Der Busbahnhof am Hbf muss aufgewertet werden!

14.12.19
Kategorie: Aktionen, Aktuelles, Kreisverbände, Münster, Presse, Verkehr

Reinhard Schulte in seinem Büro @Peter Wolter



Rasante Zunahme der Busreisenden



Metrobuss in Metz @mettis.com



Reinhard Schulte vor Ort @ SW Münster



Zukunft des Busbahnhof Münster mit Mittelinsel (blau)



Busbahnhof in Hamm @Stadt Hamm



Busbahnhof Recklinghausen



Beitrag aus der WN Münster



Busbahnhof Münster zerschnitten durch Autoverkehr



Busbahnhof Erfurt



Kaufleute fordern neues Mobilitätskonzept für Münster @WN


Interview mit Reinhard Schulte – Leiter Nahverkehrsmanagement der Stadtwerke Münster   Der langjährige Nahverkehrsmanager der Stadtwerke Münster geht im Frühjahr 2020 in den wohlverdienten Ruhestand. Dies war Anlass für die Redaktion des Leezen-Kuriers (LK), mit Reinhard Schulte (RS) auf die Vergangenheit und auf die Herausforderungen des Nahverkehrs in Münster in der Zukunft zu schauen. Unter seiner Ägide haben es die Busbetriebe der Stadtwerke Münster mehrfach im Kundenranking unter die ersten Platzierungen bundesweit geschafft. 2016 und 2018 sogar auf Platz 1. Von 2004 mit 31 Millionen Buskunden steigerte sich die Zahl in 2019 auf beeindruckende 49 Millionen Fahrgäste!

(LK) Herr Schulte, was war seinerseits Ihre Berufung für den Posten des Nahverkehrsmanagers der Stadtwerke Münster?

(RS) Ich war als Diplom-Geograph zu Anfang meiner beruflichen Laufbahn bei der Westfälischen Verkehrsgesellschaft (WVG) und deren Töchter Regionalverkehr Münsterland (RVM) und Westfälischen Landeseisenbahn (WLE) tätig. Mein Schwerpunkt war dort immer der Personenverkehr. Zum Beispiel habe ich 1984 als Vertreter der WVG dabei mitgewirkt, den Busbahnhof vom Bremer Platz mit dem Busbahnhof vor dem Hauptbahnhof zu vereinigen. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Stadtwerke 17,7 Mio. Fahrgäste. 2004 habe ich dann den Posten des Nahverkehrsmanagers bei den Stadtwerken Münster übernommen. Mich reizte die Herausforderung, meine vielfältigen Erfahrungen mit der Neuentwicklung von ÖPNV-Produkten im ländlichen Raum nun auf eine Großstadt übertragen zu können.

 

Der Bahnhofsvorplatz ist die Visitenkarte einer Stadt

 

(LK) Worauf würden sie sagen, sind Sie stolz, in dieser Zeit geschafft zu haben?


(RS) Alles ist bei näherer Betrachtung immer eine Mannschaftsleistung, wenn ich von Erfolgen spreche. Um ein paar Beispiele zu nennen, möchte ich den zweiten Nahverkehrsplan nennen, mit dem uns 2006 endlich ein völlig zweigeteilter Fahrplan gelang, nämlich ein Tag- und Nachtfahrplan. Mit diesem fahren wir seitdem am Wochenende rund um die Uhr. Mit diesem Plan gab es eine saubere Trennung der beiden unterschiedlichen Fahrplanstrukturen. Die Ziele am Tage unterscheiden sich doch sehr von den Zielen in der Freizeit am Abend und in der Nacht. Sicher ging es anfangs auch mal ein bisschen holperig zu bei solchen grundlegenden Änderungen, doch wir konnten schnell nachsteuern, und die Kunden haben es uns mit steigender Nachfrage auch gedankt.


(LK) Sicher auch die Eltern der jugendlichen Discobesucher, da sie jetzt wussten, ihre Kinder kommen auch noch spät in der Nacht mit dem Bus sicher nachhause.


(RS)...ja, bestimmt auch das. Dann sind zu den Erfolgen sicher auch 2011 die Einführung des beliebten Schülertickets goCard und 2013 die Einführung des 90 MinutenTickets auf der Stadtwerke PlusCard zu nennen! Mit dieser elektronischen Karte wollten wir auch den vielen fahrradfahrenden Kunden in Münster gerecht werden, für die sich eine Monatskarte nicht rechnet, weil sie überwiegend mit dem Rad ihre Wege bewältigen. Immerhin zählen wir heute 40.000 Abonnenten und knapp 65.000 Inhaber des 90 MinutenTickets. Die PlusCard wird zudem immer weiter entwickelt, so dass man heute auch schon das Parkhaus bezahlen, Carsharing-Fahrzeuge von Stadtteilauto mieten oder die Fahrradkäfige an den Bahnhöfen in Münster damit öffnen kann. Was viele oft nicht wissen, man kann damit auch die Züge im Stadtbereich, also z. B. nach Roxel oder Hiltrup benutzen.


(LK) Der Bahnhofsvorplatz ist die Visitenkarte einer Stadt. Vor dem neuen schönen Hauptbahnhof in Münster mit aktuell 72.000 Reisenden am Tag steht der Ankommende, wenn er aus dem Bahnhof tritt, vor einer stark befahrenen Straße und sucht seinen Bussteig. Wünschen Sie sich hier manchmal einen anderen Zustand herbei, z.B. ähnlich wie in Hamm (Westf.), wo es eine große Businsel für sechs – acht Busse gibt mit einem Infopavillon in der Mitte?


(RS) Unbedingt! Der Busbahnhof am Hbf ist in seiner heutigen Gestalt 35 Jahre alt und mit rund 2000 Abfahrten am Tag am Limit! Rund 60.000 Menschen steigen hier heute täglich ein, aus oder um. Hinzu kommen 72.000 Bahnreisende. Deshalb brauchen wir für die Herausforderungen der Zukunft unbedingt einen anderen effektiveren und kundenfreundlichen Busbahnhof, der die Orientierung und das Umsteigen erleichtert. Dazu haben wir mit unserem Plan „Mobilitätsdrehscheibe Münster Hbf“ schon konkrete Vorschläge entwickelt, wie der Busbahnhof der Zukunft aussehen könnte. Sicher wäre eine ovale Businsel wie in Hamm wünschenswert, doch fehlt in Münster dafür der Platz bei der Masse an Bussen, die gleichzeitig halten. Unser Modell sieht daher eine langgestreckte überdachte Businsel vor, über die jeder Buskunde ohne eine Straße kreuzen zu müssen und ohne nass zu werden seinen Anschlussbus erreicht. Dies ist, auch gerade mit Blick auf ältere Menschen (Stichwort Rollator), kein Luxus mehr sondern Standard, der in vielen Städten schon Realität ist (siehe u. a. Hamm, Recklinghausen oder Wuppertal).

 

Metrobusse bringen 80% der Leistung und Vorteile einer Straßenbahn

 

(LK) Dies dürfte aber bei der autoorientierten Gesellschaft auf Widerstand stoßen?


(RS) Das wird am Anfang rumpeln, doch ich glaube, dass die Vorteile schnell erkannt werden, wenn der Anteil der Autofahrten abnimmt und sich dadurch die Stadt menschlicher und kundenfreundlicher gibt. Wir sehen das gerade jetzt im Weihnachtsgeschäft, die Menschen wollen sich entspannt in der Stadt bewegen können, ohne Angst vor Autos und zugeparkten Straßen.


(LK) Stichwort zugeparkte Straßen: Sind Sie mit Anzahl und Länge der Bus- und Umweltspuren in Münster zufrieden?


(RS) Nein! Wir haben zur Zeit gerade mal 10 Kilometer dieser Spuren, das ist für die Größe einer Stadt wie Münster völlig unzureichend, gerade wenn wir den Anspruch haben, den öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) nachhaltig zu verbessern.


(LK) Ich denke auch, wenn der Autofahrer im Stau sieht, dass der Bus ebenfalls im Stau steht, wird er keine Lust verspüren umzusteigen, weil er ja dann auch nicht schneller voran käme.


(RS) Richtig! Da fehlt eben die Straßenbahn in Münster, die oft auf eigenen Trassen fährt. Deshalb brauchen wir in Münster auf den Hauptachsen einen leistungsfähigeren ÖPNV auf weitgehend eigenen Busspuren. Einer modernen Stadtbahn gesteht man dies ja auch zu. Die Stadtbahn werden wir aber aufgrund der immens hohen Investitionskosten und des Zeitaufwandes für Planung, Genehmigung und Bau auch nicht anstreben, sondern stattdessen den Einsatz von Metrobussen, wie sie gerade in Frankreich, in den Niederlanden oder in Skandinavien sich gut im Alltag bewähren. Diese „Straßenbahnen auf Gummirädern“ brauchen keine Schienen, fahren aber oft auf eigenen Trassen, sind an den Ampeln absolut bevorrechtigt und erreichen dadurch rund 80 % der Leistung einer Straßenbahn. Diese elektrischen Metrobusse, die einen Quantensprung darstellen würden, verbunden mit der S-Bahn Münsterland und den On-Demand-Busverkehren in den Quartieren würden viele Menschen für den ÖPNV begeistern.


(LK) On Demand – was bedeutet das?


(RS) Auf deutsch „Bestellung auf Wunsch“. Die Metrobusse auf den Hauptachsen würden künftig nicht mehr mäandrierend durch die Stadt fahren sondern zügig und direkt im engen Takt auf das Ziel zu. In den Quartieren (Stadtteilen) übernehmen dann die kleinen „On-Demand-Busse“, die per App schnell gerufen werden können, von der Haltestelle die letzte Meile bis fast vor die Haustüre. Dieser Service wäre im Busticket mit enthalten. Umgekehrt ginge das natürlich genauso.


https://www.youtube.com/watch?v=CFeJGbwb5JA

 

(LK) Das hört sich noch weit weg an?


(RS) Nein – Metrobusse sind in einigen französischen Städten schon Alltag. Frankreich ist uns auf diesem Gebiet sowieso voraus, weil dort der ÖPNV auch ganz anders finanziert wird, nämlich durch eine Nahverkehrsabgabe, für alle Firmen ab 25 Mitarbeiter, direkt an die Kommune und zweckgebunden für den ÖPNV. In Deutschland denkt man leider zu autoorientiert ohne die enormen negativen Folgekosten mit zu betrachten. Ohne Klimaschäden, Gesundheitskosten zu betrachten, muss man sich allein die Zahl der Verkehrstoten weltweit so vorstellen, als wenn jeden Tag sieben vollbesetzte Airbus A380 abstürzen würden. Ergo: Nur ein intelligenter Verkehrsmix mit einem starkem Umweltverbund aus Fahrrad, ÖPNV und zu Fuß gehen kann die Lösung sein!


(LK) Welche Rolle spielt dabei das Fahrrad für Sie in der Fahrradstadt Münster?


(RS) Eine ganz entscheidende Rolle kommt dem Fahrrad in der Arbeitsteilung mit dem öffentlichen Nahverkehr zu, so hat die Stadt Münster an vielen Haltestellen, gerade im Außenbereich, Fahrradhaltebügel installiert, damit die letzte bzw. erste Meile mit dem Rad vorgenommen werden und das Rad dort sicher angeschlossen werden kann. Und in Zeiten des Pedelecs wird der Radius um die Haltestellen sicher noch größer gezogen werden. Aber auch, wie ich vorher schon sagte, ist das 90 MinutenTicket ein maßgeschneidertes Angebot für Radfahrende. Sie können spontan und günstig, ohne Grundgebühr, den Bus nutzen, zum Beispiel wenn es regnet.


(LK) Gibt es sonst noch Wünsche des scheidenden Nahverkehrsmanager?


(RS) Ja – neben den eigenen Trassen für die Busse, um am Stau vorbei zu kommen, brauchen wir auch sonst Ampelvorrangschaltungen „grüne Welle“ überall, vergleichbar mit Bielefeld oder Karlsruhe, wo der Autoverkehr (MIV) für den ÖPNV generell halten muss. Wenn die Politik, und nur dort wird das entschieden, uns konsequent diesen Weg ebnet, hat der ÖPNV in Münster die Chance, den Stellenwert zu erreichen, wo die Menschen gerne umsteigen weil sie die Vorteile sehen und täglich spüren.

 

https://www.allesmuenster.de/s-bahn-muensterland-fuer-zukunftsfaehige-mobilitaet/

 

(LK)

Kommen wir zum Schluss zu kurzen Fragen auf die Sie bitte kurz antworten mögen:

Was würden Sie tun, wenn Sie heute nochmal als Nahverkehrsmanager bei den Stadtwerken starten würden?


(RS) Ich würde noch größer Denken, alles mit einbeziehen, von Fuß bis Bahn und vor allem auch die Region. Die Verkehrsprobleme Münsters lassen sich nur zusammen mit dem Umland lösen.


(LK) Wenn ich Oberbürgermeister wäre würde ich…


(RS) … den Umweltverbund in seiner ganzen Größe nachhaltig stärken und ihm den Raum geben, den er verdient!


(LK) Wenn ich Bundeskanzler wäre würde ich…


(RS) ... die Ungleichbehandlung von Bus und Bahn aufheben und beide mit den gleichen finanziellen Mitteln ausstatten.


(LK) Für meinen Ruhestand habe ich mir folgendes vorgenommen...


(RS) ...Sport, Fahrradfahren, Urlaub und Sprachen lernen, die ich immer schon mal gerne weiter verbessern wollte! Und nach einer gewissen Zeit schaue ich, was es so ehrenamtlich noch zu tun gibt? Ich freue mich auf diese Zeit!


(LK) Herr Schulte, die Redaktion des Leezen-Kuriers dankt für diese offenen Worte mit vielen neuen interessanten Details und wünscht Ihnen für den Ruhestand heute schon viel Spaß und mögen Sie die Rentenkasse noch eine lange Zeit ärgern.


© 2020 ADFC NRW e. V.