Sicher, warm und gut zu sehen

02.12.11
Kategorie: Aktuelles
U. Kalle (links), G. Fehlau. Foto: pr.nrw

ADFC-Landesgeschäftsführer Ulrich Kalle (links) am Expertentelefon, hier mit Fahrradfachjournalist und Fachbuchautor Gunnar Fehlau. Foto: pr.nrw


Telefonanktion zum Radfahren im Winter - am Telefon u.a. ADFC Landesgeschäftsführer Ulrich Kalle

 

Auch wenn Radfahren nicht zu den typischen Wintersportarten zählt: Aufs Rad können oder wollen viele auch in der kalten Jahreszeit nicht verzichten – und Radfahren erlebt mit dem Pedelec-Trend derzeit einen wahren Boom. Doch Dunkelheit, Kälte und glatte Straßen bergen eine Reihe von Risiken. Wie man auf einer Tour durch die winterliche Natur, auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule sicher und komfortabel unterwegs ist, dazu informierten praxiserfahrene Fahrradexperten am Lesertelefon für verschiedene Zeitungen in ganz Deutschland. Der ADFC wurde bei den Experten am Telefon vertreten von dessen NRW-Landesgeschäftsführer Ulrich Kalle. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:  

Wie bekomme ich Helm und Mütze unter einen Hut?

Gunnar Fehlau, pressedienst fahrrad: Die einfachste Lösung ist eine dünne Unterziehmütze, um den Wind vom Kopf abzuhalten. Für warme Ohren sorgen Fleeceüberzieher, die an den Helmgurten befestigt werden. Relativ neu sind spezielle Inlays für Fahrradhelme, die im Winter warm halten, aber im Sommer herausgenommen werden. Damit haben Sie einen echten Ganzjahreshelm.

Sind auffällige Sicherheitswesten auf dem Fahrrad erlaubt?

Welf Stankowitz, DVR: Je besser Sie als Radfahrer bei Tag und Nacht zu sehen sind, umso eher können andere Verkehrsteilnehmer auf Sie reagieren. Es gibt im Fachhandel gut aussehende, stark reflektierende Radbekleidung in vielen Farben und Ausstattungen. Eine Warnweste ist also nicht die einzige Lösung, aber sie ist selbstverständlich erlaubt.

Kann ich einen Nabendynamo an jedem Fahrrad nachträglich einbauen?

Ulrich Kalle, ADFC: Mittlerweile ja. Selbst für Fahrräder mit kleinen Laufrädern gibt es geeignete Modelle verschiedener Hersteller. In der Regel ist es günstiger, ein komplett eingespeichtes Vorderrad mit Nabendynamo zu kaufen. Passend zum Nabendynamo muss der Scheinwerfer gegen ein Modell mit eingebautem Schalter ausgetauscht werden. Für den Umbau sind Fachkenntnisse erforderlich, unter anderem bei der Verkabelung. Fachhändler bieten zum Winter hin oft Komplettpakete einschließlich Montage mit deutlichem Preisvorteil an.

Bin ich auch bei Schnee und Eis gesetzlich unfallversichert, wenn ich das Rad für den Weg zur Arbeit oder zur Schule nutze?

Georg Nottelmann, Unfallkasse NRW: Welches Verkehrsmittel Sie nutzen, entscheiden Sie als Versicherter grundsätzlich selbst – auch im Winter. Das bedeutet: Sie sind grundsätzlich durch die gesetzliche Unfallversicherung geschützt. Bei extremen winterlichen Verhältnissen wie vereisten Straßen empfiehlt es sich, in Ihrem eigenen Interesse abzuwägen, ob Sie aufgrund der erhöhten Risiken nicht besser auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen.

Welchen Umfang hat die gesetzliche Unfallversicherung in einem solchen Fall?

Georg Nottelmann: Sie kommt für erlittene Körperschäden des Versicherten auf und übernimmt sämtliche Kosten im Zusammenhang mit der ärztlichen Behandlung bis hin zu Rehabilitationsmaßnahmen, unter Umständen auch Entschädigungsleistungen. Nicht versichert sind eigene Sachschäden oder Schäden, die Dritten im Straßenverkehr zugefügt wurden. Bei letzteren greift eine private Haftpflichtversicherung.

Bei Nässe und Kälte bremsen meine Felgenbremsen schlecht. Was kann ich tun?

Gunnar Fehlau: Zunächst überprüfen Sie, ob die Bowdenzüge ohne Knicke verlaufen, geschmiert sind und die Bremsbeläge korrekt justiert sind. Oft hilft auch der Wechsel der Bremsbeläge auf ein Modell, das besser auf Ihrer Felge bremst. Da kann der Fachhändler weiterhelfen. Wer ohnehin vor der Entscheidung für ein neues Rad steht, setzt mit Scheibenbremsen auf Nummer sicher.

Gibt es Reifen, die auf Schnee und Eis weniger rutschen?

Welf Stankowitz: Im Gegensatz zum Pkw sind Spikereifen beim Fahrrad erlaubt. Idealerweise weist der Reifen einen Mittelsteg auf und hat Spikes an den Seiten. Dann läuft er auf trockener Straße gut und sinkt bei Schnee so weit ein, dass die Spikes greifen können. Wer keine Spikes fahren will oder kann, sollte einen möglichst breiten Reifen mit ausgeprägtem Profil wählen und mit geringem Luftdruck fahren.

Muss ich einen verschneiten Radweg benutzen, wenn die Straße bereits geräumt ist?

Georg Nottelmann: Die Benutzung des Radweges muss immer zumutbar sein. Wenn der Radweg nicht geräumt ist, entscheiden Sie selbst, ob Sie auf die Straße ausweichen wollen.

Ich fahre seit Sommer ein Pedelec. Was muss ich im Winterbetrieb beachten, etwa beim Akku oder dem Motor?

Gunnar Fehlau: Der Motor ist unkritisch, beim Akku hingegen nimmt mit der Außentemperatur auch die Reichweite ab. Moderne Lithium-Ionen-Akkus sollten Frost deshalb nur so lange wie unbedingt nötig ausgesetzt sein. In der Praxis bedeutet das: Laden Sie den Akku immer in einem frostfreien Raum auf und setzen Sie ihn erst unmittelbar vor Fahrtantritt ein. Wer mit dem Pedelec zur Arbeit pendelt, sollte den Akku mit ins Büro nehmen. Einige Hersteller bieten zudem spezielle Schutzhüllen für ihre Akkus an.

Wie steht es mit dem Fahrverhalten von Pedelecs im Winter?

Gunnar Fehlau: Machen Sie sich mit Ihrem Pedelec noch einmal neu vertraut, denn Gewicht und Antrieb machen sich bei Schnee und Eis besonders bemerkbar. Speziell der Frontantrieb hat bei Glätte Tücken, denn das Rad dreht leichter durch und kann ausbrechen. Gleiches gilt für die Anfahr- oder Schiebehilfe.

Mein Rad hat gelbe Reflektoren zwischen den Speichen, die aber nicht gut zu sehen sind. Gibt es bessere Lösungen?

Welf Stankowitz: Der Gesetzgeber schreibt zwei gelbe Reflektoren oder Reifen mit Reflexring vor. Damit man möglichst von allen Seiten gut erkennbar ist, sind zusätzlich so genannte Reflektorsticks sinnvoll, die auf die Speichen geklemmt werden und rundum mit reflektierendem Material beschichtet sind. Diese sind aus fast jedem Winkel gut zu erkennen – ein echtes Sicherheitsplus.

Wie sollten Kinderräder ausgestattet sein, damit man sie gut im Straßenverkehr erkennen kann?

Welf Stankowitz: Ab acht Jahren dürfen Kinder auch auf der Straße fahren. Dann muss ihr Fahrrad mit allen vorgeschriebenen Reflektoren und einer Lichtanlage mit Dynamo ausgestattet sein. Jüngere Kinder, die mit dem Rad auf dem Gehweg fahren müssen, sollten nach Möglichkeit ebenfalls Reflektoren und Licht am Rad haben. Zusätzlich empfehlen wir einen reflektierenden Wimpel, damit die vergleichsweise niedrigen Kinderräder noch besser zu sehen sind. Auffällige Schutzkleidung und ein bunter Helm mit reflektierenden Elementen verbessern die Sichtbarkeit weiter.

Was muss ich noch beachten, wenn meine Kinder im Winter das Rad für den Weg zur Schule nutzen?

Georg Nottelmann: Vor allem jüngere Schulkinder haben nicht die Erfahrung und den Überblick, um bei extremen winterlichen Bedingungen sicher Rad zu fahren. Gehwege sind häufig schlecht geräumt oder wegen Schneehaufen verengt, die Straßen wegen Schneematsch mit dem Rad schlecht befahrbar. Wenn ein Ausweichen auf öffentliche Verkehrsmittel oder das Auto nicht möglich ist, sollten Sie ihr Kind möglichst begleiten, da Sie Gefahrensituationen vorausschauender einschätzen und entsprechend reagieren können.

Wie stelle ich mich als Autofahrer auf Winterradler ein?

Welf Stankowitz: Vor allem müssen Autofahrer damit rechnen, dass Radfahrer wegen Schnee und Eis am Straßenrand weiter in der Fahrbahnmitte fahren. Zum anderen können sie häufig Radwege nicht benutzen, weil diese nicht geräumt sind. Dann dürfen Radfahrer auf die Fahrbahn ausweichen. Und drittens besteht grundsätzlich eine höhere Sturzgefahr. Das bedeutet für Autofahrer: Mehr Abstand halten und – wenn überhaupt – in weitem Bogen vorsichtig überholen.

Wie bekomme ich mein Fahrrad wintertauglich?

Ulrich Kalle: Sämtliche Bowdenzüge für Bremsen und Schaltung sollten geschmiert werden. Ebenso die Kette, am besten mit einem hochwertigen synthetischen Kettenöl. Senken Sie den Sattel ein kleines Stück ab, um den Boden besser zu erreichen. Die Lichtanlage muss einwandfrei funktionieren. Ideal sind Scheinwerfer und Rücklichter mit Standlichtautomatik, die auch beim Ampelstopp Sicherheit bieten. Überprüfen Sie auch den Luftdruck und pumpen Sie die Reifen nicht zu hart auf. Ein etwas niedrigerer Reifendruck sorgt für mehr Kontakt zum Untergrund und Sie fahren sicherer.

Kann ich diese Arbeiten auch von einer Werkstatt durchführen lassen?

Ulrich Kalle: Viele Fachwerkstätten bieten einen so genannten Wintercheck an, bei dem alle genannten Punkte überprüft werden. Der Fachhändler checkt zusätzlich weitere sicherheitsrelevante Bauteile wie Bremsen und Lenkung.

Fäustlinge oder Fingerhandschuhe – was ist besser?

Gunnar Fehlau: Ich empfehle – wie bei der Radbekleidung – auch bei den Händen das Zwiebelprinzip: ein dünner Unterziehhandschuh und darüber ein winddichter Fingerhandschuh, je nach Temperatur mit ausreichender Isolierung. Mit Fäustlingen lassen sich Bremse und Schaltung nicht sicher bedienen. Übrigens: Prüfen Sie, ob Brems- und Schaltungsgriffe auch mit Handschuhen gut zu erreichen sind.

Ist eine Batterie- oder Akkubeleuchtung eigentlich erlaubt?

Ulrich Kalle: Klare Regelung: Batterie- oder Akkubeleuchtung ist ausschließlich an Rennrädern unter 11 Kilogramm Gewicht erlaubt. Die Beleuchtung ist dann auch tagsüber mitzuführen und sämtliche vorgeschriebenen Reflektoren müssen am Rad montiert sein. Bei allen anderen Fahrrädern gilt Dynamopflicht. Ausdrücklich erlaubt ist ein zusätzliches, batteriebetriebenes Rücklicht. Und: Sämtliche Bauteile müssen ein lichttechnisches Prüfzeichen aufweisen.

Die Experten der Telefonaktion im Überblick 

  • Ulrich Kalle; Landesgeschäftsführer NRW des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club e.V. (ADFC), Düsseldorf
  • Welf Stankowitz; Referatsleiter Fahrzeugtechnik beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat e.V. (DVR), Bonn
  • Georg Nottelmann; Unfallkasse Nordrhein-Westfalen, Hauptabteilung Prävention, Düsseldorf
  • Gunnar Fehlau; Autor zahlreicher Fachbücher zum Thema Fahrrad, Geschäftsführer Pressedienst Fahrrad (pd-f), Göttingen

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