Altenberge, die Problemzone für Fahrrad-Pendler aus Nordwest

06.06.15
Kategorie: Verkehr

Linksseitiger Zweirichtungsrad/fußweg in Altenberge: Gefahren und Behinderungen für Radfahrer und Fußgänger



Erzwungener Seitenwechsel für Radfahrende in Altenberge: ein unnötiges Hindernis und längst nicht mehr zeitgemäß für eine innerörtliche Verkehrsführung



Schon besser: Nienberge - Radfahrstreifen auf der Fahrbahn


Gespräch mit Dr. Johann Jersch, einem täglichen Berufspendler von Borghorst nach Münster per Rad

Die zunehmende Zahl der Pendler, die per PKW morgendlich und am Nachmittag die Stadt Münster verstopfen, müssen vermehrt davon überzeugt werden, andere Verkehrsmittel zu nutzen. Ansonsten wird Münster im Pendlerverkehr ersticken und die Stadt an Lebenswert verlieren. Darüber sind sich alle einig, die sich um Mobilität Gedanken machen. Und in Sonntagsreden von Politikern wird gern gefordert, man müsse mehr für den Radverkehr tun. Nur gut, dass wenigstens die Münsteraner innerhalb der Stadt fast 40% ihrer Wege mit dem Rad zurücklegen und somit dem PKW-Pendlern den Raum auf den vielen schmalen Straßen lassen? Nicht vorzustellen, wenn auch diese noch auf PKW umsteigen würden.

Es muss also etwas für den Radverkehr stadteinwärts getan werden, insbesondere für Pendler. Gerade in Zeiten, in denen das Fahrrad für Pendler per Elektrounterstützung auch für weitere Strecken eine echte Alternative sein kann, bestünden gute Möglichkeiten für eine Verkehrswende. Aber die Fahrradinfrastruktur muss stimmen, um zügiges, bequemes und sicheres Radfahren zu ermöglichen.

Dr. Johann Jersch, Pendler aus Borghorst, nutzt im Alter von 67 Jahren immer noch fast täglich sein Rennrad auf dem Weg zur Arbeit. Seine Schilderungen im Gespräch mit dem ADFC zeigen, woran der eigentlich von allen gewünschte Umstieg aufs Rad oftmals scheitert. Seine Strecke läuft entlang der L510 (alte B54) über Altenberge und Nienberge. Das sind 27 km, die Jersch in ca. 1 Stunde bewältigt.

ADFC: Herr Jersch, was motiviert Sie, täglich das Rad zur Arbeit zu nutzen?

Jersch: Wenn ich mit dem Zug oder Bus fahren müsste, käme ich auch nicht schneller ins Labor. Mir ist es wichtig, die Umwelt zu schonen, gesund zu bleiben und während der Fahrt ausreichend Zeit zu haben, mich zu entspannen und meine Gedanken zu pflegen. Radfahren macht einfach Spaß. Allerdings wird mir das Radfahren nicht überall auf meiner Strecke leicht gemacht.

ADFC: Woran hapert es aus Ihrer Sicht denn am meisten?

Jersch: Ein wesentlicher Wermutstropfen auf meinem Weg ist die Fahrt durch Altenberge. Die L510 ist hier sehr breit und relativ wenig befahren. Sie wird ja auch durch die parallel laufende B54 entlastet. Eigentlich würde sie allen Verkehrsteilnehmern mehr als genug Raum für freie Fahrt bieten. Aber die Verantwortlichen in den Planungs- und Verkehrsämtern haben anscheinend nur den Autoverkehr im Sinn. Denn die Radfahrer werden gezwungen, im Ort auf schmalen Radwegen zu fahren. Ab Ludgerus-Apotheke (ca. Mitte des Ortes) bis kurz vor Ortsende, wird der Radverkehr auf einer Seite der Straße zusammen mit Fußgängern geführt. Auch hier steht nur ein sehr schmaler Weg zur Verfügung. Besonders gefährlich wird es an Bushaltestellen. Dabei ist hier die Mitte der Fahrbahn teilweise sinnlos ausgepflastert (ca. 15 m breit!?), teils sind in meinen Augen sinnlose Inseln eingebaut worden.

ADFC: Welche Anordnungen der Gemeinde Altenberge sind Ihrer Meinung nach besonders gefährlich für Radfahrende?

Jersch: Wenn man sich an die Beschilderung innerhalb von Altenberge hält, muss man bei der Durchfahrt  Richtung Münster 5-mal die Seite wechseln bzw. die Straße überqueren! Gerade das birgt enorme Gefahren für Radfahrende und erschwert das Leben allen Verkehrsteilnehmern. Denken wir hier an Kinder, Jugendliche und alte Menschen, die das Rad am häufigsten nutzen und den Schilder-Wahnsinn kaum befolgen können. Dazu kommen zunehmend die „Pedelec“- und Rennradfahrer, die mit höheren Geschwindigkeiten hier kaum integrierbar sind. Dabei hätte man in den letzten Jahren einiges verbessern können. Denn die Stadt führte verschiedene Baumaßnahmen an der Straße durch, aber immer wurde die Situation für Radfahrer nicht beachtet bzw. schlechter. Und nicht zu vergessen: Die Baumaßnahmen waren sehr teuer.

ADFC: Was wäre Ihrer Meinung nach eine bessere Lösung gewesen?

Jersch: Die einfachste und beste Lösung wäre es meiner Meinung nach gewesen, die Radwegebenutzungspflicht hier abzuschaffen, denn es ist genug Verkehrsraum auf dieser Straße in Altenberge vorhanden. Etwa 10 km nach Altenberge folgt der Münsteraner Vorort Nienberge an der L510. Dort ist links und rechts jeweils ein Rad-Streifen durch eine weiße Linie von der Fahrbahn abgetrennt. Das ist preisgünstig und für alle Verkehrsteilnehmer meines Erachtens eine gute Lösung.

ADFC: Haben Sie sich schon mal mit Ihrem Anliegen an die Verantwortlichen gewendet?

Jersch: Ja, das habe ich. Aber meiner Meinung nach fehlt es hier an Professionalität. Telefonisch habe ich die geschilderte Anregung in mehreren Gesprächen mit Verantwortlichen im Kreis und in der Gemeinde Altenberge besprochen, ohne dass sich etwas bewegt hat. Kurioserweise waren die Angesprochenen mit meiner Argumentation eigentlich einverstanden! Ich frage mich, wer ist denn dann letztlich dafür verantwortlich, dass der Radverkehr in Altenberge unheimlich gefährlich gestaltet wird. Wer hat daran ein Interesse?

ADFC: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Jersch. Und hoffen wir, dass Ihre Anregungen doch noch Gehör finden, bevor etwas passiert oder bevor Pendler, die heute schon das Fahrrad benutzen, aus Frust in Zukunft wieder ins Auto steigen werden.

 

 

 


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