radverkehrsplanung



Stadtradeln: Von Loriot inspirierte Kampagnen-Postkarte



Kampagnenmotiv: Smart unterwegs beim Stadtradeln (Bild: Klima-Bündnis)



Fundstück aus prä-digitaler Zeit: ADFC Postkarte zur Mängelmeldung



Ein Quad – unterwegs auf Münsters Radwegen mit Kameras, Scanner und Sensoren (Bild: Stadt Münster)




Heute tagt der Rat der Stadt Münster erstmals in der Halle Münsterland, da diese ein größeres Raumangebot und damit wohl einen besseren Corona-Schutz für Teilnehmende und Besucherïnnen ermöglicht. Die Tagesordnung umfasst über 100 Beratungspunkte; dabei geht es um viel Geld und die Folgen der Corona-Pandemie für die Kommunalfinanzen. In der vorgeschalteten Sitzung des Haupt- und Finanzausschusses wird die Vorlage V/0454/2020 „Teilnahme der Stadt Münster an dem Klima-Bündnis Wettbewerb ‚STADTRADELN‘ “ beraten und – das ist so zu erwarten – beschlossen. In diesem Fall geht es lediglich um einen Haushaltsansatz von 10.000 Euro für das Jahr 2020, die – so finden wir – in mehrfacher Hinsicht gut investiert sind.

 

Was ist Stadtradeln?

STADTRADELN (Eigenschreibweise in Großbuchstaben; Motto: Radeln für ein gutes Klima) ist eine Kampagne des internationalen Netzwerks Klima-Bündnis (Climate Alliance). Ziel dieses spielerischen Wettbewerbs ist es Menschen zu motivieren, innerhalb von 21 Tagen möglichst viele Kilometer mit dem Fahrrad zurückzulegen.

Wie auch das federführende Amt für Mobilität und Tiefbau in der Anlage zum Antrag V/0454/2020 feststellt, werden hier „die Querschnittsthemen Nachhaltigkeit und Klimaschutz (…) maßgeblich tangiert.“

Wie funktioniert die Teilnahme?

Zunächst muss sich die Kommune für das Stadtradeln anmelden bzw. bereits angemeldet sein. In den Kommunen selbst wird an 21 aufeinanderfolgenden Tagen für mehr Klimaschutz und mehr Radverkehrsförderung geradelt. Den genauen Zeitraum kann die teilnehmende Kommune frei wählen. Es können Teams (Freundeskreis, Firma, Verein, Stadtparlament etc.) gebildet werden oder Fahrradfahrende schließen sich einer Gruppe an. Danach kann einfach losgeradelt werden – die klimafreundlichen Fahrradkilometer werden online eintragen.

Wo sehe ich, ob meine Kommune mitmacht?

„Alle beteiligten Kommunen sind unter Teilnehmerkommunen aufgelistet. Sollte Ihre nicht dabei sein, so wenden Sie sich an Ihre Kommune (Verwaltung, Stadt-/Gemeinderat etc.) und regen Sie eine Teilnahme an!“

Aktuell (Stand 24. Juni 2020) nehmen 1.225 Kommunen sowie über 100.000 Radelnde teil. Besonders aktiv ist derzeit der Großraum Hannover – der Kreis Kleve liegt im Ranking heute auf Platz 9, die Stadt Rheine vertritt das Münsterland auf Platz 10.

Was macht Münster?

Aktuell (Stand 24. Juni 2020, 16:30 Uhr) ist die „Fahrradstadt Münster“ nicht dabei. Die Suchfunktion der Website bietet u.a. Marienmünster und Neumünster an (siehe Screenshot rechts).

Tatsächlich hat der ADFC Münsterland mehrere Jahre in Folge versucht, die Stadt Münster, den Oberbürgermeister bzw. die Verantwortlichen in der Verkehrsplanung (inzwischen: Amt für Mobilität und Tiefbau) für eine – aus unserer Sicht selbstverständliche Teilnahme – zu gewinnen. Auch mit Hinweis auf zahlreiche Kommunen im ADFC Kreisverband, die mit großem Engagement der Fahrradclub-Aktiven und mit öffentlichkeitswirksamem Einsatz der Bürgermeisterïnnen die Bevölkerung zu erstaunlichen Kilometerleistungen motivieren konnten. Im vergangenen Jahr wurde die Stadt Rheine Zweite (hinter Garbsen bei Hannover) in der Kategorie zwischen 50.000-100.000 Einwohnerïnnen. Der Kreis Steinfurt wurde in seiner Kategorie (100.000-500.000 Einwohnerïnnen) noch vor dem Landkreis München und dem Landkreis Wesel die „Fahrradaktivste Kommune mit den meisten Radkilometern“. (Stadtradeln-Ergebnisse 2019, PDF) Besonders aktiv ist immer auch die Stadt Ibbenbüren – die im vergangenen Jahr ein Preisgeld gewann und in ein integratives Rikschaprojekt investierte. Tatsächlich gibt es Preise zu gewinnen, die Kategorie Fahrradaktivstes Kommunalparlament wird ausgezeichnet und sogenannte Stadtradeln-Stars – also Menschen, die während der gesamten 21 Tage ohne Auto auskommen – können beim Kilometersammeln medial begleitet werden. Was für viele ADFC- und Fahrradaktivistïnnen komisch klingt, ist für Auto-Aficionados wahrscheinlich eine echte Verzichtleistung – und ein Themenvorschlag für die Westfälischen Nachrichten?

Während der Aktion sollen die STADTRADELN-Stars nach Möglichkeit von lokalen Medienpartnern begleitet werden, sodass Zeitungen, Radio oder Fernsehen über den Verlauf der 21 autofreien Tage berichten. Wenn vorhanden, soll zum Auftakt der Aktion das Auto des STADTRADELN-Stars medienwirksam „eingemottet“ werden. Denkbar wäre zum Beispiel das öffentlichkeitswirksame Abdecken des Wagens mit einer Plane vor dem Rathaus oder auf einem anderen öffentlichen Platz und die Abgabe des Autoschlüssels an (Ober)Bürgermeister*in oder Landrät*in in einem versiegelten Briefumschlag.

Kurzum: Die Kampagne soll Spaß und Begeisterung für das Fahrrad als Verkehrsmittel im Alltag erzeugen. Auch das lokale Stadtmarketing sieht eine sympathische, team-bildende wie kommunikative Maßnahme, die mit geringem Aufwand Klima- und Nachhaltigkeitsthemen spielerisch transportiert. Gamefication zur Motivationssteigerung.

Nur eine Initialmaßnahme?

Warum also hat Münster es all die Jahre versäumt einfach mal mitzumachen? Zuletzt bekamen wir von der Stadt folgende Antwort, die wir hier – mit einigen erläuternden Links ergänzt – zitieren:

„Stadtradeln“ ist aus unserer Sicht eher eine klassische Initialmaßnahme, die dazu dient, den Radverkehr verstärkt in den Fokus zu rücken, wenn er bislang noch keine so große Rolle spielt (dies sehen andere AGFS-Städte genauso). Radfahren ist jedoch bereits jetzt in Münster für die meisten Menschen die selbstverständlichste Art und Weise der Fortbewegung. Der damit verbundene Stellenwert als Fahrradstadt ist aber auch ein wesentlicher Grund dafür, dass ein immenser – und vor allem dauerhafter – personeller und finanzieller Aufwand nötig ist, um u.a. durch Infrastrukturverbesserungen und öffentlichkeitswirksame Kampagnen nachhaltige Wirkungen zu erzielen. Unter den gegenwärtigen Bedingungen sind wir nicht in der Lage, darüber hinaus den notwendigen zusätzlichen Aufwand für die Etablierung eines Projekts wie „Stadtradeln“ zu leisten, zumal derzeit andere Radverkehrsprojekte (Velorouten, Fahrradroute DEK, qualitativ hochwertige Fahrradstraßen, Fahrradparken, etc.) alle Ressourcen binden.

Zusammengefasst: In Münster fahren eh alle Fahrrad. (Was im Übrigen nicht stimmt!) Und eine Kampagne, die auch in diesem Jahr Kommunen wie beispielsweise Legden, Reken oder Gescher organisieren können, bedeutete in der Vergangenheit für die Fahrradstadt wohl einen nicht vertretbaren, zusätzlichen Aufwand, weil hier „größere Räder“ gedreht werden müssen.

Dazu passt auch folgende Passage aus der Begründung zum Radverkehrskonzept Münster 2025 (beschlossen am 22.09.2016).

„Münsters Stellenwert als (inter-)nationale Fahrradstadt kommt nicht von ungefähr, sondern ist das Ergebnis einer langjährigen, vorausschauenden und insbesondere nachhaltigen Planungspolitik. Radverkehr wird in Münster bereits seit den 1960er Jahren innovativ und zukunftsorientiert gedacht.“

Radverkehrsförderung ist kein Selbstzweck, ist Prozess und nicht Zustand, dies schien mit einer nachgerade romantischen Fixierung auf den verlorenen Nimbus der „Fahrradhauptstadt“ aus dem Blick zu geraten zu sein. Möglicherweise hat erst die (erwartbare) Niederlage beim ADFC Fahrradklimatest 2018 hier zu einem Umdenken geführt. Plötzlich scheinen auch kleine Maßnahmen, wie ein Ampeltrittbrett an der Promenade, ein Grüner Abbiegepfeil für Radfahrer, einige Abstellplätze für Lastenräder oder eben das Stadtradeln 2020 geeignete Versuche, den (Alltags)Radfahrenden etwas Wertschätzung entgegenzubringen. Wenn schon das große Ganze, wie das stadtregionale Veloroutennetz oder der Masterplan Mobilität Münster 2035+ (in den sogar das Stadtradeln plötzlich auch irgendwie reingehört) nur schemenhaft zu erkennen sind, hilft vielleicht ein Strauß an Aktivitäten mit mehr Nähe zur radfahrenden Bürgerschaft?

Bei der nunmehr 13. Auflage des Stadtradelns denkt die „Fahrradstadt" Münster also nun erstmalig darüber nach, an dieser spielerischen Kampagne mit ernstem Hintergrund teilzunehmen. Ins Leben gerufen wurde das Stadtradeln nicht etwa vom Fahrradclub, der eine ähnliche „Mitmachaktion“ zusammen mit der AOK initiiert hat: #MitdemRadzurArbeit. Das Stadtradeln ist "ein Tool" des Klima-Bündnis (Climate Alliance). , Ein bereits vor 30 Jahren gegründeten internationalen Netzwerk von Städten, Gemeinden und Landkreisen, die sich verpflichtet haben, das Weltklima zu schützen. Nebenbei – wer hätte es gewusst? – ist Münster diesem Klima-Bündnis bereits im Jahr 1995 beigetreten.

Fahrradalltag und Algorithmus 

Zwei Aspekte sollen am Ende nicht unerwähnt bleiben: Auch im Planungsausschuss stand das Stadtradeln auf der Tagesordnung. Hier wurde vor allem der Teilaspekt RADar! – Die Meldeplattform für Radverkehr angesprochen. Diese kann als eine Art Mängelmelder ins Stadtradeln integriert werden. An diesen Plattformen herrscht in Münster nun wahrlich kein Mangel; es stellt sich eher die Frage, wie die gemeldeten Problemfälle zeitnah bearbeitet werden. Im Ausschuss wurde festgehalten, dass die Verwaltung den eigenen städtischen Mängelmelder in diesem Kontext beleben und das bestehende Portal Leezenstadt.de einbinden soll. Letzteres ist ein Projekt, das ursprünglich von Kaktus-Grüne Jugend in Münster konzipiert worden war.

„Für die erfolgreiche Durchführung und Vorbereitung der Stadtradeln-Kampagne wird im Amt für Mobilität und Tiefbau ein Organisationsteam unter Federführung des Fahrradbüros gebildet. Weitere Beteiligte sind MünsterMarketing, die Koordinierungsstelle für Klima und Energie (KLENKO) und andere Stakeholder wie der ADFC.“ (Antragstext)

Wenn viele Menschen im digitalen Zeitalter mit dem Rad unterwegs sind, dies entsprechend dokumentieren bzw. eine App nutzen, fallen aufschlussreiche Daten an. Diese „Leezen-Crowdsourcing“ ist eine weitere Komponente der Stadtradeln-App – und Teil des vom Bundesverkehrsministerium geförderten Forschungsprojekt MOVEBIS an der TU-Dresden in Kooperation mit dem Klima-Bündnis. Die per App von Teilnehmenden aufgezeichneten Strecken sollen durch die Projektpartner anonymisiert und unter Einhaltung datenschutzrechtlicher EU-Standards ausgewertet werden. Die Erkenntnisse werden anschließend visualisiert und können die kommunale Radverkehrsplanung unterstützen. Auch wenn wir diese Forschungsergebnisse noch nicht einschätzen können, sind sie möglicherweise bei der Radverkehrsplanung hilfreich und unterstützend.

Übrigens wurde erst gestern vom Amt für Mobilität und Tiefbau der Einsatz eines mit entsprechender Kameratechnik ausgerüsteten Quads angekündigt. Das Gefährt soll „auf einer Länge von insgesamt 600 Kilometern die Radwege, aber auch abgetrennte Fahrstreifen und Fahrrad-Straßen auf Spurrinnen, Risse, Schlaglöcher und Wurzelschäden im Asphalt [prüfen]“.

Mängelmeldung, Kartierung und Daten für die kommunale Radverkehrsplanung – das dürfte auch für Radaktivisten an der Schnittstelle von Alltag und Algorithmus interessant sein.

Nachbemerkung: Parkplatz Nord (P1)

Üblicherweise kommt der Rat der Stadt Münster zu seinen Beratungen im Festsaal des Rathauses zusammen. Die heutigen Beschlüsse werden, wie eingangs erwähnt, corona-bedingt in der Halle Münsterland gefasst. Warum es ganz oben auf der Tagesordnung einen Hinweis auf Parkmöglichkeiten für Autos (Parkplatz Nord P1) – gibt, haben wir nicht verstanden. Sollte der Rat der Stadt Münster sich heute mit breiter Mehrheit (endlich!) für eine Teilnahme am Stadtradeln entscheiden, könnten die Ratsfrauen und -herren auch folgende Passage aus dem Antrag beherzigen

Als Sonderkategorie sind Mitglieder des Kommunalparlamentes oder andere Personen des öffentlichen Lebens dazu aufgerufen, als STADTRADELN-Stars an den Start zu gehen und ihre Kommune in besonderer Weise bei der Kampagne zu repräsentieren.“


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