Fahrrad- und Partnerstädte – über (Rad)Reisen nach Enschede, Lublin, Orléans, Rjasan

01.11.19
Kategorie: Radtouren, Radreisen, Rad in den Medien

Critical Mass am Mittelmeer: 50 Jahre Städtepartnerschaft Münster-Monastir (Foto: Thomas Kollmann)



Ohne Fahrrad fehlt dir was: 50 Jahre Städtepartnerschaft Münster-Monastir (Foto: Thomas Kollmann)



Wieder daheim: ADFC-Fahrradstaffel nach Mühlhausen/ Thüringen und Lublin (Foto: Matthias Wüstefeld)



Visite Orléans! Französische Städtepartnerschafts-Tour nach Beaucency und Orléans (Foto: Stadt Münster)



Tour zur norwegischen Fahrradstadt: Münster – Kiel – Kristiansand (Foto: Stadt Münster)



Zielfoto: ADFC Münsterland unterwegs nach Orléans (Foto: ADFC Münsterland)



Patrick Pohl – mit Weltumradlerbart – bei der Ankunft in Münster. Zuvor fuhr er kurz in der Partnerstadt Rjasan vorbei (Bild: ADFC Münsterland/ privat)



Am Krakauer Tor in Lublin. Die ADFC-Reisegruppe kommt in der polnischen Partnerstadt an. Mit dabi: Werner Ringkamp, ehem. Vorsitzender ADFC Münsterland (2. v.l.) und Klaus Benning (6.v.r. im roten Shirt) (Foto: Stadt Münster)


Die Stadt Münster ist seit 1957 neun Städtepartnerschaften eingegangen. In diesen Tagen wurde der 50. Jahrestag der engen Verbindung zur tunesischen Hafenstadt Monastir gefeiert. Die nord-afrikanischen Partner könnten sich auch eine Zusammenarbeit zum Thema Fahrrad vorstellen, meint der Vorsitzende des Freundeskreises Münster-Monastir, Ratsherr Thomas Kollmann (SPD), der just von einer Bürgerreise anlässlich dieses Jubiläums zurückkehrte. Tatsächlich knüpfte der ADFC Münsterland immer wieder mal Kontakte über das Fahrrad – und mit dem Fahrrad in die Partnerstädte. Der Versuch einer Bestandsaufnahme.

 

Partnerstädte in aller Welt

Genaugenommen muss zu Münsters neun Partnerstädten auch die Patenschaft mit dem polnischen Braniewo (Braunsberg) sowie die Partnerschaft zwischen Münster-Hiltrup und dem französischen Beaugency (seit 1974) zu den „formalisierten Städtebeziehungen“ gezählt werden. Und eigentlich sollten keine weiteren hinzukommen. Doch in seiner Sitzung am 9. Oktober 2019 machte der Rat der Stadt Münster eine Ausnahme – für die benachbarte Gemeente Enschede. („Der Rat stimmt zu, dass für eine Städtepartnerschaft Münster – Enschede, das bestehende Moratorium, keine weiteren Städtepartnerschaften einzugehen, im Einzelfall ausgesetzt wird; siehe Öffentliche Beschlussvorlage V/0868/2019, PDF). Neben der geringen Entfernung – vom Prinzipalmarkt in Münster bis zum Stadhuis in Enschede berechnet Naviki 78,5 Kilometer für die Freizeitroute per Rad, bei Komoot sind es lediglich 65,4 km – gibt es hierfür weitere gute Gründe. (Hier spielt wohl zudem der Brexit eine Rolle, denn es geht auch um EU-Fördertöpfe – und nach dem zu erwartenden Ausscheiden von York blieben mit Lublin und Orléans nur noch zwei potentielle Projektpartner in Europäischen Union.)

Naheliegender ist zunächst der gut-nachbarschaftliche Wissensaustausch sowie institutionelle Verflechtungen. So haben seit 2017 laut Stadtverwaltung 20 Ämter und eigenbetriebsähnliche Einrichtungen Kontakt zu ihrem Pendant in Enschede aufgebaut. Oberbürgermeister Markus Lewe meint: „Wir haben eine echte Chance, Europa im Kleinen zu machen.

Fiets Flow und radverkehrspolitische Entwicklungshilfe

Der ADFC Münsterland erhofft sich über diese Verbindung konkrete Entwicklungshilfe für die Fahrradstadt. Zur Erinnerung: zusammen mit seinem Amtskollegen Dr. Onno van Veldhuizen hatte Oberbürgermeister Markus Lewe im April dieses Jahres die Ausstellung Alles auf Leeze im Stadtmuseum eröffnet.

Und als Interessenverband für Radtouristiker und Alltagsradfahrende gleichermaßen wissen wir, dass es sich beim Radverkehr – im Wortsinne – um eine Erfahrungs-Wissenschaft handelt. Das hat der ADFC Münsterland mit einem konkreten Studienprojekt umgesetzt. In einer zwei-tägigen Veranstaltung Ideen-Mining (Fahrrad-Expedition), die in diesem Sommersemester erstmals an der WWU im Bereich der Allgemeinen Studien angeboten wird, geht es um “ … grundlegende kreative Problemlösekompetenz. In einem gemischten Workshop mit Teilnehmern von Universität und Gesellschaft/Wirtschaft werden problemorientierte Lösungsstrategien am Beispiel realer Fragestellungen entwickelt.“ Das Fahrrad ist sozusagen Vehikel. (Alle Einzelheiten zum Studienangebot: HIER im digitalen Vorlesungsverzeichnis Sommer 2019). Neben der Arbeitsstelle für Forschungstransfer (AFO), dem Zentrum für Niederlande-Studien (ZfN) beteiligten sich auch das AStA-Referat für Nachhaltigkeit, der ADFC Münsterland und mit Prof. Karst Geurs auch ein wissenschaftlicher Vertreter der Universität Twente (Enschede).

Klaus erinnert sich

Klaus Benning, Alltags- und Interkontinentalradler und zertifizierter TourGuide im ADFC Münsterland, erinnert sich an zwei Radreisen, die er in Münsters Partnerstädte organisiert hat. Im Sommer 2011 war Benning mit von der Partie als sich ein fahrradbegeistertes Dutzend – fünf Frauen, sieben Männer – zur Jubiläums-Partnerschaftsreise nach Lublin im Osten Polens aufmachte. 800 Kilometer im Sattel wurden anlässlich des 20-jährige Bestehens der Städtepartnerschaft Münster - Lublin zurückgelegt. Zunächst ging es mit dem Zug nach Dresden, dann weiter per Leeze. Vom Presseamt Münster ist uns der folgende launige Reisebericht überliefert:

Von der Europastadt Görlitz führte die Route über die Freundschaftsbrücke nach Polen. Hier gab es nach drei Radeltagen in Breslau einen Tag Pause, um die Stadt an der Oder zu erkunden. Weiter zum Marienwallfahrtsort Tschenstochau. Nach der abendlichen Klosterbesichtigung und einem Stoßgebet für beständiges Wetter war alle bereit für die letzten vier Radeltage bis Lublin. Dort angekommen, wurde die Gruppe am Krakauer Tor von der Vorsitzenden des polnischen Bürgervereins Lublin - Münster, Marta Jedrych, und von Gastfamilien begrüßt. Die Münsteraner durften ein paar Tage polnischen Alltag in den Gastfamilien erleben: Stadtbesichtigung, gemeinsame Radtour, abendliches Treffen mit den Lubliner Radclubs zum Thema Verkehrsinfrastruktur. Beim Abschied versprachen sich die Fahrradbegeisterten beider Partnerstädte, per E-Mail und Facebook in Kontakt zu bleiben. An die polnischen Freunde ging die Einladung, sich ebenfalls mal auf die Leeze zu schwingen und in ihre Partnerstadt Münster zu radeln.

Vive le vélo!

Zwei Jahre später, im Juli 2013, brachen acht Partnerstadt-Touristïnnen des ADFC zu einer zweiwöchigen Tour nach Orléans auf. Vor Ort kam es zum freundschaftlichen Austausch mit dem örtlichen Fahrradclub – und zu einer gemeinsamen Radtour entlang der Loire. Als Erinnerung an diesen Städtetrip der besonderen Art, schenkten die französischen Pedaleure dem ADFC ein Clubtrikot, das noch heute in unserm Clubraum in der Dortmunder Straße hängt. Der ebenfalls launige Reisebericht eines anonymen Autors steht im Leezenkurier Nr. 105 (ab Seite 18) – hier als PDF abrufbar. Nicht nur die zwei-wöchige Reise ist ein schönes Symbol für die verbindende Idee der Städtepartnerschaft. Das geschenkte Trikot aus Frankreich, wurde von eindrucksvollen Zeilen des 2. Vorsitzenden begleitet, der den Geist. den Ésprit der persönlichen Völkerverständigung gut wiedergibt:

“Ich bin am 24. Juni 1939 geboren, kurz vor Beginn des Krieges zwischen unseren Ländern. Ich schenke euch mein Trikot als Symbol für die Notwendigkeit die Freundschaft zwischen Orléans und Münster zu pflegen und zu verstärken. Es lebe das Fahrrad! Vive le vélo!“

Mit der Leeze nach Rjasan – Frostige Fahrt und warmer Empfang

Und es gab weitere private Radreisen von ADFC-Aktiven – solo oder im Duett: Jörn Suermann  und Klaus Benning fuhren per Zug und Bahn sogar in die Partnerstadt Rjasan nach Russland – 200 km südöstlich von Moskau bzw. rund 2.400 km in nordöstlicher Richtung vom Prinzipalmarkt entfernt. Patrick Pohl radelte im Herbst 2007 mal eben in 17 Tagen die 3073 Kilometer allein in Münsters russische Partnerstadt. Er übernachtete, wo er Unterkunft fand. Manchmal waren das sehr gute Adressen, manchmal musste eine Betonröhre herhalten.

Am Zielort hat er dank der guten städtischen Verbindungen zwischen Rjasan und Münster die russische Gastfreundschaft von Olga Ossetrova kennengelernt. Sie war viele Jahre zuverlässige Ansprechpartnerin für zahlreiche Partnerschaftsprojekte. Patrick Pohl erinnert sich:

"Sie hat mich empfangen wie ihren Sohn. Ich werde den Aufenthalt niemals vergessen. Das schöne Gefühl, gelebte Städtepartnerschaft zu erfahren, hat den richtigen Schlusspunkt für die aufregende und frostige Radtour gesetzt."

Bei seiner Weltumradlung (2010) auf dem Rückweg nach Münster schaute er mit Fahrrad Gisela auch kurz wieder in Rjasan vorbei.

Im Juni 2013 gab es eine weitere Tour nach Lublin, die über die Partnerstadt Mühlhausen (in Thüringen) führte; diesmal eine siebenköpfige Fahrradstaffel, die von Weltumradler Patrick Pohl und Klaus Benning vom ADFC Münsterland organisiert wurde.

Was plant der ADFC für 2020?

Übrigens kann das Büro für Internationales, Europa und Städtepartnerschaften der Stadt Münster sehr hilfreiche Kontakte in die Partnerstädte herstellen. Und vor Ort werden Münsters Radler immer herzlichst willkommen geheißen. Klaus Benning meint: „Partnerstädte sind eine Super Sache für Radreisende, da es immer ein bisschen wie nach Hause kommen ist.“ Tatsächlich gibt es weitere Ideen im ADFC. Schon länger geplant: eine Radreise ins Vereinigte Königreich nach York, in Münsters älteste Partnerstadt. Auch über eine intermodale Tour (Rad-Zug-Fähre) ins tunesische Monastir wird nachgedacht. Bei Interesse oder ähnlichen Plänen kontaktieren Sie uns gern per Mail an info(..at..)adfc-ms.de.

Monastir – ein gutes Stichwort

Erst vor ein paar Tagen besuchte eine 16-köpfige Delegation aus Münster die Hafenstadt in Tunesien. Anlässlich des fünfzigjährigen „Goldenen Jubiläums“  reisten neben Oberbürgermeister Markus Lewe auch die Ratsherren Phillip Hagemann und Thomas Kollmann (siehe Westfälische Nachrichten vom 30.10.2019) an die nordafrikanische Mittelmeerküste. Neben einem Jubiläumskonzert der Band Undercover und der Musikgruppe von Mahmoud Frih kamen auch ernstere Themen zur Sprache:

Im Mittelpunkt des fachlichen Austauschs standen Gespräche mit Bürgermeister Mondher Marzouk und weiteren Repräsentanten zur Kommunalen Klimapartnerschaft. Beide Städte wirken hier zusammen, insbesondere in den Bereichen "Resilienz gegen Starkregen", "Planung einer wachsenden Stadt in Zeiten des Klimawandels", "Trennung und Wiederverwertung von Abfällen". (Pressemitteilung Stadt Münster vom 29.10.2019).

Auch auf weiteren Gebieten gibt es in der Partnerstadt Interesse an Begegnung und Austausch. Etwa im Sport: Im Fußball spielt Monastir in Tunesiens erster Liga (US Monastir ist aktuell sogar Tabellenführer), die erste Basketballmannschaft Tunesiens wird in Monastir trainiert. Schade, dachten wird, dass in der offiziellen Pressemitteilung nichts zum Thema Fahrrad stand – obwohl mit Markus Lewe schließlich ein ADFC-Mitglied und wettergegerbter Alltagsradler vor Ort war.

Zusätzlich war der ADFC auch durch den SPD-Ratsherrn Thomas Kollmann in Afrika vertreten, wie wir erst aus seiner E-Mail erfahren haben – unterschrieben übrigens mit: ADFC-Mitglied / Ratsmitglied Stadt Münster und Vorsitzender des Partnerschaftsvereins Münster-Monastir. Kollmann schreibt:

In Monastir ist der „dortige Fahrradclub an Kooperation sehr interessiert, würde auch einladen und Quartiere für Radfahrer*innen aus Münster stellen, sodass möglicherweise. nur der Flug zu bezahlen wäre. Würde mich freuen, wenn wir uns darüber mal austauschen könnten.

Das macht der ADFC Münsterland gern; allerdings müssen wir über den Aspekt „Flug“ vielleicht noch einmal diskutieren. Und eventuell über Warnwesten?

Den Kurzbericht von Thomas Kollmann veröffentlichen wir in einem eigenen Beitrag.

Nachträge (unvollständig)

  • Zwei Wochen dauerte im Juni 2015 eine Radtour von Münster nach Orléans und Beaugency im Rahmen des Projekts „Bewegung bildet! Münster macht ́s möglich!“. Rund vierzig Schülerinnen und Schüler aus Münster nahmen an der Tour teil. Schirmherren waren Oberbürgermeister Markus Lewe und der damalige Regierungspräsident Prof. Dr. Klenke.
  • Im August 2016 hat der Partnerschaftsverein Münster-Kristiansand eine zweiwöchige Radtour nach Norwegen unternommen. Unterstützt vom ADFC radelte die Gruppe von Münster bis Kiel und dann von Oslo bis zur Partnerstadt Kristiansand (seit 1967). Übrigens: Kristiansand setzte sich erfolgreich gegen dreißig andere norwegische Städte durch und wurde als die beste Fahrradstadt Norwegens 2018 und die attraktivste Stadt Norwegens 2018 ausgezeichnet!
  • Zu den übrigen Partnerstädten Braniewo (Braunsberg) in Polen, dem kalifornischen Fresno und Rishon Le Zion in Israel haben wir noch keine Fahrradbezug herstellen können. Für sachdienliche Hinweise und Tourvorschläge sind wir offen. Freunde in aller Welt steht auf der Webseite der Stadt Münster – dort können auch die regelmäßigen Rundbriefe abgerufen werden, die einen Überblick über die vielseitigen Aktivitäten zwischen Münster und seinen Partnerstädten geben.

Die Idee der Städtepartnerschaft: Weltweit vernetzt, kommunal aktiv

Städtepartnerschaften haben sich in der Nachkriegszeit als effektives Mittel erwiesen, die versöhnende Normalisierung der grenzüberschreitenden Beziehungen auf kommunaler Ebene voranzutreiben. Sie erlangen nicht nur als Gegenbewegung zur erstarkenden nationalen Ausrichtung einiger Staaten besondere Bedeutung. Der Trend zur Bildung von Städtepartnerschaften ist bis heute ungebrochen, da sie für Städte eine gute Möglichkeit bieten, auf die Herausforderungen „Besinnung auf nationale Interessen“ und der Globalisierung unmittelbar kommunal zu reagieren. Auch die UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung, die 1992 in Rio de Janeiro abgehalten wurde und mit der die Agenda 21 Aktionsprogramme gestartet wurden, haben zu einer veränderten Sichtweise auf die Chancen von weltweiter Vernetzung unter der Leitidee „Global denken, lokal handeln“ geführt. Die Bildung von Städtepartnerschaften wird vielfältig gefördert, etwa durch EU-Programme, den EU-Städtepartnerschaftsfonds oder durch das Auswärtige Amt.


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